Gesundheit
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Gegen den Basler Pharmakonzern Novartis ist in den USA erstmals eine Sammelklage eingereicht worden, wurde am 16. Mai 2000 bekannt. Das Medikament Ritalin von Novartis soll dieser Beschwerde zufolge Nebenwirkungen haben, welche nicht auf dem Beipackzettel aufgelistet sind. Der Pharmakonzern soll zudem ein Krankheitsbild erfunden haben, um das zur Bekaempfung von Konzentrationsschwaeche bei Kindern eingesetzte Medikament  verkaufen zu koennen.  (KEYSTONE/Steffen Schmidt)  === ELECTRONIC IMAGE ===

Schweizer Eltern sind im Zusammenhang mit Ritalin vorsichtiger geworden.  Bild: KEYSTONE

Ritalin: Wer soll die Pille schlucken?

anna wanner



Ein Artikel der

Ritalin kann hyperaktiven Kindern helfen, sich besser zu konzentrieren. Das wirkt sich wiederum positiv auf schulische Leistungen aus. Lehrer und Eltern sind also zufrieden. Doch schwelt seit Jahren ein Streit darüber, ob es auch dem Kind besser geht, wenn es täglich Tabletten schlucken muss. Neben moralischen stellen sich gesellschaftliche Fragen: Darf ein Kind überhaupt noch aufmüpfig sein oder muss es mit Medikamenten vollgepumpt und ruhig gestellt werden? Dient es in der Konsequenz der Entlastung der Lehrer und Eltern oder geht es dem Kind dank des Arzneimittels merklich besser?

Die Lehrmeinungen gehen auseinander. Und je nach Gremium, das dazu befragt wird, fällt die Antwort unterschiedlich aus. Der Bundesrat erkennt zwar eine «zunehmende Tendenz, alltäglichen Befindlichkeitsstörungen oder psychosozial problematisch erscheinenden Verhaltensweisen einen Krankheitsstatus zuzuschreiben», wie er in einem Bericht über leistungssteigernde Medikamente festhält. Dennoch ist er der Ansicht, die Behandlung mit Ritalin verlaufe in der Schweiz «adäquat».

Konsum bei Kinder zu hoch

Der UNO-Kinderrechtsausschuss sieht die Situation weniger entspannt. Er rüffelte die Schweiz erst letzten Monat wegen ihrer laxen Abgabepraxis von Ritalin an Kinder. Gemäss Angaben des Bundesrats leiden in der Schweiz drei bis fünf Prozent der Kinder und Jugendlichen am Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssyndrom, kurz ADHS. Jedem vierten betroffenen Kind wird Ritalin oder ein vergleichbares Medikament verabreicht. Die Schweiz orientiert sich dabei an EU-Richtlinien, die ADHS-Störungen bereits bei Sechsjährigen zur Behandlung empfehlen. Allerdings mit Vorbehalten. So soll der Arzt, der Ritalin verabreicht, auf Verhaltensstörungen spezialisiert sein. Ausserdem soll das Medikament nur als Teil einer umfassenderen Therapie verwendet werden.

Es fliessen grosse Beträge 

7,6 Millionen Franken gaben die Schweizer 2014 für Ritalin und Medikamente mit demselben Wirkstoff (Methylphenidat) aus. 2013 war der Betrag etwa vergleichbar. In den Jahren zuvor lag er aber darunter. 

Freilich sieht die Praxis etwas anders aus. Deshalb sieht auch eine Mehrheit des Nationalrats Handlungsbedarf. Die grosse Kammer überwies eine Motion, welche die Kriterien für die Abgabe für alle Ärzte in Stein meisseln und verschärfen soll. Heute entscheidet der Ständerat darüber.

Ritalin von Eltern hinterfragt

Allerdings scheint die Stimmung zu kippen. Sollte sich die kleine Kammer gegen eine Verschärfung bei der Ritalin-Abgabe aussprechen, bedeutete das auch für Kritiker keinen Weltuntergang. Die Zürcher SP-Nationalrätin Jacqueline Fehr sagt, dass die breite Diskussion in der Öffentlichkeit bereits Früchte trage: «Die Eltern sind vorsichtiger und kundiger geworden.» Ausserdem wisse sie auch um die positive Wirkung des Medikaments: «Es gibt Kinder, denen Ritalin hilft. So kann dank der Therapie grosses Leid vermieden werden.» Oftmals gebe es aber auch Alternativen zu Ritalin, die manche Ärzte zu wenig in Betracht ziehen. «Das Medikament wird verabreicht, bloss um den Erwartungen der Eltern zu genügen.» Insgesamt zieht sie eine durchzogene Bilanz: Sie sei zwar beunruhigt, dass die Zahl der Ritalin-Patienten in der Schweiz nach wie vor hoch sei. «Doch immerhin scheint sie zu stagnieren.»

Novartis: 17 Prozent weniger Umsatz

Die Stagnation widerspiegelt sich nicht bloss in den Schätzungen des Bundesrates. Der Umsatz, den der Hersteller Novartis mit dem Medikament und einem vergleichbaren Präparat gemacht hat, ist 2014 im Vergleich zum Vorjahr um 17 Prozent gesunken. 2013 erzielte Novartis mit Ritalin und Focalin noch 594 Millionen US-Dollar Umsatz, 2014 waren es noch 492 Millionen. Das heisst allerdings nicht, dass der Konsum gesamthaft zurückging. Der Verkauf von Ritalin-Generika funktioniert weiterhin. Laut Krankenkassenverband Santé suisse stagnieren die Ausgaben für den Ritalin-Wirkstoff Methylphenidat zwar bei 7,6 Millionen Franken. Sie sind aber nicht zurückgegangen.

DANKE FÜR DIE ♥

Da du bis hierhin gescrollt hast, gehen wir davon aus, dass dir unser journalistisches Angebot gefällt. Wie du vielleicht weisst, haben wir uns kürzlich entschieden, bei watson keine Login-Pflicht einzuführen. Auch Bezahlschranken wird es bei uns keine geben. Wir möchten möglichst keine Hürden für den Zugang zu watson schaffen, weil wir glauben, es sollten sich in einer Demokratie alle jederzeit und einfach mit Informationen versorgen können. Falls du uns dennoch mit einem kleinen Betrag unterstützen willst, dann tu das doch hier.

Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen?

(Du wirst zu stripe.com (umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)

Oder unterstütze uns mit deinem Wunschbetrag per Banküberweisung.

Nicht mehr anzeigen

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Warum 60 Ökonomen finden, dass es jetzt einen Lockdown braucht – sie aber ungehört bleiben

In einem offenen Brief an den Bundesrat fordern 60 Ökonominnen einen erneuten Lockdown. Es sei wissenschaftlich erwiesen, dass so nicht nur weniger Menschen sterben, sondern auch der wirtschaftliche Schaden kleiner sei. Ihr Aufruf erhielt internationale Aufmerksamkeit.

Während der zweiten Corona-Welle hat sich die Schweizer Regierung für den schwedischen Weg entschieden: Sanfte Massnahmen, die vor allem auf Eigenverantwortung beruhen, sollen die hohen Infektionszahlen runterbringen und gleichzeitig den wirtschaftlichen Schaden klein halten. Einen zweiten Lockdown – so wie er in einigen Nachbarländern aufs Neue verordnet wurde – will kaum jemand. Allen voran nicht die Wirtschaftsvertreter, die seit Beginn der Pandemie vor einer schlimmen wirtschaftlichen …

Artikel lesen
Link zum Artikel