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Neue Form im Kampf für Frauenrechte, Slutwalk – hier in Edmonton.
Neue Form im Kampf für Frauenrechte, Slutwalk – hier in Edmonton.bild: tyler mckay, shutterstock
Netzfeminismus

Feminismuskultur in Schwarzers Schatten 

Die aktuelle Frauenbewegung ist vielfältig, jung – und findet vor allem online statt.
13.08.2014, 07:1113.08.2014, 15:46
karen schärer / aargauerzeitung
Ein Artikel von
Aargauer Zeitung

Die grossen feministischen Kämpfe sind geführt. Die Frauenrechtlerinnen früherer Generationen kämpften etwa für das Wahlrecht der Frau oder für Straffreiheit beim Schwangerschaftsabbruch. Mit Erfolg. Heute gibt es (in der westlichen Welt) kaum mehr restriktive Gesetze, die Frauen den Weg versperren. Für viele Junge hat der Feminismus damit seine Daseinsberechtigung verloren. Sie sind der Ansicht, dass es nichts mehr gibt, wofür Frauen kämpfen müssen. 

«Der Feminismus hat das Problem, dass er im Gegensatz zu früher keine ‹harten› Ziele mehr verfolgt», sagt die deutsche Journalistin und Bloggerin Katrin Rönicke. Laut der 31-Jährigen sind die von Feministinnen heute angeprangerten Mechanismen häufig gesellschaftlich-sozialer Art und oft für viele Frauen nicht sicht- und spürbar. Sie betreffen zum Beispiel die Abwertung von Frauenarbeit, das Aufdrücken von «krassen Körpernormen» oder Sexismus im Alltag.

Begründerin des modernen Feminismus, Alice Schwarzer.
Begründerin des modernen Feminismus, Alice Schwarzer.Bild: EPA

Als «Ober-Feministin» etablierte sich in den 1970er-Jahren im deutschsprachigen Raum «Emma»-Gründerin Alice Schwarzer. Die Deutungshoheit in feministischen Belangen liegt auch heute noch bei ihr. Auch wenn sich die Themen gewandelt haben und die mittlerweile 71-Jährige seit dem Auffliegen ihrer jahrzehntelangen Steuerhinterziehungen stark an Glaubwürdigkeit eingebüsst hat: Nach wie vor ist es Schwarzer, die in der Regel angefragt wird, wenn es in einer Talkrunde oder einem Artikel der Stimme einer Feministin bedarf. Man könnte den Eindruck gewinnen, Schwarzer verkörpere «den Feminismus». 

Feministische Vielfalt online 

Doch in ihrem Schatten blüht – insbesondere im Onlineraum – eine vielstimmige Feminismuskultur auf. Auf einer Vielzahl von Plattformen wird gebloggt, gepostet, kommentiert und diskutiert. Wer diese Seiten jedoch nicht sucht oder kennt, bekommt davon kaum etwas mit. «Die Sache mit dem Online-Feminismus ist in der Tat, dass es die Gefahr gibt, zu jenen zu predigen, die eh schon konvertiert sind», sagt Katrin Rönicke. 

Gelegentlich aber schafft eine online geführte Debatte den Sprung in die Offline-Medien, wie dies 2013 mit den auf dem Kurznachrichtenportal Twitter unter dem Hashtag #Aufschrei gesammelten Berichten zu Alltagssexismus geschah. Punktuell richten sich dann die Scheinwerfer der Kameras auf Exponentinnen dieser neuen Generation von Feministinnen, die in den 1980er- und 1990er-Jahren geboren wurden. 

Jetzt auf

Feministische Führungsfigur fehlt

Eine klare Führungsfigur wie Alice Schwarzer eine war – und nach wie vor ist –, fehlt aber. «Man könnte sagen, die Vielfalt und Heterogenität der feministischen Bewegung – ausdrücklich etwas Positives – wird in Bezug auf Medien zum Problem», sagt Julia Korbik, 26-jährige Journalistin und Autorin des Buchs «Stand Up», einer Art Aufklärungsbuch zum Thema Feminismus, das kürzlich erschienen ist. 

Grundsätzlich aber sieht Korbik das Internet als «riesige Chance für den Feminismus». Es helfe, Gleichgesinnte zu finden, sich zu vernetzen, sich über Themen zu informieren. Wenn es etwa in der Schweiz keine vergleichbare Netzfeminismus-Bewegung gibt, ist das für Interessierte nicht weiter schlimm: Wer mitdiskutieren oder auch nur mitlesen will, kann dies auch über Landesgrenzen hinweg tun. 

Die Vernetzung über das Internet trägt denn auch massgeblich dazu bei, dass feministische Aktionen weltweit orchestriert werden können oder Nachahmer finden. So haben seit 2011 in vielen Ländern sogenannte «Slutwalks» (deutsch: Schlampenmärsche) stattgefunden, bei denen die Teilnehmenden für das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung und die Wahrung persönlicher Grenzen demonstrieren. 

Junge via YouTube erreichen 

Die feministische Protestkultur hat sich aber in den vergangenen Jahrzehnten verändert und kann heute etwa mit BH-Verbrennungen wenig anfangen. «Feministinnen heute nutzen die Möglichkeiten, die ihnen zur Verfügung stehen, um ihre Anliegen deutlich zu machen. Genau wie die Generationen von Feministinnen vor ihnen», sagt Julia Korbik. Dazu gehört, sich neuer Medienkanäle zu bedienen. Gute Erfahrungen macht etwa Katrin Rönicke mit ihrem «Lila Podcast». 

Gemeinsam mit Journalistin Susanne Klingner spricht die 31-Jährige in den monatlichen Audiobeiträgen, die man kostenlos herunterladen kann, jeweils eine knappe Stunde lang aus feministischer Perspektive über aktuelle Debatten und das Weltgeschehen. «Unser Eindruck ist, dass wir sehr viel Feedback von Männern allen Alters bekommen, die zum Teil in der Technik- und IT-Szene arbeiten», sagt Rönicke. Durch Podcasts könne man heute gut andere Menschen erreichen. Berufspendler, Chauffeure, aber auch Seniorinnen und Senioren hörten das Medium Podcast, weil sie nicht an feste Sendezeiten gebunden sind.

«Feminismus hat immer noch ein extrem schlechtes Image»

Noch erobern will Netzfeminismus-Expertin Rönicke den Videokanal YouTube. «Dort finden sich eine Menge junge Leute, die heute eben kaum mehr die ‹Bravo› lesen, sondern sich dort über ihre Interessen informieren, sich austauschen über für sie drängende Fragen.» 

Junge Menschen ansprechen will auch «Stand Up»-Autorin Korbik. «Feminismus hat immer noch ein extrem schlechtes Image», sagt sie. Verdeutlicht wird dies auf dem englischsprachigen Tumblr-Blog «Women against feminism». Hier posieren Hunderte von Frauen mit antifeministischen Aussagen. So ist zu lesen: «Ich bin gegen Feminismus, weil ich es mag, Komplimente von Männern zu bekommen.» Oder: «Ich bin gegen Feminismus, weil ich Männer nicht zusammenstauchen muss, um mich ihnen ebenbürtig zu fühlen.» Dazu sagt Korbik: «Eines der hartnäckigsten Vorurteile in Bezug auf Feminismus ist sicherlich, dass Feministin sein bedeutet, gegen Männer zu sein. Das ist natürlich Quatsch.» 

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