freundlich
DE | FR
142
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
International
Analyse

Donald Trump: Vom Populisten zum Semifaschisten

Analyse

Donald Trump: Vom Populisten zum Semifaschisten

Hochgestreckte Arme, fanatische Erweckung: Die Symbolik von Donald Trumps Bewegung wird immer radikaler. Warum tut sich die US-Öffentlichkeit so schwer, damit umzugehen?
20.09.2022, 13:36
Johanna Roth / Zeit Online

Trump-Auftritt der merkwürdigen Art

Video: twitter
Ein Artikel von
Zeit Online

Gab man 2016 bei Google News die Suchbegriffe «Donald Trump» und «Hands» ein, landete man bei einer (durch ihn selbst erst recht vorangetriebenen) Diskussion darüber, ob die Extremitäten des damaligen Präsidentschaftsbewerbers unterdurchschnittlich gross seien und was das über die Proportionen gewisser anderer Körperteile aussagen könnte. Heute ergibt die Suche ein wesentlich verstörenderes Bild – von einer Masse Trump-Anhängerinnen und -Anhängern, die ihm mit in die Höhe gestrecktem Arm Gefolgschaft signalisieren.

Aufgenommen wurde es am vergangenen Samstag bei Trumps jüngstem öffentlichen Auftritt in Youngstown im US-Bundesstaat Ohio. Dort hielt der Ex-Präsident eine Rede, die wie üblich fast zwei Stunden dauerte und sich hauptsächlich um ihm selbst drehte statt um den Kandidaten, den er dort im Wahlkampf unterstützen sollte. Auch das wilde Durcheinander von falschen Fakten, Attacken auf Minderheiten, Selbstmitleid wegen der ihm vermeintlich gestohlenen Wahl 2020 und Lamenti über die Hausdurchsuchung seiner Residenz in Florida ist nichts Neues für Trump, auch wenn es mit jedem Mal schriller zu werden scheint. Aber das, was gegen Ende seiner Rede passierte, das war so noch nicht zu sehen gewesen.

Former President Donald Trump speaks at a campaign rally in Youngstown, Ohio., Saturday, Sept. 17, 2022. (AP Photo/Tom E. Puskar)
Donald Trump
Lässt sich feiern: Donald TrumpBild: keystone

Trump setzte zum Finale an («Wir werden Amerika wieder mächtig machen»), unterlegt von einer dramatischen Instrumentalmelodie – die Beobachterinnen als Song identifizierten, der häufig genutzt wird von der rechtsextremen QAnon-Bewegung, die an eine Verschwörung von satanistischen, pädophilen Politikern und Prominenten glaubt, vor denen Trump das Land retten soll. Das Publikum auf den Stehplätzen vor der Bühne streckte dabei einen Arm hoch – zumeist den rechten – und hielt die Hand mit ausgestrecktem Zeigefinger in die Höhe. Manche hatten die Köpfe dabei gesenkt, als beteten sie, und tatsächlich erinnerte die Szene manche an einen sogenannten Altar Call, wie er auch in manchen evangelikalen Gottesdiensten praktiziert wird. Anderes spricht für eine Geste, die ebenfalls Zugehörigkeit zu QAnon signalisieren oder für Trumps Motto America first stehen könnte.

Wichtig ist, was sie transportiert: eine Mischung aus tiefster religiöser Ergebenheit und fanatischem Erweckungserlebnis – in diesem politischen Kontext umso beängstigender, erst recht mit den historischen Assoziationen, die ein solcherart hochgereckter Arm hervorruft.

Alarmistisch? Spaltend?

Eine ähnliche Szene spielte sich bei einer Wahlkampfveranstaltung des Gouverneurskandidaten Doug Mastriano in Pennsylvania ab. Mastriano ist aktuell einer der wichtigsten Verbündeten Trumps, der so freimütig wie kaum ein anderer republikanischer Kandidat klargemacht hat, dass es unter ihm keine freien Wahlen mehr geben würde. Und schon seit Monaten zieht die sogenannte ReAwaken America Tour durchs Land, bei der Figuren wie Trumps Sohn und sein ehemaliger nationaler Sicherheitsberater Michael Flynn auftreten – und der evangelikale Prediger Mark Burns «Krieg» gegen die von «Dämonen» besessenen Demokraten ankündigte. 

In US-amerikanischen Medien kamen diese Ereignisse der vergangenen Tage nur marginal vor. Mutmasslich auch, weil es grosse Hemmungen gibt, das zu benennen, was da passiert. Als Joe Biden vor einigen Wochen den Begriff «Semifaschismus» benutzte, um den Kult um Trump zu beschreiben, trat er eine Diskussion los: War das nicht alarmistisch? Historisch unscharf? Erst recht spaltend, weil man damit doch Millionen Wählerinnen gewissermassen als Nazis bezeichne?

Fanatische Trump-Anhänger
Fanatische Trump-AnhängerBild: keystone

Aber: Welcher Begriff ist angemessen für eine Bewegung, die sich um einen einzelnen Anführer herum organisiert, deren Ideologie auf christlichem Nationalismus, weisser Vorherrschaft und der systematischen Abwertung anderer beruht, die über (rassistische und antisemitische) Propaganda funktioniert und für die die Demokratie bei alldem nur ein Hindernis ist?

Der Historiker und Faschismusforscher Federico Finchelstein erläuterte in einem Gastbeitrag für die Washington Post, warum Bidens Wortwahl seiner Meinung nach richtig war. Trump, so Finchelstein, sei auf dem Weg vom Populisten zum Faschisten. Es habe bisher nur ein wichtiges Merkmal gefehlt: «Seine erste Amtszeit war kein vollständiger Faschismus, weil sie nicht in eine Diktatur ausartete. Aber sie hätte es sein können, wenn seine Versuche, nach der Wahl 2020 an der Macht zu bleiben, erfolgreich gewesen wären.»

In den vergangenen Monaten hat der Untersuchungsausschuss zum Angriff auf das Kapitol aufgedeckt, mit welcher Berechnung die vermeintlich spontane Eruption von Gewalt aus dem Weissen Haus geplant und begleitet wurde, um nachträglich eine Änderung des Wahlergebnisses zu erzwingen – nicht nur durch aufgepeitschte Anhängerinnen, sondern durch paramilitärisch organisierte Rechtsextreme. Und in Echtzeit lässt sich verfolgen, wie republikanische Funktionärinnen in einzelnen Bundesstaaten Vorkehrungen dafür treffen, dass ihre Partei nie wieder eine Wahl verliert.

epa10190825 Former US President Donald Trump gestures during a Save America rally at the Covelli Centre in Youngstown, Ohio, USA, 17 September 2022. EPA/DAVID MAXWELL
Er fands gut.Bild: keystone

Die Tatsachen, die da geschaffen werden, um Trump wieder an die Macht zu bringen, sind das eine. Die Symbolik, von der das begleitet wird, ist das andere. Dafür sorgen etwa Gouverneure, die Geflüchtete auf Steuerzahlerkosten quer durchs Land verschleppen – ein menschenverachtendes Schauspiel, das eine Praxis aus der Zeit der Segregation imitiert, als Schwarze Familien aus Arkansas unter falschen Versprechungen von einem besseren Leben ebenfalls nach Massachusetts gebracht und vor dem Anwesen John F. Kennedys einfach abgeladen wurden. Und dafür sorgt Trump selbst, der auf seiner Internetplattform Truth Social mit einer QAnon-Anstecknadel posiert und schreibt: «Es kommt ein Sturm.» 

Minderheit ist nicht gleich harmlos

Die Bilder, die auf den Wahlkampfversammlungen in Ohio und Pennsylvania entstanden, sind in diesem Gesamtkontext ein Detail. Aber eines, das viel aussagt. Zum einen über die Offenheit, mit der das Trump-Lager jetzt die Agitation von Partei und Wählerschaft weiter vorantreibt – und geschmeidig in die Rolle hineingleitet, die man unmittelbar nach der Biden-Rede noch pseudoentrüstet von sich gewiesen hatte. Zum anderen über das Vermögen – oder Unvermögen – der US-amerikanischen Öffentlichkeit, mit dieser Radikalisierung umzugehen.

Jetzt auf

Denn natürlich sind die Menschen, deren Arme diese Bilder erzeugten, eine kleine Minderheit. Die Halle in Ohio war nicht ansatzweise voll besetzt, auch Trumps Zustimmungswerte sinken. Aber das macht ihn nicht harmloser, sondern im Gegenteil gefährlicher: Alles, was im Drehbuch für die Wahl 2024 steht, zielt ja darauf ab, aus einer Minderheit mit allen nötigen Mitteln eine Mehrheit zu faken. Was umso bedrohlicher dadurch wird, dass die republikanische Partei bestenfalls schweigt oder sich hat korrumpieren lassen (J. D. Vance, der sich in Ohio mit Trump auf der Bühne bejubeln liess, warnte vor diesem einst als «Amerikas Hitler»).

Insofern ist die aktuelle Politik grosser Medienhäuser wie CNN oder der New York Times, Trumps Auftritte weitgehend zu ignorieren, einerseits nachvollziehbar, aber in dieser Situation fatal. Es fehlen Einordnung (die darüber hinausgeht, dass diese Veranstaltung «noch schräger als sonst» gewesen sei), Diskussion und vor allem breite Aufmerksamkeit. Die zu generieren – und da lässt sich wieder Finchelstein zitieren – ist auf das Dringendste nötig: «Je mehr wir über die faschistischen Versuche zur Zerschlagung der Demokratie in der Vergangenheit wissen, desto besorgter sollten wir über die gegenwärtigen semifaschistischen Formen sein.»

Dieser Artikel wurde zuerst auf Zeit Online veröffentlicht. Watson hat eventuell Überschriften und Zwischenüberschriften verändert. Hier geht’s zum Original.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Trump-Razzia spaltet die US-Politk

1 / 13
Trump-Razzia spaltet die US-Politk
quelle: keystone / terry renna
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

Nichts zeigt den Biden/Trump-Unterschied so schön wie ihre Terroristen-Ansprachen

Video: watson

Das könnte dich auch noch interessieren:

142 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
ingmarbergman
20.09.2022 14:06registriert August 2017
„Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist.
Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat.
Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Gewerkschafter.
Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.“
Martin Niemöller, 1946
17510
Melden
Zum Kommentar
avatar
MrBlack
20.09.2022 14:16registriert September 2016
Das Semi- kann man wohl weglassen.
1257
Melden
Zum Kommentar
avatar
stormcloud
20.09.2022 14:08registriert Juni 2021
Amerika entwickelt sich zu einem christlich- weißen "Gottesstaat". Sein Credo heißt Geld und Macht. Und diesem Credo werden Menschenrechte und Menschlichkeit untergeordnet. Bildung stört dabei nur. Jedem seine Knarren und die ungehemmte Ausbeutung der Natur - so geht Freiheit auf amerikanisch. Die Frauen sollen sich raushalten und Minderheiten sowieso. Wählen braucht man nicht mehr, man hat ja die GOP... Hauptsache, man geht in die Kirche und lauscht den evangelikalen Vorbildern...

Was eine Dystopie rollt auf dieses Land zu!
899
Melden
Zum Kommentar
142
Polen will Druck auf Deutschland bei Weltkriegs-Reparationen erhöhen
Die polnische Regierung will bei ihrer Forderung nach Weltkriegs-Reparationen den Druck auf Deutschland weiter erhöhen. Dies erklärte der polnische Vize-Aussenminister und Reparationsbeauftragte Arkadiusz Mularczyk.

«Die Frage der Reparationen hat eine fundamentale Bedeutung für Polen. Es geht hier nicht alleine um eine politische Frage, sondern es geht um die Würde Polens», sagte der polnische Vize-Aussenminister und Reparationsbeauftragte Arkadiusz Mularczyk der Deutschen Presse-Agentur zum Auftakt seines zweitägigen Antrittsbesuchs in Berlin. «Jetzt hat Deutschland die Wahl: Entweder setzt es sich mit Polen an den Verhandlungstisch, oder wir werden die Sache in sämtlichen internationalen Foren thematisieren - in den UN, im Europarat und in der Europäischen Union.»

Zur Story