Gesundheit
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Carl Hart untersucht den Drogenkonsum am lebenden Objekt: Er lädt Süchtige in sein Labor ein und stellt die Drogen bereit. Bild: wikipedia

Verharmlosung oder Verteufelung?

Die Mär von der Horrordroge Crystal Meth

Professor Carl Hart lädt Süchtige in sein Labor und untersucht ihren Konsum. Er findet: Die Risiken vieler Drogen werden bizarr übertrieben.

23.10.14, 15:59 24.10.14, 10:41

Hilmar Schmundt, Spiegel Online

Ein Artikel von

Wenn Carl Hart Besuch bekommt, liegen die Drogen oft schon bereit. Hart ist Professor an der Columbia University in New York und testet die Wirkung von illegalen Betäubungsmitteln. Dazu lädt er Drogennutzer in sein Labor, wo sie dann Marihuana oder Crack rauchen, andere schniefen Kokain oder Crystal Meth – abgesegnet von einer Ethik-Kommission.

Kritiker fragen: Darf ein Professor illegale Drogen verabreichen? «Es ist genau anders herum, es wäre unethisch, diese gefährlichen Substanzen nicht im Labor zu untersuchen», sagt Hart. «Ohne Forschung am Menschen fehlt die Grundlage für vernünftige, wirksame Therapien.»

Crystal Meth im Fokus

Derzeit erforscht der Psychopharmakologe Crystal Meth. Das Aufputschmittel aus dem Labor erlebte seit den Sechzigerjahren diverse Konjunkturen, derzeit kommt es hierzulande meist aus tschechischen Drogenküchen. Die weisslichen Methamphetamin-Kristalle lassen sich schlucken, rauchen oder durch die Nase ziehen.

Sogenannte Meth-Heads fühlen sich fit, tanzen oder arbeiten teils die Nacht durch, werden oft übermässig gesprächig. Am nächsten Tag folgt oft eine Verstimmung, einige versinken in Psychosen. Soweit herrscht Einigkeit.

«Faces of Meth»

Doch Hart warnt vor Sensationsgier. Crystal Meth werde oft als einzigartig gefährlich hochgeschrieben. Auch in deutschen Zeitungen ist viel über die «Teufelskristalle» zu lesen: «Die weissen Kristallbrocken machen schon beim ersten Mal süchtig», heisst es etwa. «Dann zerstören sie den Körper, fressen regelrecht Löcher ins Gehirn.», «Menschen, die einst nett und gesund aussahen, verwandeln sich innerhalb weniger Wochen oder Monate in Zombies.» Und Anti-Drogen-Kampagnen wie «Faces of Meth» schocken mit Vorher-Nachher-Porträts von Abhängigen mit verfaulten Zahnstümpfen und vernarbter Haut.

«Derlei Horror-Kampagnen verspielen viel Vertrauen», warnt Hart, der seit 25 Jahren Drogen erforscht und mit seinen Rastalocken und blitzendem Goldzahn eine auffällige Erscheinung an der traditionsbewussten Eliteuni ist. Häufig, so der Endvierziger, würden extreme Einzelfälle als die Regel dargestellt. «Das ist unredlich.»

So sieht die US-Kampagne aus. Bild: faces of meth

Nicht die Droge ist das Problem – sondern die Perspektivlosigkeit

Hart schätzt, dass nur etwa zehn bis zwanzig Prozent der Crystal-Nutzer süchtig werden. Selbst bei Langzeitnutzern könne er weder Hirnschäden noch Unzurechnungsfähigkeit diagnostizieren. Zumindest bei niedrigen Dosierungen schneiden Probanden oft besser in Sachen Reaktionsgeschwindigkeit und Raumwahrnehmung ab als drogenfreie Vergleichsprobanden.

«Natürlich ist Crystal ungesund und gefährlich», sagt Hart. «Aber das ist Alkohol doch auch.» Jedes Jahr sterben laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) mehrere Millionen Menschen durch Alkohol. «Die meisten Menschen trinken aber massvoll.» In vielen Fällen sei nicht Crystal selbst das Problem, sondern die Perspektivlosigkeit der Nutzer.

Schwieriger Hintergrund

Der Professor weiss, wovon er spricht. Er wuchs in einer zerrütteten Familie in Miami auf. In seiner Autobiografie «High Price» erzählt er, wie er als Fünfjähriger zusehen musste, wie sein Vater seine Mutter mit einem Hammer fast totprügelte. Das Buch ist ein Bericht über sexuelle Eskapaden, Schusswaffen, Einbrüche. Hart entkam dem Elend, als er beim Militär anheuerte. In der Kaserne begann er zu lesen, zu lernen und zu kiffen. Später griff er zu Kokain. Als sich eine akademische Laufbahn auftat, hörte er damit auf. Und wollte verstehen, warum so viele seiner Freunde im Drogenmilieu versackten.

Professor Carl Hart stiess mit seiner Forschung bislang auf taube Ohren. Bild: Getty Images North America

Anfänglich nahm er wie viele an, dass fast jeder Nutzer abhängig sei. Doch je mehr er forschte, desto mehr wunderte er sich, wie schlampig viele Forschungsarbeiten gemacht waren: Die Dosierung bei Tierversuchen zu hoch, die Scans scheinbar drogenzerfressener menschlicher Hirne überinterpretiert, das angeblich eingeschränkte Denkvermögen eigentlich im Normalbereich. In einem Überblicksartikel wies er etliche Fehler in mehr als 40 Arbeiten zu Crystal Meth nach. Fachlich regte sich kaum Widerspruch.

Süchtig nach Drogengeschichten?

«Die Gesellschaft ist süchtig nach reisserischen Drogengeschichten und zahlt dafür einen hohen Preis», sagt Hart: «Drogen-Hysterien werden oft benutzt, um Randgruppen zu stigmatisieren. Bei Crystal sind das vor allem Schwule, Arme und Leute vom Land.»

Harts Buch hat eine Diskussion ausgelöst. «Das Gerede von der gefährlichsten Droge aller Zeiten und von der bundesweiten Epidemie ist ein gefährlicher Hype», sagt auch Tim Pfeiffer-Gerschel, Geschäftsführer der deutschen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht. «Drogen kommen und gehen, aber das Gesamtphänomen hat sich in der Dimension seit vielen Jahren kaum verändert.»

Verharmlost Hart gefährliche Drogen?

Ingo Schäfer vom Zentrum für Interdisziplinäre Suchtforschung (ZIS) in Hamburg dagegen warnt: «Man sollte harte Drogen nicht verharmlosen.» Für eine Studie befragte das ZIS 392 Nutzer. Das Ergebnis ist für Schäfer eindeutig: Die überwiegende Mehrheit der regelmässigen Crystal-Konsumenten sei süchtig.

«Hart redet Suchtwirkung, Psychosen und Zahnschäden klein», kritisiert auch Roland Härtel-Petri, leitender Arzt des Suchtbereichs am Bezirkskrankenhaus Bayreuth. Er stützt sich in seinem Buch «Crystal Meth: Wie eine Droge unser Land überschwemmt» allerdings weniger auf Fachjournale als auf Erlebnisberichte von Patienten. «In den USA ist die Situation anders, hierzulande haben wir zum Glück viele Therapieangebote.»

Verlust der Glaubwürdigkeit

Hart sagt hingegen: «Über 80 Prozent der Crystal-Nutzer sind eben gar nicht süchtig.» Die meisten bräuchten weder Therapie noch Strafe. Der Diskurs über Drogen werde von zwei Berufsgruppen dominiert, die ein Interesse daran hätten, das Thema aufzubauschen: Polizei und Suchtkliniken.

Als Hart bereits Professor war, holte ihn seine Vergangenheit wieder ein: Er erfuhr von einem Sohn, den er als Teenager gezeugt hatte, und der heute Dealer ist. Dass seine beiden jüngeren Söhne im Teenager-Alter in New York auch zu Drogen greifen könnten, wenn sie nicht durch Horrormeldungen über die Teufelskristalle abgeschreckt würden, glaubt Hart nicht: «Das grösste Risiko ist, dass unsere Kinder uns irgendwann nicht mehr glauben, wenn wir sie über Suchtverhalten aufklären wollen.»



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Yanik Freudiger, 23.2.2017
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3Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • daenu 23.10.2014 19:32
    Highlight schliesse mit saukaibli an, ging mir genau so, bin zudem topfit treibe viel sport und zahle noch mehr steuern. was ich noch ergänzen möchte: was ist das für eine gesellschaft welche die einen wegen illegaler drogen verurteilt und einsperrt, aber seine kinder mit fast denselben aber legalen drogen wie ritalin ruhig stellt?
    17 0 Melden
  • saukaibli 23.10.2014 17:11
    Highlight Das ist das Märchen, das immer erzählt wird: "Alle die Drogen nehmen sind süchtig." Das ist absoluter Quatsch, es ist genau wie beim Alkohol, nicht jeder der sich gern mal betrinkt ist Alkoholiker. Ich habe in meiner Jugend viele verschiedene Drogen genommen. Alkohol, Cannabis, Extasy, Speed, Kokain, LSD, Meskalin, Psilocybin und sonst noch ein paar. Süchtig war ich aber nie, hab das Zeug aber auch immer nur genommen um Spass zu haben. Die psychische Sucht entsteht meistens nur aus Perspektivlosigkeit, also wenn man Drogen nimmt wenn es einem schlecht geht.
    19 2 Melden
    • Mia_san_mia 23.10.2014 23:36
      Highlight So ist es, ich nehme auch ab und zu mal was bei speziellen Gelegenheiten um ein bisschen Spass zu haben. Das geht schon seit Jahren gut weil ichs nicht überteibe.
      6 0 Melden

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