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15. Dezember 2014: Geiselnahme in Sydney

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15. Dezember 2014: Geiselnahme in Sydney
quelle: epa/aap / lukas coch
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Der Tag danach

Sydney erwacht nach einer Albtraumnacht



Blass steigt die Sonne in den dunstigen Himmel auf über der Skyline von Sydney. Es ist Dienstag, 05.38 Uhr und die australische Metropole hat gerade eine schlimme Nacht hinter sich: Eine sechzehnstündige Geiselnahme in einem Café endete blutig. Ein Albtraum, leider kein Traum.

Die Kamerateams halten die Stellung. Dort, wo die Hunter Street in die Phillip Street mündet, haben sie sich auf das Trottoir gepflanzt, am Fusse von Wolkenkratzern mitten in Sydney. 150 Meter Asphalt und ein blau-weisses Absperrband trennen sie vom Tatort: Dem «Lindt Chocolat Café» im Geschäftsviertel Martin Place. Dort hat vor drei Stunden eine Geiselnahme mit 17 Personen für drei Menschen tödlich geendet. Das Rot in den Augen der TV-Kommentatoren zeugt von einer langen Nacht.

Der Geiselnehmer von Sydney

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Der Geiselnehmer von Sydney
quelle: epa/aap / dean lewins
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Ab und zu drückt ein Polizist das Absperrband auf den Boden und lässt ein Einsatzfahrzeug passieren. Sonst ist der Strassenabschnitt menschenleer. Nur ein paar Tauben tollen sich. Heute ist kein normaler Tag in Sydney. 

Nur vereinzelt huschen Passanten durch die Gassen, hier ein Mann im weissen Hemd und blauer Krawatte, dort eine Frau im schwarzen Deux-Pièces. Es riecht nach Parfum. Aber nicht nach Kaffee. «Hier stehen sie jeweils Schlange um diese Zeit, um ihren Cappuccino zu kaufen», sagt eine grauhaarige Frau. Dicke Hornbrille, Jupe und rote Backen. Sie deutet in Richtung Macquarie Street. Doch die Strasse ist genauso gesperrt, wie der ganze Sektor. Kein Durchkommen.

Zahlreiche Büros bleiben geschlossen

Sie müsse doch ins Gebäude Nummer 195, gleich da, hinter der Absperrung, gibt sie den Polizisten zu verstehen. Sie arbeite da in der Arztpraxis. Aber heute wird die Praxis geschlossen bleiben. Und tausende weitere Büros auch. «Es tut mir vor allem Leid um die Patienten, die wohl vergeblich kommen», sagt die Frau etwas ausser sich. Und sie selber sei auch umsonst aufgestanden.

Sie hätten erstaunlich viele Menschen wieder wegschicken müssen, sagt Guy von der Polizei: «Schauen die denn nicht fern?», sagt er müde. Er hat sich mit einem Kollegen in einen Hauseingang zurückgezogen und zieht an einer Zigarette. Auf den skeptischen Blick antwortet er: «Wir sind seit 23 Uhr hier.» Eine Rauchpause muss drinliegen. Es ist nicht mehr viel los hier.

In der Nacht sei das anders gewesen, sagen die beiden. Ihre Aufgabe: Leute davon abhalten, in die Sperrzone zu gelangen. Und ja, als ihre Kollegen das Café stürmten, sei das «eine unschöne Situation gewesen». Im betroffenen Café waren sie noch nie. «Ich kaufe die Lindt-Schokolade aber im Supermarkt.»

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Hier werden die Geiseln befreit. youtube

«Hätte nie gedacht, dass das hier geschehen könnte»

Noch am letzten Sonntag habe er im Lindt-Café eine heisse Schokolade getrunken, sagt der Sicherheitsmann beim Gebäude, das die Deutsche Bank beheimatet. Er lehnt an eine eiserne, mehr als mannshohe Zauntüre. «Arbeiten Sie hier?», fragt er schroff und deutet auf einen Zettel, der neben ihm an der Wand hängt. Das Gebäude gehöre zum Sicherheitsgürtel, steht da geschrieben. Egal, ob die Geiselnahme zu Ende sei oder nicht: Der Zugang bleibe blockiert.

Es könne noch eine Woche dauern, bis die Umgebung wieder normal zugänglich sei, hätten ihm die Polizisten gesagt. «Stell Dir vor: Das Gebäude hat 35 Stockwerke», sagt der Sicherheitsmann, der seinen Namen nicht genannt haben will. Niemand müsse hier heute zur Arbeit erscheinen. Ausser er. Von 19 bis 6 Uhr dauert seine Nachtschicht. 

Man habe ihn vor Arbeitsbeginn darauf hingewiesen, er solle seine Augen offenhalten. Sonst nichts besonders. Von der Geiselnahme hatte er zuvor bereits im Radio erfahren. Als dann die Schüsse fielen, sei es dann aber doch unheimlich gewesen. «Nie hätte ich gedacht, dass so etwas hier passieren könnte.»

Nach und nach erwacht die Innenstadt. Wer nicht im abgesperrten Teil des Stadtzentrums sein Büro hat, solle normal zur Arbeit erscheinen, hatten die Behörden die Leute aufgefordert. Nicht wenige dieser Leute legen nun Blumen beim Martin Place hin. (sda)

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