Gesellschaft & Politik
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Claude Longchamp, Institutsleiter gfs.Bern, informiert die Medien am Dienstag, 3. Oktober 2006, in Zuerich. Eine Mehrheit der Stimmberechtigten spricht sich fuer ein Gesundheitswesen aus, das staerker marktwirtschaftlich ausgerichtet ist. Auch ein Bonus-Malus-System wird begruesst. (KEYSTONE/Alessandro Della Bella)

GfS-Chef Claude Longchamp lag bei Ecopop am meisten daneben. Bild: KEYSTONE

Demoskopen

Eine Facebook-Umfrage mit 126 Teilnehmern war genauer als Claude Longchamp

Sämtliche Abstimmungsbarometer haben den Ja-Anteil zu Ecopop massiv überschätzt. Noch am besten haben zwei Neueinsteiger abgeschnitten. 



Bei der Minarett-Initiative lag Claude Longchamps GfS massiv daneben. Rund 20 Prozent lag das GfS beim Abstimmungsbarometer zwei Wochen vor der Abstimmung beim erhobenen Ja-Anteil daneben. Nun, bei der Ecopop-Initiative zeigte sich das gegenteilige Bild. Der Nein-Anteil am Abstimmungssonntag war massiv höher, als die Befragten zwei Wochen vor der Abstimmung angaben. Aber nicht nur das GfS, auch die drei anderen Abstimmungsbarometer lagen daneben. 

Das Ranking des Demoskopie-Debakels:

1. GfS / SRG

Abstimmungsbarometer 19. November: 39 Prozent JA*

Abstimmungssonntag 30. November: 25,9 Prozent JA

Differenz: 13,1 Prozentpunkte

Das GfS erhob zwei Wochen vor der Abstimmung einen viel zu hohen Ja-Anteil zu Ecopop. Der statistische Störfaktor der «sozialen Erwünschbarkeit» bei zuwanderungskritischen Vorlagen (die Befragten trauen sich nicht, zuzugeben, dass sie fremdenfeindlich stimmen) hat also nicht gespielt. Das methodisch nach allen Regeln der Kunst erhebende GfS konstatiert «neuartige Muster» in der Meinungsbildung bei zuwanderungskritischen Vorlagen. Im konkreten Fall von Ecopop hätten in den letzten zwei Wochen vor allem die schwache Mobilisierung im SVP-Lager und die sehr kritisch-warnende Haltung der Medien eine «Rationalisierung gegen die Initiative» ausgelöst.

2. «20 Minuten»

Prognose am 24. November: 36 Prozent JA

Abstimmungssonntag 30. November: 25,9 Prozent JA

Differenz: 10,1 Prozentpunkte

«20 Minuten» hat in insgesamt drei Wellen die Stimmabsichten seiner User erhoben. Obwohl der Ja-Anteil zu Ecopop von Welle zu Welle abnahm, lag der am 17. und 18. November erhobene Wert noch 10 Prozent zu hoch. «20 Minuten» hat die in einer Online-Umfrage erhobenen Daten von Politologen nach demografischen, geografischen und politischen Variablen gewichten lassen, um die Bevölkerung möglichst gut abzubilden. 

Zwar bleiben Online-Umfragen methodisch immer problematisch, da die Angaben zur Person der Teilnehmenden mit verhältnismässigem Aufwand nicht zu überprüfen sind. Aber «20 Minuten» hat den Vorteil, auch junge Leute erreichen zu können, womit das GfS mit der klassischen Telefonumfrage auf Festnetznummern eher Mühe hat. Zudem kann man davon ausgehen, dass die Online-Umfrage mit 14'000 Teilnehmern die kritische Masse für eine repräsentative Stichprobe erreicht hat. «20 Minuten»-Chefredaktor Marco Boselli sagte auf Anfrage, dass die involvierten Politologen derzeit nach einer Erklärung für die Abweichung suchen. 

3. Politikprognosen.ch

Prognose am 24. November: 35 Prozent JA

Abstimmungssonntag 30. November: 25,9 Prozent JA

Differenz: 9,1 Prozentpunkte

Politikprognosen.ch schürt bereits im Firmennamen zu hohe Erwartungen. Niemand kann Abstimmungsergebnisse prognostizieren, sondern nur Momentaufnahmen zu einem bestimmten Zeitpunkt vor der Abstimmung erheben. Politikprognosen rühmt sich jedoch damit «präzise und zuverlässige Wahl- und Abstimmungsprognosen in der Schweiz und anderen europäischen Ländern zu erstellen». Das ist bei Ecopop schief gegangen, aber nicht so schief wie beim GfS. Politikprognosen erstellt seine Vorhersagen aufgrund eines eigens entwickelten Prognosemarktes, in dessen Rahmen junge Politologen auf den erwarteten Abstimmungs- oder Wahlausgang wetten. Oliver Strijbis, Gründer von Politikprognosen.ch, führt die Abweichung ebenfalls auf die aussergewöhnliche Situation zurück, dass die SVP-Führung eine zuwanderungskritische Vorlage nicht unterstützt hat. 

4. Politnetz.ch

Prognose am 24. November: 35 Prozent JA

Abstimmungssonntag 30. November: 25,9 Prozent JA

Differenz: 9,1 Prozentpunkte

Das Politnetz lag gleich weit daneben wie Politprognosen.ch. Politnetz erhebt seine Daten via Facebook-Radar (Anzahl Likes für eine Vorlage) und einer Umfrage auf Facebook und Website. Die Teilnehmerzahl für die Ecopop-Umfrage liegt derzeit bei 126 Teilnehmern, das ist rund ein Zehntel der Teilnehmer, die für eine korrekt randomisierte Telefonumfrage nötig wären. Dennoch hat Politnetz.ch ein um 4 Prozentpunkte korrekteres Abstimmungsbarometer geliefert als die SRG und das GfS von Claude Longchamp. (thi)

* Korrektur: In der ursprünglichen Version dieses Artikels hiess es, GfS habe einen Ja-Anteil zu Ecopop von 41 Prozent vorausgesagt. Das ist falsch, es waren 39 Prozent. Wir bitten um Entschuldigung für die Ungenauigkeit. 

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    Alle Leser-Kommentare
  • Daniel Caduff 01.12.2014 17:11
    Highlight Highlight Naja... strenggenommen sind Umfragen aber Momentaufnahmen, keine Prognosen. Ein Umfrageergebnis müsste also mit einem Abstimmungsergebnis zum GLEICHEN Zeitpunkt verglichen werden. Ein Vergleich zwischen einer Umfrage zum Zeitpunkt X und einem Endresultat zum Zeitpunkt X+3 Wochen macht keinen Sinn, weil sich dann das Untersuchungsobjekt (=die Masse abstimmenden Bürger) verändert hat. Das Problem liegt also eher darin, dass die Politologen von ihren wissenschaftlichen Grundsätzen abrücken und es zulassen, dass die Medien ihre Umfragen als Prognosen verwenden.
  • Nyi Phy 01.12.2014 15:16
    Highlight Highlight Konzentrieren wir uns in Zukunft mehr auf die politische Diskussion als den Versuch die Zukunft vorherzusagen. Schlussendlich geht es hier nicht ums Wetter, sondern um eine Abstimmung, die ein klares Resultat hervorbringt. Wieso sollen wir die vorhersagen wollen?
  • tina 4224 01.12.2014 14:57
    Highlight Highlight Schade Hr. Longchamp das Sie nicht recht hatten.
    Das Schweizervolk ist wie eine Kartoffel, Je tiefer wir im Treck stecken gehen uns erst die Augen auf.
  • Lucifer 01.12.2014 14:48
    Highlight Highlight Schon mal überlegt dass viele Leute nicht mitmachen an diesen Umfragen? Wenn halt von 10 Leuten nur 1 Person mitmacht dann verzerrt die Allgemeinheit diese Umfragen.
    • Rascal 01.12.2014 15:42
      Highlight Highlight Dass nur einer von zehn mitmacht ist grundsätzlich kein Problem. Es geht ja auch nicht jeder Abstimmen.
      Das Problem ist viel mehr, dass es keine verlässliche Methode mehr zu geben scheint, um einen brauchbaren Durchschnitt an Meinungen zu erhalten.
      Telefonumfragen, 20min, Facebook usw. erreicht jeweils nur bestimmte Gruppen welche nicht zwingend repräsentativ sind.
    • goschi 01.12.2014 19:29
      Highlight Highlight Hinzu kommt das Problem, dass eine Umfrage die Meinung abholt, aber meist nicht, ob dann auch real abgestimmt wird.
      Sprich der Faktor Mobilisierung, der dieses mal offensichtlich enorm ausschlaggebend war (Gegner konnten mobilisieren, potentielle Befürworter gingen nicht abstimmen), wird in einer Umfrage nur unzureichend abgebildet.
      Vor allem bei vergleichsweise tiefen Wahlbeteiligungen ist die Mobilisierung einzelner Gruppen stark ausschlaggebend und kann ein Ergebnis insofern "verzerren".
  • kettcar #lina4weindoch 01.12.2014 14:24
    Highlight Highlight Wahrscheinlich handelt es sich zu einem Teil auch um sich selbst sabotierende Umfragen... Je höher der Nein-Anteil um so höher die Mobilisierung der Ja-Stimmer und umgekehrt...

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