Gesellschaft & Politik
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Bild

René und Victoria Stutz blicken zurück auf den Tag, an dem Sie um ein Haar ihr Leben verloren hätten. Bild: watson

Augenzeugen der Monsterwelle

Krach und Schreie begleiten den Tsunami. Aber davon bekommen René und Victoria vor ihrem Strandhotel nichts mit. Denn sie sind gehörlos.

Die Katastrophe bricht für alle völlig überraschend herein. Für zwei Schweizer vollkommen lautlos.

René Stutz und seine Frau Victoria reisen leidenschaftlich gerne. Sie waren schon in Russland, in der Karibik, in Asien. Mit den Einheimischen kommunizieren die beiden vor allem mit ihren Händen. Nicht, weil ihre Englischkenntnisse beschränkt sind: René und Victoria Stutz sind gehörlos.

Am 26. Dezember 2004 wird ihnen das beinahe zum Verhängnis. Als René und Victoria Stutz in ihrem Hotel am Patong Beach in Phuket frühstücken, rollt eine gigantische Welle vom Meer auf sie zu. Während andere durch den Krach und Schreie gewarnt werden, bekommen die beiden vorerst gar nichts vom lebensbedrohenden Tsunami mit, dem über 200'000 Menschen zum Opfer fallen sollen.

Gestenreich erzählt der heute 53-jährige Stutz von der Reise, die um ein Haar ihre letzte wurde, denn seine Sprache ist die Gebärdensprache. Stichworte liefern die nötigen Eckdaten, doch erst durch seine Gebärden erwacht die Geschichte zum Leben

Die Geschichte, wie er und seine 41-jährige Frau haarscharf der Todeswelle entkamen:

Wir kommen am 25. Dezember nach einer 10-tägigen Rundreise in Phuket an. Weil unser Zimmer keine schöne Aussicht hat, bitten wir um ein Upgrade. Man verspricht uns in zwei Tagen ein Zimmer mit Meerblick. Darum packen wir unsere Koffer gar nicht aus. Wir feiern den Weihnachtsabend mit einem schönen Abendessen und gehen nach Mitternacht ins Bett.

25. Dezember 2004 Weihnachtessen in Patong / Phuket Thailand

René Stutz, Tsunami, Thailand

René und Victoria Stutz in Phuket, am Vorabend der Katastrophe. Bild: René Stutz

Tags darauf stehen wir um neun Uhr auf und begeben uns ins Parterre zum Frühstücksbuffet. Ein Mann sitzt mit einer Zeitung am Pool, die Sonne scheint, am Himmel ist keine Wolke zu sehen. 

Die Welle kommt beim Frühstück

Beim Frühstück sehen wir, wie zwei Polizisten am Fenster vorbeirennen. Aus Neugierde schaut Victoria nach – und winkt mich aufgeregt zu sich: «Eine Welle kommt auf uns zu!»

«Als wir die Treppe erreichen, überschwemmt die Welle das gesamte Parterre und begräbt einen Koch unter sich.»

Ich denke mir erst nicht viel dabei und gehe mit meinem Frühstücks-Tablett ans Fenster. Und traue meinen Augen nicht: Da ist tatsächlich eine riesige Welle, und sie hat das Festland schon erreicht. «Nichts wie weg von hier» bedeute ich meiner Frau und renne los, das Tablett in den Händen. Als wir die Treppe erreichen, überschwemmt die Welle das gesamte Parterre und begräbt einen Koch unter sich. Uns kommt das Wasser bis an die Knie.

abspielen

Eine Simulation des Tsunamis am Patong Beach. Video: Youtube/NCINationalFacility

Wir eilen bis ganz oben, in den zweiten Stock, während sich hinter uns ein Stock nach dem anderen mit Wasser füllt. Hier herrscht Panik: Menschen schreien und rennen herum. Am Boden liegen leblose Körper, überall sind Verletzte, ein Mann hat eine offene Wunde am Oberschenkel. An den Wänden klebt Blut.

«Am Boden liegen leblose Körper, überall sind Verletzte. An den Wänden klebt Blut.»

Noch immer halte ich das Tablett fest. Im Schock habe ich mich daran geklammert, es weder fallenlassen noch irgendwo hingestellt. Erst als ich von einer aufschnellenden Tür beinahe getroffen werde, komme ich zu Sinnen und stelle es am Boden ab – und esse noch ein Stück Brot. 

26. Dezember 2004 unseres Hotel in Patong nach dem Tsunami 

René Stutz, Tsunami, Thailand

Das Hotel nach der Naturkatastrophe. Bild: René Stutz

Wir sehen, wie eine weitere grosse Welle aufs Festland zukommt. Vor einem Hotel gegenüber steht eine nackte Frau und ruft um Hilfe. Ein Hotelmitarbeiter ruft zurück, sie solle schnell zurück ins Gebäude und die Treppe hoch rennen. Doch sie ist in Panik und reagiert nicht. Die Welle reisst sie schliesslich mit. Keine Ahnung, was mit ihr dann geschah und ob sie überlebt hat.



Flucht auf den Hügel

Als sich das Meer wieder zurückzieht, beschliessen wir einen Fluchtversuch auf einen nahegelegenen Hügel. Ich hole die gepackten Koffer vom Zimmer und wir rennen los. Es stinkt nach Benzin – von den Autos, die demoliert wurden. Der Boden ist voller Schutt und Schlamm und Blut, wir bahnen uns den Weg zwischen den leblosen Körpern am Boden durch. Schweissüberströmt erreichen wir schliesslich den Hügel. Ein paar Menschen sind schon da.

Uns folgt ein Gast aus unserem Hotel, der einen kleinen Safe mit sich herumschleppt. Weil der Strom ausgefallen ist, konnte er ihn nicht mehr öffnen und hat ihn einfach aus der Wand gezerrt. Ich kann mir ein kurzes Lachen nicht verkneifen.

«Drei junge Frauen wollen sich auf den Hügel retten. Bestürzt stelle ich fest, dass sie keine Chance haben.»

Drei junge Frauen wollen sich auch auf den Hügel retten, denn die nächste Welle ist schon unterwegs. Sie rennen, so schnell sie können, und die Menschen um uns herum schreien und feuern sie an. Bestürzt stelle ich fest, dass sie keine Chance haben. Die Welle kommt und schwemmt sie weg. Uns wird bewusst, welch grosses Glück wir hatten.

Wir harren auf dem Hügel aus, stundenlang, und sagen kein Wort. Wir sind sprachlos. Und hungrig. Wir wissen nicht, was wir tun sollen und können nicht mit den anderen Leuten kommunizieren. Endlich finden wir eine Schweizerin, die uns hilft. Sie telefoniert herum und versucht, Hilfe zu organisieren.

René Stutz, Tsunami, Thailand

Ein Bild aus der Nachbarschaft. Bild: René Stutz

Nach mehreren Stunden werden wir schliesslich von einem Hotel-Mitarbeiter abgeholt. Wir eilen den Hügel hinunter zu einem Minibus mit neun Plätzen. Die Leute um uns herum wollen auch in den Bus, aber es hat einfach kein Platz für alle. Wir können sie nicht hereinlassen. Der Fahrer bringt uns weg vom Meer, navigiert um die Trümmer herum, hupt, dass die Menschen aus dem Weg gehen. Wir fahren einen Hügel hinauf, als das Wasser wieder kommt. Einmal mehr entkommen wir der Welle.

Wir werden in ein Hotel ins Landesinnere gebracht, wo wir das allerletzte Zimmer bekommen. Hier hat es fünf Zentimeter Wasser am Boden. Endlich gibt es etwas zu essen. Viele andere Touristen müssen auf der Strasse schlafen, weil es kein Platz mehr hat. Wir schlafen sehr schlecht in dieser Nacht, meine Frau Victoria wacht alle zwei Stunden auf und geht ans Fenster, um sicherzugehen, dass nicht eine weitere Welle kommt.

René und Victoria Stutz würden gerne sofort abreisen, doch das geht nicht. Erstens ist der Flughafen für zwei Tage gesperrt, zweitens haben die Verletzten Vorrang. Also bleiben sie noch sechs weitere Tage in Phuket. An Silvester stossen sie aufs Leben an.

Ankunft im Flughafen Zürich. Alle hatten grosses Glück und überlebten. Die Frau links hat dem Ehepaar Stutz auf dem Hügel geholfen.

René Stutz, Tsunami, Thailand

Ankunft in Zürich: Victoria Stutz (r.) mit anderen Überlebenden – unter anderen der Frau, die ihr auf dem Hügel geholfen hat (l.). Bild: zvg

Am 6. Januar 2005 fliegt das Ehepaar schliesslich in die Schweiz zurück, zusammen mit anderen Überlebenden. Doch direkt in den Alltag übergehen können die beiden nicht. «Ich wollte sofort anfangen zu Arbeiten, es ging nicht. Ich war mit dem Kopf nicht bei der Sache», sagt René Stutz. «Erst nach einem Monat konnte ich meinen Job wieder aufnehmen.»

Der Tsunami hat Spuren hinterlassen bei René und Victoria Stutz. Noch heute leidet René unter den Folgen des traumatischen Erlebnisses: «Mein Erinnerungsvermögen ist nicht mehr dasselbe seither», sagt er. Anfangs habe er alles vergessen, jetzt sei es nicht mehr so schlimm. Das Reisen verderben konnte ihnen der Tsunami nicht: Auch an den Ort der Katastrophe wollen sie eines Tages zurückkehren, um mit der Geschichte abzuschliessen. «Ein Hotel direkt am Meer werden wir aber nie mehr buchen», sagt er. «Und wir nehmen nur noch Zimmer mindestens im dritten Stock.» 

Das gehörlose Ehepaar Stutz überlebt den Tsunami 2004 in Thailand

Das könnte dich auch interessieren:

«Die Schweiz ist eine Gold-Weltmacht – ein enormes Risiko»

Link zum Artikel

Turbo Jens ist alles, was du heute gesehen haben musst (wer hat den Typen eingestellt?)

Link zum Artikel

YouTuberin verwandelt Teslas Model 3 in Pick-up – und das Resultat ist grandios

Link zum Artikel

«Ab 30 kann Mann keine kurzen Hosen mehr tragen!» – watson-Chef klärt uns auf 🙄

Link zum Artikel

Diese Schweizer Fussballer haben noch keinen Vertrag für nächste Saison

Link zum Artikel

Herr Matthes, wie gross ist die Schadenfreude bei Nokia über Huaweis Trump-Schlamassel?

Link zum Artikel

Ein Streik kommt selten allein – so wollen die Frauen weitermachen

Link zum Artikel

Nach 27 Jahren kommt der Nachfolger der SMS – das musst du über RCS wissen

Link zum Artikel

Merkel beginnt bei Staatsbesuch plötzlich zu zittern – Entwarnung folgt kurz darauf

Link zum Artikel

Vorfall in Paris: Autolenker geht auf Blinden los

Link zum Artikel

Ohrfeige für Bundesanwalt vom Bundesstrafgericht – Lauber ist im FIFA-Fall befangen

Link zum Artikel

40 Millionen Liter Trinkwasser verschwunden? Das Rätsel von Tägerig ist gelöst

Link zum Artikel

OMG – wir haben Knoblauch unser ganzes Leben lang falsch geschält

Link zum Artikel

Warum Donald Trump 2020 wiedergewählt wird – und warum nicht

Link zum Artikel

Ein 3-jähriges Mädchen zerstört eine Fliege – das macht dann 56'000 Franken

Link zum Artikel

«Kann man sich in einen guten Freund verlieben?»

Link zum Artikel

Kieferbruch: E-Zigi explodiert in Mund von Jungen

Link zum Artikel

Federer vor Halle-Auftakt: «Rasen hat seine eigenen Regeln – vor allem für mich»

Link zum Artikel

We will always love you – vor 60 Jahren veröffentlichte Dolly ihre erste Single

Link zum Artikel

Fazit nach Frauenstreik: Hunderttausende Menschen protestierten für Gleichstellung

Link zum Artikel

«Er hat nicht unrecht» – das sagt Christoph Blocher zu SVP-Glarners Handy-Terror

Link zum Artikel

Du willst dein Handy sicherer machen? Dann solltest du diese 10 Regeln kennen

Link zum Artikel

FCB-Sportchef Streller tritt mit emotionalem SMS zurück: «Es bricht mir s’Herz»

Link zum Artikel

Trump hat sich im Persischen Golf verzockt

Link zum Artikel

5 Action-Heldinnen, die die Filmwelt ordentlich gerockt haben

Link zum Artikel

Preisgeld-Vergleich: So viel mehr kassieren Männer im Sport als Frauen

Link zum Artikel

14 Gründe, warum die Frauen heute streiken

Link zum Artikel

«Das stimmt einfach nicht» – Martullo-Blocher wird in der «Arena» vorgeführt

Link zum Artikel

Nach Handy-Terror: Betroffene Mutter rechnet mit SVP-Glarner ab – und wie

Link zum Artikel

Trump setzte Kopfgeld auf unschuldige Schwarze aus – jetzt melden sie sich zu Wort

Link zum Artikel

9 spannende Geisterstädte und ihre Geschichten

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen

Abonniere unseren Newsletter

0
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
0Alle Kommentare anzeigen

Wie kann eine Täterin aus der Psychiatrie weiter cybermobben? 5 Antworten zum Fall Céline

Der krasse Fall von Cyber-Mobbing schockierte 2017 die Schweiz. Die 13-jährige Céline aus Spreitenbach AG nahm sich das Leben, nachdem sie von Jugendlichen auf Social-Media-Plattformen blossgestellt und diffarmiert wurde.

Nun stellt sich heraus: Wenige Wochen nach dem Suizid von Céline verschickte die Täterin aus der Jugendpsychiatrie ein Drohvideo an ein anderes Mädchen: «Hör mal zu, du kleine Nutte: Wir werden dich finden. Und zweitens, du wirst genauso sterben wie Céline!», zitiert die …

Artikel lesen
Link zum Artikel