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Aus dem Buch

Die «Gaststätte Ost» im Jahr 1986 an der Schandauer Strasse in Dresden. Bild: Mitteldeutscher Verlag GmbH/ Hans-Jörg Schönherr

1986 versus 1996

Reklamen vor und nach dem Mauerfall: Dildos statt SED-Dauerwurst

Wo früher sozialistische Parolen prangten, war plötzlich Erotikwerbung plakatiert: Hans-Jörg Schönherr hat dokumentiert, wie sich in Dresden Werbeplakate veränderten. Er fotografierte dieselben Plätze 1986 und 1996.

Katja Iken / Spiegel Online

Ein Artikel von

Spiegel Online

Die Losung prangte in gigantischen Lettern hoch oben, auf dem Dach einer Konsumfleischerei in Dresden: «DAS PROGRAMM DER SED – EIN PROGRAMM DES GANZEN VOLKES!» Die Parole, eine glatte Lüge, sollte Euphorie verbreiten, Zusammenhalt und grossartige Ideen suggerieren – das gähnend leere Schaufenster darunter vermochte sie nicht zu erklären.

Zum Bild:

Dildos statt SED-Dauerwurst: «Das Programm der SED – ein Programm des ganzen Volkes» lautete die Losung auf dem Dach dieser Konsumfleischerei an der Reicker Strasse in Dresden. Wo einst Fleisch- und Wurstwaren feilgeboten worden waren, zog in den Neunzigerjahren ein «Erotik-Exklusiv»-Laden ein. An der Bushaltestelle davor warb die «Bild»-Zeitung mit dem Slogan «Mein Schwein ruft nicht an!»

bild: mitteldeutscher verlag gmbh / hans-jörg schönherr

Jahrelang war Hans-Jörg Schönherr achtlos an Plakaten wie jenem auf der Metzgerei an der Reicker Strasse vorbeigegangen. Doch eines Tages, im Frühjahr 1986, blieb der Dresdner stehen, hob den Kopf – drückte auf den Auslöser. Autodidakt Schönherr hatte sein Thema gefunden. Innerhalb von drei Wochen lichtete er Dutzende dieser Plakate ab, die im gesamten Stadtgebiet hingen: auf Friedhofsmauern, unter Eisenbahnbrücken, an Kreuzungen. 

Mit Sprüchen wie «Die Lehre von Marx ist allmächtig, weil sie wahr ist» oder «Je stärker der Sozialismus, desto sicherer der Frieden» trommelte das SED-Regime für die eigene Sache. «Sichtagigation» lautete im DDR-Jargon der Fachausdruck für diese Form der tumben Selbstbeweihräucherung. Ungeschminkt offenbaren seine Arbeiten die Trostlosigkeit eines auf leeren Worthülsen aufbauenden Systems.

Zum Bild:

«Sicherer Friede»: Der Ortseingang der Gemeinde Kesselsdorf bei Dresden. «Je stärker der Sozialismus, desto sicherer der Frieden» hiess es auf einem Plakat, das circa sechsmal so gross war wie das Ortsschild. Nach der Wende verschwand die gigantische «Sichtagitation». Übrig blieben ein leeres Feld, eine grosse Baustelle – sowie ein Anhänger mit der Werbung für ein Dreisternehotel.

bild: mitteldeutscher verlag gmbh/ hans-jörg schönherr

 «Die Lehre von Marx ist allmächtig, weil sie wahr ist»

Zehn Jahre später zog der Fotograf erneut mit seiner Kamera durch die Strassen Dresdens – und fand eine ganz andere Form der Reklame wieder. Dort, wo einst der Sozialismus seine peinliche Eigenwerbung betrieben hatte, prangten nun nackte Brüste, kopulierende Löwen sowie eislutschende Volltätowierte – und warben für Sonnenstudios, schnelle Autos und andere Errungenschaften des Kapitalismus. «Die Plakate nach der Wende muteten genauso primitiv an wie die SED-Sprüche. Und das Verrückte war: Schon wieder schaute keiner hin», sagt Schönherr.

«Sprüche aus Asche» heisst der Bildband, in dem der Fotograf seine beiden Arbeiten von 1986 und 1996 gegenübergestellt hat. Die Texte stammen von Autor Christoph Kuhn: wie Schönherr ein Dresdner, wie Schönherr zu DDR-Zeiten ein Unbequemer, ein Querulant, ein Künstler ohne Chance auf Anerkennung.

Zum Bild: 

Frischfleisch statt Einheitsbrei: Wenig einladend wirkte im Jahr 1986 diese «Gaststätte Ost» an der Schandauer Strasse in Dresden. Auch das Schild auf dem Dach mit der Aufschrift «Für die feste Einheit und Geschlossenheit der sozialistischen Staatengemeinschaft» trug nicht zur Attraktivität des Lokals bei. Zehn Jahre später schien der Laden noch immer nicht besonders gut zu laufen, zahlreiche Rolläden des Hauses waren geschlossen. Und vor der Tür parkte ein weisser Wagen, der «Otto's Hähnchen frisch vom Grill» feilbot.

bild: mitteldeutscher verlag gmbh/ hans-jörg schönherr

Protest gegen Selbstzensur

Kennengelernt hatten sich beide, der Schriftsteller und der Fotograf, schon Mitte der Siebzigerjahre, damals waren sie nolens volens noch Teil des Systems: Kuhn lebte sein kreatives Talent in einem «Zirkel schreibender Arbeiter» aus, Schönherr war Mitglied im «Dresdner Fotoaktiv 57», einem damals elitären Fotoklub im DDR-Kulturbund. «Um voranzukommen als Kreativer, musste man einem dieser organisierten, offiziellen Zirkel angehören, privat ging in der Öffentlichkeit rein gar nichts. Man wollte die Kontrolle über die Leute behalten», sagt Schönherr.

Zum Bild:

Wohnparadies für die Erbauer des Sozialismus: Das Schild, das vor dem VEB Galvano Dresden in der Bienertstrasse hing, war den Arbeitern der DDR gewidmet. «Gruss und Dank allen Werktätigen unserer Republik, den Erbauern des Sozialismus!», lautete die Botschaft. Ausgerechnet auf dem Gelände der, so Fotograf Schönherr, «übelsten Umweltverschmutzer» siedelte sich nach der Wende ein Betrieb für «Naturnahes Wohnen» an – um die Ecke wurden «Multi Polster» feilgeboten.

bild: mitteldeutscher verlag gmbh /hans-jörg schönherr

Doch lange hielten es die beiden jungen Männer nicht aus im staatlich geförderten Kulturbetrieb: Aus Protest gegen die dort praktizierte Selbstzensur traten Schönherr und Kuhn aus den Nachwuchsschmieden aus und klopften beim Kunstdienst der evangelischen Kirche an.

Dank des Engagements des Dresdner Pfarrers Joachim Schöne erhielten die Künstler hier ein Forum, wo sie ihre Werke präsentieren konnten, ohne Rücksicht auf staatliche Befindlichkeiten zu nehmen. Ob Fotografie oder Lyrik: Meist beschäftigten sich die beiden kritisch mit den Verhältnissen in der DDR, ihre Themen kreisten, so Schönherr, «um Vergänglichkeit, Freiheit des Einzelnen in der Gesellschaft, Umweltverschmutzung, Verfall der Städte in der DDR».

Zum Bild: 

Sozialismus und Solidus: Gleich sechs Fahnenmasten standen in diesem kleinen Park an der Dohnaer Strasse in Dresden. Sie flankierten die DDR-Losung «Wir erfüllen das Vermächtnis Ernst Thälmanns – für Frieden und Sozialismus». Zehn Jahre später waren Fahnen nebst Thälmann verschwunden. Dafür stand hier eine Parkbank mehr – und warb die Firma Solidus für ihre Anschlagbänder zum Transportieren schwerer Lasten.

bild: mitteldeutscher verlag gmbh/ hans-jörg schönherr

«Ruck in die richtige Richtung geben»

1976 stellten Schönherr und Kuhn ihre Arbeiten in der Dresdner Kreuzkirche aus: ohne Geld, ohne Material, die Exponate klebten sie auf einfache Wellpappe. 1981 folgte eine zweite Ausstellung, die auch als Wanderausstellung durch die DDR tourte. Doch Schönherr wollte noch mehr – er kämpfte um seine staatliche Anerkennung als Fotograf. Denn in seinem Brotberuf beim VEB Pentacon hatte der studierte Diplomphysiker zwar tagein, tagaus mit dem Thema Fotografie zu tun. Als Kreativer davon leben durfte er indes nicht.

Denn um hauptberuflich als Selbstständiger in der Branche tätig sein zu dürfen, musste Schönherr Mitglied des Verbands Bildender Künstler (VBK) werden: eine aufwendige Prozedur. Der Dresdner bewarb sich 1976 mit den 30 geforderten Arbeiten und wurde abgelehnt. Er präsentierte sich 1983 erneut, diesmal wurde er probehalber aufgenommen.

1985 fuhr Schönherr optimistisch nach Berlin, um endgültig zugelassen zu werden – und bekam erneut eine Abfuhr. Immerhin gab man ihm eine letzte Chance: «Sie müssen sich einen Ruck in die richtige Richtung geben», riet ihm ein Professor der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig und forderte Schönherr auf, ein Jahr später mit einer «sozialistisch-realistischen Reportage» erneut vor die Kommission zu treten. Im Grunde kam dies bereits einem Rauswurf gleich, erinnert sich Schönherr: «Man rechnete damit, dass ich von selbst das Handtuch werfen würde.» Doch dies wollte der Dresdner nicht.

Zum Bild: 

«Kampfplatz für den Frieden»: «Mein Arbeitsplatz – mein Kampfplatz für den Frieden», lautete die Parole, die an dieser Strassenecke in Freital prangte. Nach dem Mauerfall buhlten hier gleich sechs Betriebe (die Sparkasse, der örtliche Suzuki-Händler, die Telekom, das Treff-Hotel, Möbel Walther und der Glasmaschinenbau Freital) um die Aufmerksamkeit der Passanten.

bild: mitteldeutscher verlag gmbh /hans-jörg schönherr

Realsatire auf den real existierenden Sozialismus

Verzweifelt grübelte er über einem möglichen Thema – bis er bei einem Spaziergang durch die Strassen fündig wurde. Überall sprang ihm plötzlich die zynische DDR-Werbung ins Auge. Hochfliegende SED-Parolen auf bröckelnden Häuserfassaden, an tristen Ausfallstraßen und geschlossenen Gaststätten – «sozialistisch-realistischer» ging es kaum. Schönherr stieg in seinen Trabi, packte Frau und Sohn ein und fuhr nach Pankow.

Dort präsentierte er am 14. Oktober 1986 um 15 Uhr vor der Zentralen Aufnahmekommission des VBK im «Wilhelm Pieck Haus» jene Fotoreportage mit den Sozialismus-Slogans: ein Affront. Denn wer näher hinschaute, wurde sich der Verlogenheit der Parolen, des offensichtlichen Widerspruchs zwischen Anspruch und Wirklichkeit schlagartig bewusst.

Zudem war die «Sichtagitation» im Strassenbild der DDR mittlerweile auf einen geheimen Beschluss des Ministerrats hin abgebaut worden – die plumpe Eigenwerbung hatte im April 1986 das Missfallen von Russlands Staatschef Michail Gorbatschow erregt.

Zum Bild:

«Alles für das Wohl des Menschen»: Eine Friedenstaube, Ähren, Blumen, eine Sonne – das Plakat mit der Aufschrift «Alles für das Wohl des Menschen. Alles für das Glück des Volkes» versprach ein realsozialistisches Paradies auf Erden. Statt der schwarz-weissen DDR-Propaganda räkelten sich 1996 an dieser Dresdner Strassenecke drei nackte Frauen auf dem Werbebanner eines Sonnenstudios. Davor auf der Wiese parkte ein Laster, der mit gelben Lettern und nacktem Frauenpopo für die Erotikmesse in Dresden warb. Striptease, Gogo, Dessous-Shows – eine ganz neue Interpretation des DDR-Slogans «Alles für das Wohl des Menschen».

bild: mitteldeutscher verlag gmbh /hans-jörg schönherr

Beim Anblick der Bilder zogen die Gutachter die Brauen hoch. Diese Arbeiten seien «nicht künstlerisch genug», es handle sich um einen «Stilbruch gegenüber den älteren Arbeiten», ließen die Herren Professoren mit bleichen Gesichtern verlauten – auf das inhaltliche Thema der Fotoreportage, auf die offene Provokation, gingen sie mit keinem Wort ein. Schönherr blieb die Aufnahme in den VBK verwehrt, was einem faktischen Berufsverbot gleichkam.

Dem Selfmade-Fotografen war klar, dass er nun definitiv rausfliegen würde. Doch die einmalige Gelegenheit, den SED-Kulturfunktionären seine grandiose Realsatire auf den real existierenden Sozialismus auf den Tisch zu knallen, hatte er sich nicht entgehen lassen wollen. «Ich wollte mich weder verbiegen lassen noch kuschen», resümiert er. Ausgestellt hat Hans-Jörg Schönherr in der DDR nie wieder.



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