Gesellschaft & Politik
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Marco Stäuble

«Daniel Anrig war ein fairer und korrekter Vorgesetzter.» Bild: zvg

Interview mit einem Gardisten

«Die Schweizergarde ist die letzte Söldnertruppe der Schweiz»

Marco Stäuble aus Gansingen hat vom Februar 2010 bis März 2012 unter Kommandant Daniel Anrig in der Schweizergarde gedient. Die Vorwürfe gegen Anrig lässt er nicht gelten.

thomas wehrli



Ein Artikel der

Herr Stäuble, der Papst setzt den Kommandanten der Schweizergarde, Daniel Anrig, im Januar ab. Sie haben von Februar 2010 bis März 2012 unter ihm gedient. Wie haben Sie ihn erlebt? 
Ganz anders, als er nun dargestellt wird. Ich erlebte ihn als aufgeschlossenen, fairen und korrekten Vorgesetzten. Natürlich war er auch streng und legte grossen Wert auf Disziplin. 

Braucht es diese Strenge? 
Ja, denn rund 100 20- bis 25-jährige Burschen zu führen, ist nicht einfach. Ohne die nötige Strenge ginge das nicht. 

Was geht in Ihnen vor, wenn Sie nun die Vorwürfe an Anrig – reformunwillig, arrogant, protzig, knallhart – lesen? 
Es macht mich traurig und wütend zugleich. Ich weiss, dass es nicht stimmt, und dass nun eine Privatperson derart durch den Dreck gezogen wird, geht aus meiner Sicht gar nicht. 

Ein Vorwurf ist, dass die Garde «zu militärisch» geführt wird. Stimmt das nicht? 
Nein, überhaupt nicht. Ich habe den Dienst nicht als «zu militärisch» oder «zu hart» erlebt. Kommandant Anrig hat seine Linie gehabt – und diese auch durchgezogen.

Ist der Dienst mit unserem Militärdienst vergleichbar? 
Nein, er ist ganz anders. Im Militär habe ich viele Sachen erlebt, von denen ich sagen musste: Das bringt es nun wirklich nicht, das ist reine Schikane. Das gibt es bei der Schweizergarde nicht. Man merkt, dass alle freiwillig da sind und es keine Querschläger wie im Militär gibt. 

Ist es denn nicht hart, stundenlang am selben Ort zu stehen, ohne mit der Wimper zucken zu dürfen? 
Die Schweizergarde auf diese Wachen zu reduzieren, greift reichlich kurz. Zugegeben: Gerade die Thronwachen gehen schon an die Substanz. Aber da wird bei der Einteilung auch darauf geachtet, dass man dafür die Bodenständigen einsetzt, die auch so lange durchhalten können. Die längste Zeit, die ich selber stramm stand, waren dreieinhalb Stunden. Das ist hart, ganz klar, aber das ist vor allem Kopfsache. Es ist auch klar, dass man in diesem Ehrendienst nichts trinken kann; das sähe reichlich schräg aus. Ich hatte mit diesen Diensten kein Problem, denn ich wusste, als ich nach Rom ging: Das gehört dazu. 

Papst Franziskus pflegt einen brüderlicheren Stil als sein Vorgänger, Papst Benedikt. Er stellt einem Gardisten schon mal einen Stuhl hin und redet mit ihm. 
So anders war das unter Papst Benedikt nicht. Er kam auch vorbei, redete einige Worte mit uns. Er sprach sicher weniger, aber das liegt an den unterschiedlichen Persönlichkeiten. Zudem: Ich weiss nicht, ob ich gleich absitzen würde, wenn mir der Papst einen Stuhl hinstellt. Schliesslich ist er eine Respektsperson. 

Steht man als Gardist im Dienst eigentlich immer? 
Nein. Der Dienstposten vor der päpstlichen Wohnung beispielsweise hatte ein Pult samt Stuhl. Man sass rund um die Uhr – ausser natürlich, wenn der Papst herauskam, dann stand man aus Respekt auf. 

Hand aufs Herz: Ist die Schweizergarde mit ihren bunten Uniformen und Hellebarden nicht einfach nur noch ein Stück Folklore? 
Überhaupt nicht! Die Schweizergarde hat viele Aufgaben, die man in der Öffentlichkeit gar nicht wahrnimmt. So sind die Personen, die den Papst auf dem Petersplatz in Zivil begleiten, auch Gardisten. 

Zeitgemäss sind die Uniformen nun wirklich nicht. Weshalb braucht es sie? 
Sie sind Teil der Schweizergarde und ihrer Geschichte. Sie sind den Uniformen nachempfunden, wie sie die ersten Gardisten vor rund 500 Jahren trugen. Die katholische Kirche lebt sehr stark in und mit Traditionen; die Schweizergarde ist ein Teil dieser Tradition. 

Fehlt es der Garde an Reformgeist? 
Mitnichten. Gerade Kommandant Anrig hat viel verändert. Er führte Selbstverteidigungskurse ein, stärkte das Schiessen und krempelte die Dienstordnung um. Vorher hatte man drei Tage Dienst und einen frei; Anrig wechselte auf sechs Tage Dienst und drei Tage frei – davon hatten wir Gardisten viel mehr. 

Ein Reformvorschlag, der am Wochenende die Runde machte, ist: Die Heirat soll nicht mehr ein Privileg des Kaders sein – auch einfache Gardisten sollen heiraten dürfen. Was halten Sie davon? 
Das Problem ist, dass der Platz in der Kaserne fehlt. Es gibt heute schon Unteroffiziere, die geheiratet haben und mit ihrer Frau ausserhalb der Kaserne wohnen müssen. 

Sie waren bereits damals mit Ihrer heutigen Partnerin liiert. Hätten Sie es begrüsst, wenn sie bei Ihnen hätte leben können? 
Nein, für mich wäre das nicht infrage gekommen. Es ist ein ganz anderes Leben, wenn man ohne Partnerin nach Rom geht. Man hat mehr Zeit für Kollegen und lernt einander viel bessern kennen. 

Sie lebten in einem 3er-Zimmer, der Kommandant in einer 380-Quadratmeter-Wohnung ...
Das stimmt so eben auch nicht. Zum einen hat er eine Frau und vier Kinder. Zum anderen sind in seiner Wohnung die Gästezimmer samt Bäder untergebracht. 

Spürten Sie den Machtkampf zwischen der Schweizergarde und der zweiten Schutztruppe, der Gendarmerie des Vatikans unter General Domenico Giani? 
Ich weiss nicht, wie es beim Kader ablief. Auf unserer Stufe gab es schon eine Art Konkurrenzkampf. Bei den Ehrenwachen waren immer auch Gendarmen dabei. Wir witzelten untereinander: Schau mal, wie schräg der wieder dasteht. 

Was wünschen Sie der Garde? 
Dass sie möglichst lange weiterbesteht und stets guten Nachwuchs bekommt. Es ist die letzte Söldnertruppe der Schweiz und repräsentiert somit einen bedeutenden Teil unserer Geschichte. 

Man munkelt, die Schweizergarde könnte selber bereits bald Geschichte sein. Ist sie in Gefahr? 
Das glaube ich nicht. Zu meiner Zeit als Gardist wurde die Schweizergarde im Gegenteil aufgewertet und bekam mehr Verantwortung. Ich bin guten Mutes, dass es die Garde noch lange gibt.

Schweizergarde

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