Gesellschaft & Politik
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Historische Hintergründe

Die Ukraine – Geschichte eines gespaltenen Landes

Bild: AP

Wendet sich das Land zwischen Russland und Europa nun nach Westen? Auf dem Maidan in Kiew geht es um die Zukunft der Ukraine – doch der blutige Kampf ist ohne die bittere Vergangenheit nicht zu verstehen.



Schüsse knallten, Blut floss; Verletzte und Tote lagen auf den Strassen im Zentrum von Kiew. Wo vor noch nicht einmal zwei Jahren Fussball-Fans an der Europameisterschaft ein friedliches Fest feierten, tobte noch vor einigen Stunden der Machtkampf zwischen Opposition und Obrigkeit.

Wie konnte es zu diesem Gemetzel in der ukrainischen Hauptstadt kommen? Auf dem Maidan geht es nicht nur um Anliegen wie Demokratie und den Kampf gegen eine korrupte Regierung; hier wird die Frage entschieden, wo die Zukunft der Ukraine liegt – in Brüssel oder Moskau.

Besondere Brisanz erhält dieser Richtungsstreit, der das Land zu zerreissen droht, durch die Bitterkeit, mit der beide Lager die Vergangenheit betrachten. Dieselben Ereignisse aus der an Massakern nicht gerade armen ukrainischen Geschichte sieht beispielsweise ein nationalistischer Westukrainer aus Lwiw (Lemberg) ganz anders als eine russischsprachige Jüdin aus Donezk. 

Warum im Westen des Landes Denkmäler für Leute stehen, die man im Osten als Kriegsverbrecher und Nazi-Kollaborateure verachtet, soll dieser Abriss der ukrainischen Geschichte in Bildern verdeutlichen: 

Russlands Wiege stand in Kiew

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Wichtige Weichenstellung: Wladimir I., der Heilige, dessen Konterfei hier auf einem ukrainischen Geldschein prangt, übernahm 988 den orthodoxen Glauben aus Konstantinopel. Dies förderte die kulturelle Trennung der Ostslawen von Mitteleuropa. 
Das Kerngebiet seines Reichs, der «Kiewer Rus», lag um Kiew. Nicht zuletzt auf dem Umstand, dass dieses erste ostslawische Staatsgebilde die Keimzelle Russlands war, fusst heute noch das russische Verständnis der Ukraine als integraler Teil der russischen Sphäre. Für nationalistische ukrainische Historiker dagegen sind die Ukrainer die einzigen legitimen Erben des Kiewer Reichs.
Nicht weit südlich von Kiew erstreckte sich damals der Grenzsaum – im Namen «Ukraine» steckt das slawische Wort «krai» für «Rand, Grenze» – zwischen der slawischen Siedlung und den nomadisierenden Völkern der Steppe, dem «Wilden Feld»
Bild: Wikipedia

Die polnisch-litauische Herrschaft

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Mit dem Untergang der Kiewer Rus im Mongolensturm geriet die Ukraine unter eine Jahrhunderte andauernde Fremdherrschaft. Von Westen her drang der polnisch-litauische Unionsstaat vor, der bald den grössten Teil der heutigen Ukraine beherrschte. Damit intensivierte sich der westliche Einfluss in diesen Gebieten. Mehrere orthodoxe Bischöfe in der Ukraine schlossen sich 1594 der katholischen Kirche an, behielten aber ihren byzantinischen Ritus bei (griechisch-katholische Kirche). Die sogenannten unierten Gläubigen wurden später, als Russland weite Gebiete in der Ukraine gewann und die griechisch-katholische Kirche unterdrückte, zu einer Hauptstütze der ukrainischen Nationalbewegung.  Bild: Polnisch-litauischer Unionsstaat 1569 / Wikimedia/Mathiasrex

Aufstand der Kosaken

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Unter der polnisch-litauischen Herrschaft gewann auch der Katholizismus an Boden. Dagegen erhoben sich 1648 die orthodoxen Kosaken unter Bohdan Chmelnyzkyj, wobei es zu entsetzlichen Massakern an Polen und Juden kam. Die Kosaken gründeten ein eigenes Staatswesen, das Kosaken-Hetmanat, das sich aber bald unter den Schutz des russischen Zaren stellte. Die Ukraine wurde entlang des Dnjepr zwischen Polen und Russland geteilt. In der Folge drang Russland immer weiter nach Westen vor: Nach der dritten polnischen Teilung 1795 befand sich die gesamte Ukraine in russischer Hand, nur der Westen um Lwiw wurde österreichisch.
Bild: Mykola Ivasiuk; Bohdan Chmelnyzkyjs Einzug in Kiew / ukrainianstudies.org 

Der «Holodomor» – die ukrainische Ur-Katastrophe

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Nach einem kurzen eigenstaatlichen Intermezzo nach dem Ersten Weltkrieg wurde die Ukraine gewaltsam von der Sowjetunion einverleibt. Die Sowjets förderten die Industrialisierung im Osten stark; der Westen ist dagegen heute noch strukturschwach. Die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft, die zu einer katastrophalen Hungersnot führte, weckte in der ukrainischen Sowjetrepublik starke anti-russische Gefühle. Dem «Holodomor» (Hungertod), der von manchen Historikern als absichtlich inszenierter Völkermord bezeichnet wird, fielen 1932 – 1933 schätzungsweise 3,5 Millionen Ukrainer zum Opfer. Obwohl es im Süden und Osten mehr Opfer gab, ist das Gedenken an diese Katastrophe heute im Westen stärker verankert. 
Weitere Opfer forderten die Säuberungen Stalins, die ihren Höhepunkt 1936 – 1938 erreichten und sich auch gegen ethnische Minderheiten richteten.
Bild: Ukrainische Hungerflüchtlinge / rferl.org

Unheimliche Nationalisten

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Die ukrainische Nationalbewegung war besonders in der Westukraine stark, die nach dem Ersten Weltkrieg zu Polen kam und beim Ausbruch des Zweiten Weltkriegs von der Sowjetunion besetzt wurde. Die 1929 gegründete Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) bildete bald einen militärischen Arm, dessen radikaler Flügel von Stepan Bandera (Bild) geführt wurde. Beim Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion richteten dessen Verbände in Lwiw ein Massaker an Juden und Kommunisten an, dem 7000 Menschen zum Opfer gefallen sein sollen. 
Viele nationalistische Ukrainer sahen die Deutschen zunächst als Befreier; ukrainische Hilfstruppen beteiligten sich an der Vernichtung der Juden, ukrainische Freiwillige dienten in der Waffen-SS. Bandera gilt in der Westukraine als Freiheitskämpfer, vor allem für die Anhänger der rechtspopulistischen Partei Svoboda, während er im russischsprachigen Osten als Faschist und Kriegsverbrecher verhasst ist. 
Bild: PD

Gespaltenes Land

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Der Gegensatz zwischen der Westukraine und dem Osten und Süden des Landes brach wieder auf, als die Ukraine nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ihre Unabhängigkeit zurück erlangte. Bei den Präsidentschaftswahlen 2004, die als Richtungswahl für die Ost- oder Westausrichtung des Landes galten, zeigte sich der Graben exemplarisch: In den westlichen Landesteilen, besonders um Lwiw, konnte der proeuropäische Kandidat Viktor Juschtschenko über 90 Prozent der Stimmen gewinnen. Ähnliche Resultate erzielte sein Rivale, der prorussische Kandidat Viktor Janukowitsch, im östlichen Donezbecken. 
Monate vor der Wahl hatte Juschtschenko eine Dioxinvergiftung erlitten, die sein Gesicht entstellte. Möglicherweise war er vom ukrainischen Inlandgeheimdienst vergiftet worden. 
Grafik: 2. Stichwahl, Dezember 2004 / Wikipedia

Orange Revolution

Opposition presidential candidate Viktor Yushchenko (L) gesticulates as his top political ally Yulia Timoshenko (C) and winner of Eurovision 2004 Ruslana Lyzhychko (R) listen during a rally in Independence square in Kiev, Ukraine, early Monday, 27 December 2004. Yuschenko declared victory early Monday in the rerun of Ukraine‘s second-round presidential election. With 51 per cent of the vote counted, Yuschenko had 56.3 per cent of the popular vote, with Prime Minister Viktor Yanukovich at 39.9 per cent, according to results made public by the Central Elections Commission (CEC).  EPA/SERGEY DOLZHENKO

Als Janukowitsch nach der Stichwahl im November 2004 zum Sieger erklärt wurde, kam es zu einem mehrwöchigen, friedlichen Massenprotest gegen die Wahlfälschungen. Diese sogenannte Orange Revolution, deren Protagonisten Juschtschenko (l.) und die Oppositionsführerin Julia Timoschenko (M.) waren, erzwang die Wiederholung der Stichwahl, die dann von Juschtschenko gewonnen wurde. 
Die beiden Galionsfiguren der erfolgreichen Revolution zerstritten sich in der Folge aber bald. Juschtschenko, dem es als Präsident nicht gelungen war, das in ihn gesetzte Vertrauen in politische Erfolge umzumünzen, entliess Timoschenko als Ministerpräsidentin schon im September 2005. Bei den Präsidentschaftswahlen 2010 unterlag er Janukowitsch. Die politische Blockade des Landes als Folge des Patts zwischen West und Ost blieb bestehen. 
Timoschenko, die eine zweite erfolglose Amtszeit als Ministerpräsidentin hinter sich hatte, wurde nach Janukowitschs Sieg wegen Amtsmissbrauch vor Gericht gestellt und zu sieben Jahren Haft verurteilt. Sie kam erst am 22. Februar 2014 frei – und will nun Präsidentin werden. 
Bild: EPA

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    Alle Leser-Kommentare
  • poesie_vivante 22.02.2014 20:23
    Highlight Highlight Sehr schöner Artikel! Zu den in Kiew sich abspielenden Ereignissen würden anstatt Worte auch Musik eines noch lebenden in Kiew arbeitenden Komponisten bestens passen, nämlich von Valentin Silvestrov sein unglaublich inniges "Testament" nach dem Gedicht des ukrainischen Nationaldichters Taras Schewtschenko, das als heimliche Hymne der Ukraine fungiert:
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