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epa06354387 Egyptian Jornalists hold candles and the Egyptian national flag during candlelight vigil for victims of al-Rawda mosque attack, in front of the Journalists Syndicate, in Cairo, Egypt, 27 November 2017. 305 people were killed and 128 injured after a bomb was detonated at a mosque and fire opened on worshippers during Friday prayers in the Sinai town of Bir al-Abd, near Arish (400km northeast of Cairo) on 24 November.  EPA/KHALED ELFIQI

Gedenken an die Opfer des Anschlags auf die Rawda-Moschee. Bild: EPA/EPA

Terror in Ägypten – der Plan des «IS» geht auf

305 Menschen sind tot, viele Kinder, viele Alte: Mit dem Anschlag auf die Rawda-Moschee erklärt der «IS» der ägyptischen Gesellschaft den Krieg. Staatschef Sisi reagiert hart – und hilft so den Extremisten.

Dominik Peters, Christoph Sydow



Ein Artikel von

Spiegel Online

Der Haufen Sandalen am Eingang zur Rawda-Moschee zeugt von dem Grauen, das sich am Freitag in dem Gebetshaus abgespielt hat. Die Gläubigen hatten die Schuhe vor dem Freitagsgebet ausgezogen. Der Imam begann gerade seine Predigt, als Geländewagen mit schwarzen «IS»-Flaggen und insgesamt rund zwei Dutzend bewaffneten Terroristen vorfuhren. Sie zündeten mehrere kleinere Sprengsätze und eröffneten das Feuer auf die Betenden.

Es ist der verheerendste Terroranschlag in der Geschichte Ägyptens. 305 Menschen wurden nach offiziellen Angaben getötet, 128 verletzt. 28 Tote waren zehn Jahre oder jünger. 160 Todesopfer waren älter als 60. Zehn Familien verloren Männer aus drei Generationen: Grossvater, Vater und Sohn. Insgesamt ist etwa jeder vierte Bewohner des Dorfes Rawda am Freitag getötet worden.

Angriff auf die Sufis

In der Moschee hatten sich vor allem Sufis versammelt. Der Sufismus ist eine mystische Strömung innerhalb des Islams. Millionen Ägypter fühlen sich einem von Hunderten Sufi-Orden zugehörig. Salafisten und andere radikale Islamisten betrachten die Sufis als Häretiker, weil sie Verstorbene als Heilige verehren und weil Tanz und Musik im religiösen Leben der Sufis eine wichtige Rolle spielen.

Die Terrormiliz «Islamischer Staat» («IS») hat in den vergangenen Jahren mehrfach Sufis auf der Sinai-Halbinsel angegriffen. Im November 2016 enthaupteten die Dschihadisten den 96-jährigen Sufi-Scheich Suleiman Abu Heraz, der selbst in Rawda gelebt hatte. Im Januar dieses Jahres veröffentlichte der «IS» in seinem englischsprachigen Propagandamagazin «Rumiyah» ein Foto von Abu Heraz' Enthauptung. Dazu sprach die Terrororganisation eine konkrete Drohung gegen den Sufi-Orden in Rawda aus, der «ausgelöscht» werden müsste.

epa06350857 Palestinians carry the Egyptian flag and posters during a demonstration to show their solidarity with Egyptian people after the deadly attack on Rawda mosque in Egypt's Sinai, in front of the Nativity church in the West Bank city of Bethlehem, 25 November 2017. According to latest reports, some 305 people were killed and 128 injured after a bomb was detonated at a mosque and fire opened on worshippers in the Sinai town of Bir al-Abd, near Arish on 24 November.  EPA/ABED AL HASHLAMOUN

Palästinenser solidarisieren sich mit den Opfern des Anschlags. Bild: EPA/EPA

In den vergangenen Wochen hatte der «IS» laut Dorfbewohnern seine Drohungen verstärkt. Nachdem Anwohner vor drei Wochen mehrere «IS»-Milizionäre festgesetzt und an die Sicherheitskräfte übergeben hatten, habe die Terrororganisation das Dorf vor einer weiteren Zusammenarbeit mit den ägyptischen Behörden gewarnt. Zudem seien die Dorfbewohner in Flugblättern aufgerufen worden, sich vom Sufismus abzuwenden. Ausserdem hätten vermummte Kämpfer seit Jahresanfang zweimal den Sufi-Scheich Hussein al-Garir in seinem Haus in Rawda überfallen.

Doch die ägyptischen Sicherheitskräfte haben diese Warnungen offenbar nicht ernst genug genommen. Die Regierung in Kairo betrachtet die Beduinen des Sinais seit jeher als Bürger zweiter Klasse. Seit dem israelischen Rückzug von der Halbinsel 1982 gelten sie manchen Ägyptern gar als fünfte Kolonne Israels, schliesslich hatten viele Beduinen in den 15 Jahren der israelischen Besatzung mit den Israelis kooperiert.

Endloskrieg auf dem Sinai

Die Folge: Die riesige Region wurde jahrzehntelang vernachlässigt, besonders die Menschen im Norden leiden unter den Folgen: Die Arbeitslosigkeit ist hoch, die ärztliche Versorgung vielerorts katastrophal – idealer Nährboden für Extremisten. Einige mächtige Beduinenstämme haben deshalb in den vergangenen Jahren für unterschiedliche Islamistengruppen gearbeitet oder sich diesen zeitweise sogar angeschlossen.

epa06349883 An exterior view of the Al-Rawda mosque a day after the mosque was attacked in the northern city of Arish, Sinai Peninsula, Egypt, 25 November 2017. According to reports, at least 270 people were killed and 90 injured after a bomb was detonated at a mosque and fire opened on worshippers in the Sinai town of Bir al-Abd, near Arish.  EPA/AHMED HASSAN

Die Moschee am Tag nach dem Anschlag. Bild: EPA/EPA

Um den Endloskrieg auf dem Sinai zu beenden, mindestens aber um die Terroristen effektiv zu bekämpfen, schickte die ägyptische Armee in den vergangenen Jahren grosse Truppenverbände und Spezialeinheiten an die Mittelmeerküste des Sinais.

Bislang fokussierten sich die Streitkräfte in ihrem Kampf gegen Islamisten vor allem auf das Gebiet zwischen der Provinzhauptstadt Arisch und Rafah, der Grenzstadt zum Gazastreifen. Die Rawda-Moschee aber liegt weit davon entfernt, an den Ausläufern der von Flamingos, Pelikanen und Möwen bevölkerten sumpfartigen Bardawil-Lagune. Die Moschee in diesem ruhigen Naturschutzgebiet war der ideale Anschlagsort - bis zum Wochenende unbekannt, nun wird weltweit berichtet. Der Plan der Extremisten geht auf.

Sisi wiederholt Mubaraks Fehler

Staatschef Abdel Fattah el-Sisi reagiert, wie er immer reagiert. Er kündigt Vergeltung und Gewalt an. Doch genau diese Politik hat Ägypten an den Abgrund geführt. Als in den Neunzigerjahren militante Islamisten das Land mit Terrorangriffen gegen Touristen, koptische Christen und Sicherheitskräfte überzogen, reagierte das damals herrschende Mubarak-Regime mit einer rücksichtlosen Militäroperation gegen islamistische Hochburgen in Oberägypten. Mit der Folge, dass die Terroristen noch mehr Zulauf bekamen.

Nun wiederholt sich das gleiche auf dem Sinai. Seit 2014 hat das Militär den Norden der Halbinsel praktisch abgeriegelt, fliegt die Armee Luftangriffe, wird eine ganze Provinz unter den Generalverdacht gestellt, Terroristen zu unterstützen.

Staatschef Sisi behauptete nach dem Anschlag von Rawda, das Attentat zeige die «Schwäche und Unfähigkeit» der Terroristen. Das Gegenteil ist richtig: Der «IS» auf dem Sinai wird immer mächtiger. So mächtig, dass er am helllichten Tag 300 Menschen in einer Moschee töten kann, ohne dass es eine Spur von den Tätern gibt.

«Historisches Verbrechen» im Juni 2017:

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Video: watson/Nico Franzoni

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46Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • rodolofo 28.11.2017 15:39
    Highlight Highlight Mit den üblichen, sich gut verkaufenden Nachrichten über Mord, Totschlag, Vergewaltigung, Folter und Katastrophe haben wir nebenbei noch einige interessante Dinge über den Sufismus erfahren...
    DAS wäre doch mal eine mit den Menschenrechten und mit Demokratie kompatible Islam-Variante!
    Und die ist ja nicht mal klein, wenn Millionen von Ägyptern bei solchen Sufis mitmachen!
    Bei uns in der Schweiz haben wir immerhin eine Million "Suuffis".
    Ist dieser spassige Beitrag unangebracht?
    Wenn wir nicht mehr lachen könnten, hätten diese bärtigen, humorlosen Terroristen des IS gesiegt...
    • Saraina 28.11.2017 16:22
      Highlight Highlight Die Sufi-Orden sind nicht nur in Ägypten die Zielscheibe salafistischer extremistischer Gruppierungen. In Pakistan sind Anschläg auf Moscheen und Grabstätten keine Seltenheit, in Afghanistan ebenso. Die diversen salafistischen Gruppierungen in Irak und Syrien, insbesondere der IS, haben die Scheichs der Orden als erste massakriert und die Gedenkstätten geschändet. Tassawuf, oder Sufismus war und ist ein integraler Bestandteil des traditionellen Islams der vier Rechtschulen, und nicht eine Sonderform.
    • Rabbi Jussuf 28.11.2017 20:37
      Highlight Highlight Saraina
      Die Sufis werden aber von konservativen Muslimen als Sekte angesehen.
      Sufis waren noch nicht so lange her auch politisch aktiv und nicht wenige Islamvordenker kamen aus dieser Tradition. Wobei man schon deutlich hinschauen muss, was unter Sufismus verstanden wird.
    • Saraina 28.11.2017 22:46
      Highlight Highlight Es kommt darauf an, was du unter konservativen Muslimen verstehst. Osmanische Sultane ohne Mevlevis waren undenkbar, und ein so bedeutender Gelehrter wie Al-Ghazali, der sich gänzlich im traditionellen Islam bewegte, war Sufi. Etliche waren und sind auch Rechtsgelehrte. Abgelehnt werden sie von den Hanbaliten und den Salafisten, sowie von den Modernisten. Ihre Absenz macht den Islam eher trostlos.

      Und du hast Recht, etliche Scheichs waren bedeutende politische Führungsfiguren und nicht selten im Kampf mit der Obrigkeit oder den Kolonialisten. Imam Schamil und Emir Abdal Kader zum Beispiel.
    Weitere Antworten anzeigen
  • sheshe 28.11.2017 09:10
    Highlight Highlight Wichtig ist die Unterscheidung Nord- und Südsinais. Der Sinai ist nicht einfach nur ein Drogen- und Waffenumschlagplatz organisiert durch Beduinenklans, wie es hier beschrieben wird. Der Norden hat mit dem Süden überhaupt nichts zu tun und die Lage im Süden ist nach wie vor stabil und sicher. Bitte, liebe Medien, macht diesen Unterschied! Ihr zerstört zahlreiche Existenzen, nur weil ihr die Angst vor dem Sinai im Westen schürt.
    • sheshe 28.11.2017 16:02
      Highlight Highlight Stimmt, das hat es, ist aber schon lange her (bis auf das russische Flugzeug). Tatsache ist, dass Buchungen für Sharm und Dahab/Nuweiba extrem rückläufig wurden und zwar deshalb, weil die EDAs der westlichen Länder Reisewarnungen aufgrund der Anschläge in Al-Arish etc. für den ganzen Sinai herausgegeben haben. Und genau das möchte ich damit anprangern. Ich habe zwei Jahre auf dem (Süd-)Sinai gelebt und kenne die Situation vor Ort sehr gut. Die Bewertungen unserer Kommentare spiegeln übrigens das Misstrauen der westlichen Gesellschaft gegenüber dem Sinai ziemlich gut wider.
      User Image
  • Posersalami 28.11.2017 07:40
    Highlight Highlight „Er kündigt Vergeltung und Gewalt an. Doch genau diese Politik hat Ägypten an den Abgrund geführt.“

    Es ist erstaunlich, dass der Spiegel es schafft hier Ross und Reiter klar zu bennen, im Falle von NATO Kriegen, dee Flüchtlingskriese oder der Russlandpolitik aber unfähig zu dieser einfachen Erkenntnis ist. Doppelstandards in reinster Form.

    Hier gibts weitere Informationen zum Sinai und dem IS von einem Kenner der Region:
    https://www.journal21.ch/sinai-ohne-ende
    • Kubod 28.11.2017 12:46
      Highlight Highlight @Posersalami
      Ist mir jetzt nicht ganz klar, was Du meinst.
      Gewalt und Vergeltung gibt es im Islam seit es die kriegerische Ausbreitung des Islam gibt. Spätestens seit der Shia, der gewaltsamen Auseinandersetzung zwischen Shiiten und Suniten um die "richtige" Nachfolge des Propheten. Beide islamischen Richtungen wiederum bekämpfen alle Andersgläubigen. Dazu brauchte es weder die Nato im Irak, noch die Russen in Syrien und Afghanistan. Ist einfach so, dass das Gemetzel seit 1400 Jahren systemimanent ist. Daran wird auch ein herbeifantasierter Euroislam nix ändern. Wir leben mit den Symptonen.
    • Posersalami 28.11.2017 14:34
      Highlight Highlight "Beide islamischen Richtungen wiederum bekämpfen alle Andersgläubigen. "

      Unsinn
    • ezclips 28.11.2017 15:41
      Highlight Highlight
      Stimmt nicht ganz Posersalami z.B. die Ahmadija sind eine Reformbewegung des Islams und werden von beiden Schiiten und Sunniten als Ketzer verfolgt
      Source:
      https://www.watson.ch/Wissen/International/408388807-Sunniten-und-Schiiten--Salafisten-und-Sufis--Das-«Who-is-Who»-der-islamischen-Gruppen
      http://www.ahmadiyya.ch/home/index.php/de/
    Weitere Antworten anzeigen
  • Wilhelm Dingo 28.11.2017 06:35
    Highlight Highlight Die betroffenen Menschen tun mir leid. Wieder ein gutes Beispiel, wo die Schweiz vermittelnd und unterstützend eingreifen könnte bevor es zu spät ist.
    • Saraina 28.11.2017 11:44
      Highlight Highlight Und wie das? Im Moment läuft es gut für Al-Sisi. 300 Tote kratzen ihn nicht, Einwohner hat das Land eh genug und die Reichen sind gut geschützt. Der Westen ihm mit Waffen und Geld. Und die Schraube anziehen kann er mit dem Argument "Krieg gegen den Terror". Die Schraube anziehen muss er, weil die Bevölkerung wahrscheinlich nicht so Freude daran hat, dass Ägypten jetzt unter dem Segel Saudi Arabiens zu den Verbündeten Israels gehört. Mit dem salafistischen Islam hat Ägypten nömlich traditionell nichts am Hut, auch die Sufis nicht. Die werden von den Saudis verfolgt. Läuft also alles bestens.
    • Rabbi Jussuf 28.11.2017 12:10
      Highlight Highlight Wo soll man denn da vermitteln?
      Zwischen einem korrupten Militärregime und Islamisten?
      Vergiss es!
    • Wilhelm Dingo 28.11.2017 14:53
      Highlight Highlight @all: Ihr habt sicher Recht, dass die Lage ziemlich aussichtlos ist. Aber was sind die Alternativen?
    Weitere Antworten anzeigen

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