Food
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Image

Christof Stelz in seinem Laden mit garantiert veganen Schuhen. Bild: CHRISTINE KOCHER

Interview mit einem Veganschuh-Verkäufer

«Ich verfalle nicht sofort in Depressionen, wenn ich eine Ameise zertrete»

Christof Stelz ist Veganer und lebt vom Verkauf veganer Lebensmittel, Kleider und Schuhe. Ein Gespräch über verletzte Kautschukbäume, Fussschweiss und Spreewald-Gurken. 

Herr Stelz, Sie haben seit heute in Winterthur einen Laden für Leute, die sich ausschliesslich vegan ernähren. Werden Sie sich von diesem Laden überhaupt irgendwie ernähren können? 
Davon gehen wir aus. Die Regale und Kühlschränke sind gefüllt. Und es hat für jeden Genussmenschen etwas bei uns. 

Ich kenne niemanden, der sich ausschliesslich vegan ernährt. Und der einzige Veganer, den ich kenne, isst Gummibärchen. Aber heimlich, weil dort Gelatine drin ist. 
Dann klären Sie ihn doch bitte auf: Es gibt Gummibärchen ohne Gelatine. Aber der Veganismus ist stark im Kommen. Die Zahl der Veganer nimmt stark zu.  

Was sind das für Leute? 
Das sind Menschen, die sich Gedanken darüber machen, woher ihr Essen und ihre Kleidung kommen und die ihre Kauf- und Ernährungsentscheidungen bewusst danach ausrichten, ob die Produkte, die sie kaufen, so hergestellt worden sind, dass keinem Lebewesen oder der Natur Leid oder Schaden zugefügt worden sind. Für diese Leute gibt es noch sehr wenig Anlaufstellen. Die Supermärkte adaptieren zwar sehr schnell die Bedürfnisse von Zuwanderer-Minderheiten, etwa Kaiserschmarrn für Österreicher oder Spreewald-Gurken für Deutsche, aber für die schnell wachsende Minderheit der Veganer gibt es vergleichbare Angebote nicht oder zu wenig. Diese Angebote fehlen, weil sie zu wenig Profit abwerfen. Da sind wir weniger sensibel.  

«Für Veganer gibt es noch sehr wenig Anlaufstellen.»

Veganismus

Veganer essen keine tierischen Produkte oder Produkte, in deren Herstellungsprozess Tiere zu Schaden gekommen sind. Ethisch motivierte Veganer pflegen einen komplett veganen Lebensstil. Sie versuchen, überhaupt keine Produkte zu nutzen, die Bestandteile tierischer Herkunft enthalten. 
Der vegane Lebensstil hält verschiedene Hürden bereit, so sind beispielsweise viele Weine nicht vegan produziert. Weniger heikel ist Bier. Bier, das nach dem Deutschen Reinheitsgebot von 1516 gebraut wird (auch Schweizer Brauereien produzieren nach den entsprechenden Vorgaben), ist für Veganer unbedenklich. 

Christof Stelz

Der 46-jährige Veganer führt den Littl' Shop of Ethics in Schaffhausen und seit dieser Woche auch in Winterthur. Der Laden führt Essen, Kleider und Schuhe, die veganischen Ansprüchen genügen. Stelz ist gelernter Hotelkaufmann, Bühnentänzer und Polygraf und stammt ursprünglich aus Frankfurt am Main. Er lebt mit seinem Partner in einer eingetragenen Partnerschaft in Schaffhausen. 

Ist denn dieser Veganismus-Trend nachhaltig? Ist es nicht einfach derzeit hip, einen auf Veganer zu machen? 
Nein, der Grossteil der Bewegung ist nachhaltig. Natürlich gibt es die, die es schick finden, sich hin und wieder mal vegan bekochen zu lassen und das gerne an die grosse Glocke hängen oder Leute, die ein bisschen angeben wollen, dass sie vegan kochen. Aber die meisten entscheiden sich bewusst und aus ethischen Gründen für einen veganen Lebensstil. Eine solche Entscheidung, die ja einiges an Konsequenz in der Lebensführung abverlangt, wirft man entweder sehr schnell wieder um oder gar nicht.  

Also kein neues Hipster-Puff in Winterthur? 
Nein. Aus unserer Erfahrung mit dem Laden in Schaffhausen wissen wir, dass die Veganer sich querbeet über alle sozialen und Altersschichten verteilen. Senioren kaufen genauso vegan ein wie Schüler, Banker ebenso wie Arbeiter. Allenfalls kann man sagen, dass Kreise, die auch in Sachen Musik oder Kleidung einen alternativen Lebensstil führen, sich auch eher vegan ernähren, aber eine Regelhaftigkeit würd ich daraus nicht ableiten. 

«Senioren kaufen genauso vegan ein wie Schüler, Banker ebenso wie Arbeiter.»

Wenn ich jetzt Veganer werden wollen würde, wonach würde ich mich richten? Gibt es eine Veganer-Bibel? So wie die Trainingsbibel für Radsportler? Oder die Original-Bibel? 
Nein, das gibt es nicht. Veganismus ist keine Religion, jeder und jede hat seine eigenen Beweggründe, vegan zu leben. Das können, müssen aber nicht religiöse Gründe sein, man macht es auch aus ethischen Überlegungen, gesundheitlichen oder ökologischen Gründen. 

Gut, aber was macht den Veganer aus? Wo verläuft die Grenze?
Sie sollten grundsätzlich nichts essen, tragen oder benutzen, in dessen Herstellungsverlauf oder Verarbeitung einem Lebewesen Schaden zugefügt worden ist. 

Darf ich Bienenhonig essen?
Nein. 

Veganer essen keinen Bienenhonig, da für sie die Ausbeutung der Tiere ethisch nicht rechtfertigbar ist. Bild: KEYSTONE

Warum nicht? Die Bienen brauchen den Honig nicht.
Doch, das ist deren hart erarbeitete Nahrung. Rein schon aus ethisch-theoretischen Überlegungen, weil die Bienen ausgebeutet werden. Der Honig gehört den Bienen und nicht Ihnen. Andererseits auch aus rein praktischen Gründen. Es wird bei der Lese von Bienenhonig nicht oder zuwenig darauf geachtet, dass den Bienen kein Schaden zugefügt wird. Mit den Bienen wird nicht gerade sanft verfahren, ihre Waben werden zerstört und nicht wenige Tiere zerquetscht. Auch wird bei der Pestizidvergiftung keine Rücksicht genommen. Weder für Mensch noch Biene. Bienen sind sehr soziale und emotionale Lebewesen und überaus wichtig für den Fortbestand allen Lebens. 

«Es wird bei der Lese von Bienenhonig nicht oder zuwenig darauf geachtet, dass den Bienen kein Schaden zugefügt wird.»

Ok. Also kein Bienenhonig. Wie sieht es mit Bakterien aus? Darf man Bakterien essen?
Sie können sich schon darüber lustig machen, aber die Regeln sind eigentlich einfach. Ich halte mich an folgende Faustregel: Wenn ein zu Empfindungen fähiges Lebewesen geschädigt wird, dann möchte ich davon in keiner Art und Weise profitieren. Oder anders: Behandle jedes Lebewesen so, wie du auch behandelt werden möchtest. Möchte ich gequält und aufgefressen werden? Was berechtigt mich dann, das Schwein oder Teile davon zu essen? Aber es hat nichts Fundamentalistisches. Ich würde zwar nie einer Ameise ein Bein oder einer Fliege einen Flügel ausreissen, weil ich davon ausgehe, dass dieses Tier dann leidet, auch wenn es sehr klein ist. Ich verfalle aber auch nicht sofort in Depressionen, wenn ich zufällig eine Ameise zertrete. Das lässt sich einfach nicht verhindern. 



Es gibt auch andere Beschwerlichkeiten im veganen Leben. Stichwort Knochenleim: Wie finden Sie heraus, ob ein Buch mit Knochenleim gebunden worden ist? Und wenn Sie es herausgefunden haben: Dürfen Sie es lesen, wenn es mit Knochenleim gebunden worden ist?
Es gibt Bereiche, wo man Kompromisse machen muss. Kaum ein Buchhändler weiss, mit welchem Leim die Bücher gebunden worden sind, die er verkauft. Wie sollte er auch. Das gleiche gilt für Wein. Kaum ein Sommelier weiss, ob ein Wein vegan ist oder nicht. 

«Trotzdem käme es mir nicht in den Sinn, zu einem veganen Essen keinen Wein zu trinken, bloss weil ich nicht absolut sicher bin, dass es sich um veganen Wein handelt.»

Wein kann unvegan sein?
Ja. Die Trübstoffe, die sich im Wein oder anderen Getränken bei der Produktion befinden, müssen herausgefiltert werden. Dazu verwendet man Fischblase, Gelatine oder Eiklar. Diese sind zwar im Wein, den man trinkt, nicht mehr enthalten, aber halt doch Teil der Produktionskette gewesen. Trotzdem käme es mir nicht in den Sinn, zu einem veganen Essen keinen Wein zu trinken, bloss weil ich nicht absolut sicher bin, dass es sich um veganen Wein handelt. Wenn ich es kontrollieren kann, klar, dann trink ich ihn nicht. Aber es ist alles immer auch eine Frage der Verhältnismässigkeit. 

Sie verkaufen in Ihrem Laden Schuhe. Dürfen die Gummi enthalten? Dafür muss schliesslich ein Kautschukbaum bluten. 
Gummi sollte aus Gebraucht-Kautschuk bestehen. Beispielsweise aus alten Autoreifen. Aber nicht nur, um die Verletzung eines Kautschukbaumes zu verhindern, sondern auch aus ökologischen Überlegungen. Es ist gescheiter, gebrauchten Gummi wieder zu verwenden als ihn wegzuwerfen oder zu verbrennen. 

«Es ist überhaupt nicht so, dass die Lage für Veganer mit Fussschweiss hoffnungslos wäre.»  

Sind denn vegane Schuhe überhaupt eine sinnvolle Sache?
Was meinen Sie? 

Fussschweiss und den damit verbundenen Gestank. Das Einzige, was den verhindert, ist echtes Leder. Und genau das dürfen Sie ja nicht verkaufen. Gibt es veganes Schuhwerk, das nicht anfängt zu stinken?
Natürlich. Ich würde da einen Schuh aus atmungsaktiven Pflanzenfasern empfehlen. Oder Gore-Tex. Es ist überhaupt nicht so, dass die Lage für Veganer mit Fussschweiss hoffnungslos wäre.  

Abonniere unseren Newsletter

14
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
14Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • SilverHazard 17.07.2014 23:11
    Highlight Highlight Ich versuche,keinem in irgendeiner Weise zu nahe zu treten und einigermaßen sachlich zu bleiben, dennoch sind einige Antworten ziemlicher Unfug:

    1. Pflanzen sind auch Lebewesen, die bspw. bei der Herstellung von veganem Essen zu Schaden kommen.
    2. Haben Fliegen wie alle Insekten kein Schmerzempfinden und können somit nicht leiden, selbst wenn man ihnen die Flügel ausreißt oder sie erschlägt.
    3. Sind Bakterien ebenfalls Lebewesen und quasi überall vorhanden, auch auf unserer Haut, d.h. sie nehmen Schaden, wenn wir duschen, irgendetwas berühren oder ähnliches.

    Die in diesem Interview gegebene Definition von Veganismus ist nicht lebbar und einfach falsch.
  • Cheese 03.06.2014 22:41
    Highlight Highlight Salonfähig ist in erster Linie mal, sich lustig zu machen über Veganer, wie auf der einen Seite der Interviewer wie auch die meisten Kommentare hier zeigen.
    Nein, ich bin nicht Veganer! Aber ich finde es das Hinterletzte, wenn man sich über Menschen lustig macht, die tagtäglich aktiv daran arbeiten, der Umwelt zu helfen.
    Wer sich mal ein klein wenig damit auseinandersetzen würde, wie es genau mit der Produktion aussieht und was heute alles weggeworfen wird, dem wird ganz schnell anders...
    Andererseits muss ich aber auch meinen Unmut ausdrücken über die Vielzahl Vegetarier / Veganer, die ihre Einstellung bei JEDER Gelegenheit hervorbringen müssen und ununterbrochen Andersdenkende versuchen, auf ihre Seite zu reissen. Das ist auch der Grund, warum ich nicht gerne erwähne, mich vegetarisch zu ernähren... Die Diskussion danach widert mich immer wieder aufs Neue an.
    Also bitte: Toleranz! Und zwar von beiden Seiten!
  • metall 03.06.2014 22:19
    Highlight Highlight Es ist halt salonfähiger sich für Tiere statt für Menschen einzusetzen.
    • Xtof 03.06.2014 23:01
      Highlight Highlight Was tust du für Menschen und welche Menschen meinst du? Spendest du monatlich einen Grossteil deines Einkommens? Arbeitest du für eine Menschenrechtsorga? Gibst du hilfsbedürftigen Menschen Asyl oder arbeitest du in einer Armenküche? Wenn ja, wow! Wenn nein, oh je. Und auch wenn ja: Veganismus bedeutet auch den Welthunger zu bekämpfen, der eindeutig durch zu hohen Fleischkonsum hervorgerufen wird. Abholzung, Futtermittelanbau (Mais und Gensoja), Enteignung und Vertreibung der Einwohner und Bauern … google mal nach Monsanto.
    • Aldo A. Bertozzi 04.06.2014 05:53
      Highlight Highlight Ignoranz ist Trumpf. Darum ist es nicht einfach.
      Wer ethischen Umgang mit Tieren pflegt, tut es auch eher mit Menschen!
      Die Politik im Allgemeinen schert sich allerdings einen Dreck darum, wohl wissend was sie tut. Man muss dazu lediglich die Gesetzgebung oder die gemachten Staats und Handelsverträge betrachten. Die bieten ethisch dafür keine zuverlässige Hilfe
      solange keine umfassende Informationspflicht für Produkte und Produktionsweise besteht. Erst dann könnte man sich, wenn es denn auch interessiert, sein Handeln entsprechend ausrichten.

    • metall 04.06.2014 22:14
      Highlight Highlight Hey, Ihr habt ja schon recht. Jeder soll ja das machen was er für sinnvoll hält. Heute werden immer noch Millionen von Meschen durch religiöse Theorien unterdrückt und ermordet. Wir kaufen Billigprodukte die Menschen unter Tierunwürdigen Bedingungen herstellen. Wir lassen Sie im Meer ertrinken wenn sie ein besseres Leben suchen. Diese hätten sich Fleisch eh nie leisten können.
    Weitere Antworten anzeigen
  • metall 03.06.2014 22:17
    Highlight Highlight first world problems
  • TheRabbit 03.06.2014 19:44
    Highlight Highlight Als Journalist sollte doch neutral sein? Ach egal hat keinen Wert aber trotzdem:

    Veganer setzen sich für eine bessere Welt ein. Leider gibt es Veganer, welche einem ihren Lebensstil aufzwängen wollen. Dies kann ich nicht akzeptieren. Aber wenn man unvoreingenommen eine Unterhaltung mit einem Veganer führt, merkt man, dass die Grundidee höchst interessant ist.
  • Gibaue 03.06.2014 19:08
    Highlight Highlight Veganismus hat nichts mit Ethik zu tun, sondern mit Verdrängung der Realität.
    • Xtof 03.06.2014 23:02
      Highlight Highlight Süss!
  • Alnothur 03.06.2014 16:34
    Highlight Highlight "Bienen sind sehr soziale und emotionale Lebewesen" wer sowas sagt, muss sich nicht wundern, wenn er gefragt wird, ob es ok ist, Bakterien zu essen... Die Vermenschlichung geht weiter.
    • Katharina Pilz 03.06.2014 17:21
      Highlight Highlight und ich bin imkerin und sehe das ganz genau so wie Christof, wer keine Ahnung hat, sollte lieber den Mund halten!
    • Baba 04.06.2014 00:51
      Highlight Highlight @dziltener: Emotionen und soziales Verhalten ist nicht nur dem Menschen vorbehalten! Zum Teil könnten wir von den Tieren sogar lernen :-P.

Schweizer Gerichte, die die Welt nicht versteht

Liebe Schweizer, bevor ihr euch über kulinarische Merkwürdigkeiten aus fernen Gefilden mokiert – Chicken and Waffles oder Chicharrones oder Lammfleisch mit Pfefferminzsauce, irgendwer? –, haltet doch schnell inne und bedenkt: Die Schweiz ist sehr, sehr klein und die eigenen Geschmacksvorlieben als Norm auf ausländische Esstraditionen anzuwenden, wäre einerseits arrogant und andererseits ein Eigentor. Letzteres weil gewisse Schweizer Gerichte ausserhalb helvetischer Gefilde schnell …

Artikel lesen
Link to Article