Grossbritannien
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FILE - In this Monday, Sept. 8, 2014, file photo a No sign is displayed in Eyemouth, Scotland. As the battle to decide the future of Scotland and the UK enters its final week, both sides have launched some of the largest ad campaigns in Scottish political history. Millions of pounds (dollars) have been spent and thousands of acres of trees sacrificed to produce countless advertising posters and pamphlets, only for the messages they contain to end up being ridiculed and parodied on social media. (AP Photo/Scott Heppell, File)

Plakat eines Unabhängigkeitsgegners in Eyemouth, Schottland (08.09.2014) Bild: Scott Heppell/AP/KEYSTONE

Schottisches Unabhängigkeitsreferendum

«Schweizer sagen ‹England›, aber meinen ‹Vereinigtes Königreich› – für einen Schotten ist das ziemlich nervig»

In wenigen Tagen entscheiden die Schotten in einem Referendum über die Unabhängigkeit vom Vereinigten Königreich. Wahlschweizer Diccon Bewes, Autor des Bestsellers «Swiss Watching, Inside the Land of Milk & Money», erklärt watson, warum sein schottischer Grossvater Nein gestimmt hätte. 



Herr Bewes, sind Sie selbst Schotte?
Diccon Bewes: Zu einem Viertel, mein Grossvater kam aus Edinburgh. Die Leute hier halten mich wegen der roten Haare für einen Schotten, dabei gehen die auf meine norditalienische Grossmutter zurück.

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bild: zvg

Zur Person

Diccon Bewes wuchs in Hampshire in Südengland auf und lebt seit zehn Jahren in Bern. In seinen Büchern erklärt er einem angelsächsischen Publikum die Eigenheiten der Schweiz. Sein nächstes Buch handelt ausschliesslich von Karten über die Schweiz.

Sie leben seit zehn Jahren in der Schweiz. Wie viel Schotte steckt noch in Ihnen?
Ich bin in England aufgewachsen, aber durch meinen Grossvater war die schottische Kultur Teil meiner Kindheit. Wir trugen Kilts und feierten Burns Night, den Gedenktag des schottischen Nationaldichters Robert Burns. Wenn ich an der Berner Fasnacht Kinder im Schottenrock sehe, erinnere ich mich daran. Für sie ist es ein Kostüm, für mich Landestracht.

In einer Woche stimmen die Schotten über die Unabhängigkeit ab. Was halten Sie davon?
Dass es ein Referendum gibt, finde ich gut. In der Schweiz kommt es alle paar Monate vor, in meiner Heimat vielleicht alle fünf Jahre. Diese fehlende Erfahrung ist mit ein Grund, dass niemand so richtig weiss, was am Tag danach geschieht. Und zwar unabhängig vom Ausgang.

«Dass es ein Referendum gibt, finde ich gut. In der Schweiz kommt es alle paar Monate vor, in meiner Heimat vielleicht alle fünf Jahre.»

diccon bewes

Welchen Ausgang wünschen Sie sich?
Ich würde wohl Nein stimmen, nicht zuletzt, weil auch mein Grossvater ein überzeugter Anhänger der Union war. Abgesehen von der Selbstbestimmung sehe ich nicht, welche Vorteile den Schotten aus der Unabhängigkeit erwachsen würden. Es gibt sehr erfolgreiche Kleinstaaten wie die Schweiz, aber andere wie Griechenland und Portugal haben enorme Probleme. Ich halte das Risiko für zu gross.

Gibt es substantielle Unterschiede zwischen Schotten und Engländern?
Schwer zu sagen, ohne in Stereotype zu verfallen. Gibt es Unterschiede zwischen Zürchern und Baslern?

Ja, es gibt sie.
In jedem Land gibt es regionale Unterschiede. Aber die Menschen in Newcastle im Norden Englands fühlen sich ihren Mitbürgern im schottischen Glasgow wahrscheinlich enger verbunden als jemandem wie mir, der an der Südküste Englands aufgewachsen ist.

Man sagt den Schotten nach, sie seien besonders freundlich.
Das sind sie auch, aber dasselbe sagt man über den Norden Englands. Politisch stehen die Schotten eher links und selbst die Abgeordneten der Konservativen Partei, die es vor der Regierungszeit Margaret Thatchers in Schottland noch zahlreicher gab, gehörten eher zum liberalen Flügel. 

Der schottische Regierungschef und die treibende Kraft hinter dem Referendum, Alex Salmond (11.09.2014)  Bild: AFP

«Es gibt in meiner Heimat keinen echten Föderalismus.»

diccon bewes

Spielt zwischen Engländern und Schotten die typische Mehrheit-Minderheit-Dynamik?
Gewisserweise ja, aber mit der Schweiz und der Beziehung zwischen Deutschschweizern und Romands ist es trotzdem nicht zu vergleichen. Es gibt in meiner Heimat keinen echten Föderalismus. Zwar wurden in den vergangenen 20 Jahren Regionalparlamente in Schottland, Wales und Nordirland geschaffen. Doch gegenüber England sind sie noch immer keine gleichwertigen Partner.

Warum ist das so?
Das Verenigte Königreich in seiner heutigen Form ist ein Zufallsprodukt. 1603 kam es zur Union der schottischen und englischen Krone, 1707 zur politischen Union und 1801 kam noch Irland dazu. Politische Autonomie war dabei nie ein Thema. Ganz anders in der Schweiz: Die Verfassung von 1848 widerspiegelt klar den Willen, die im Sonderbundskrieg besiegten konservativen Kantone einzubinden. 

Für Aussenstehende ist die Geschichte Englands schwierig zu verstehen.
Ja, das merkt man auch daran, dass über die Begriffe England, Grossbritannien und Vereinigtes Königreich eine gewisse Verwirrung besteht. Auch hier in der Schweiz sagen die meisten Leute England, wenn sie eigentlich das Vereinigte Königreich meinen. Für einen Schotten ist das ziemlich nervig.

Offensichtlich wünschen sich viele Schotten mehr Autonomie. Ginge es nicht weniger extrem als mit einem Unabhängigkeitsreferendum?
Ich fürchte nicht, weil die nötigen politischen Institutionen fehlen. Unsere «Kantone», die Regions, verfügen über praktisch keine Macht. Die meisten haben nicht einmal eine Fahne. Schottland hat ein eigenes Parlament, aber keine der englischen Regionen hat ein Parlament, obwohl die meisten von ihnen bevölkerungsmässig grösser sind als Schottland. Keinem Politiker in London würde es in den Sinn kommen, an diesem Status Quo zu rütteln – bis jetzt. Im Fall eines Neins stellt London den Schotten mehr Autonomie in Aussicht. Wieviel und in welchen Bereichenist allerdings unklar.

Ex-Premier Gordon Brown, gebürtiger Schotte, wirbt für ein Nein (11.09.2014) Bild: Getty Images Europe

«Das Ja-Lager gibt sich zu optimistisch und beschwichtigt, das geht schon irgendwie.»

diccon bewes

Auch bei einem Ja sind die Ungewissheiten beträchtlich.
Auf viele sehr heikle Fragen müssten Antworten gefunden werden: Wem gehört das Öl? Wem gehört die Währung? Wieviel der Staatschulden müsste Schottland übernehmen? Was passiert mit den Nuklearwaffen? Das Nein-Lager ist vielleicht ein bisschen zu pessimistisch und stellt diese Probleme als unüberwindbar dar. Das Ja-Lager auf der anderen Seite gibt sich zu optimistisch und beschwichtigt, das geht schon irgendwie.

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David Cameron wirbt für den Verbleib Schottlands in der Union (10.09.2014) video: youtube/reuters

Premierminister David Cameron ist am Mittwoch erstmals nach Schottland gereist, um für einen Verbleib Schottlands in der Union zu werben. Warum erst jetzt?
Wenn er sich zu sehr engagiert oder sogar Vorbereitungen für den Ja-Fall trifft, könnte man ihm das als Angst auslegen, die Unabhängigkeit Schottlands sei schon fast beschlossen. Agiert er zu zurückhaltend, wirkt das defätisitisch. Für die Regierung ist dieser Abstimmungskampf ein Hochseilakt.

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Diccon Bewes hält in Zürich einen Google-Talk über die Schweiz video: youtube/Talks at Google

Zyniker glauben, die Konservativen lassen das linke Schottland gerne ziehen, weil die Arbeiterpartei danach kaum noch Chancen auf eine Parlamentsmehrheit hat.
In der aktuellen politischen Landschaft mag das stimmen. Allerdings sind viele Wahlkreise hart umkämpft und können bei der nächsten Wahl wieder kippen. Und erinnern wir uns: Vor der jetzigen Regierung hatte Tony Blair drei Wahlsiege hintereinander errungen, die so klar ausfielen, dass Labour auch ohne Schottland gewonnen hätte.

«Nach 307 Jahren zusammen würde die Trennung sehr weh tun.»

Was würde der Verlust Schottlands für den Rest des Vereinigten Königreichs bedeuten?
Geografisch würde das Land ein Drittel seines Territoriums und zehn Prozent seiner Bevölkerung verlieren. Physisch wäre es wie die Amputation eines wichtigen Körperteils, emotional schlimmer als die schlimmste Scheidung. Nach 307 Jahren zusammen würde die Trennung sehr weh tun.

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bild: zvg

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    Alle Leser-Kommentare
  • Romeo 12.09.2014 12:13
    Highlight Highlight Was hier wenige begreifen. Es geht auch um Identität. Es ist extrem wichtig!, dass sich die Leute identifizieren können. Hat wenig bis nix mit Nationalismus zu tun. Man sieht es doch vielerorts. Sadinien, Katalonien, Schottland, Ukraine. Und wer noch mehr hat darfs sagen :)
    • Kian 12.09.2014 20:00
      Highlight Highlight Sorry, das hat sehr viel mit Nationalismus zu tun, zu glauben, Identität könne sich nur in einem eigenen Staat entfalten. Wer wenn nicht wir Schweizer wissen, dass im selben Staat zahreiche verschiedene Identitäten Platz haben?
  • Zeit_Genosse 12.09.2014 10:41
    Highlight Highlight Hier fehlt klar der Mittelweg. Föderalismus und Mitbestimmung. Nicht in der extremen Fragmentierung wie in der Schweiz, doch so, dass sich die Regionen vertreten sehen. Der Status-Quo ist nicht mehr zu halten, aber eine Abspaltung schaft viele Verlierer und wenige Gewinner. Als Nein und dann Reformen.
    • Kian 12.09.2014 10:49
      Highlight Highlight Westminster nennt das Devo Max (maximale Übertragung von Kompetenzen an die Regionalparlamente). Mal sehen, ob Cameron im Fall eines Neins wirklich ernst macht.
    • Romeo 12.09.2014 11:19
      Highlight Highlight Da hast du teilweise schon recht, lieber Zeit_Genosse. Aber ohne Druck bewegt sich leider nix. Ist doch überall so. Leider.
    • Zeit_Genosse 12.09.2014 11:41
      Highlight Highlight Lieber Romeo
      Druck kann auch dazu führen, dass man über das Ziel schiesst. Die MEI hat das gezeigt. Manager arbeiten mit Druck (push) und Leader mit Zug (pull). Politiker sollten eigentlich Leader sein, die vorausgehen und nich durch das Volk gepusht werden müssen.
    Weitere Antworten anzeigen
  • joe 12.09.2014 09:49
    Highlight Highlight Ich bin ja auch sehr gespannt wie es ausgeht. Werde am 23. September für zwei Wochen Schottland bereisen. Mal schauen wie die Stimmung dann ist. Ich persönlich denke, dass Sie nicht unabhängig werden sollen. Das Öl wird einmal nicht mehr fliessen und dann werden sie es schwer haben. Zudem sind zu viele Fragen unklar! Die Abstimmung wird auf jeden Fall sehr emotional!
  • devilazed 12.09.2014 09:19
    Highlight Highlight Ich hoffe, das Schottland sich unabhängig macht und sie Ja stimmen. Ich bin zu dieser Zeit gerade in Schottland in den Ferien,bin gespannt was passiert. Für die Schotten ist die Unabhängigkeit nur ein Gewinn, denn all die wichtigen ressourcen besitzen sie,wie Öl und Wasser, darum haben die Engländer angst vor einem Yes. Und ehrlich,das Land gehört den Schotten, und sie dürfen sich nicht mehr von den Engländer länger unterjochen lassen. Go for Scotland, say Yes!
  • Romeo 12.09.2014 08:18
    Highlight Highlight Ja schon. Warum sagen wir das? Es ist einfacher England zu sagen als Great Britain oder United Kingdom. Hier in CH, weiss jeder was damit gemeint ist, auch wenns nicht korrekt ist. http://A
  • blueberry muffin 12.09.2014 07:09
    Highlight Highlight Ein in Südengland aufgewachsener Italiener mit einem schottischen Grossvater ist der representantivste Schotte der Schweiz?
    • Kian 12.09.2014 08:23
      Highlight Highlight Sie treffen den Nagel genau auf den Kopf. Nach über 300 Jahren Union gibt es kein trennscharfes Schottentum. Darum ist auch das Referendum abzulehnen.
    • Romeo 12.09.2014 08:51
      Highlight Highlight An Kian. Das ist ein klares Statement von ihnen, das wenige Journis machen. Löblich. Das macht dann aber auch ihren Artikel recht tendenziös. Ich bin für mehr Eigenverantwortung.
    • Kian 12.09.2014 09:25
      Highlight Highlight @sewi Was ist denn ein echter Schotte? Ein in Schottland geborener Schotte, beide Eltern Schotten, der in London arbeitet und lebt – und davon gbt es Zehntausende – dürfen am Donnerstag nicht abstimmen. EU-Bürger und Commonwealth-Bürger (Inder, Pakistaner, Nihgerianer, usw.) hingegen dürfen, so lange sie Wohnsitz in Schottland haben.
    Weitere Antworten anzeigen
  • ⚡ ⚡ ⚡☢❗andre ☢ ⚡⚡ 12.09.2014 07:03
    Highlight Highlight Ich sage England, wenn ich schlechten Kaffe meine.
    • Romeo 12.09.2014 08:24
      Highlight Highlight Ich war schon lange nicht mehr dort. Ist es immer noch hellbraun gefärbtes, bitteres Wasser?

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