Gesellschaft & Politik
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Umfrage zur Stimmbeteiligung der Jungen

Claude Longchamp hat sich verrechnet – und gibt den Kantonen die Schuld

Daten aus Neuenburg, Genf, St. Gallen und Zürich zeigen: Die Jugend ist nicht so stimmfaul wie angenommen. Die VOX-Analyse lag daneben. Meinungsforscher Claude Longchamp beklagt sich über fehlende Daten – und fordert eine Gesetzesänderung.

lorenz honegger, aargauer zeitung

Meinungsforscher Claude Longchamp räumt selten Fehler ein. Doch dieses Mal hat er keine andere Wahl. Es sieht ganz danach aus, dass der bekannte Politexperte und seine Partner von den Universitäten vermutlich schon seit Jahren systematisch zu tiefe Werte für die Stimmbeteiligung der 18- bis 29-Jährigen publizieren. So dürften bei der Abstimmung über die Masseneinwanderungsinitiative vom 9. Februar nicht 17 Prozent an die Urne gegangen sein, wie es in Longchamps VOX-Analyse steht, sondern deutlich mehr. Das zeigen Daten aus jenen Kantonen und Städten, die die Stimmbeteiligung separat nach Altersgruppen ausweisen. 

Claude Longchamp, Schweizerische Gesellschaft fuer praktische Sozialforschung (gfs.), orientiert an der Medienkonferenz zu 50 Jahre WWF Schweiz in Zuerich am Dienstag, 1. Maerz 2011 ueber seine Untersuchung rund um den WWF Schweiz. (KEYSTONE/Walter Bieri)

Bild: KEYSTONE

In den Kantonen Genf und Neuenburg und in der Stadt St. Gallen etwa lag die Stimmbeteiligung bei den unter 30-Jährigen laut der «NZZ am Sonntag» bei über 40 Prozent. In Zürich gingen je nach Stadtkreis zwischen 26 und 50,6 Prozent der 18- bis 25-Jährigen an die Urne. Die breit geführte Debatte um das mangelnde Engagement der jungen Generation bei Abstimmungen und Wahlen steht damit auf einer fragwürdigen Zahlengrundlage. 

Gewichtung ist das Problem

Der Grund für die falschen Zahlen liegt wahrscheinlich in der mathematischen Aufbereitung der Um frageergebnisse. Wenn Meinungsforscher nach Abstimmungen Umfragen durchführen, erhalten sie meist viel zu hohe Werte für die Stimmbeteiligung. Die 1511 Telefoninterviews zur Masseneinwanderungsinitiative ergaben eine Beteiligung von 76 Prozent. In Tat und Wahrheit waren es bloss 55,8 Prozent.

Dafür gibt es zwei Gründe: Zum einen sind Personen, die abgestimmt haben, eher bereit, am Telefon Fragen eines Meinungsforschungsinstituts zu beantworten, als solche, die der Urne ferngeblieben sind. Zum anderen behauptet immer eine bestimmte Anzahl der Befragten, sie hätten abgestimmt, um so dem sozial erwünschten Verhalten zu entsprechen. 

Longchamps Meinungsforschungsinstitut GfS Bern versucht solche Verzerrungen auszumerzen, indem es die Antworten der Befragten mit den offiziellen Zahlen zur Stimmbeteiligung «gewichtet». 

Fehlende Daten

Offenbar ist dieses Verfahren insbesondere für die 18- bis 29-Jährigen unzuverlässig. Laut dem Genfer Professor Pascal Sciarini, einem der Autoren der VOX-Analyse, lag der ungewichtete Wert bei den jungen Stimmberechtigten bei 30 Prozent und damit vermutlich näher an der Realität. 

«Wir werden jetzt versuchen, auf Basis der bekannten Daten ein adäquateres Gewichtungsverfahren zu finden. Eine pfannenfertige Lösung gibt es aber nicht», sagt Longchamp der «Nordwestschweiz». Noch lieber wäre es ihm, die Kantone würden die detaillierten Daten von sich aus veröffentlichen. Doch diese sträubten sich. «Jeder handhabt den Zugang zu den Daten anders. Nur Genf und Neuenburg weisen die Stimmbeteiligung nach Altersgruppen aus. Es bräuchte eine Gesetzesänderung auf eidgenössischer Ebene, um das zu ändern», sagt Longchamp.

Die Berner Nationalrätin Aline Trede (Grüne) hat seinen Wunsch erhört und will in der Sondersession vom 5. bis 8. Mai mit einer Motion eine entsprechende Gesetzesänderung in die Wege leiten. 



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    Alle Leser-Kommentare
  • papparazzi 14.04.2014 16:43
    Highlight Highlight Und wann kommt die Studie über den effektiven Nutzen solcher Schamanen- Hochrechner? Mich würde bei jeder Hochrechnung jeweils auch die politische Gesinnung des Rechnenden zur entsprechenden Initiative interessieren! Wir sind einfach zu "wissenschaftsgläubig" geworden! Es ist mehr als billig, wenn bei einem klaren Fehlresultat jetzt einfach die Kantone schuld sein sollen! Schliesslich kann man ja auch fehlende Zahlen hochrechnen Herr Hochuli:-) ut (dp)
  • TomBenZeen 14.04.2014 09:47
    Highlight Highlight Mann, der Longchamp nervt ! Die ganze Hochrechnerei vor den Abstimmungen ist ja völlig für die Katz, und meistens ungenau.

    Bsp. MEI hätte ich innerhalb von 10 Minuten nach Lesen von Community Komentaren auch ein Ja voraussagen können. Und Minarett Initiative war ja auch völlig daneben. Das Geld könnte besser investiert werden...
    • Kza 14.04.2014 11:57
      Highlight Highlight Hier gehts nicht um die Prognosen, sondern um die Analyse im Nachhinein. Und die ist durchaus brauchbar - mal abgesehen von diesem Erhebungsproblem.
    • TomBenZeen 15.04.2014 12:36
      Highlight Highlight ... ich stelle das Gfs allg. in Frage...
  • Rampant 14.04.2014 07:45
    Highlight Highlight Wie lange will man sich von solchen Pseudo-Experten an der Nase herum führen lassen? Wenn man seine Prognosen hinterfragt stellen sich diese als "Astrologisches Horoskop" raus.

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