Gesellschaft & Politik
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Wanderarbeiter auf einer WM-Baustelle in Doha. Bild: Waldemar Da Rin

Fussball-WM 2022

Gastarbeiter in Katar: Die Wahrheit liegt neben dem Platz

Mögliche Korruption bei der WM-Vergabe, tote Arbeiter auf den Baustellen: Katar kommt nicht aus den Negativschlagzeilen. Dabei hat die miserable Lage der Gastarbeiter wenig mit der Fussball-WM zu tun.

Christoph Sydow, Spiegel Online

Ein Artikel von

Spiegel Online

In acht Jahren soll in Katar der Ball rollen. Doch dass die Fussball-Weltmeisterschaft 2022 tatsächlich in dem Golfemirat ausgetragen wird, ist ungewisser denn je. Der britische «Telegraph» hatte Mitte März neue Korruptionsvorwürfe gegen das Herrscherhaus in Doha erhoben. Der Zeitung liegen nach eigenen Angaben Dokumente vor, die belegen, dass ein Unternehmen aus Katar Millionengelder an Jack Warner und seine Familie überwiesen hat. Warner gehörte als damaliger Fifa-Vizepräsident zu den 22 Personen, die im Dezember 2010 die Weltmeisterschaft an Katar vergaben.

Die «Telegraph»-Enthüllungen reihen sich in die lange Kette negativer Schlagzeilen aus Katar. In den vergangenen Monaten waren es vor allem die verheerenden Arbeitsbedingungen in Katar, die für Aufsehen sorgten. Dutzende Bauarbeiter aus Nepal, Indien oder Bangladesch seien auf den WM-Baustellen ums Leben gekommen, kritisierten Amnesty International und Human Rights Watch. Zehntausende andere schufteten unter menschenunwürdigen Bedingungen – ohne Papiere, abhängig allein von der Gunst eines einheimischen Bürgen, der allein darüber bestimmt, wie lange der Arbeiter im Land bleibt.

epa03955192 An Amnesty International handout photo dated 2012 shows a migrant worker sitting on a bunk bed in his accommodation in Qatar. Amnesty International on 17 November 2013 released a report blasting the conditions of migrant construction workers in Qatar, as the country prepares its infrastructure for the 2022 FIFA football World Cup. Workers in the oil- and gas-rich Gulf state suffer difficulties including “non-payment of wages, harsh and dangerous working conditions, and shocking standards of accommodation,” the Britain-based rights group said.  EPA/AMNESTY INTERNATIONAL/HANDOUT MANDATORY CREDIT: AMNESTY INTERNATIONAL HANDOUT EDITORIAL USE ONLY/NO SALES

Neben dem Fussballplatz ist der Platz begrenzt: Ein Wanderarbeiter wird von Mitarbeitern von Amnesty International in seinem Zimmer, das er mit anderen Arbeitern teilen muss, fotografiert.  Bild: EPA

Die Reporterin Kristina Milz hat für die Zeitschrift «Zenith» als eine der wenigen ausländischen Journalisten die Baustellen und Arbeiterunterkünfte in Katar besucht und mit Betroffenen gesprochen. Ihr Fazit nach mehrwöchiger Recherche vor Ort: «Die Kritik an den Zuständen in Katar ist oberflächlich und geht am Kern des Problems vorbei.»

Geltende Gesetze werden ignoriert

Die Polemik gegen die reichen Scheichs vom Golf, die andere für sich schuften lassen, um selbst anstrengungslosen Wohlstand zu geniessen, lässt nämlich ausser Acht: Auch deutsche Unternehmen verdienen an der Ausbeutung mit. 200 Milliarden US-Dollar will Katars junger Emir Tamim Bin Hamad in den kommenden Jahren investieren. Deutsche Firmen wie Hochtief, Bilfinger Berger und Siemens sind etwa am Bau der Planstadt Lusail und der Errichtung moderner Stadtviertel in Doha beteiligt. Hinzu kommen ein neuer Flughafen und ein modernes Schienennetz.

Die Unternehmen verweisen gegenüber SPIEGEL ONLINE in fast wortgleichen Erklärungen darauf, dass sie eng mit den Behörden, Menschenrechtsorganisationen und der Internationalen Arbeitsorganisation zusammenarbeiteten, um die Situation der Arbeitnehmer zu prüfen und zu verbessern.

All diese Projekte würden auch gebaut, wenn die Fifa Katar die WM wieder wegnehmen sollte. Denn die WM-Baustellen, von denen so oft die Rede ist, existieren noch gar nicht. Für die zwölf Stadien, in denen die Spiele in acht Jahren ausgetragen werden sollen, wurde noch kein einziger Spatenstich getan.

Der Generalsekretär des Organisationskomitees, Hassan al-Thawadi, schwärmt von neuen Richtlinien für Arbeiter, die er mit internationalen Menschenrechtsorganisationen ausgehandelt habe. Nur: Bislang hat noch niemand diese Richtlinien gesehen. Angeblich sollen sie in den kommenden Monaten veröffentlicht werden. Ohnehin scheint dieser Schritt kaum mehr als blosse Kosmetik zu sein: «Von den geplanten 200 Milliarden Dollar an Investitionen wird für die WM nur ein Bruchteil ausgegeben», kritisiert Milz. «Den meisten Gastarbeitern wäre mit den neuen Richtlinien daher eh nicht geholfen.»

Schon jetzt werden die geltenden Gesetze, die Katars Gastarbeiter schützen sollen, oft schlicht ignoriert. In einer Verordnung des Ministeriums für Wohnungswesen aus dem Jahr 2005 ist etwa eindeutig geregelt, dass jedem Arbeiter in seiner Unterkunft mindestens vier Quadratmeter Platz zur individuellen Entfaltung zustehen. Ausserdem steht eigentlich jedem Arbeiter ein Einzelbett zu. Die Realität, die Milz in Arbeiterunterkünften zu sehen bekam, sah ganz anders aus: Sechs Männer teilten sich ein Zimmer, das nur für vier Personen ausgelegt war. Entgegen der Vorschrift mussten die Arbeiter in engen Doppelstockbetten schlafen. «Der Raum war so eng, dass sich die Männer kaum um ihre eigene Achse drehen konnten», sagt Milz.

«Wo waren die Argumente vor einigen Jahren?»

Boris van Thiel, als Chef des Deutschen Wirtschaftskreises Katar der oberste Netzwerke der im Land tätigen deutschen Unternehmen, kann die Schelte nur zum Teil nachvollziehen. «Ich finde es unfair, die Arbeitsbedingungen mit denen in Deutschland zu vergleichen», sagte van Thiel der «zenith». «Ich frage mich schon, warum dieses Thema gerade jetzt so präsent wird – wo waren die Argumente vor einigen Jahren?»

Tatsächlich sind die schlechten Bedingungen, unter denen Südasiaten in den Golfstaaten schuften müssen, kein neues Phänomen. Die Glitzerfassaden der Skylines von Doha oder von Abu Dhabi und Dubai in den benachbarten Vereinigten Arabischen Emiraten sind schliesslich ihr Werk.

Seitdem die WM 2022 auf die Arabische Halbinsel vergeben wurde, schaut die Welt genauer hin. Kristina Milz sieht nach ihren Recherchen darin immerhin eine kleine Chance für die Gastarbeiter auf Besserung ihrer Lage. Die Journalistin sagt: «Vielleicht ist die Entscheidung der Fifa das Beste, was den Arbeitsmigranten in Katar passieren konnte.»

24.03.2014; Doha; Ausland - Doha;
Baumschienen, im Hintergrund die Skyline von Doha (Waldemar Da Rin/freshfocus)

Baustelle vor der Skyline von Doha. Bild: Waldemar Da Rin



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    Alle Leser-Kommentare
  • papparazzi 19.04.2014 21:10
    Highlight Highlight Es lebe die WM. Sie können für die Toten Wanderarbeiter und Ihre Familien dann ja eine Schweigeminute machen oder ein "Allah u akbar" von den Türmen schreien... "Inschallah", es ist halt so geschehen und der Wille Allahs. ut (dp)

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