Gesellschaft & Politik
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A cross on top of the Pateros Community Church, which was not seriously damaged, stands tall against the smoke from the Carlton Complex Fire in Pateros, Washington July 18, 2014. The fast moving wildfire burning east of Washington state's Cascade Mountains, also known as the Carlton Complex Fire, destroyed some 80 homes and displaced hundreds of people on Friday as it scorched through parched vegetation and showed no sign of letting up, emergency officials said. In the town of Pateros, about 120 miles northeast of Seattle, the entire population of about 650 people was under mandatory evacuation orders, though some began returning Friday to survey the charred remains of their homes and belongings.   REUTERS/David Ryder  (UNITED STATES - Tags: ENVIRONMENT DISASTER)

Bild: DAVID RYDER/REUTERS

Umstrittener Index zu Pegida-Zeiten

Weltverfolgungsindex 2015: Wo Christen angefeindet werden

In vielen Ländern der Welt werden Christen diskriminiert. Wegen der Gräueltaten des Islamischen Staates rangieren Irak und Syrien weit oben auf dem Weltverfolgungsindex. Doch in zwei anderen Ländern geht es noch schlimmer zu.

07.01.15, 03:17 07.01.15, 08:41

Annette Langer / Spiegel Online

Ein Artikel von

Das christliche Hilfswerk Open Doors hat seinen Weltverfolgungsindex 2015 veröffentlicht, ein Ranking von Staaten, in denen Christen am meisten diskriminiert werden. Demnach wird die Mehrzahl von ihnen in muslimischen Ländern unterdrückt – und das könnte in der aktuellen Debatte um Pegida und ähnliche islamfeindliche Bündnisse für Zündstoff sorgen.

Dass «Open Doors» dem evangelikalen Netzwerk der Deutschen Evangelischen Allianz (DEA) nahesteht, macht es nicht gerade besser. Der Verein besteht aus überwiegend bibeltreuen Mitgliedern, die in jedem Gläubigen auch einen Missionar sehen.

«Open Doors» selbst sieht sich als überkonfessioneller christlicher Verein, der mittels Spenden weltweit Glaubensbrüder und -schwestern unterstützt. «Wir wollen nicht, dass der Index für politische Zwecke instrumentalisiert wird», betont Markus Rode, Geschäftsführer von «Open Doors» Deutschland. Die Diskussion zur Stellung des Islam in Deutschland sei spannungsgeladen, dies könne aber kein Grund sein, auf das Ranking zu verzichten. «Wir müssen unseren Auftrag erfüllen und Millionen verfolgten Christen zeigen, dass sie nicht vergessen sind.»

Kritik an Verfolgtenzahl

Die von «Open Doors» kolportierte Zahl von geschätzt 100 Millionen verfolgten Christen weltweit ist von Vertretern sowohl der evangelischen als auch der katholischen Kirche in Deutschland mehrfach kritisiert worden. Dem Verein wurde vorgeworfen, nicht angemessen zu differenzieren zwischen sozialen Anfeindungen und schwerwiegender Verfolgung mit Freiheitsentzug, Gewaltanwendung oder Todesfolge.

Auch ist es naturgemäss schwierig zu unterscheiden, ob staatliche oder gesellschaftliche Diskriminierung ausschließlich gegen Christen oder etwa Andersgläubige, Nichtgläubige oder innerislamische Minderheiten gerichtet ist.

Dennoch kann das Ranking von «Open Doors» einer Einordnung dienen: Dass religiös motivierte soziale Anfeindung weltweit zunimmt, stellt auch das US-Forschungszentrum Pew in einer Studie fest. Christen und Muslime sind die am häufigsten davon Betroffenen – kein Wunder, sie machen zusammen mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung aus.

Für die Rangliste von «Open Doors» wurden externe und interne Experten weltweit beauftragt, die Situation von Christen für den Zeitraum 1. November 2013 bis 31. Oktober 2014 zu bewerten.

Die Rangliste von «Open Doors»

1. Nordkorea
2. Somalia
3. Irak
4. Syrien
5. Afghanistan
6. Sudan
7. Iran
8. Pakistan
9. Eritrea
10. Nigeria
11. Malediven
12. Saudi-Arabien
13. Libyen
14. Jemen
15. Usbekistan​

Quelle: Spiegel/Open Doors

Auszug aus den Ergebnissen:

Irak (3) und Syrien (4)

Angesichts der menschenverachtenden Gräueltaten des Islamischen Staates im Irak und in Syrien landeten diese Länder auf den Rängen drei und vier der Negativ-Liste. Durch das Kalifat des IS mit Mord, Vertreibung und Sklaverei sei ein «Allzeittief» erreicht, so die Macher der Studie. 

Die christliche Gemeinschaft in der irakischen Ninive-Ebene nordwestlich von Mossul sei komplett verschwunden. Von etwa 1,2 Millionen Christen, die Anfang der neunziger Jahre im Irak lebten, seien nur 300'000 übrig. Vor allem christliche Frauen und Kinder seien bedroht. Laut einer «Preisliste» für Entführte, die im Irak gefunden wurde, bringen sie – sowie Jesiden – am meisten Geld ein.

Im nordsyrischen Rakka seien Christen und weitere Andersgläubige gezwungen worden, entweder zum Islam zu konvertieren oder sich dem sogenannten «Dhimmi-Vertrag» zu unterwerfen. Der macht sie weitgehend rechtlos und verpflichtet sie zur Zahlung von Schutzgeld. Die «Schutzbefohlenen» (Dhimmi) sollen «aus freien Stücken den Tribut entrichten und ihre Unterwerfung anerkennen», heisst es in der Koransure Sure 9,29, auf die sich die Verfechter des Vertrages berufen.

Vor dem Bürgerkrieg lebten in Syrien laut «Open Doors» rund 1,8 Millionen Christen – knapp 40 Prozent von ihnen sollen ihre Heimat bereits verlassen haben, viele landeten als Binnenflüchtlinge im Kurdengebiet.

Nordkorea (1)

Unangefochten an Platz 1 des Weltverfolgungsindexes steht Nordkorea, wo Christen immer wieder deportiert und exekutiert werden. Von geschätzt 200'000 bis 400'000 Untergrundchristen befinden sich bis zu 70'000 als «Feinde des Regimes» in Arbeitslagern, wo sie Folter und Schwerstarbeit ausgesetzt sind.

Jeffrey Fowle is greeted by his son and other family members upon his arrival, early Wednesday, Oct. 22, 2014, at Wright-Patterson Air Force Base, Ohio. Fowle was detained for nearly half a year in North Korea after leaving a Bible at a nightclub. Christian evangelism is considered a crime in North Korea.  (AP Photo/David Kohl)

Christliche Missionare kommen in Nordkorea immer wieder in Konflikt mit dem Regime: Der US-Bürger Jeffrey Fowle wurde ein halbes Jahr in Nordkorea festgehalten, weil er eine Bibel in einem Nachtclub liegen gelassen haben soll. Hier wird er bei seiner Rückkehr im Oktober 2014 von seiner Familie begrüsst. Bild: AP/FR51830 AP

Sudan (6)

Im Sudan, wo sich der mehrheitlich christliche Süden 2011 vom Norden getrennt hat, haben vor allem muslimische Konvertiten zu leiden. Der Fall der 27-jährigen Mariam Yahya Ibrahim sorgte weltweit für Empörung: Sie war zum Katholizismus übergetreten und heiratete kurz darauf einen Christen. Daraufhin wurde sie zum Tode verurteilt. Im Gefängnis brachte die junge Frau in Ketten ihre Tochter zur Welt. Schließlich kam sie frei.

Laut «Open Doors» sind eine Reihe von Christen wegen ihres Glaubens im Sudan getötet worden; mindestens zehn Angriffe auf christliche Objekte wie Kirchen, Schulen und Krankenhäuser wurden registriert, vor allem in Südkordofan und der südöstlichen Provinz Blauer Nil. Mehr als dreißig Christen wurden demnach durch gezielte Bombardements der sudanesischen Luftwaffe getötet.

FILE - In this file image made from an undated video provided Thursday, June 5, 2014, by Al Fajer, a Sudanese nongovernmental organization, Meriam Ibrahim, sitting next to Martin, her 18-month-old son, holds her newborn baby girl that she gave birth to in jail last week, as the NGO visits her in a room at a prison in Khartoum, Sudan. Sudan's official news agency, SUNA, said the Court of Cassation in Khartoum on Monday, June 23, canceled the death sentence against 27-year-old Meriam Ibrahim after defense lawyers presented their case. The court ordered her release. (AP Photo/Al Fajer, File)

Die Geschichte von Mariam Yahya Ibrahim ging um die Welt: Weil die gebürtige Muslimin einen Christen geheiratet hat, wurde sie im Sudan zum Tode verurteilt. Nach langem Hin und Her kam sie im Sommer 2014 frei. Im Gefängnis gebar sie ihre Tochter, ihr zweites Kind. (Aufnahme aus dem Gefägnis, Juni 2014) Bild: AP/Al Fajer

Eritrea (9)

In Eritrea wurden 138 Christen und Kirchenführer inhaftiert. Der Druck geht überwiegend von der Regierung unter Präsident Isaias Afewerki und der «Volksfront für Demokratie und Gerechtigkeit» aus.

Nigeria (10)

In Nigeria wurden Tausende von Christen vertrieben. Die äusserst brutal agierende islamistische Boko Haram hat in der Stadt Gwoza ein Kalifat ausgerufen. Mindestens 4000 Menschen sollen der Gruppierung aus dem Norden des Landes zum Opfer gefallen sein, die Mehrzahl von ihnen Christen. Neben Boko Haram gibt es Stämme wie Hausa-Fulani, die ebenfalls christliche Dörfer überfallen und Tausende in die Flucht getrieben haben sollen.

FILE - This Monday May 12, 2014 file image taken from video by Nigeria's Boko Haram terrorist network, shows the alleged missing girls abducted from the northeastern town of Chibok. Islamic extremists killed 35 people and kidnapped at least 185, fleeing residents said Thursday of an attack near the town where nearly 300 schoolgirls were taken hostage in April. Teenager Aji Ibrahim said he was lucky to escape into the bushes.

Spätestens mit der Entführung von fast 300 Schülerinnen kam die nigerianische islamistische Terrorgruppe Boko Haram ins internationale Aufsehen. Die Terrorgruppe wendet sich grundsätzlich gegen den Westen, viele ihrer Opfer sind aber Christen. Bild: AP/Militant Video

Kenia (19)

Sorgen bereitet den Verfassern der Studie die merkliche Verschlechterung der Lage in Kenia und Dschibuti. Grund sei die zunehmende Islamisierung in der Region. Kenia ist ein mehrheitlich christliches Land, nur etwa elf Prozent sind Sunniten. Die muslimische Bevölkerung lebt grösstenteils in den Küstengebieten. Immer häufiger dringen militante Islamisten aus Somalia über die Grenze und verüben Anschläge auf Christen. Islamistische Al-Shabaab-Milizen griffen im November einen Bus an und töteten 28 Christen. Anfang Dezember verloren 36 christliche Arbeiter in einem Steinbruch nahe der Stadt Mandera bei einem Angriff ihr Leben.

Kenyan security forces and others gather around the scene on an attack on a bus about 50 kilometers (31 miles) outside the town of Mandera, near the Somali border in northeastern Kenya, Saturday, Nov. 22, 2014. Somalia's Islamic extremist rebels, al-Shabab, attacked the bus in northern Kenya at dawn on Saturday, singling out and killing 28 passengers who could not recite an Islamic creed and were assumed to be non-Muslims, Kenyan police said. (AP Photo)

Extremisten der somalischen Terrorgruppe Al-Shabaab griffen im November 2014 einen Bus in Kenia rund 50 Kilometer von der Grenze zu Somalia entfernt an. Die Extremisten töteten 28 Passagiere, die kein islamisches Glaubensbekenntnis aufsagen konnten. Bild: /AP/KEYSTONE

Dschibuti (24)

Auch in Dschibuti wird der Einfluss islamischer Extremisten für die Regierung zu einem Problem. Sie verbreiten in der Gesellschaft einen ultrakonservativen Islam in Form des saudi-arabischen Wahhabismus. Christliche Konvertiten mit muslimischem Hintergrund sind Hauptopfer der Verfolgung. Einige wurden gezwungen, Muslime zu heiraten, ihre Häuser wurden durchsucht und geplündert.

Als dauerhaft repressiv in Sachen Christentum gelten laut «Open Doors» Somalia, Nordkorea, Afghanistan, die Malediven, Eritrea, Saudi-Arabien, der Jemen, Irak, Iran und Libyen. «In diesen Ländern kann bereits der Besitz einer Bibel zu ernsthaften Problemen führen», heisst es. Viel zu tun für eine Organisation, deren Gründer Anne van der Bijl in den fünfziger Jahren mit einem VW Käfer Bibeln hinter den eisernen Vorhang schmuggelte. (trs)



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    Alle Leser-Kommentare
  • Anded 07.01.2015 11:02
    Highlight Christenverfolgung gemäss OpenDoors hat nichts mit "sozialer Anfeindung" zu tun. Soziale Anfeindung kommt aus der Bevölkerung und hat keine gesetzliche Grundlage. Ist vergleichbar mit Pegida, welche gegen den Islam in DE sind. Ein Muslim in DE hat aber nach wie vor die gleichen Rechte wie jeder andere Deutsche auch. OpenDoors zählt offensichtlich sozial angefeindete Christen nicht mit, da es ja sonst 100% wären. Auch in der CH wird jeder gläubige Christ/Muslim/whatever von irgend einer Seite her angefeindet.
    0 2 Melden
  • Raphael Bühlmann 07.01.2015 10:41
    Highlight Im Iran besteht die "Verfolgung" allein darin, dass Muslime nicht zum Christentum konvertieren dürfen und bei Muslimen nicht missioniert werden darf. Neben Islam, Judentum und Zoroastrismus ist das Christentum eine staatlich anerkannte Religion im Iran. Christen können ihre Religion ungehindert ausleben. Als ich letztes Jahr im Iran war, begegnete ich überall nur toleranten und offenen Menschen, die kein Problem damit hatten, dass ich Christ bin. Im Gegenteil. In Teheran war ich in einer armenischen Kirche. Am Flughafen in Shiraz habe ich mich mit einem freundlichen Mullah unterhalten. Ich kritisiere, dass es keine richtige Religionsfreiheit im Iran gibt. Aber eine Bibel zu besitzen ist da für niemanden ein Problem.
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