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Analyse

Alle wollen raus aus Afghanistan – aber ist das auch gescheit?

Wenn die USA aus Afghanistan abziehen, müssen die Nato-Partner notgedrungen mit. Pünktlich zum 1. Mai ist das aber nicht zu machen. Und eigentlich auch nicht klug.

Carsten Luther / Zeit Online



Ein Artikel von

Zeit Online

Wie kommen wir aus der Nummer wieder raus? Also ohne dass Afghanistan wieder vollends zum sicheren Hafen für Terroristen wird und das Land keinen Frieden findet. Unter Donald Trump hatten die USA den radikalislamischen Taliban in einem Abkommen recht hastig den Abzug aller ausländischen Truppen bis Ende April versichert, nun musste Aussenminister Antony Blinken die Nato-Partner um Geduld bitten – verbunden mit dem Versprechen, ihnen «zuzuhören und zu beraten».

Währenddessen kommen die Verhandlungen der afghanischen Regierung mit den Taliban nicht weiter, die derweil militärisch auf dem Vormarsch sind; Präsident Aschraf Ghani will den US-Friedensplan ablehnen, der seinen Rücktritt und die Bildung einer Übergangsregierung vorsieht, und in sechs Monaten wieder wählen lassen – wenn die Taliban einem Waffenstillstand zustimmen. Spricht alles gegen einen überstürzten Heimflug der derzeit noch etwa 9600 westlichen Soldaten.

US-Soldaten in der Kapisa-Provinz in Afghanistan, Aufnahme von 2019. Bild: EPA

Doch die Verbündeten wissen auch nach dem Nato-Aussenministertreffen diese Woche noch nicht, was nach dem 1. Mai werden soll: bleiben oder gehen? Raus wollen sie eigentlich alle. Oder ihnen ist zumindest klar, dass der vorgesehene Abzug der kriegsmüden USA ihnen keine andere Wahl lässt: Ohne deren Luft- und Transportunterstützung ist der Einsatz nicht aufrechtzuerhalten.

Wenigstens erfahren sie von derlei Vorhaben eines US-Präsidenten nun nicht mehr überraschend per Twitter. «Jetzt wird wieder zusammen geplant», sagte der deutsche Aussenminister Heiko Maas in Brüssel. Doch die Entscheidung fällt in Washington. Und es bleibt dabei: 20 Jahre nach dem Einmarsch wollen die US-Amerikaner nicht mehr.

Trotzdem prüfen die USA, länger im Land zu bleiben, als Trump den Taliban zugesagt hatte. Schliesslich halten die sich auch nicht an den Gewaltverzicht. Also steht auch grundsätzlich das Abkommen mit den ungeduldigen Islamisten, die zurück an die Macht wollen, wieder zur Debatte. Pünktlich zum 1. Mai wäre der Abzug logistisch inzwischen ohnehin kaum noch zu schaffen. Zudem könnte die Biden-Regierung diesen Schritt durchaus noch einmal an Bedingungen knüpfen. Die Taliban könnten dann jegliches Interesse an Friedensgesprächen verlieren, warnen bereits vor einem neuen «grossen Krieg», wenn die Truppen nicht gehen.

«Von den Überlegungen unserer Verbündeten beeinflusst»

Jedenfalls dürfte es äusserst schwierig werden, die Trump-Vereinbarungen mit den Radikalen in eine innerafghanische Lösung zu überführen. Helfen soll dabei eine internationale Afghanistan-Konferenz in Istanbul noch im April. Dort will auch Präsident Ghani seine Vorstellung einer Neuwahl konkretisieren, die von den Taliban bereits zerrissen wird: Wahlen hätten das Land schon in der Vergangenheit an den Rand einer Krise gebracht, sagte ein Sprecher.

Die Verbündeten erfuhren von der geplanten Konferenz im Übrigen aus der Presse, nachdem US-Aussenminister Blinken an Ghani geschrieben hatte – und dabei sowohl Abstand von den bisherigen Friedensgesprächen genommen wie auch mit dem pünktlichen Abzug gedroht hatte. Das kann sich nicht viel anders angefühlt haben als einer der Alleingänge des Bündnisverächters Trump.

Also ist es doch nicht so weit her mit der gemeinsamen Planung? Blinken versprach immerhin in Brüssel: «Was auch immer die Vereinigten Staaten am Ende tun werden, es wird von den Überlegungen unserer Verbündeten beeinflusst werden.» Maas formulierte die Erwartung in Brüssel so: «Wir wollen nicht durch einen zu frühzeitigen Abzug aus Afghanistan riskieren, dass die Taliban zurückkehren zur Gewalt und versuchen, mit militärischen Mitteln an die Macht zu kommen.»

Deutschland ist nach den USA nicht nur der zweitgrösste Truppensteller der Mission mit rund 1100 Soldaten und verlängert sein Mandat vorsorglich bis Jahresende, sondern hat auch enorm in die afghanische Zivilgesellschaft investiert, wie viele andere europäische Staaten – und soll bei der Istanbul-Konferenz nicht dabei sein.

Zusammenbruch des Staats «sehr wahrscheinlich»

Biden weiss, wie düster die Aussichten sind, wenn es keinen Verhandlungserfolg gibt, den die USA mit ihrem Druck auf die Regierung in Kabul offenbar befördern will. Eine Expertengruppe unter dem ehemaligen Kommandeur der US-Streitkräfte in Afghanistan, Joseph Dunford, bescheinigte ihm jüngst, dass «ein Abzug der Truppen im Mai unter den derzeitigen Bedingungen sehr wahrscheinlich zu einem Zusammenbruch des afghanischen Staats und möglicherweise zu einem Wiederaufflammen des Bürgerkrieges führen» werde – mit der Folge: «Wiederherstellung der terroristischen Bedrohung in den USA innerhalb der nächsten 18 bis 36 Monate.»

Auch ohne einen völligen Zusammenbruch würde eine Beteiligung der Taliban an der Macht das Land in seiner Entwicklung weit zurückwerfen. Und ob ein wie auch immer gearteter Friedensschluss ohne Sicherung durch ausländische Truppen lange halten würde, ist fraglich. Wann auch immer der Abzug erfolgt, am Ende droht es dabei zu bleiben: Die Mission ist gescheitert.

Dieser Artikel wurde zuerst auf «Zeit online» veröffentlicht. watson hat eventuell Überschriften und Zwischenüberschriften verändert. Hier geht’s zum Original.

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