Food
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«La Grande Bouffe» (Das grosse Fressen), 1973.  Bild: Tumblr/

Moderner Lifestyle

Porno ist salonfähig – aber wehe, wir essen falsch!

Die sexuelle Revolution war gestern. Heute streiten wir uns übers Essen. 



In der «NZZ» tobt seit Wochen eine Debatte über Veganismus. Der «Tages-Anzeiger» berichtet derweil ausführlich über eine «Fair Food»- Initiative der Grünen: Essen ist nicht mehr einfach bloss Nahrungsaufnahme, Essen ist zum politischen Akt geworden.  

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Gif: giphy

Die aktuelle Food-Debatte erinnert an die Sex-Debatte der 1960er-Jahre. Mit dem etwas holprigen Slogan: Wer zweimal mit dem gleichen pennt, gehört zum Establishment und gestützt auf die Theorien von Sigmund Freud und vor allem auf dessen Schüler Wilhelm Reich, wurde sexuelle Befreiung mit politischer Freiheit gleichgesetzt. 

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Die Sängerinnen von «The Barry Sisters» drücken ihren Schock (und ihre Faszination) über Alfred Kinseys Publikation «Sexual Behavior in the Human Female» (1953) aus. Der Sexualforscher hat als erster im grossen Stil statistische Erhebungen über das Sexualverhalten des Menschen durchgeführt. Sein «Kinsey-Report» gilt als ein Auslöser der Sexuellen Revolution.  Bild: Tumblr/knowhomo

Gegessen wurde, was auf den Tisch kam

Unterdrückte Sexualität führt zu autoritären Vätern, Gewalt und einer faschistoiden Gesellschaft.

Unterdrückte Sexualität führe zu autoritären Vätern, Gewalt und einer faschistoiden Gesellschaft, lautete damals die schlichte Argumentation. Sie hatte Erfolg. Die sexuelle Revolution hat die meisten Tabus der Nachkriegsgeneration hinweggefegt und zu einem lockeren Umgang mit der Sexualität geführt.

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Umgekehrt wurde in den 1960er-Jahren kaum über Ernährung diskutiert. Gegessen wurde, was die Mutter auf den Tisch stellte. Heute können oder wollen viele Mütter gar nicht mehr kochen, und wenn, dann müssen sie sich hüten, was sie auf den Tisch stellen. Wie die Sexualität in den 1960er-Jahren ist das Essen politisiert worden.

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Der Fleischesser. Bild: Tumblr/vegan-veins

Sind Vegetarier bessere Liebhaber?

Dabei sind Partei-ähnliche Bewegungen entstanden. Es gibt die Fleischesser, die Flexitarier, die Vegetarier und die Veganer. 

Kann sich ein richtiger Mann vegan ernähren? 

Die Trennlinie verläuft nicht nur entlang der Fleisch-Frage. Es gibt mittlerweile «gute» und «schlechte» Kalorien, man streitet sich über die Definition von bio und darüber, ob man gleichzeitig hedonistisch und vegan leben kann. Und es tauchen Fragen auf: Kann sich ein richtiger Mann vegan ernähren? Leben Vegetarier länger und selbstverständlich: Sind sie bessere Liebhaber? 

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Seit es Menschen gibt, werden sie vom Essen geprägt. Der bedeutende Ethnologe Claude Lévi-Strauss hat in seinem Werk «Das Rohe und das Gekochte» aufgezeigt, wie beim Kochen Natur in Kultur verwandelt und dabei den Menschen kulturelle Identität vermittelt wird. Kochen ist beides, Ausdruck und Voraussetzung für eine humane Kultur. 

Kochen ist beides, Ausdruck und Voraussetzung für eine humane Kultur. 

Nur weil die Menschen die Kunst des Kochens beherrschen, haben sie auch Zeit dafür, Kultur zu schaffen. Gekochte Nahrung erspart dem Menschen täglich rund vier Stunden Essens- und Verdauenszeit. Anders ausgedrückt: Ein grosses Gehirn ermöglicht einen kleinen Magen. 

Ist Tomatensauce auf Pizzas Gemüse?

Die moderne Nahrungsmittelindustrie hat dieses Prinzip auf die Spitze getrieben. Fastfood wird vor unseren Augen, Convenience Food zuhause im Mikrowellen-Herd zubereitet, beides innert Minuten. 

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Dieser Industriefood kann jedoch nur mit Salz, Zucker und Fett halbwegs essbar gemacht werden und muss zudem mit unzähligen Zusatzstoffen aufgepeppt werden, damit es die Strapazen der industriellen Fertigung und Lagerung übersteht. Die Folgen sind hinreichlich bekannt: Fast- und Convenience Food macht die Menschen dick und krank. 

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Tomatensauce auf der Fertigpizza ist Gemüse, damit amerikanische Schulkinder in ihren Kantinen weiterhin ungesund essen können.

In der Food-Debatte geht es nicht nur um Lifestyle und Gesundheit, es geht auch um Geld und Politik. Beim Convenience Food haben mächtige Nahrungsmittel-Multis das Sagen, Unternehmen wie McDonald’s und Coca Cola, aber auch wie Nestlé, General Food, und Unilever. Sie setzen ihre geballte Lobby-Macht dazu ein, um ihre Interessen durchzudrücken. Auf der Strecke bleibt dabei der gesunde Menschenverstand. So ist es in den USA der Lobby gelungen, Tomatensauce auf Fertigpizzas als Gemüse zu deklarieren, um die längst fällige Umstellung der Schulkantinen auf gesunde Ernährung zu blockieren. 

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Auch Tiere fressen andere Tiere

Industrielle Nahrungsmittel trägt zu einem guten Teil zur Klimaerwärmung bei, sei es mit Methan furzenden Kühen, die unter erbärmlichen Umständen gemästet und geschlachtet werden, sei es mit den unsinnig langen Transportwegen, die heute Lebensmittel vielfach zurücklegen. Nahrungsmittel eignen sich nicht, in einer globalen Supply Chain hergestellt zu werden. Sie sollten nach Möglichkeit regional oder gar lokal produziert werden. 

Ist Honig essen erlaubt? 

Die Food-Debatte wird gelegentlich sektiererisch geführt. Das kann lächerliche Auswüchse haben wie etwa: Darf man mit gutem Gewissen Honig essen oder nicht? Trotz den oft scheusslichen Zuständen in der Fleischindustrie, ist auch die moralische Lufthoheit, die Vegetarier und Veganer für sich beanspruchen, nicht gerechtfertigt. Die Frage, ob der Mensch Tiere töten und essen darf, lässt sich philosophisch nicht klären. Es gibt schliesslich auch Karnivoren unter den Tieren. 

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Gif: giphy

Wenn Lebensmittel krank machen

Das System kann so nicht mehr weiter funktionieren.

All dies soll nicht darüber hinweg täuschen, dass die aktuelle Food-Debatte nötig und richtig ist. Die texanische Food-Aktivistin Frances Moore Lappé bringt es treffend auf den Punkt: «Wenn die Lebensmittel uns krank machen, und wenn wir einen grossen Teil der Lebensmittel wegschmeissen, obwohl hunderte von Millionen Menschen hungern – dann kann das System nicht mehr weiter so funktionieren.» 

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Yin Yang des Welthungers. Bild: Deevad 

(Gestaltung: Anna Rothenfluh)

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    Alle Leser-Kommentare
  • nell 10.07.2014 14:41
    Highlight Highlight PS: Porno tut niemandem weh solange die beteiligten Erwachsene damit einverstanden sind was läuft - beim Fleisch essen sind andere Wesen aus Fleisch und Blut betroffen, und die werden misshaldelt und getötet, und das ist der wesentliche Unterschied!
  • nell 10.07.2014 12:33
    Highlight Highlight Jede Spezies isst so, wie die Natur es vorgesehen hat: Alle Löwen fressen Gazellen, alle Kamele Disteln, alle Amseln Würmer und Äpfel. Der Mensch hat Hände zum Pflücken und ist somit ein Frucht-, Samen-, Gemüse-, Nüsse-, Beeren und Kernenesser. Das ist unsere Natur, die pflanzliche Ernährung ist für uns artgerecht, so einfach ist das! Dennoch sind wie die einzige Spezies welche die Möglichkeit hat, Fehler zu machen und damit machen wir den Planeten kaputt (und uns auch - wer kennt eine ältere Person die keine Chemie frisst)? GO VEGAN!
    • Platonismo 11.07.2014 12:50
      Highlight Highlight Ihre Ansicht in Ehren, aber mit den Händen kann man auch Eichhörnchen sammeln. Der Mensch hat vor allem ein Hirn, das es ihm erlaubt, zwischen verschiedenen Optionen zu wählen und er hat den passenden Magen für diese Optionen. Ich bin Ihrer Wahl nicht abgeneigt, aber ein bisschen besser begründen müssten Sie sie dann schon. Auch Soja Monokulturen machen den Planeten 'kaputt'. En guete!
  • Anna Rothenfluh 08.07.2014 18:13
    Highlight Highlight So langsam mag ich es, mit Ihnen zu diskutieren. Ich wollte wirklich keinen Kleinkrieg anzetteln und es tut mir leid, dass ich Sie falsch verstanden habe. Ich nehme die Kritik gerne an, das war keine Abwehr (ausser vielleicht ein bisschen), ich wollte nur ehrlich wissen, worauf sie genau hinausläuft, deshalb habe ich nochmals nachgehakt. Danke für die Treue!
  • Zeit_Genosse 07.07.2014 08:32
    Highlight Highlight Aus diesem Infotaiment-Comic werde ich nicht schlau. Die Pornoisierung von Food ist eine Stellvertreterentwicklung einer satten Gesellschaft, die keine Felder mehr hat, die sich (auch durch Medien) enttabuisieren lassen. Versucht wird es trotzdem mit solchem Fast-Journalismus oder einer Pornoisierung der Informationsvermittlung, um starke Text-Bildwirkung ohne Aufwand zu generieren (kopieren). Alles was in anglizistischen Medien diesbezüglich geboten wird, bekommen wir in essgerechten Stückchen auch serviert. Ob das eine Evolution ist, oder schlicht die Reproduktion des Vorhandenen, ohne zu Fragen, ob das Vorhandene wirklich kopiersinnig ist? Der Leser frisst sogar ohne Hunger, scheint das neue Medien-Motto zu sein.
    • Anna Rothenfluh 07.07.2014 16:40
      Highlight Highlight Lieber Zeit_Genosse

      Ich möchte Ihnen sagen, dass die Bebilderung von Texten nicht einfach eine reine Kopierangelegenheit ist. Klar existieren die Bilder oder Gifs bereist, aber man stellt sie in den jeweiligen Kontext und eröffnet auf diese Weise eine neue Diskursebene. So wie Philipp Meier bereits sagte, die Bilder ergänzen oder unterstreichen die Aussagen und das hat nichts mit Reproduktion des Vorhandenen zu tun, es ist viel eher das genaue Gegenteil.
      Dass wir eine satte, wenn nicht sogar übersättigte Gesellschaft sind, mag sein, aber genau weil wir so viele Möglichkeiten haben, einen Sachverhalt darzustellen, können wir die unendlichen Quellen nutzen und sie immer wieder neu kombinieren. Daraus entsteht dann stets etwas Neues.
    • Zeit_Genosse 07.07.2014 17:55
      Highlight Highlight Liebe Anna Rothenfluh
      Im Ernst jetzt? Jemand schreibt ein Text oder lehnt sich einen Text aus, den er anpasst (oder übersetzt), dann sucht man Bilder im Internet die zum Kontext passen (mit Quellenangabe) und kopiert diese in den Text. Basta! Das als etwas neues verkaufen zu wollen ist schon vermessen und man dürfte sich eingestehen, dass das doch eher leichte Arbeit ist. Innovation geht anders. Zur Versöhnung. Ich wünsche mir von watson, dass ihr der Versuchung widersteht, Euch auf die gleiche Mainstreamebene wie die int. Plattformen zu begeben. Meine Kritik dient dem Ansporn, watson zu etwas besonderem zu machen. Weil ich Euch mag.
    • Philipp Löpfe 08.07.2014 10:07
      Highlight Highlight Ich finde Annas Illustrationen super
    Weitere Antworten anzeigen
  • Gott 05.07.2014 18:23
    Highlight Highlight Den Artikel finde ich interessant und gut verfasst. Jedoch begreife ich nicht, warum er noch mit etlichen GIFs versehrt werden muss. Ist das die Methodik, die den Journalismus "modern" macht? Oder muss die Praktikantin Rothenfluh urgendwie beschäftigt werden?
    • philipp meier 05.07.2014 23:06
      Highlight Highlight die praktikantin rothenfluh gestaltet viele texte von philipp löpfe und zählt bei watson zu den besten ihres faches.

      die GIFs sind eine neue form der illustrierung von onlineartikeln und können eine aussage im text auf den punkt bringen oder ergänzen. damit sie beim lesen nicht stören, können sie jederzeit angehalten werden.
      so wie z.b. filme (tv, kino, werbung, etc.) immer schneller geschnitten werden, so passt es auch, dass journalistische texte mit kurzen filmschnippseln ergänzt werden. ob sie dadurch «modern» werden, weiss ich nicht. ich würde es eher als eine art erzählerische evolution bezeichnen.
    • Gott 06.07.2014 00:24
      Highlight Highlight Das Bedürfnis, das Medium Text auszuweiten kann ich gut verstehen. Jedoch müssten dann meiner Meinung nach hilfreiche und ergänzende Dateien eingebaut werden. Einbauen von Reactiongifs kann kaum als Evolution bezeichnet werden.
      Mir geht es auch nicht darum, diesen Artikel als isolierte Einheit zu kritisieren, fiel mir vielmehr während dem Lesen des Textes auf, wie orientierungslos sich der Onlinejournalismus als Ganzes fortbewegt.
    • philipp meier 07.07.2014 22:39
      Highlight Highlight ich gehe davon aus, dass jedeR eine andere ergänzung eines textes hilfreich findet. ich persönlich orientiere mich sehr stark an bildern und bin ein grosser fan von metaphern. deshalb mag ich diese art der erweiterung eines textes.

      ob das GIF den evolutionsprozess von onlinejournalismus überleben wird, können wir im moment nicht abschätzen. es ist gut möglich, dass es irgendwann nur eine randnotiz in der geschichte des onlinejournalismus sein wird. aber vielleicht wird es ein selbstverständlicher teil von guten storys; wie clips, grafiken, animationen, karten und dergleichen.

      als gott magst du die orientierung für dich gepachtet zu haben;-) - es wäre jedoch definitiv der falsche moment, genau zu wissen, wohin sich der onlinejournalismus entwickelt; was er sein sollte oder sein könnte. wir sollten möglichst viel ausprobieren und darüber diskutieren, ob was interessant, relevant, beliebig oder schlicht unbrauchbar ist. deshalb freue ich mich über deine kritische äusserung.
  • Platonismo 05.07.2014 15:11
    Highlight Highlight Ja, einverstanden, gute Zusammenfassung. Und jetzt, wie weiter?

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