DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Mel Young, CEO of the Homeless Worldcup, United Kingdom, speaks during a plenary session on the global influence of Sports during the World Economic Forum WEF in Davos, Switzerland, Thursday, January 26, 2006. The WEF gathers corporate and political heads as well as prominent figures of showbusiness and sports to talk about the state of the world, with special emphasis on India and China. (KEYSTONE/Alessandro della Valle)

Mel Young auf einem Podium am World Economic Forum 2006 in Davos. Bild: KEYSTONE

Homeless World Cup

«Spieler aus europäischen Teams haben oft einen Drogen- oder Alkohol-Hintergrund»

Der Präsident des Homeless World Cup Mel Young über Fussballerfolge, die über Pokalen stehen, sein Verhältnis zur FIFA und warum die Schweizer als Frühaufsteher bessere Chancen hätten.



olivier joliat, santiago de chile

Mel Young, der Homeless World Cup (HWC) behauptet: «Ein Ball kann die Welt verändern!» Ist es wirklich so einfach?
Mel Young: Klar sind Armut oder Obdachlosigkeit nicht einfach zu lösen. Aber meist werden soziale Probleme als unlösbar schwierig betrachtet, und deshalb versucht man erst gar nicht sie anzupacken. Ich bevorzuge einfache Lösungen zu finden. Fussball ist ein simples Spiel, und wir sehen ja die kleinen und grossen Erfolge, die wir in über 70 Ländern damit erreicht haben. Als aktuelles Beispiel: Mexiko hat heute eine Liga von 26'500 Spielerinnen und Spielern. 

Mexico ist mit Carlos Slim, einem der reichsten Männer der Welt als Sponsor ein nicht besonders repräsentativer Glücksfall. Nehmen wir Brasilien. Der 2-fache Weltmeister kämpft jedes Jahr mit Geldproblemen. 
Ja, aber auch in Mexico fing alles mit einem Ball an. Nach anfänglichen Problemen entwickelte sich dort die weltweit grösste Obdachlosenliga. Nun interessieren sich auch andere Firmen als Slims Telmex für das Projekt und die Leute kommen an die Turniere, um ihr Team zu unterstützen.

«Ich kann für unsere Worte vor jedem Gericht einstehen und belegen, dass wir wirklich machen, was wir versprechen.»

Mel Young (59) ist Präsident des Homeless World Cup und trägt drei Ehrendoktortitel. Er gründete neben dem schottischen Strassenmagazin The Big Issue und dem International Network of Street Papers INSP, 2003 auch den Homeless World Cup mit. Young lebt und arbeitet in Edinburgh, Schottland und ist Fan vom Hibernian FC.

Also ist die Rolle der Homeless World Cup Organisation, den Ball zu spielen. Die Länder müssen den Steilpass aber selbst verwerten? 
In Fussball-Metaphern gesprochen ja. Wir sind der Katalysator. Oder um hier beim Turnier zu bleiben. Wir bauen die Street-Soccer-Arenen, die Infastruktur, damit die Menschen spielen können. Aber bei all unserer Arbeit: Die Bühne gehört den Spielern. 

Das sind schöne Worte, die auch aus dem Mund von FIFA-Präsident Sepp Blatter stammen könnten. 
Klar, die Leute erzählen viel, aber was zählt sind die Taten. Ich kann für unsere Worte vor jedem Gericht einstehen und belegen, dass wir wirklich machen, was wir versprechen.

Schweiz - Frankreich: 3:3

Die Schweiz spielte gestern in einem Freundschaftsspiel gegen Frankreich 3:3. Heute geht es nun in der Trophy Stage um den Futbol Calle Cup mit Kambodscha, Tschechien, Indien, Finnland, Schweden, Kirgistan und den USA. Als erster Gegner wartet im Viertelfinale Tschechien (live um 16.40 Uhr auf www.homelessworldcup.org)

Wie ist ihr Verhältnis zur FIFA?
Ich liebe den Profi-Fussball und schaue gerne Turniere wie die Weltmeisterschaften. Das Problem ist, dass die Medien, Behörden und auch die Fans meinen, das sei der einzige Fussball. Wir nutzen die Power dieses Sportes, um nachhaltig Probleme zu lösen. Zum Glück wachsen Verständnis und Interesse für soziale Fussballprojekte. Selbst grosse Verbände wie die UEFA nutzen nun ihre Macht für gesellschaftspolitische Anliegen, wie etwa der Kampf gegen Rassismus.  

«Die reichen Vereine bekommen via Champions League immer mehr Geld, während die kleinen weiter in die Bedeutungslosigkeit abdriften.»

Trotzdem sind die Verbände weit entfernt von den Fans. 
Wie unser Ambassador Emmanuel Petit sagt: Fussball ist der Spiegel unserer Gesellschaft. Da sind die Gelder ja auch sehr ungerecht verteilt. Die reichen Vereine bekommen via Champions League immer mehr Geld, während die kleinen weiter in die Bedeutungslosigkeit abdriften. Irgendwann wird das den Profifussball zerstören. Die Mehrheit der Fans kritisiert die Geldmaschinerie der grossen Fussballverbände schon länger. 

Sie sind derzeit wohl der einzige Verbandspräsident, der bei seinen Reden nicht ausgepfiffen wird. 
Ja, ist das nicht schön? Ich muss mich auch nicht aus den Stadien schleichen, sondern kann mich mitten in die Spieler setzten. Das gefällt mir. So bekomme ich mit, wofür ich arbeite. 

Wie gross ist denn das Budget für einen HWC? 
Für die Organisation über das ganze Jahr benötigen wir 500'000 Euro. Der Event selber kostet je nach Austragungsort eine bis zweieinhalb Millionen. 

Nicht viel für acht Tage Ballspektakel mit 64 Teams und über 500 Fussballerinnen und Fussballer. 
Ungefähr die Kosten eines Champions League Spieles. Andererseits ist es viel Geld, wenn es um die Beschaffung geht. «Homeless» als Brand ist nicht besonders sexy. Wir müssen immer viel Überzeugungsarbeit leisten.

«Die VISA- Beschaffung für die Spieler, die Schweiz und ähnliche Länder ausgenommen, ist eines der arbeitsintensivsten Felder.»

In den vergangenen Jahren nutzen Spieler den Homeless World Cup auch, um sich abzusetzen. Sind darum heute weniger afrikanische Teams mit dabei? 
 Nein, Südafrika und Nigeria fehlten schlicht das Geld. Aber es stimmt schon: Die VISA- Beschaffung für die Spieler, die Schweiz und ähnliche Länder ausgenommen, ist eines der arbeitsintensivsten Felder. Darum könnten wir nie einen HWC in den USA durchführen. Seit Melbourne 2008 hatten wir zum Glück keine HWC-Flüchtlinge mehr. Wir haben unsere Arbeit in diese Richtung auch intensiviert und mussten Teams ablehnen, wo sich Spieler absetzten. Denn wenn wir diesen Ruf hätten, würde kein Land mehr den HWC durchführen. 

Bild

Mel Young bei der Gruppenauslosung des Homeless Worldcup 2014 in Santiago de Chile. 

Man kann einer Spielerin aus dem Bürgerkriegs versehrten Sierra Leone schwerlich vorwerfen, wenn sie die Chance auf einen Neuanfang nutzt.
Nein, aber wir müssen auch die Chancen für alle anderen Spieler schützen. Deshalb können wir keine Teams aus kriegsführenden Nationen spielen lassen, bis die Lage in ihrem Land wieder stabil ist. Die Arbeit vor Ort versuchen wir natürlich trotzdem weiterzuführen. Sowieso bringt es mehr, dort zu investieren, wo die Probleme sind. Man muss den Menschen zuhause eine Perspektive aufzeigen. Aber auch, dass sie dort, wo angeblich das Gold lockt, mit Sicherheit obdachlos sein werden und sie ausserhalb ihres sozialen Umfeldes noch viel weniger Perspektiven haben. 

Wie prüfen sie, ob die Projekte aller Länder tatsächlich nachhaltig arbeiten und, dass die Spieler den Homeless World Cup Regeln entsprechen? 
Nebst der Vertrauensbasis, die wir über die letzten elf Jahre mit Projekten wie Surprise Strassensport  in der Schweiz aufgebaut haben, informieren wir uns über ein Netzwerk von Freunden in vielen Ländern. Generelle Spielerkriterien aufzustellen ist jedoch unmöglich, da die sozialen Probleme und die Projekte so unterschiedlich sind wie die Standards der Länder. 

 «Die südamerikanischen oder afrikanischen Spieler stammen aus unglaublicher Armut, sind aber körperlich topfit.»

Und die Spielstärken der Mannschaften? Hier dominieren meist die Teams armer Nationen. 
Spieler aus europäischen Teams haben oft einen Drogen- oder Alkohol- Hintergrund. Die südamerikanischen oder afrikanischen Spieler dagegen stammen aus unglaublicher Armut, sind aber körperlich topfit. Ein Schweizer Spieler interviewte mich 2007 in Kopenhagen und beklagte sich, dass es unfair ist, wie stark die Südamerikaner spielen. Ich erklärte ihm, dass dieses Team täglich um sechs Uhr aufsteht und trainiert, und dass die Schweiz eher Siegeschancen hätte, wenn sie das auch täten. Er meinte dann nur: Unser Coach würde nie um sechs Uhr aufstehen.

Das Turnier zeigt auch vielen Schweizer Spielern, die erstmals ihr Land verlassen, was Armut bedeuten kann. Schliesslich tauschen sich die Spieler in den Teamunterkünften rege aus. 
Ja, Spieler aus reichen Nationen sehen auf den Strassen Santiagos wohl Armut, die sie sich niemals vorstellen konnten. Aber das gilt auch umgekehrt. Afrikanische Spieler sagten mir erstaunt: Ich dachte nie, dass auch weisse Menschen obdachlos sein können. 

 «Afrikanische Spieler sagten mir erstaunt: Ich dachte nie, dass auch weisse Menschen obdachlos sein können.»

In der Schweiz sitzen die FIFA und die UEFA. Wann zieht der HWC zu uns? 
(Lacht) Ich lebe nun mal in Edinburgh, aber ein Umzug würde logistisch und finanziell sicher Sinn machen. Wir wurden sogar eingeladen, von Schottland in die Schweiz zu wechseln.
 

Von wem? 
Von der Regierung, als Adolf Ogi noch bei der UNO aktiv war. Ein sehr guter Mann. Ich erinnere mich noch gut wie er sagte: Spooort can change the wooorrld!

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Keller-Sutter zur Konzernverantwortung: «Mich irritiert dieses zunehmend Moralisierende»

Justizministerin Karin Keller-Sutter kritisiert die Rolle der Kirchen bei der Konzernverantwortungsinitiative und dass moralische Aspekte in Politik und Wirtschaft eine immer grössere Rolle spielen.

Die orange Fahne der Konzernverantwortung habe die Initiative zu einer Gewissensfrage stilisiert, sagte Keller-Sutter im Interview mit der «NZZ» vom Samstag. Auch sie sei für Menschenrechte und Umweltschutz. Darum gehe es aber bei der Abstimmung nicht, sondern um den Weg, wie man diese Ziele erreichen möchte. Man könne also mit gutem Gewissen gegen diese Initiative sein, so die Bundesrätin.

«Mich irritiert dieses zunehmend Moralisierende: Moralisch richtig liege immer ich, und alle anderen …

Artikel lesen
Link zum Artikel