Gesellschaft & Politik
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Die KESB im Kreuzfeuer

Vier Tragödien, zwei Systeme – und immer wird die Schuld bei den Behörden gesucht

Seit dem zweifachen Kindsmord von Flaach steht die regionale Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB) in der Kritik. Doch Tragödien richten sich nicht nach Systemen, wie ein Blick in die Vergangenheit zeigt.



In der Neujahrsnacht tötet Natalie K. mutmasslich ihre beiden Kinder. In den Augen vieler Betrachter trägt das System die Mitschuld am doppelten Kindsmord: Die zuständige Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde KESB Andelfingen-Winterthur hatte der Mutter die Kinder entzogen und in einem Heim untergebracht. Über Weihnachten durften sie zwar nach Hause, doch nach Neujahr sollten sie wieder abgeholt werden. 

Die Mutter habe verhindern wollen, dass die Kinder wieder zurück ins Heim müssten, so lautet das mutmassliche Tatmotiv.

«Sozial-Irrsinn» auf dem Jugendschiff

Die Kritik an der KESB ist nicht neu. In mehreren Fällen wurde die Behörde, die erst seit knapp zwei Jahren in dieser Form existiert und die kommunalen Vormundschaftsbehörden ersetzt, wegen «Sozialirrsinns» kritisiert: Im Fall des Jugendlichen, der auf Geheiss einer KESB dem Betreuungsprogramm der «Stiftung Jugendschiffe» zugeteilt wurde, sowie im Fall Hagenbuch.

Die Zürcher SVP-Kantonsrätin Barbara Steinemann sagte gegenüber dem Tagesanzeiger, die Behörde agiere mit einer «unglaublichen Arroganz» und terrorisiere die Gemeindebehörden. Zum Fall Flaach meint Steinemann: «Man hat die Kinder in ein Heim gesteckt, um damit die Kollegen aus der Sozialindustrie mit Arbeit zu versorgen.» 

Drei Morde unter dem «alten» System

In der Schweiz gab es in den letzten Jahren jedoch insgesamt drei Fälle, die ähnlich gelagert sind wie der «Fall Flaach» – dabei war in allen Fällen noch die «alte» Vormundschaftsbehörde zuständig:

Januar 2013: Amoklauf in Daillon

JAHRESRUECKBLICK 2013 - SCHWEIZ - Local people participate in a candlelight vigil during a walk in tribute to the victims in the street of Daillon, Switzerland, Saturday, January 5, 2013. Late Wednesday, January 2, a gunman opened fire in the street in the small town of Daillon in the Swiss canton of Valais. Three peoples died and two were injured. (KEYSTONE/Jean-Christophe Bott)

Mahnwache nach der Tat in Daillon. Bild: KEYSTONE

Genau zwei Jahre ist es her, als ein 33-Jähriger im Walliser Dorf Daillon auf offener Strasse mit einem Karabiner und einer Schrotflinte drei Frauen tötet und zwei Männer schwer verletzte. 

Der Amokläufer hatte einen Vormund. Trotzdem hortete der IV-Bezüger mehrere Schusswaffen, und das, obwohl ihm früher Waffen weggenommen werden mussten. Dem Vormund des Täters wurde vorgeworfen, er habe versagt. 

Februar 2010: Fall Bonstetten

GERICHTSZEICHUNG --- Der Angeklagte Gustav G., rechts, und sein Verteidiger hoeren die Ausfuehrungen von Gerichtspraesident Bernhard Sager am Mittwoch, 28. August 2013 am Bezirksgericht Winterthur. Der Mann, der im Februar 2010 in einem Winterthurer Hotel seinen fuenfjaehrigen Sohn getoetet hat, ist des Mordes schuldig und wird mit 18 Jahren Freiheitsentzug bestraft. Von einer Verwahrung sah das Bezirksgericht Winterthur in seinem Urteil vom Mittwoch ab. (KEYSTONE/Linda Graedel)..

Gustav G., (r.) wird am 28. August 2013 am Bezirksgericht Winterthur des Mordes an seinem fünfjährigen Sohn schuldig gesprochen und mit 18 Jahren Freiheitsentzug bestraft. Bild: KEYSTONE

Im Februar 2010 erstickt ein Vater aus Bonstetten ZH seinen vierjährigen Sohn in einem Winterthurer Hotel. Die zuständige Vormundschaftsbehörde hatte dem Vater das Sorgerecht zugesprochen. Dies, obwohl die Behörden wussten, dass er in den 1990er-Jahren versucht hatte, einen anderen Sohn zu töten. Die Mutter wirft der Vormundschaftsbehörde vor, am Tod des Buben mitschuldig zu sein.

Das Tötungsdelikt wird politisiert: Kritikern des alten Vormundschaftssystems ist der Fall ein Beweis dafür, dass es eine Professionalisierung braucht. Die zuständigen Personen hätten den Vater zu gut gekannt und nicht objektiv entschieden.  

November 2008: Mord im Florapark

Die 22-jährige Tanja H. ersticht im November 2008 im Berner Florapark einen 52-jährigen Mann. Zu diesem Zeitpunkt wird H. bereits seit einem halben Jahr von der Vormundschaftsbehörde betreut. Die KESB gibt es noch nicht, doch wie in späteren Fällen beschäftigt sich auch hier eine interdisziplinäre Fachgruppe mit Tanja H.: Nur einen Monat vor der Tat beruft die Vormundschaftsbehörde ein dringliches Treffen ein, die Frau wird aber als «nicht fremdgefährdend» eingeschätzt. (dwi/egg)

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    Alle Leser-Kommentare
  • teab 07.01.2015 13:32
    Highlight Highlight Die KESB hat keine einfache Aufgabe, dennoch ist es richtig das nun fachleute Entscheide treffen . Heute wünschen sich viele , dass die Entscheide wieder auf Gemeindeebene erfolgen sollen - wie war dies vor KESB ? Als Person die seit vielen Jahren im diesem Bereich tätig ist, kann ich nur festhalten, dass auch in den Gemeinden vieles nicht so lief wie es sollte. Nicht die KESB sondern " die verantwortlichen Personen" sind ausschlaggeben für Entscheide.
    • nothingon 07.01.2015 17:22
      Highlight Highlight Genau, aber in einer professionalisierten Behörde müssten weniger Fehler passieren! Dort sind "die verantwortlichen Personen" ja professionell ausgebildet. Gemäss deiner argumentation hiesse das:
      In der KESB muss nicht alles so laufen wie es sollte, da ja
      "auch in den Gemeinden vieles nicht so lief wie es sollte"
      Aus irgendeinem Grund hat man ja die Behörde professionalisiert!
  • Lightning makes you Impotent (LMYI) 07.01.2015 09:56
    Highlight Highlight Die ganze Kritik an den Behörden ist lächerlich und verfehlt. Die Behörde und deren Mitarbeiter haben die Kinder nicht getötet und wollten bestimmt nicht, das Ihnen etwas passiert. Deshalb auch der Entscheid, über die Festtage die Kinder zu der Mutter zu schicken. Wäre bei der Familie nichts getan worden, hätte sich ebenso Widerstand geregt. Man wird solche Tragödien mit keinem System jemals verhindern können. Das Verhalten von Menschen ist oft nicht rational und damit vorhersehbar.
    • Lumpirr01 07.01.2015 10:09
      Highlight Highlight Schon richtig, aber die Behörden müssen sich so verhalten, dass bei den Betroffenen keine Panik aufkommt. Das Wegnehmen von Kindern ist für eine Mutter eine brutale einschneidende Massnahme, vorallem während Festtagen! Hier ist mehr Sensibilität / Präsenz / Betreuung seitens KESB nötig, was grundsätzlich (auch gestern im Club) nicht bestritten wird.
    • Lightning makes you Impotent (LMYI) 07.01.2015 10:19
      Highlight Highlight Es gab Gründe für diese Fremdplatzierung, welche man nicht genau kennt und die deshalb nicht diskutiert werden sollten. Die Mutter hatte ja eine Anwältin und es wurde in Aussicht gestellt, dass der Entscheid zu einem späteren Zeitpunkt auch wieder rückgängig gemacht werden kann, wenn sich etwas im Leben der Eltern ändert. Weil man wusste wie brutal eine Wegnahme, vor allem über Festtage ist, wurden die Kinder der Mutter zurückgegeben. Also ich sehe da sehr viel Sensibilität seitens der Behörde und deren Mitarbeiter. Mutmasslich war dies auch als Versuch ausgelegt, für eine mögliche Rückgabe.
    • Michael Mettler 07.01.2015 10:40
      Highlight Highlight @peter: Die Kritik an Behörden ist lächerlich und fehl am Platz. Dieses Statement könnte von einem Diktator stammen. In einer Demokratie ist jede Kritik gefragt.
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Kommentar

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