Gesellschaft & Politik
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Portrait of the political scientist Michael Hermann, pictured on April 13, 2011 in Zurich, Switzerland. (KEYSTONE/Martin Ruetschi)

Michael Hermann, selbständiger Politgeograph und erster Datenjournalist der Schweiz, will Claude Longchamp Konkurrenz machen.  Bild: KEYSTONE

Angriff auf Longchamp

Der Königsmacher, dessen Plan zum Scheitern verurteilt ist

Politgeograph Michael Hermann schickt sich an, Claude Longchamp abzulösen. Wie er sich in Position gebracht hat, wer ihn unterstützt und warum sein Plan aussichtslos ist. 



Michael Hermann hat den Frontal-Angriff gewagt: «Claude Longchamp ist die grösste Diva im Land», zitiert ihn die «NZZ». 

Der Sturm auf das Monopol in Sachen SRG-Abstimmungs- und Wahlbarometer sowie Vox-Analysen von GfS ist damit lanciert. Am Montagabend, einen Tag vor der «NZZ»-Bombe, trat Hermann mit einem neuen Kollegen auch bei Schawinski auf: Thomas Milic, Politologe und ehemaliger GfS-Mitarbeiter bei Claude Longchamp. Milic spielt eine zentrale Rolle in Hermanns Eintritt in den Markt für Politumfragen. 

Hermann kann es nicht selber machen

Denn Hermann selbst kann nicht, was Claude Longchamp kann, er ist kein Demoskop, sondern eigentlich das, was man einen Datenjournalisten nennt. Der promovierte Geograph Hermann ist gross geworden mit der Vermessung der Schweizer Politik. 2003 hat er angefangen, Abstimmungsdaten aus den Schweizer Parlamenten zu aggregieren und den in den Wahlen 2003 erstmals zu Tage tretenden politischen Wertewandel grafisch darzustellen: Die Polarisierung der Schweiz in ein rechtes und linkes Lager, in eine ländliche und eine urbane Schweiz als die grossen Bruchlinien, die bis heute anhalten. Auch der Smartspider, der politische Haltungen zweidimensional abbildet, stammt aus Hermanns Küche.

Damit hat Hermann geliefert, was die Medien lieben: Relevante Inhalte, übersichtlich, innovativ und prägnant dargestellt. Die Inlandredaktion des «Tages-Anzeiger» pachtete Hermann als unabhängigen Polit-Kommentator und bestellte seine Analysen exklusiv. Damit stieg Hermanns Popularität markant an. Und zwar um exakt 1713,88 Prozent innert acht Jahren, um in der Sprache der Datenjournalisten zu sprechen. Im Wahljahr 2003 zitierten die Printmedien Hermann 36 Mal als Experten. 2007 schon rund 100 Mal und im Wahljahr 2011 war Hermann mit 617 Erwähnungen bei den Top-Experten angelangt und auf allen Kanälen präsent. «Irgendwann haben die anderen auch gemerkt, dass Michael Hermann gescheit ist und gut formulieren kann», sagt Iwan Städler, ehemaliger Inlandchef des «Tages-Anzeiger» und Hermanns Förderer.

Gut vernetzt

Hermann, der während des Studiums bei der Oberaargauer Ausgabe der «Berner Zeitung» selbst als Journalist gearbeitet hat, weiss, was er inhaltlich liefern muss, damit er Öffentlichkeit generieren kann. Er ist immer erreichbar und gut vernetzt. In allen grossen Redaktionen hat er Freunde, SRF-Chefredaktor und Nachbar Tristan Brenn trifft er am Hinterhof-Fest in seiner Siedlung in Zürich Wipkingen und dass René Lüchinger neuer «Blick»-Chefredaktor wird, wusste Hermann noch vor diesem selbst. 

Nun ist Hermann in der Position, mit seiner Drei-Mann-Firma Sotomo an Longchamps staatlich finanziertem Politprognose-Thron zu rütteln. Und das wird er auch tun. Nächstes Jahr schreibt die SRG den Auftrag für die Abstimmungs- und Wahlbarometer für eine weitere Legislaturperiode neu aus. «Sotomo wird sich bewerben, wenn wir ein konkurrenzfähiges Produkt bieten können», sagt Hermann. Über die Vergabe entscheidet die Chefredaktoren-Konferenz der SRG, in der auch Hermanns Nachbar Brenn Einsitz hat. 

Milic soll es richten

Hier kommt Hermanns neuer Partner Thomas Milic ins Spiel. Denn Hermann will nicht selbst der neue Longchamp werden, sondern den Königsmacher für den Politologen Milic geben. «Wir wollen ins Umfragebusiness einsteigen, aber dieses ist die Kernkompetenz von Milic und nicht meine», sagt Hermann, dem der derzeitige Wirbel um sein Diven-Zitat sichtlich unangenehm ist. 

Milic hat von Juni bis kürzlich bei Longchamps GfS gearbeitet. Warum er gegangen ist und ausgerechnet zu Hermann gewechselt hat, ist nicht ganz klar. Ein ehemaliger Kollege, der mit Milic jahrelang an der Universität Zürich in Forschung und Lehre zusammengearbeitet hat, sagt, es hätten wohl zwischenmenschliche Gründe zur Trennung geführt. Der Wechsel von der Universität in einen Betrieb mit Alphatier-Chef sei nicht einfach. Milic selbst ist abgetaucht, Hermann sagt nur: «Es hat ihm nicht so gefallen dort.» Und dass er ihn zum neuen Longchamp machen will, wenn sich die Möglichkeit ergibt. «Sollten wir denn den SRG-Auftrag dereinst erhalten, dann wird er das TV-Gesicht, nicht ich», sagt Hermann.  

Bild

Thomas Milic, Politologe und neu Michael Hermanns Angestellter bei Sotomo.  srf

Know-How wird nicht ausreichen

Milic, promovierter Politologe und jahrelanger Oberassistent an der Universität Zürich, gilt als «einer der härtesten Umfrage-Handwerker» unter den Schweizer Politologen, da er jahrelang Vox-Analysen durchgeführt hat. Diese sind nicht anderes als Wahl- und Abstimmungsbarometer nach Wahlen oder Abstimmungen. Nebst dem handwerklichen Know-How hat sich auch Milic ein Netzwerk unter Medienschaffenden aufgebaut. Mittlerweile ist er der Hauspolitologe von «20 Minuten» und damit der auflagenstärksten Zeitung und dem reichweitenstärksten Newsportal der Schweiz. 

Trotz des Bekanntheitsgrads von Hermann und der ausgewiesenen wissenschaftlich-methodischen Kapazität Milic' stehen die Chancen der beiden schlecht, den SRG-Auftrag zu ergattern. Denn die Chefredaktorenkonferenz, die über die Vergabe entscheidet, scheut einen Wechsel wie der Teufel das Weihwasser. Wenn die Umfragewerte sich an den Abstimmungs- und Wahlsonntagen als peinlich entpuppen, ist das Longchamps Problem und nicht das der Chefredaktoren. 

Das einzige, was die wollen, ist ein möglichst routinierter und reibungsloser Ablauf der ohnehin hektischen Wahl- und Abstimmungssendungen. Also Longchamp.

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    Alle Leser-Kommentare
  • Daniel Caduff 03.12.2014 10:21
    Highlight Highlight Ich kenne sowohl Milic als auch Herman aus meiner Studienzeit persönlich und halte beide für sehr geeignet. Den "wirklich grossen Wurf" erwarte ich mit solch einem Wechsel jedoch nicht, da bisher keine neuen Ideen auf dem Tisch liegen, wie man die aktuellen Probleme mit den veralteten Umfragmethoden in den Griff bekommen will. Auch wenn es ketzerisch tönt: Ich würde den Auftrag lieber Nate Silver geben. Der hat bei den unterschiedlichsten Themen bewiesen, dass er die Endergebnisse mit einer erschreckenden Präzision vorhersagen kann. Mit völlig anderen, sehr zeitgemässen Methoden.
    • karl_e 03.12.2014 12:10
      Highlight Highlight Wer, bitteschön, ist denn dieser Nate Silver?
    • Daniel Caduff 03.12.2014 12:52
      Highlight Highlight http://de.wikipedia.org/wiki/Nate_Silver
    • Lightning makes you Impotent (LMYI) 03.12.2014 13:17
      Highlight Highlight Dazu kann man nur folgendes sagen:

      http://tinyurl.com/lf3pn3c

      ;)
  • Zeit_Genosse 03.12.2014 09:27
    Highlight Highlight Ist es gut so wie es ist?
    Wenn nein, dann sollte die Chefredaktorenkonferenz die Situation neu bewerten. Aus der Komfortzone kommen selten Verbesserungen. Etwas Druck auf den heute etablierten "Lieferanten" kann nicht schaden.
  • Quool-Put 03.12.2014 08:27
    Highlight Highlight ...und was sagt die Chefredaktorenkonferenz dazu?
    • dickmo 03.12.2014 09:04
      Highlight Highlight Sie ist nicht konsultiert worden!
  • Christian Denzler 03.12.2014 08:13
    Highlight Highlight Da solche Umfragen lediglich Infotainement mit wenig Nutzen sind, ist mir eigentlich egal, wer an der Zitze des SRG hängt.
  • Heinz24 03.12.2014 08:00
    Highlight Highlight Das ist die kurzfristige Perspektive. Die langfristige sieht möglicherweise anders aus. Konkurrenz belebt das Geschäft.

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