Gesellschaft & Politik
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Wer hat Angst vor...

«Am Ende wird die Rechte dem Nationalismus den Garaus machen»

Befürworter der Masseneinwanderungsinitiative schüren die Angst vor der Zuwanderung und verhalten sich damit antinationalistisch, sagt Psychoanalytiker Daniel Strassberg.



Bild

Daniel Strassberg ist Psychoanalytiker und Philosoph. Er ist Lehrbeauftragter und Dozent an den Universitäten Luzern und Zürich sowie Mitbegründer von Entresol, dem Netzwerk für Philosophie, Psychoanalyse und Wissenschaften der Psyche. Bild: zvg

Die Masseneinwanderungsinitiative wird als Zeichen zunehmender Angst verstanden. Angst vor masslosem Wachstum, Angst vor Fremden, Angst vor Überforderung. Das sei ernst zu nehmen, sagen sogar Gegner der Initiative. Woher kommen diese Ängste?
Daniel Strassberg: Ich halte die Rede von der Angst, vor allem darüber, dass die Ängste vor der Einwanderung berechtigt seien, für sehr zweifelhaft. Natürlich gibt es die Angst des Mittelstandes vor der Deklassierung, doch dass sich diese gegen Ausländer richtet, ist alles andere als natürlich.

Wenn diese Ängste nicht natürlich sind, heisst das, sie werden generiert?
Ja. Die Gesellschaft schafft einen Diskurs, um in einer ganz bestimmten Art und Weise über Probleme zu reden. Innerhalb dieses vorgegebenen Rahmens ordnen wir unsere realen Erfahrungen ein. Solche Rahmen legen Grenzen fest: Wer dazugehört, wer nicht und wer für Probleme verantwortlich ist. Früher gab es ganz andere Grenzziehungen. Beispielsweise die Einteilung in Oberschicht und Unterschicht oder jene in Männer und Frauen.

«Ich halte die Rede von der Angst, vor allem darüber, dass die Ängste vor der Einwanderung berechtigt seien, für sehr zweifelhaft.» 

Daniel Strassberg

Heute ziehen wir die Grenze zwischen Ausländern und Schweizern.
Verübt ein rothaariger Serbe einen Diebstahl, verfügen wir über Kategorien der Einteilung und der Verursachung. Dass es ein Serbe war, scheint eine Erklärung herzugeben. Ob der Dieb gross oder klein, rot- oder braunhaarig ist, interessiert hingegen nicht. Ein anderes Beispiel ist die Mietpreisdiskussion. Zuwanderer werden als Schuldige für die hohen Mietpreise angesehen. Dabei gibt es andere Faktoren, die einen weit grösseren Einfluss haben.

«Zuwanderer werden als Schuldige für die hohen Mietpreise angesehen. Dabei gibt es andere Faktoren, die einen weit grösseren Einfluss haben.»

Daniel Strassberg

Warum denken wir in diesen Kategorien? 
Wenn ein Schema zur Verfügung steht, kann man fast nicht anders, als dieses zu bemühen. Jedes herrschende Schema lässt andere mögliche Unterscheidungen verschwinden. Der Antisemitismus sei der Sozialismus der dummen Kerls, sagte der Sozialist August Bebel einmal. Die Einteilung in Juden und Nichtjuden ist einfach und vor allem: Sie tangiert bestehende Machtverhältnisse nicht. So funktioniert die Gesellschaft, so strukturiert sich Macht.  

Kategorien werden sich also nie auflösen?  
Die Grenzziehungen werden sich ändern, aber es wird sie immer geben. In Zukunft wird wohl die Grenze zwischen Christen und Muslimen noch relevanter werden als jene zwischen Schweizern und Ausländern. Diese neue Unterscheidung der Rechten ist im Grunde antinationalistisch, denn sie beruft sich nicht mehr auf schweizerische, sondern auf europäische Werte, also auf die Werte des christlichen Abendlandes. Ich glaube deshalb, dass es am Ende die Rechte sein wird, die dem Nationalismus den Garaus macht, während die Linke die schweizerischen Werte verteidigt.

«In wenigen Jahren wird es eine Initiative geben, die die Einwanderung von Muslimen beschränken will.»

Daniel Strassberg

Konservative besinnen sich also auf eine nichtschweizerische Leitkultur?
So ist es. In wenigen Jahren wird es eine Initiative geben, die die Einwanderung von Muslimen beschränken will. Und sie wird die Probleme ebenso wenig lösen wie die Masseneinwanderungsinitiative. Aber sie wird das schöne Gefühl geben, eine einfache und klare Lösung für die Probleme in einer unübersichtlichen Welt gefunden zu haben.  

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    Alle Leser-Kommentare
  • tux_ping 01.02.2014 16:25
    Highlight Highlight Ich finde, man verkauft den Bürger für dumm, wenn man behauptet, diese Ängste sind nur generiert. Diese Ängste entstehen bei den meisten durch persönliche Erfahrungen. Wenn man bspw. im Tessin wohnt und sieht, dass junge Schweizer wegen den vielen Italienern keine Lehrstelle finden, was ist denn daran generiert? Das sind einfach Fakten, die aber scheinbar viele linke Politiker nicht wahrhaben wollen. Oder es reicht auch schon, wenn man sich die Kriminalstatistiken anschaut (75% Ausländer in den Gefängnissen)
    Klar könnte man auch anders kategorisieren, aber in der aktuellen Debatte ist diese Kategorisierung absolut rational.

    Von mir aus muss man die Initiative nicht gut finden. Aber man sollte diese Ängste (von fast der Hälfte der Schweizer) akzeptieren und nicht denken, dass diese Leute nicht selber denken können und sich von ein paar Plakaten beeinflussen lassen. Und ich denke auch, dass die Politiker, die dies nicht akzeptieren wollen teilweise auch selber schuld sind, wenn solche (eher extreme) Initiativen dann angenommen werden. Denn sie behaupten ja immer, dass es keine Probleme bezgl. der Einwanderung gibt und wollen auch keine Lösungen aufzeigen.
    • SrdjanM 02.02.2014 11:38
      Highlight Highlight Ein einzelner Bürger ist klug. Ein Volk oft nicht.
      Grosse Gruppe sind leichter beeinflussbar.
  • hpm 01.02.2014 10:32
    Highlight Highlight Ich finde den Bericht nicht ausgewogen. Er ist sehr einseitig - schade eigentlich von jemand der es wissen sollte!
  • papparazzi 01.02.2014 09:16
    Highlight Highlight Sehr geehrter Herr Dr. Strassberg

    Die Masseneinwanderung lässt sich leider nicht nur durch "Freud" erklären.

    Wenn die Psychoanalyse so genau ist, dann können Sie mir sicher sagen, wieso fälschlicherweise einige "Triebtäter", mit einem psychiatrischen Gutachten wieder frei gelassen wurden und in unserer Gesellschaft weiter mordeten?

    Man sieht bei diesen realen Vorfällen ja anschaulich und mit verheerenden Folgen dargestellt, was das Resultat von einseitiger Psychoanalyse sein kann. Dies sind bei weitem nicht nur "generierte" Ängste.

    Wieso kompliziert, wenn es auch einfach geht?
    Sie schreiben von der Lösung von Problemen in einer komplizierten Welt. Man kann sich sehr wohl daran machen in einer unübersichtlichen Welt wieder Ordnung und Struktur hinein zu bringen. Die Initiative ist ein Werkzeug dazu und ich bin froh, dass die SVP Partei diese ins Spiel gebracht hat.

    Beim Thema Masseneinwanderung geht es nämlich auch um die Längerfristigkeit, um Ausbeutung, um die Arbeitsplätze von Schweizer Firmen und deren Mitarbeitern. ut (dp)

    JA werde ich stimmen, für Regulierung und Masshaltung.
    • SrdjanM 02.02.2014 11:39
      Highlight Highlight Kennen Sie Freud?
    • papparazzi 22.02.2014 22:23
      Highlight Highlight Persönlich hatte ich nicht das Vergnügen:-) Aber anscheinend sind Sie schon um viele Jahre älter als ich:-) ut (dp)
  • Jidu 01.02.2014 08:53
    Highlight Highlight Ich finde den senf von "experten"nicht wirklich hilfreich in der sache.

Wie Henrik* jahrelang die Schläge seiner Frau über sich ergehen liess

Henrik erträgt die Schläge seiner Frau. Erst durch die Intervention der Nachbarn beschliesst er, auszuziehen. Dies ist kein Einzelfall, doch die Betroffenen schweigen meist aus Scham.

Ein dumpfer Schmerz durchzuckt Henrik (Name geändert). Ein Blick auf den Wecker, es ist 3 Uhr nachts. Die Fäuste fliegen, ein regelrechter Faustregen prasselt auf ihn nieder, wie so oft grundlos, aus dem Tiefschlaf. Henrik versucht, ruhig zu bleiben und wehrt sich nicht, denn er ist überzeugt, dass es nicht mehr lange dauert.

Er versucht sich mit Armen und Händen zu schützen. Trotzdem trifft ihn ein harter Faustschlag mitten ins Gesicht, die Nase knackt, es wird ihm schwindlig. Danach beginnt …

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