Gesellschaft & Politik
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Klinikdirektor zum Fall Christoph Egger

«Man kann eine sexuelle Neigung nicht wegtherapieren»



Vor drei Wochen floh der Pädophile Christoph Egger aus der Universitären Psychiatrischen Klinik Basel (UPK). In einem Interview mit dem deutschen TV-Sender RTL behauptet er, seine Neigung heute im Griff zu haben und bezeichnet seine Therapie als «nutzlos». Marc Graf ist Direktor der Forensisch Psychiatrischen Klinik an der UPK, wo Christoph Egger therapiert wurde. Im Interview mit watson nimmt er Stellung.

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Marc Graf, Direktor der Forensisch Psychiatrischen Klinik Basel.  Bild: UPK BS

Herr Graf, warum haben Sie den Pädophilen Christoph Egger plötzlich als gefährlich eingestuft?
Marc Graf: Die Massnahmen, die zur Behandlung pädosexueller Staftäter gesetzt wurden, müssen von Gesetzes wegen periodisch überprüft werden. Dabei gibt es zwei Kategorien von Variabeln, die zur Risikobeurteilung überprüft werden: einerseits die statischen, die unter anderem die strafrechtliche Vorgeschichte eines Patienten beurteilen, und andererseits die dynamischen Variabeln, die definieren, wie ein Mensch auf verordnete Therapien reagiert hat.

«Die Zahlen zeigen, dass bei Fällen mit langer Vorgeschichte Therapien und Massnahmen nur noch wenig bewirken.» 

Was heisst das im Hinblick auf den Fall Egger?
Fakt ist, dass die statischen Variabeln unabhängig vom Verlaufsbericht oder vom Gutachter sehr stark ins Gewicht fallen. Sprich, je mehr Straftaten ein Patient auf dem Kerbholz hat, desto schwieriger ist eine positive Beurteilung. Die Zahlen zeigen, dass bei Fällen mit langer Vorgeschichte Therapien und Massnahmen nur noch wenig bewirken. 

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Glaubt seinen pädophilen Trieb heute im Griff zu haben: Der flüchtige Pädophile Christoph Egger.   Bild: Polizei BS

Warum sollte man einen solchen Patienten überhaupt weiter therapieren?
Natürlich sind das extrem schwierige Situationen. Die Patienten spüren, dass sie für immer verwahrt werden könnten. Da kann Hoffnungslosigkeit entstehen. Doch dass Herrn Eggers Therapie nutzlos oder schlecht war, lasse ich nicht gelten: Dass er schon unbegleiteten Ausgang hatte, deutet eher darauf hin, dass seine Therapie zügig voranschritt. Im Oktober 2013 kam er zu uns, vier Monate später durfte er schon alleine raus. Das ist die zweitletzte Stufe vor einer ambulanten Behandlung. 

«Mit seiner Flucht tut sich Herr Egger keinen Gefallen.» 

Und nun ist er geflüchtet. 
Damit tut er sich selbst keinen Gefallen. Er hält sich nicht an die Therapiebedingungen und zeigt eher, dass er mit den Therapeuten nicht an einem Strick zieht. Solche Lockerungen der stationären Behandlung sind Proben, um zu schauen, ob der Patient ehrlich ist und nicht gegen die Therapie ankämpft. Seine Flucht hat eine ungünstige Prognose für seine Therapie zur Folge. Um den Erfolg einer Therapie zu beurteilen, müssen wir objektive Gründe zur Besserung sehen. Zum Beispiel eine Änderung in der Grundeinstellung.

Wie schwierig ist es, den Therapieerfolg zu messen?
Sehr schwierig, da stecken wir noch in der Grundlagenforschung, doch die Resultate sind vielversprechend. Es gibt jedoch verschiedene Gründe, wieso jemand sexuelle Handlungen mit Kindern vollzieht: aus der reinen Sehnsucht nach Zärtlichkeit oder als Instrument der Gewalt. Diese müssen wir noch genauer differenzieren, um nicht Äpfel mit Birnen zu verwechseln. 

Wie erfolgsversprechend sind Therapien bei Pädophilen? 
Man kann eine sexuelle Neigung nicht weg therapieren, aber man kann dem Patienten beibringen, wie er damit umgehen kann. Er muss lernen, sie zu unterdrücken. Oder man unterdrückt sie medikamentös. 

Sie sprechen die chemische Kastration an, die auch bei Herrn Egger angewendet wird.
Genau. Die Hormonspritze, die alle drei Monate erneuert wird, schaltet den Sexualtrieb aus. Sie wirkt bei 90 bis 95 Prozent der Patienten. Die Bildung des männlichen Geschlechtshormons Testosteron wird unterdrückt, eine Erektion und die Bildung von Spermien sind unmöglich. In der Therapie ist das die Ultima Ratio: Die Massnahme wird angewendet, wenn die Psychotherapie alleine zu wenig wirkt. 

Herrn Eggers Therapie ist seit seiner Flucht ausgesetzt. Stellt er für seine Umwelt eine Gefährdung dar?
Nein, die Wirkung der Hormone hält über diese drei Monate hinaus an. 

Und wenn die drei Monate verstrichen sind? Wie geht es mit Herrn Egger weiter? 
Sollte er sich wie angekündigt den Behörden stellen, wird vermutlich ein neuer Therapieplatz und eine neue Therapieform für ihn gesucht. 

«Die Chance für einen Therapieerfolg ist grösser, wenn die Patienten freiwillig zu uns kommen.» 

Derzeit hört man vermehrt von Pädophilen, die sich outen. Wie gehen Sie mit Männern um, die deswegen zu Ihnen kommen? 
Wir behandeln solche Menschen schon seit 15 Jahren. Das ist nicht neu. Die Chance für einen Therapieerfolg ist grösser, wenn die Patienten freiwillig zu uns kommen. Zahlen gibt es aber noch nicht, da noch keine Langzeitstudien gemacht wurden.

Reicht die gesetzliche Handhabung solcher Fälle aus Ihrer Sicht? 
Die Gesetze sind gut. Das Problem ist eher, dass die Therapie von Pädosexuellen aufgrund der medialen Aufmerksamkeit immer schwieriger wird. Die Kompetenzen der Therapeuten werden regelmässig in Frage gestellt. Wenn man als Gutachter oder Therapeut befürchten muss, plötzlich öffentlich angeprangert zu werden, wenn sich ein Patient anders als vorgesehen verhält, findet man bald niemanden mehr, der sich der Aufgabe annimmt. Schon heute gibt es zu wenig Institutionen, die Pädosexuelle betreuen und ein Mangel an Gutachtern, die sie beurteilen. 

«Dieses heikle und höchst sensible Thema kann nicht mit einfachen Schlagzeilen abgehandelt werden.» 

Was fordern Sie? 
Dass anerkannt wird, dass man mit einer guten forensischen Therapie die Anzahl Straftäter vermindern kann. Und dass dieses heikle und höchst sensible Thema nicht mit einfachen Schlagzeilen abgehandelt wird. 

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