Gesellschaft & Politik
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LANDSBERG AM LECH, GERMANY - MARCH 14:  Journalist film outside the Landsberg prison, where Uli Hoeness will presumably serve his sentence, after the announcement by Uli Hoeness that he has resigned as club governing board chairman and will not appeal the three and half year jail sentence handed down by a Munich court the day before on March 14, 2014 in Munich, Germany. A judge found Hoeness guilty of evading taxes totaling at least EUR 27.2 million and declared his pre-emptive attempt at turning himself in to German tax authorities as invalid. Hoeness has been a pillar in German football club history, beginning with his career as a stellar professional player with FC Bayern in the 1970s to his role as FC Bayern club chairman, during which the Bundesliga team has been among the most successful in Germany.  (Photo by Philipp Guelland/Getty Images)

Bild: Getty Images Europe

Das erwartet Hoeness

«Dann wird es Nacht, die Tür fällt zu und du bist allein» – Ein gefallener Millionär erzählt vom Gefängnis

Wie fühlt sich das an, wenn man erfolgreich ist, reich – und plötzlich dreht sich das Leben um 180 Grad? Josef Müller hat es erlebt. Wegen Steuerhinterziehung und anderer Delikte musste der Münchner Millionär ins Gefängnis, in die JVA Landsberg, wie Uli Hoeness.

Ein Artikel von

Spiegel Online
Bild

Josef Müllers Buch «Ziemlich bester Schurke» Bild: Brunnen Verlag Basel

stefan schultz, spiegel online

Spiegel Online: Herr Müller, Sie waren Millionär und eine Grösse in der Münchner Gesellschaft, dank Anlagebetrug und Steuerhinterziehung. 2005 kam der Absturz. Öffentliche Schmähung. Knast. Uli Hoeness ergeht es gerade ähnlich. Was raten Sie ihm für seine Zeit im Gefängnis?

Müller: Er kann das durchstehen. Das Schlimmste ist gar nicht der Freiheitsentzug, sondern die öffentliche Vernichtung. Der Spott, die Häme. Da sollte Hoeness weghören, sonst zerbricht er.

Spiegel Online: Wie finden Sie die Strafe für Hoeness?

Müller: Gerecht. So wie ich damals zu Recht büssen musste.

Zur Person

Für die Münchner Schickeria war Josef Müller ein Geheimtipp, viele legten bei ihm ihr Geld an. Sie ahnten nicht, dass der querschnittsgelähmte Starnberger Steuerberater ein Betrüger war. 1994 wurde Müller zu viereinhalb Jahren Gefängnis verurteilt, unter anderem wegen Steuerhinterziehung. Er musste die Strafe nie antreten, Haftverschonung wegen Behinderung. Müller zockte weiter - und flog erneut auf. Ab 2007 verbrachte er fünfeinhalb Jahre in Haft, unter anderem in der JVA Landsberg, in die nun auch Uli Hoeness muss. Müller ist inzwischen überzeugter Christ, er bezeichnet sich als geläutert. Seine Lebensgeschichte (Titel: «Ziemlich bester Schurke») ist im Brunnen Verlag Basel erschienen.

Spiegel Online: Einen Teil Ihrer Haft verbrachten Sie in der JVA Landsberg, in die höchstwahrscheinlich auch Hoeness muss. «Bayerisches Alcatraz», wird sie manchmal genannt. Oder auch «Hitler-Knast», weil der Nazi-Diktator dort einmal eingesperrt war. Klingt hart.

Müller: Klingt härter, als es ist. Ich war fünf Jahre und vier Monate in Haft und habe keinen einzigen Übergriff gesehen, geschweige denn selbst erlitten. Nicht mal in Straubing, wo mehrfache Gewaltverbrecher ihre Strafe absitzen. Und in Landsberg schon gar nicht. In Landsberg sitzen die Ersttäter, es herrscht ein meistens lockerer Strafvollzug.

Spiegel Online: Klingt nach Kuschelknast.

Müller: Knast ist nie kuschelig. Aber der Schwerpunkt liegt in Landsberg klar auf Resozialisierung. Dort sitzen keine harten Jungs, sondern vor allem Wirtschaftskriminelle und Anwälte. 

Spiegel Online: Im Gefängnisportal «Knast.net» loben Ex-Insassen die JVA Landsberg. Es gebe «interessante Freizeitbetätigungen», die Knastküche sei «eine der besten Deutschlands». Können Sie das bestätigen?

Müller: Man wird in Landsberg immer gut behandelt. Auch das Essen war gut. So musste ich nie etwas von aussen bestellen.

Spiegel Online: Moment - man kann im Gefängnis Pizza bestellen?

Müller: Nein, ganz so einfach ist das nicht. Nur ausgewählte Restaurants liefern Essen, ordern muss es der Wärter. Den Häftling kostet das eine Bearbeitungsgebühr. Es ist alles etwas umständlich und wird von den Wärtern nicht gerne gesehen. Wie gesagt: Ich hab das nie gemacht. Auch weil das Essen so gut war.

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Bild: EPA/DPA

Spiegel Online: Das klingt jetzt fast so, als wollten Sie zurück in die JVA Landsberg.

Müller: Ganz bestimmt nicht. Im Gefängnis zu sitzen ist schrecklich. Ich weiss noch, wie am ersten Tag meiner Haft die Tür hinter mit zufiel. Sie hatte von innen keine Klinke. Ich fühlte mich ohnmächtig. Ich dachte: «Was, wenn es jetzt brennt?»

Spiegel Online: Was war das Schlimmste für Sie? Müller: Der Statusverlust. Ähnlich wie Hoeness hatte ich mein Leben lang bestimmt, was gemacht wird. Ich, das Alpha-Tier. Dann, plötzlich, musste ich nach der Pfeife eines Aufsehers tanzen, der vielleicht halb so alt war wie ich und der mich von oben herab behandelte.

Spiegel Online: Wie hat sich das angefühlt?

Müller: Erst wirst du wütend. Dann verstehst du, dass du ein Mensch einer anderen Kategorie geworden bist. Dann wird es Nacht, die Tür fällt wieder zu, und du bist allein.

Spiegel Online: Sie haben viel gegrübelt?

Müller: Jede Nacht. Das war hart. Es ist leicht zu akzeptieren, dass du das Gesetz gebrochen hast. Aber es dauert sehr lange, bis du dich deinem nackten Ego stellst. Bis du verstehst, warum du so geworden bist. Warum du ein Verbrecher bist. Daran zerbrechen viele.

Spiegel Online: Haben Sie Menschen getroffen, die daran zerbrochen sind?

Müller: Ich hatte mal einen Siemens-Manager mit auf der Zelle, er war für den Schmiergeldskandal mitverantwortlich. Ein einst mächtiger Mann, nun sass er da, auf der Bettkante, und hatte Weinkrämpfe.

Spiegel Online: Und bei Ihnen? Was war Ihre Erkenntnis?

Müller: Ich habe verstanden, warum ich nie zufrieden war. Selbst als ich 40 Millionen Euro auf dem Girokonto hatte. Ich war nie zufrieden, nie glücklich. Ich musste es immer allen beweisen, in allen Lebenssituationen topp sein.



Spiegel Online: Und dann?

Müller: Ich fühlte mich unangreifbar. Ich wurde zu meinem eigenen Gott. Ich dachte: Was kann mir die Justiz?

Bayern Munich's President Uli Hoeness reacts during an annual meeting of the German Bundesliga first division soccer club in Munich in this November 13, 2013 file picture. Hoeness said on March 14, 2014 he had decided to accept the guilty verdict and prison term for tax evasion handed him by a Munich court and would step down as president of Bayern Munich football club and chairman of the business behind it. Picture taken November 13, 2013. REUTERS/Michaela Rehle/Files  (GERMANY - Tags: BUSINESS CRIME LAW SPORT SOCCER)

Bild: Reuters

Spiegel Online: Als Sie ins Gefängnis mussten, waren Sie in der Münchener Schickeria berühmt. Die Presse berichtete über Ihren Fall. Hat das geholfen?

Müller: Ja, prominent zu sein, hilft in der Haft. Die Justiz hat großes Interesse, sich in der Öffentlichkeit gut darzustellen.

Spiegel Online: Sie steht aber öffentlich nicht gut da, wenn man denkt, im Knast seien manche gleich und andere gleicher.

Müller: Das ist den Behörden im Zweifel immer noch lieber, als wenn es plötzlich heissen würde, die bayerische Strafjustiz sei ein fürchterlicher Ort.

Spiegel Online: Welche Privilegien hatten Sie?

Müller: Ich hatte zwischenzeitlich eine 24 Quadratmeter grosse Einzelzelle mit Flatscreen-Fernseher, CD-Spieler, eigener Toilette und eigener Duschgelegenheit. Ich hatte dieselbe Kaffeemaschine, die auch die Wärter haben. Und ich durfte morgens oft eine halbe Stunde früher aus meiner Zelle als die anderen Sträflinge.

Spiegel Online: Lag das daran, dass man Sie in der Münchener Schickeria kannte? Oder daran, dass Sie im Rollstuhl sitzen?

Müller: Beides hat eine Rolle gespielt. Aber Prominenz ist ein grosser Faktor. Das habe ich auch an anderen gesehen. Wenn man unter Beobachtung der Presse steht und einen guten Anwalt hat, wird es einem im Gefängnis besser gehen, als wenn ein armer Hund daherkommt. So ist die Welt nun einmal.

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    Alle Leser-Kommentare
  • Schneider Alex 15.03.2014 06:02
    Highlight Highlight Diese Selbstinszenierung ist unerträglich! Hier wird einmal mehr Steuerhinterziehung als Kavaliersdelikt behandelt. Zeigt doch mal Menschen und Gemeinden, die wegen mangelder öffentlichen Finanzen unten durch müssen!

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