Gesellschaft & Politik
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Acht-Millionen-Raub

Haben Meisterdiebe von Pink Panther in Basel zugeschlagen? 

Bild: AP

Mit Diamanten im Wert von über acht Millionen Franken spazierten im März 2011 Diebe aus der Basler Uhren- und Schmuckmesse. Einer der Täter wurde 2013 in Ungarn gefasst und steht diesen Monat in Basel vor Gericht.



Es ging alles glatt. Keine Gewalt, keine Waffen. Am Morgen des 30. März 2011 interessierten sich fünf Männer offenbar besonders für die Diamanten am Stand C41 der Uhren- und Schmuckmesse in Basel. Zwei der Männer verwickelten die Standangestellen mit ganz banalen Fragen in ein Gespräch und lenkten so deren Aufmerksamkeit auf sich. 

Die anderen drei hatten sich bereits vor je einer der Vitrinen postiert, öffneten diese in einem unbeobachteten Moment, griffen sich vier Diamanten und marschierten mit ihrer über 8 Millionen Franken schweren Beute aus dem Messegelände. Entdeckt wurde der Raub erst Minuten später.

Eine kleine Fingerübung als Vorbereitung

Was so einfach aussieht, wurde minutiös vorbereitet. Der mutmassliche Haupttäter, D.V., soll an der Messe ein Jahr zuvor mit zwei Komplizen bereits eine kleine Fingerübung zum Besten gegeben haben. Damals erbeutete er vom Stand eines libanesischen Händlers Schmuck im Wert von über 270'000 Franken. Das Vorgehen war beide Male das Gleiche: Die Diebe hatten sich vor dem Raub Schlüssel für die Vitrinen besorgt oder deren Schlösser präpariert.  

Die konkreten Vorbereitungen für den Acht-Millionen-Coup begannen bereits zwei Wochen vor Messebeginn. Die Komplizen von D.V. hatten sich während dem Aufbau der Baselworld als Messeaufsteller getarnt und die Vitrinen am Stand C41 für ihre Bedürfnisse modifiziert. Drei Tage vor Messebeginn griff dann der mutmassliche Haupttäter D.V. in das Geschehen ein. Er veränderte mit einer Holzlatte den Aufnahmewinkel der Überwachungskamera. 

In den ersten Tagen der Messe besuchten die Schmuckräuber immer wieder den Stand C41, um Betriebsabläufe und Fluchtwege auszukundschaften. Dabei veränderten sie ihre Aussehen jedesmal. Am 30. März kurz vor 10.00 Uhr schlugen sie dann zu. So werden die Vorbereitungen und der Raubzug in der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Basel-Stadt geschildert.

Die Handschrift der Pink Panther

Ein paar Müsterchen der Pink Panther, inklusive einem Gefängnisausbruch in der Schweiz. Quelle: YouTube

Vieles deutet darauf hin, dass es sich bei den Schmuckdieben um Mitglieder der berühmt-berüchtigten Räuberbande Pink Panther handelte. Dafür sprechen die sorgfältigen Vorbereitungen, dass es zu keiner Gewalt gegen Menschen gekommen ist und dass der Haupttäter D.V. aus Montenegro stammt. Sein Anwalt behauptet allerdings, sein Mandant habe nichts mit den Pink Panther zu tun. Es handle sich hier um einen reinen Trickdiebstahl. Der von Interpol gesuchte Mann wurde am 9. September 2013 in Ungarn festgenommen.

Am Montag 17. Februar steht D.V. wegen mehrfachem gewerbs- und bandenmässigem Diebstahl vor dem Strafgericht Basel-Stadt. Seine Komplizen sind noch flüchtig. In der Anklageschrift heisst es: «Sowohl beim Beschuldigten als auch bei seinen Komplizen bestand der Wille, inskünftig in arbeitsteiliger und den individuellen Fähigkeiten der einzelnen Bandenmitglieder hinreichend Rechnung tragender Weise und nach der Art einer Bande an der Uhren- und Schmuckmesse (…) vorgängig exakt bestimmte Schmuckstücke zu stehlen». Besser kann man die Methoden der Pink Panther kaum schildern. 

Moderne Terroristen oder Robin Hoods?

340 Einbrüche in 35 Ländern und 400 Millionen Franken Diebesgut: Das ist die vorläufige Bilanz. Damit sind die Pink Panther die erfolgreichsten Juwelendiebe der Welt. Sie sind um die Jahrtausendwende erstmals richtig wahrgenommen worden. Für die einen sind sie moderne Terroristen, andere vergleichen sie mit Robin Hood. 

Von diesem Film aus dem Jahr 1963 stammt der Name Pink Panther. Quelle: YouTube

Die Pink Panther sind eine Frucht des Balkankriegs. Während der Zeit des Handelsembargos (1991 bis 1996) blühte in Ex-Jugoslawien der Schwarzmarkt und der Schmuggel: Jeans, Drogen, Waffen, Gemälde, alles hätten sie geschmuggelt, sagte ein Mitglied der Panthers im Dokfilm: Meisterdiebe im Diamantenfieber

Aus den Schmugglern und anderen Kriminellen aus Serbien und Montenegro entwickelte sich ein Netzwerk, dass zunächst europaweit und später auch weltweit agierte und sich auf den Raub von Juwelen und Schmuck spezialisierte. Über die Zahl ihrer Mitglieder wird spekuliert. Interpol rechnet mit Hunderten von Mitgliedern. 

Jedes Detail muss stimmen

Die Raubzüge werden sorgfältig geplant und erinnern an den Film, dem die Pink Panther ihren Namen verdanken. So strichen sie vor einem Überfall auf einen Juwelier in Biarritz eine Parkbank und schrieben auf ein Schild «Vorsicht, frisch gestrichen!», um zu verhindern, dass sich dort mögliche Zeugen hinsetzten. Oder als sie in Saint-Tropez zur Tat schritten, hatten sie sich Hawaiihemden und Shorts angezogen und flüchteten zu Fuss in den Yachthafen, wo ein Schnellboot auf sie wartete. 

Trailer zum Dokfilm «Meisterdiebe im Diamantenfieber» Quelle: YouTube

Selbst aus dem streng bewachten Dubai gelang ihnen die Flucht, weil sie den Flugplan bei den Vorbereitungen miteinbezogen hatten. «Sie begehen eine Tat und verlassen dann blitzschnell nicht nur die Stadt, sondern auch das Land», sagt ein deutscher Fahnder dem Magazin GQ.

Nach ihren Raubzügen flüchten die Pink Panthers oft in ihre Heimat Serbien oder Montenegro. Dort verfügen sie über zahlreiche Beziehungen, die sie vor einer Verhaftung schützen - und fast ebenso wichtig - die mithelfen, die gestohlenen Schmuckstücke zu Geld zu machen. Dabei werden die Juwelen meist umgeschliffen, so dass sie nicht mehr erkennbar sind. 

Die grössten Überfälle. Quelle: YouTube

Sympathie in der Bevölkerung

In ihrer Heimat geniessen die Pink Panther die Sympathie der Bevölkerung. Sie gelten als Männer, die kaum Gewalt anwenden, nur die Reichen bestehlen und ihre fette Beute Zuhause investieren oder ausgeben. Diesem Bild widerspricht der deutsche Fahnder: «Es handelt sich um kalt berechnende Berufskriminelle, und dass noch niemand ermordet oder schwer verletzt wurde, ist ein glücklicher Zufall. Diese Männer werden nicht zögern, zu töten, wenn während eines Überfalls etwas schiefgeht.»

Auch der Nimbus, dass es fast nie zu Festnahmen von Mitgliedern der Pink Panther kommt, bröckelt. Unterdessen haben sich nämlich ihre Jäger ebenfalls vernetzt. Interpol hat das «Project Pink Panthers» gestartet. Seither ist es immer wieder zu Verhaftungen gekommen, wie etwa auch im Fall des mutmasslichen Basler Haupttäters D.V.  

Die schöne Leila und der Coup von Barcelona

Es ist eine erfolgreiche Strategie der Bande, als Kundschafter sehr attraktive, teuer gekleidete Frauen einzusetzen. «Die Frauen bei den Pink Panthern müssen wirklich aussergewöhnlich sein», sagt ein Bandenmitglied mit dem Tarnnamen Mike im erwähnten Dokufilm. Sie müssten auftreten wie Madonna. 

pink panther

So wurde Leila im Dokufilm «Meisterdiebe im Diamantenfieber» dargestellt. Bild: 

So eine Frau war Leila, die sich, ohne es zu wissen, in Deutschland in einen Pink Panther verliebt hatte. Als er ihr das gestand, war sie nicht etwa schockiert, im Gegenteil, sie wollte auch mitmachen. Die Voraussetzungen dazu hatte sie: «Ich sah extrem gut aus», sagte Leila in die Kamera. 

Der Ladenbesitzer verguckt sich in Leila

Die Gelegenheit ergab sich in Barcelona, beim «grössten Ding», das Mike je gedreht haben soll. Es sei ein wunderbarer Schmuckladen voll von Diamanten gewesen. Die Planungsphase dauerte vier Monate. Die Bande beschloss, über den neben dem Schmuckladen gelegenen Souvenirshop an die Diamanten zu kommen. Zu diesem Zweck machte sich die schöne Leila an den Souvenirhändler heran. 

Das gelang ihr. Der Mann konnte ihrer Attraktivität nicht widerstehen und stellte sie sogar in seinem Souvenirshop an. Sie verbrachte viel Zeit mit ihm, musste aber nicht mit ihm ins Bett, ihr blosser Anblick habe ihn glücklich gemacht, sagt Leila im Film. Während dieser Zeit kundschaftete sie den Shop aus, merkte sich die Gewohnheiten ihres Bewunderers, entschied welche Wand zum Schmuckladen am besten zu durchbrechen war und studierte Fluchtwege. 

Barcelona im Festrausch

Vier Monate später war es soweit. In Barcelona wurde ein Feiertag begangen. Die Stadt war eine lärmige Festhütte mit Musik, Tanz und Feuerwerk auf den Strassen. Vier vermummte Männer drangen in den Souvenirshop ein und schlugen mit Pickel ein Loch in die Wand zum Schmuckladen.

Die alarmgesicherten Vitrinen beachteten sie nicht, sie wussten, dass darin nur Imitate waren. Für die Panthers war klar, der Schmuck ist immer im Safe. Diesen lösten sie mit einem Wagenheber aus seiner Verankerung und schafften ihn in einen Transporter, wo ein weiterer Komplize wartete. 

Zur Beute gehörte auch ein Dildo

Dann fuhren sie aus der Stadt in einen Wald, wo sie den Safe knackten. Der war randvoll: Drei Taschen voll Edelsteine, zwei Taschen mit Armbändern und eine Tasche mit Uhren. In den Zeitungen sei der Wert der Beute auf drei Millionen Franken geschätzt worden, sagt Mike im Dokufilm. 

Ob sich dieser Coup in Barcelona wirklich so abgespielt hatte, bleibt unklar. Eine Recherche im Internet hat keine entsprechenden Hinweise auf einen solchen Schmuckraub ergeben. Wir bleiben auf die Aussagen von Mike und Leila angewiesen. Möglich, dass die beiden die Geschichte etwas abgeändert haben. Nicht gesichert ist auch, dass sich im Safe noch ein weiteres Schmuckstück befunden haben soll, das weder in einem Polizeibericht noch in der Presse erwähnt wurde: Ein Dildo. 

Drei Millionen Franken in 58 Sekunden

Der Dubai-Coup. Quelle: YouTube

58 Sekunden dauerte die Aktion vom 15. April 2007 in Dubai. Mit zwei Audi A8 rammen die Pink Panther die Glasfront eines Shopping-Centers und bremsen vor einem Juweliergeschäft. Die vermummten Räuber steigen aus und stürmen in den Laden. Die Mitarbeiter des Geschäfts bringen sich im hinteren Teil des Ladens in Sicherheit. Im Innern schlagen die Diebe mit Hämmern die Glasscheiben zu den Schaufenstern ein und greifen nach den Schmuckstücken.

Dann hupt es zweimal, das Signal, dass die Zeit abgelaufen ist. Die Männer stürmen aus dem Juweliergeschäft zu den Autos und rasen davon. Die Kunden im Shoppingcenter schauen fassungslos zu. Die Täter können ins Ausland flüchten. Wert der Beute: Drei Millionen Franken.

DNA-Spuren führen zu den Tätern

Bild

Milan Ljepoja und Bojana Mitic sollen am Coup in Dubai teilgenommen haben.Dank der Überwachung von Mitics Telefon gelang es, acht Panther zu identifizieren Bild: Interpol

Die Polizei findet später die ausgebrannten Audis. Die Täter wollten so ihre Spuren beseitigen. Doch für einmal waren sie nicht gründlich genug. Es konnten DNA-Spuren gesichert werden, die ans Hauptquartier von Interpol in Lyon geschickt wurden. Die Proben waren mit der DNA von zwei Männern identisch, die wegen Raubs in Liechtenstein gesucht wurden, eine dritte Probe passte zu einem Raub in einem Schweizer Schmuckgeschäft.

Weil die beiden Audis gemietet waren, stiess die Polizei über eine Telefonnummer im Vertrag auf die 25-jährige Blondine Bojana Mitic aus der serbischen Stadt Nis. Dank der Überwachung von Mitics Telefon gelang es, acht Panther zu identifizieren – sechs stammten aus Serbien, einer aus Montenegro und einer aus Bosnien. 

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