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Hundert Raketen sind noch keine Strategie – die Analyse zum Militärschlag gegen Assad

Die USA, Grossbritannien und Frankreich haben nach sechs Tagen militärisch auf den mutmasslichen Giftangriff auf Duma reagiert. Trump und seine Verbündeten wollen damit künftige Chemieangriffe verhindern. Kann das klappen?

14.04.18, 15:08

Christoph Sydow / spiegel online



Ein Artikel von

Nach einer Stunde war alles vorbei: Um 4 Uhr nachts syrischer Zeit trat US-Präsident Donald Trump im Weissen Haus vor die Kameras und verkündete eine Militäroperation gegen das Chemiewaffenprogramm des syrischen Regimes. 60 Minuten später gaben US-Verteidigungsminister James Mattis und Generalstabschef Joseph Dunford im Pentagon schon das Ende der Angriffe bekannt.

>> Hier findest du die aktuellen Ereignisse nach dem Militärschlag der USA, Frankreich und Grossbritannien gegen Syrien.

Die Luftangriffe, an denen sich auch Grossbritannien und Frankreich mit Kampfjets beteiligten, richteten sich nach Angaben des Pentagon gegen drei Ziele: ein militärisches Forschungszentrum in der Nähe von Damaskus, ein Lager für Chemiewaffen und deren Ausgangsstoffe in der Nähe der Stadt Homs sowie gegen einen nahe gelegenen Kommandoposten.

Es ist der zweite US-geführte Vergeltungsangriff gegen das syrische Militär innerhalb rund eines Jahres. Am 7. April 2017 waren knapp 60 Tomahawk-Marschflugkörper auf dem Luftwaffenstützpunkt Schairat in Syrien eingeschlagen – eine Reaktion auf den Sarinangriff in der Kleinstadt Chan Scheichun drei Tage zuvor.

Keine Koordination mit Russland

Die Luftangriffe der vergangenen Nacht sind nun eine Strafaktion für den mutmasslichen Giftgasangriff auf Duma am vergangenen Samstag. Die US-Regierung hat nach eigenen Angaben keinen Zweifel mehr, dass das Assad-Regime in dem Vorort von Damaskus Chlorgas und möglicherweise ein bislang noch nicht eindeutig identifiziertes Nervengift einsetzte und damit mehr als 40 Menschen tötete.

In mehreren Punkten unterscheidet sich der jetzige Vergeltungsschlag vom US-Angriff des vergangenen Jahres. Zum einen handelt Washington in diesem Jahr nicht im Alleingang, sondern im Verbund mit Grossbritannien und Frankreich. Die syrischen Staatsmedien sprechen deshalb von der Drei-Parteien-Agression. Unter diesem Namen ist in der arabischen Welt bis heute die Suezkrise 1956 bekannt. Damals führten Grossbritannien, Frankreich und Israel Krieg gegen den ägyptischen Staatschef Gamal Abdel Nasser – in die Rolle des bis heute bewunderten Diktators will nun offenbar Baschar al-Assad schlüpfen.

Zum zweiten wurde Russland anders als vor einem Jahr nicht konkret über den bevorstehenden Angriff informiert. Zwar koordinierte das Pentagon mit dem russischen Militär über einen Gesprächskanal die Sperrung des syrischen Luftraums – aber das ist seit Jahren Alltag. Die genauen Zielkoordinaten teilte Washington allerdings nicht mit. Anders als vor einem Jahr: damals gaben die USA den Russen mehrere Stunden Zeit, um ihre Soldaten auf dem Flugplatz Schairat in Sicherheit zu bringen. Das US-Verteidigungsministerium betonte jedoch, man habe die Angriffsziele vom Freitag so gewählt, dass keine russischen Soldaten und syrischen Zivilisten gefährdet würden. Gleichwohl ist die fehlende Absprache ein Zeichen grösserer Entschlossenheit gegenüber Russland.

Lässt sich Assad abschrecken?

Zum dritten richteten sich die US-geführten Angriffe nun gegen mehrere Ziele gleichzeitig und sollen eine langfristige Wirkung haben: Vor einem Jahr zielten die «Tomahawk»-Marschflugkörper auf genau den Luftwaffenstützpunkt, von dem das Flugzeug abgehoben hatte, das eine Saringranate auf Chan Scheichun abfeuerte. Der Flugplatz war jedoch schon nach wenigen Tagen wieder einsatzfähig. Die Luftschläge vom Samstagmorgen - die Rede ist von 100 bis 120 Marschflugkörpern und Raketen - gegen Einrichtungen, in denen das Assad-Regime Chemiewaffen entwickelt, produziert und lagert, sollen hingegen dauerhaft verhindern, dass der Diktator weiterhin Giftgas gegen seine Landsleute einsetzt.

Aber kann das funktionieren? Die Frage stellt sich zum einen aus praktischer Sicht: Seit Trump am vergangenen Sonntag via Twitter das Assad-Regime für den mutmasslichen Chemiewaffenangriff in Duma verantwortlich machte, konnte sich Damaskus auf bevorstehende Vergeltungsschläge einstellen. Das syrische Militär hatte also sechs Tage Zeit, wichtige Einrichtungen zu räumen und möglicherweise auch Chemiewaffen an geheime Orte zu bringen. Ganz abgesehen davon ist unklar, ob das Regime nicht Labors unterhält, von denen die USA nichts weiss. Bis 2013 hatte die Welt ja auch keine gesicherten Informationen über das syrische C-Waffenprogramm, dessen Existenz Assad stets geleugnet hatte.

Die Frage, ob Trump mit den Angriffen vom Freitag den Einsatz von Chemiewaffen in Syrien künftig verhindert, stellt sich aber auch aus strategischer Sicht. Waren die Attacken für Assad so verlustreich, dass er vor weiteren Gasangriffen zurückschreckt? Wenige Stunden danach sieht es nicht danach aus.

Assads Verbündete haben eine langfristige Strategie

Die Luftschläge haben die militärischen Fähigkeiten des Regimes kaum dezimiert. Kein einziges Flugzeug, kein Helikopter, kein Panzer wurde bei den Angriffen ins Visier genommen. Seinen Krieg mit nicht-chemischen Waffen kann Assad also ungehindert fortführen. Und es sind genau jene Waffen, die 99 Prozent der bislang rund 500'000 Todesopfer seit Kriegsbeginn verursacht haben.

Auch nach der Nacht zum Samstag wird die Strategie der USA und ihrer Verbündeten in Syrien nicht klarer. Es gehe nicht um einen Sturz des Regimes, stellt Theresa May klar. Gleichwohl sei Assad ein Monster, betont Trump. Der US-Präsident sagt, man sei bereit für eine länger anhaltende Militärkampagne gegen das Assad-Regime. Sein Verteidigungsminister Mattis hebt hingegen hervor: «Das war jetzt erstmal ein einmaliger Angriff.» So richtig passt das alles nicht zusammen.

Die rund 2000 in Syrien stationierten Soldaten sollen die Reste des «Islamischen Staats» (IS) auslöschen, verhindern, dass Iran von der Zerschlagung des IS profitiert, aber nicht unendlich lange in Syrien bleiben, sagte Trump in seiner Rede. Damit machte er auch klar, dass sich die US-Militärpräsenz nicht gegen Assad richtet. Wie 2000 US-Soldaten angesichts Zehntausender iranischer Soldaten und Milizionäre in Syrien diese Aufgabe leisten sollen, bleibt aber auch wie so vieles unklar.

Der Vorteil der Regimes in Damaskus, Moskau und Teheran: Sie verfolgen beharrlich und rücksichtslos eine kohärente, langfristige Strategie – das Assad-Regime soll um jeden Preis an der Macht bleiben. Bei Trump kann mit dem nächsten Tweet schon wieder alles anders sein.

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Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.

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    Alle Leser-Kommentare
  • Ueli der Knecht 14.04.2018 18:53
    Highlight "Zum zweiten wurde Russland anders als vor einem Jahr nicht konkret über den bevorstehenden Angriff informiert."

    Trotzdem waren die Russen im Vorfeld offenbar bestens informiert. Ich habe sogar den Eindruck, dass die Russen bei der Auswahl der Ziele mitwirkten, und die Aktion wenn nicht gar selber vorgeschlagen, dann zumindest erlaubt haben, so dass die Amis, Briten und Franzosen alle ihr Gesicht wahren konnten. Und gut ist.

    Alles in allem scheint es mir eine rein symbolische Aktion zu sein. Nicht wirklich militärisch. VIelmehr Resultat geschickter Verhandlungen von besonnenen Diplomaten.
    1 1 Melden
  • bokl 14.04.2018 18:51
    Highlight Wofür eine Strategie? Die "Westmächte" konnten ihre Raketen testen/demonstrieren, die Russen ihre Flugabwehr. Auf beiden Seiten gab es Erfolge und schöne Photos für den PR-Katalog.

    Win-Win-Situation nennt man sowas.

    Natürlich nicht für die syrische Bevölkerung. Aber dafür interessiert sich weder Trump noch Putin.
    3 2 Melden
  • iggy pop 14.04.2018 16:54
    Highlight Eine Strategie wäre vielleicht mal die Sanktionen von der EU gegen das syrische Volk zu beenden, welche die Syrer gegen Assad aufhetzen sollte und am meisten Leid verursacht. Nun scheint das nicht zu funktionieren und man treibt es weiter auf die Spitze in dem man ein Lager mit Medikamenten zerstört, dass Spitäler versorgt. Verlogener Propagandakrieg!!
    41 12 Melden
    • Hoppla! 14.04.2018 18:11
      Highlight Weil es utopisch ist, dass ein Volk eine Diktatur nicht billigt und deshalb ein Aufhezen von der bösen EU nötig ist?

      Ah, hoppla; Assad ist ja ein Wohltäter der nur das beste für sein Volk will. Glatt vergessen. Wie komme ich da nur auf Diktatur und Gemetzel an der einem Zivilbevölkerung? Ich Dummerchen.
      2 3 Melden
    • Ueli der Knecht 14.04.2018 18:54
      Highlight Sanktionen stärken fast immer nur die organisierte Kriminalität, mafiöse Strukturen und Schattenmächte, die sich an den Sanktionen dumm und dämlich verdienen.
      3 1 Melden
    • swisskiss 15.04.2018 04:09
      Highlight Propaganda ist die Darstellung, die Sanktionen gegen Finanz- und Erdölindustrie als Sanktionen gegen das syrische Volk darstellen zu wollen. In der Sanktionsliste sind Finanz und Oelleistungen aus humanitären Gründen erlaubt. Weder sind Lebensmittel noch Medikamente sanktioniert.

      Propagnda ist darstellen zu wollen, dass das syrische Volk wegen westlicher Sanktionen gegen das Assadregime kämpft.

      Man kann durchaus in aller Form den illegalen Angriff auf die Souveränität Syriens verurteilen, ohne solchen BS verbreiten zu müssen. Denn sonst gehört man genauso zu Täter und Opfer von Propaganda.
      1 1 Melden
  • DerTaran 14.04.2018 16:42
    Highlight Nach der Angeberei von Russland, alle Raketen abzuschiessen und amerikanische Ziele anzugreifen, blieb der USA keine andere Wahl.
    Es war eine biss-hierher-und-keinen-Schritt-weiter Ansage an Putin.
    Diktaturen interpretieren Freundlichkeit mit Schwäche. Unter Obama wurde auf Appeasement gesetzt und mit Verlaub, damit wurde Putin gross gemacht, man hat Ihn zu seinen Abenteuern in der Ukraine und auf der Krim ermutigt und Ihm das Engagement in Syrien durchgehen lassen.
    Leider scheint Vernunft in der Aussenpolitik immer noch keine Option zu sein. Der Stärkere gibt nach, hat noch nie funktioniert.
    14 42 Melden
    • Ueli der Knecht 14.04.2018 18:57
      Highlight Machtpolitik im Sinne vom (Un-)Recht des Stärkeren hat bisher auch noch nie funktioniert.
      2 1 Melden
  • Gregor Hast 14.04.2018 16:08
    Highlight Da auch die Ressourcen in Syrien und Umgebung ihren Reiz haben und man diese auf keinem Fall aufgeben will. Was die Pipeline anbelangt, bin ich mir sicher, dass darüber schon längst eine Lösung gefunden wurde. Jetzt geht es wohl einfach darum uns bei Laune zu halten. Frankreich und Grossbritannien machen nur deswegen mit, weil sie Verbündete der NATO sind und ebenso wieder eine Grossmacht werden wollen. 2/2
    7 13 Melden
    • Ueli der Knecht 14.04.2018 18:58
      Highlight Nicht vergessen, dass dieses Gebiet einst den Osmanen abgeluchst wurde und unter französischem und britischem Mandat stand.
      2 0 Melden
  • Gregor Hast 14.04.2018 16:04
    Highlight Man versucht uns mal wieder Angst einzujagen, und einen möglichen 3. Weltkrieg heraufzubeschwören. Dann will man uns Trump als einen Kriegshetzer darstellen, der er eigentlich nicht ist, und uns weismachen Assad sei ein ganz schlimmer und brauche entfernt zu werden, obwohl immer wieder beteuert wird, dass man kein Regime Change haben will. Der Westen hat mit seinen verblödeteten Regime Changes schon so viele Zivilisationen zerstört, dass es wirklich an der Zeit ist, wenn er sich endlich aus Syrien heraushalten würde, doch das wird nicht geschehen. 1/2
    15 17 Melden
    • Hoppla! 14.04.2018 18:13
      Highlight Ja, Trump ist alles, nur kein Hetzer. Nicht gegen Muslime, nicht gegen Mexikaner und schon gar nicht gegen Nordkorea. ;-)
      4 2 Melden

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