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Die Ungewissheit bringt die Angehörigen zur Verzweiflung.
Die Ungewissheit bringt die Angehörigen zur Verzweiflung.Bild: Reuters
Nigeria

Die entführten Schülerinnen werden mit Islamisten verheiratet und in Nachbarländer verschleppt

01.05.2014, 10:2701.05.2014, 15:24
Roman Rey
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Mehr als zwei Wochen ist es her, seit Kämpfer der Gruppe Boko Haram im Nordosten Nigerias 230 Schulmädchen entführt haben. Rund 40 konnten fliehen, doch ein Grossteil ist immer noch in den Fängen der Islamisten. Noch immer ist es der Regierung nicht gelungen, sie zu befreien – und die Berichte über ihr Schicksal werden immer düsterer.

Laut Bewohnern der Waldregion, wo sich die Entführer mutmasslich aufhalten, wurden viele der Mädchen mit Kämpfern zwangsverheiratet. Samson Dawah, dessen Nichte entführt wurden, erzählt dem Guardian: «Augenzeugen erzählten mir von Massenhochzeiten zwischen Boko-Haram-Mitgliedern und den Mädchen». 

Die Zeremonien seien am vergangenen Samstag und Sonntag mit Gewehrschüssen besiegelt worden. Danach habe man die Mädchen in drei Gruppen aufgeteilt und mit Trucks weggefahren.

In Nachbarländer verschleppt

Der Regierung läuft die Zeit davon. Offenbar wurden mehrere Mädchen in Nachbarländer verschleppt, so der Dorfälteste Pogo Bitrus zur Nachrichtenagentur AFP. Bewaffnete Boko-Haram-Kämpfer hätten zusammen mit Mädchen die Grenzen zu Kamerun und dem Tschad überquert. Die Mädchen seien für 2000 Naira – umgerechnet 11 Franken – an militante Islamisten verkauft worden. «Das ist mittelalterliche Sklaverei», so Bitrus zu BBC.

Die Regierung hält sich bedeckt. Sie hat sich bei der Suche nicht mit Ruhm bekleckert. Die nigerianische Armee startet immer wieder Operationen, bisher ohne Erfolg. Ein frustrierter Soldat sagt zum Guardian: «Jedes Mal, wenn wir die Mädchen retten wollten, liefen wir in einen Hinterhalt.» 

Es sei «klar», dass jemand in einer hohen Position den Islamisten Informationen zuschanze, so der Soldat weiter. Das Problem ist nicht neu: Bereits 2012 sagte Präsident Goodluck Jonathan, Boko Haram habe Informanten in hohen Regierungspositionen.

Die Angehörigen sind frustriert: «Alles, was ich von der Regierung will, ist, dass sie uns hilft, unsere Töchter zurückzubekommen», sagt ein Vater weinend zu Reuters. Einige nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand und suchen die umliegenden Wälder nach den Mädchen ab – so erfuhren die Einheimischen auch von den Massenhochzeiten. Viel machen können sie jedoch nicht. Die Boko-Haram-Kämpfer sind schwer bewaffnet, viele der Eltern haben nicht mehr als Pfeil und Bogen. 

Bild: Reuters

«Ich dachte, mein Leben ist zu Ende»

Am 14. April entführten Boko-Haram-Kämpfer 234 Schülerinnen eines Mädchengymnasiums in Chibok in der nordöstlichen Prozinz Borno. Die 18-jährige Deborah Sanya war unter ihnen. Sie ist eines der 40 Mädchen, die entkommen konnten. «Ich dachte, mein Leben ist zu Ende», sagt sie zum New Yorker.

Nach mehreren brutalen Boko-Haram-Attacken – etwa dem Massaker an 59 Schülern – hat die Regierung in der Gegend eine Massenschliessung von Schulen veranlasst. Das betroffene Internat in Chibok wurde jedoch während der Prüfungszeit kurzzeitig geöffnet. Die Entführer seien in der Nacht in Uniformen aufgetaucht und hätten den Mädchen gesagt, sie würden in Sicherheit gebracht. «Sie sagten: ‹Macht euch keine Sorgen, euch wird nichts passieren›», so Sanya.

Dann hätten die Männer Vorräte und andere Materialien genommen und das Schulgebäude in Brand gesetzt. Die Mädchen wurden in Lastwagen und auf Motorräder gebracht. Obwohl sie beunruhigt waren, dachten sie erst, sie seien in Sicherheit.

Erst als die Männer mit ihren Waffen in die Luft feuerten und «Allahu akbar» riefen, wurde Sanya bewusst, dass sie nicht sind, wer sie vorgaben zu sein. Sie begann zu beten und sah, wie mehrere ihrer Kolleginnen aus dem Truck sprangen.

Am Mittag erreichten sie das Camp der Terroristen, ein paar Dörfer entfernt. Die Islamisten zwangen ihre Schulkollegin zum Kochen. Zwei Stunden später überzeugte Sanya zwei Freundinnen zur Flucht. Sie rannten los und liessen sich auch nicht von den Wachen aufhalten, die sie zum anhalten aufforderten. Spät in der Nacht erreichten die Mädchen ein Dorf, wo sie ein Fremder übernachten liess. Tags darauf riefen sie ihre Familien an.

«Herr Präsident, retten Sie unsere Töchter»

Am Dienstag forderten Dutzende von Müttern in einer Demonstration vor dem nigerianischen Parlament, dass die Regierung ihre Bemühungen intensiviere. «Herr Präsident, retten Sie unsere Töchter», steht auf einem der Schilder. Eine Demonstrantin sagt zu AFP: «In den letzten Wochen hat niemand mit uns geredet.» Aktivisten im Internet wollen mit der Social-Media-Kampagne #BringBackOurDaughters darauf aufmerksam machen.

Bild: EPA/EPA

Die entführten Schülerinnen sind Christinnen und Muslimas – mit Religion dürfte die Entführung also nichts zu tun haben. Ihr einziges Vergehen scheint gewesen zu sein, dass sie zur Schule gingen. Der Name Boko Haram bedeutet übersetzt «Westliche Bildung ist Sünde».

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