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Der frühere US-Präsident Donald Trump am Freitag beim Jahreskongress der National Rifle Association (NRA)
Der frühere US-Präsident Donald Trump am Freitag beim Jahreskongress der National Rifle Association (NRA)Bild: keystone
Analyse

US-Waffenlobby: Das Böse, das sind die anderen

Wenige Tage nach dem Amoklauf an einer Schule in Texas feiert sich die US-Waffenlobby NRA bei ihrem Jahreskongress. Auch Donald Trump spricht – vor allem für sich selbst.
28.05.2022, 17:49
Johanna Roth / Zeit Online
Ein Artikel von
Zeit Online

Für einen kurzen Moment könnte man denken, Ted Cruz habe die Seiten gewechselt. «Too many damn times», ruft der republikanische Senator aus Texas, «es hat verdammt noch mal zu viele von diesen Morden gegeben, und wir müssen etwas tun, um sie zu stoppen!» Doch schnell wird klar, dass auch der Amoklauf an der Grundschule in Uvalde nichts an Cruz' Haltung geändert hat. So fordert der Republikaner nicht etwa weniger Waffen, um die Gewalt zu beenden, die im Schnitt jeden Tag hunderte Menschen in den USA das Leben kostet und dort inzwischen die häufigste Todesursache für Kinder ist. Cruz fordert mehr Waffen.

Alles andere wäre auch seltsam auf der Bühne, auf der Cruz steht. Er ist einer der treuesten Unterstützer der NRA, der National Rifle Association, und einer der Starredner auf dem Jahreskongress der einflussreichen US-Waffenlobby. Die Veranstaltung findet an diesem Wochenende ausgerechnet in Houston, Texas statt, keine 500 Kilometer von Uvalde entfernt. Draussen, direkt vor der Fensterfront des Kongresszentrums, protestieren Demonstranten und Aktivistinnen gegen die Veranstaltung. Kinder tragen Schilder, auf denen etwa in roter Farbe steht: «Nicht schiessen.» Auch der Demokrat und ehemalige Präsidentschaftsbewerber Beto O'Rourke spricht. Drinnen können Besucher – überwiegend ältere Männer, aber auch Familien mit kleinen Kindern – die neuesten Waffenmodelle in der Hand wiegen, die die Hersteller auf ihren Ständen zeigen.

Ein Mitglied der NRA hält sich in Houston, Texas, die Ohren zu, während er an den wütenden Demonstranten vorbeitläuft.
Ein Mitglied der NRA hält sich in Houston, Texas, die Ohren zu, während er an den wütenden Demonstranten vorbeitläuft.Bild: keystone

Das Recht auf Waffenbesitz wird in diesen Kreisen mit religiösem Eifer verehrt, und Cruz gefällt sich in der Rolle des Predigers. «Ich möchte heute über die Natur des Bösen sprechen», mit diesen Worten beginnt er seine Rede am späten Freitagnachmittag (Ortszeit), die wie alle Programmpunkte des Tages live im Netz übertragen wird. «Das Böse» – immer wieder wird Cruz auf diese Formulierung zurückkommen.  

Die Botschaft: Mit uns hat das nichts zu tun

Den Attentäter von Uvalde, der 19 Kinder und zwei Lehrerinnen erschoss, nennt Cruz einen «bösen Mann», seine Tat das «manifestierte Böse, das niemand von uns voll und ganz verstehen kann». Auf der anderen Seite sieht er «die Eliten, die unsere Kultur dominieren», und die Medien, «die ihnen noch ein Echo verleihen». Eine Kultur, die – so insinuiert Cruz raunend – Gewaltkriminalität und psychische Erkrankungen befördere, die letztlich zu dieser Tat geführt hätten. 

Das Problem sind nicht die Waffen. Mit uns hat das nichts zu tun.
Botschaft am NRA-Treffen

Denn das ist die Botschaft, die von diesem Treffen ausgehen soll: Das Problem sind nicht die Waffen. Mit uns hat das nichts zu tun. Cruz formuliert es so, in Anlehnung an eine viel zitierte Äusserung des NRA-Vizepräsidenten Wayne LaPierre: «Das einzige, was böse Typen mit einer Waffe aufhält, sind gute Typen mit einer Waffe.»

Das Böse, das sind die anderen, diese Zuordnung hört man an diesem Nachmittag häufig. Sie richtet sich vor allem gegen die Demokraten, die «verantwortungsvollen Bürgern» ihre Waffen wegnehmen wollten, sodass diese sich nicht zur Wehr setzen könnten, wie Cruz behauptet. «Aber das», ruft er, «wird nicht für mehr Sicherheit sorgen!» Schon unmittelbar nach dem Attentat hatte Cruz Forderungen nach strengeren Waffengesetzen als «Politisierung» des Vorfalls kritisiert.

Von fehlender Politisierung kann auf dem NRA-Treffen keine Rede sein. Nach dem Amoklauf in Uvalde müsse man sich erst recht gegen Reformen des Waffenrechts einsetzen, sagt etwa die Gouverneurin von South Dakota, Kristi Noem. «Jetzt wäre der schlechtmöglichste Zeitpunkt, nachzugeben. Jetzt ist der Moment, in dem wir nachlegen müssen.»

Der letzte und prominenteste Redner des Tages bekommt schon vorab den meisten Applaus. Auch Donald Trump spricht über das «Böse» – und obwohl er ähnliche Forderungen aufstellt wie Cruz, ist seine Rhetorik noch schriller. Den Amokläufer von Uvalde nennt er ein «irres Monster», den Demokraten wirft er vor, das Leid der trauernden Familien auszunutzen, um ihre «extreme politische Agenda»  voranzutreiben: «Kommunismus und Sozialismus». Von dem Geld, das die Biden-Regierung in die Bekämpfung der Auswirkungen Corona-Pandemie gesteckt habe, solle der Kongress «jeden Penny» wieder eintreiben und in die Sicherheit der Schulen im Land stecken, schlägt Trump vor.

Wer Trumps Rede drinnen im Saal lauschen wollte, musste seine Waffe draussen lassen – Sicherheitsvorschriften

Mehr Polizisten an Schulen, mehr Waffen auch für Lehrkräfte: Die Forderungen, die Trump, Cruz und andere Rednerinnen an diesem Tag aufstellen, sind ganz im Sinne der Gastgeberorganisation. Währenddessen werden immer mehr Details über den Ablauf des Amoklaufs öffentlich, vor allem über die fragwürdige Reaktion der Polizei. 78 Minuten lang mussten die Schülerinnen in Uvalde offenbar ausharren und mehrfach den Notruf wählen. 19 Beamte sollen schliesslich auf der anderen Seite der Tür gestanden, aber noch gewartet haben, bis der Attentäter schliesslich gestellt wurde. Trump forderte ausserdem, Klassenraumtüren sollten stabiler sein und von innen abschliessbar. Tatsächlich hatte sich der Amokläufer in Texas in einem Klassenraum verschanzt – die Tür war offenbar von innen verriegelt.

Solche Widersprüche stossen in Houston niemandem auf, genauso wenig wie die Tatsache, dass seine Waffe draussen lassen musste, wer Trumps Rede drinnen im Saal lauschen wollte – Sicherheitsvorschriften. Die Realität ist eine biegsame Grösse in dieser Welt, in der nichts als so wahr angesehen wird wie das Second Amendment, der zweite Verfassungszusatz: «Da eine wohlgeordnete Miliz für die Sicherheit eines freien Staates notwendig ist, darf das Recht des Volkes, Waffen zu besitzen und zu tragen, nicht beeinträchtigt werden.» Meterhoch wird die Abschrift des Textes zwischendurch an die Wand hinter dem Rednerpult geworfen, in leuchtend weissen Buchstaben darübergelegt das Logo der NRA.

Schaulaufen für Trump und Cruz

Diese Bühne, das wissen Cruz wie Trump, dient nicht nur der Verbundenheit zwischen der Waffenlobby und ihr wohlgesonnenen Politikern. Sie ist auch Ort des Schaulaufens für zukünftige Präsidentschaftsbewerber der republikanischen Partei. Cruz' Rede ist wie Trumps durchzogen von Falschaussagen zu Statistiken und Massnahmen in Sachen Waffengewalt, aber ganz offensichtlich gut vorbereitet und geschickt formuliert. Die Betonung jedes Wortes sitzt, die Bilder werden sprachlich ausgeschmückt, wie das Publikum es gern hat. Cruz drückt alle Knöpfe, redet sich in Rage für den «Schutz unserer Kinder», immer wieder bekommt er auch zwischendurch Jubel und Applaus. Mit am meisten für eine Frage, die wohl nirgends rhetorischer verstanden wird als hier: «Wann war das Second Amendment jemals nötiger als jetzt?»

Trump dagegen, kein sehr souveräner Redner, verlegt sich lieber aufs Performative. Zu Beginn seiner Rede ruft er zu einer Schweigeminute auf, während der er die Namen aller Opfer verliest, bei jedem ertönt ein metallener Gong. Im Publikum sieht man Tränen. Später holt Trump einen älteren Kongressteilnehmer aus dem Publikum auf die Bühne, der, so schildert es der ehemalige Präsident, kürzlich durch einen gezielten Schuss einen Attentäter in einem Gottesdienst gestoppt habe. «Sie sind immer noch mein Präsident», sagt der Mann im breiten Akzent der Texaner zu Trump, und ins Mikrofon: «Was ich an jenem Tag getan habe: Ich habe das Böse ausgeschaltet.»

Noch das ganze Wochenende über läuft der Kongress, statt Reden gibt es dann Seminare. Eins trägt den Titel «Bewaffneter Bürger: Wie umgehen mit den Sicherheitsbehörden?», ein anderes heisst «Fünf Fehler, die Träger verdeckter Waffen in realen Schiessereien machen».  Nicht alles läuft so ab wie geplant. Musiker wie der «American Pie»-Sänger Don McLean haben aus Respekt vor den Angehörigen der Opfer ihre Auftritte abgesagt, auch der Waffenhersteller, dessen Sturmgewehr der Amokläufer in Uvalde verwendet hatte, stellt in diesem Jahr nicht aus.

Jetzt auf

Selbst Greg Abbott, der als Gouverneur von Texas erst im vergangenen Jahr das Waffenrecht liberalisieren liess, übermittelt dann doch nur eine Videobotschaft anstatt eines persönlichen Auftritts. Trump kann sich eine Bemerkung dazu nicht verkneifen: «Ich habe euch immerhin nicht hängen lassen, indem ich nicht aufgetaucht bin», sagt er. Am Ende spricht er auch bei der NRA vor allem für einen: sich selbst.

Mitarbeit: Amrai Coen, Houston

Dieser Artikel wurde zuerst auf Zeit Online veröffentlicht. Watson hat eventuell Überschriften und Zwischenüberschriften verändert. Hier geht’s zum Original.

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41 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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T13
28.05.2022 17:57registriert April 2018
"Wer Trumps Rede drinnen im Saal lauschen wollte, musste seine Waffe draussen lassen – Sicherheitsvorschriften"
Aha aber Waffen töten doch nicht oder wie war das?
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Kontexter
28.05.2022 18:00registriert Januar 2022
Sehr treffender Titel - vielen Dank!
Man könnte noch anfügen: "und das Böse kommt offensichtlich nur an US-Schulen".
326
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Lord_ICO
28.05.2022 21:03registriert März 2016
Man muss nicht mehr dazu sagen als das…
US-Waffenlobby: Das Böse, das sind die anderen\nMan muss nicht mehr dazu sagen als das…
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