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Bild: DANIEL BECERRIL/REUTERS

Drogenbanden in Mexiko: Der Boss ist tot, es lebe das Geschäft

Die Bosse der mexikanischen Drogenkartelle sind tot oder sitzen im Knast, doch die schmutzigen Geschäfte laufen weiter: Splittergruppen steuern das Business dezentral – und noch blutrünstiger.

04.03.15, 16:22 05.03.15, 09:34

Klaus Ehringfeld / spiegel online

Ein Artikel von

Vielleicht wird man sich an Servando Gómez alias «La Tuta» mal als einen der letzten seiner Art erinnern. So einen echten Drogenboss alter Schule, einen «Capo», legendenumrankt, in der Bevölkerung gefürchtet wie bewundert. Einer, der ständig den mexikanischen Staat herausforderte. Gómez, 49, der einzig verbliebene Anführer des pseudo-religiösen Regionalkartells der Tempelritter, veröffentlichte regelmässig Videos, in denen er seine Ideologie verbreitete, Gouverneure einschüchterte, Bürgermeister nötigte und sich über Militärs und Polizei lustig machte. Vergangenen Freitag wurde er im Bundesstaat Michoacán festgenommen.

Nur wenige Tage später gelang den Sicherheitskräften ein Schlag gegen einen weiteren Drogenboss: Omar Treviño Morales, als «Z-42» Anführer der Zetas, wurde im Norden des Landes verhaftet.

In den vergangenen Jahren hat man sich in Mexiko an die Schläge gegen die mächtigen Narco-Bosse gewöhnt. Einer nach dem anderen sind die grossen «Capos» entweder getötet oder geschnappt worden. Rund zwanzig sind es allein, seit Präsident Enrique Peña Nieto Ende 2012 sein Amt angetreten hat. Allen voran natürlich Joaquín Guzmán Loera, alias «El Chapo», der Anführer des Sinaloa-Kartells. Er galt als einer der meistgesuchten Verbrecher der Welt, bis Zielfahnder ihn vor rund einem Jahr schnappten.

Verhaftung des Sinaloa-Kartell-Capos Joaquín «El Chapo» Guzmán (Februar 2014). Bild: Eduardo Verdugo/AP/KEYSTONE

Aber haben Festnahmen und Tötungen der «Capos» etwas verändert? Geht die Gewalt zurück, hört der Handel auf? Verschwinden die Kartelle? Immerhin sinkt die Zahl der Morde. Seit dem tödlichsten Jahr 2011 hätten sie um rund 25 Prozent nachgelassen, behauptet die Regierung. Die meisten Analysten bestätigen das. Beobachter sind sich aber auch einig: Es wird weiter geschmuggelt und gut verdient. Die Struktur des Organisierten Verbrechens verändert sich und die Banden erschliessen sich neue Geschäftsfelder.

Die Strategie der Schläge gegen die grossen Bosse habe Vor- und Nachteile, sagt der unabhängige Sicherheitsexperte Alejandro Hope. «Sie brechen zwar die Macht der grossen Kartelle, aber die Folge ist eine Zersplitterung, die kleinere und gewalttätigere Banden hervorbringt.» 

«Die Ära der grossen national und global agierenden Kartelle ist vorbei.»

Sicherheitsexperte Alejandro Hope

Diese könnten zwar den Staat als Ganzes nicht mehr herausfordern, aber sie seien in der Bevölkerung oft gefürchteter als die grossen Kartelle. «Diese Gruppen sind blutrünstiger, haben mit Entführung, Erpressung und Menschenhandel andere Einkommensgrundlagen als den globalen Drogenschmuggel.»

Der mexikanische Drogenboss Joaquín «El Chapo» Guzmán Loera (24. Februar 2014)

Tempelritter kontrollieren Rohstoffschmuggel

Jüngstes Beispiel: Die «Guerreros Unidos», jene Mafia im Bundesstaat Guerrero, die an der Verschleppung und mutmasslichen Ermordung der 43 Studenten von Ayotzinapa vor fünf Monaten beteiligt war. «Die Ära der grossen national und global agierenden Kartelle ist vorbei», prophezeit Hope. Die Zukunft gehöre lokal und regional agierenden Gruppen. «Wir werden künftig eine Vielzahl von solchen Banden entstehen und auch wieder verschwinden sehen.»

Auch die «Caballeros Templarios», die Tempelritter, sind erst vor drei Jahren aufgetaucht. Sie haben ihre Operationsbasis im Bundesstaat Michoacán und waren selbst Nachfolger des Kartells «La Familia Michoacana». Aber nachdem nun innerhalb eines Jahres die drei Tempelritter-Bosse getötet oder geschnappt wurden, ist unklar, ob die Bande weiter bestehen kann.

Der Kopf des Tempelritter-Kartells, Servando «La Tuta» Gómez, wird von Polizisten abgeführt. Bild: EPA/EFE

Sicher hingegen ist, dass ihr Geschäft weiter existieren wird. Die Tempelritter kontrollieren die Marihuana-Produktion in der Region, produzieren in den unwirtlichen und unzugänglichen Weiten Michoacáns synthetische Drogen und mischen im Rohstoffschmuggel mit. In diesem lukrativen Geschäft bleibt kein Machtvakuum lange bestehen.

Vor allem Rohstoffe sind für das Organisierte Verbrechen in Mexiko attraktiv: Die Tempelritter kontrollieren grosse Teile der Kette von Eisenerzabbau bis -verschiffung. In Michoacán schlummern grosse Reserven. Der Rohstoff geht oftmals direkt an chinesische Clans, die im Gegenzug chemische Substanzen zur Herstellung synthetischer Drogen liefern.



Auch Grosskartelle passen sich an

Wenn die mexikanischen Kartelle in den vergangenen Jahren etwas bewiesen haben, dann dass sie sich den Gegebenheiten anpassen können. «Im vergangenen Jahrzehnt ist das Organisierte Verbrechen in Mexiko in Bereiche vorgedrungen, die lange undenkbar waren», schreibt die Rice-Universität aus Houston im US-Bundessaat Texas in einer Untersuchung aus dem vergangenen Jahr. Dazu gehörten Bergbau, Abholzung von Wäldern, Menschenschmuggel, Kidnapping, Produktpiraterie und Erpressung. So machten die illegalen Gruppen Milliardenumsätze neben dem Rauschgifthandel.

Das gilt besonders für die «Zetas» und das Sinaloa-Kartell: Nach der Verhaftung von Guzmán ist es still geworden um das Syndikat. Niemand weiss, ob die neue Generation der «Narco-Juniors» jetzt regiert oder ob ein alter Kompagnon Guzmáns die Geschäfte geräuschlos leitet. Jedenfalls sind sowohl «Zetas» als auch Sinaloa-Kartell laut der Studie der Rice-Universität im Norden Mexikos gross in den Raub und illegalen Verkauf von Öl, Benzin und Gas eingestiegen. Beide Gruppen machen weiter ihre Gewinne, ohne dass die Schläge gegen ihre Führungsfiguren ihre Kapazitäten beeinträchtigt hätten.

Dafür benötige es «starke Institutionen», sagt Mary Speck von der International Crisis Group (ICG), einem Think-Tank zur Beratung in Konfliktregionen. Trotz der Festnahmen der Bandenchefs bleibe das die wirkliche Herausforderung der Regierung: Eine unbestechliche Polizei aufbauen, einen funktionierenden Rechtsstaat und Strukturen, um gegen die Finanznetze der Kartelle vorgehen zu können.

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Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.

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    Alle Leser-Kommentare
  • blacksh33p 04.03.2015 23:05
    Highlight Wie lange soll das noch weitergehen, bis es alle eingesehen haben? Die heutige Drogenpolitik, die seit vielen Jahren so gehandhabt wird, funktioniert einfach nicht und ist erfolgslos. Es ist Zeit, dass wir die Gesetze weltweit erneuern und einen neuen Weg einschlagen. Alle Betäubungsmittel legalisieren und staatlich kontrollieren? Ich weiss nicht, ob dies zum gewünschten Resultat führen würde, aber ein Versuch wär es ja vielleicht wert. Es gibt sicherlich auch andere Lösungsvorschläge, aber wenn wir uns damit nicht auseinandersetzen geschweige Neues ausprobieren, wird es nie ein Ende haben.
    3 0 Melden
  • zombie1969 04.03.2015 19:57
    Highlight Der Staat als Institution ist gescheitert. Was es braucht, ist eine gesellschaftliche Bewegung.
    Mexiko braucht jetzt seine Jugend. Menschen mit Idealismus werden den alten Trott beseitigen, auch wenn es mindestens 20 Jahre brauchen wird, bis die Institutionen gereinigt sind.
    Es ist leider keine Option den gesamten Sicherheitsapparat zu entlassen, wenn man die Lücke nicht füllen kann.
    Und es bleibt zu hoffen, dass die USA dabei konstruktiv behilflich sind, weil man erkennt, dass man eine friedliche Zivilgesellschaft als Nachbar braucht, allein schon um die Armutszuwanderung zu stoppen.
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