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Analyse

Wenn er bloss ehrlich gewesen wäre

Reporterlegende Bob Woodward enthüllt in seinem Buch «Rage»: Donald Trump wusste, welche Gefahr mit der Pandemie auf die USA zukam – es war dem Präsidenten schlicht egal.
10.09.2020, 15:0710.09.2020, 15:08
Carsten Luther / Zeit Online
Trump in Erklärungsnot.
Trump in Erklärungsnot.
Bild: keystone
Ein Artikel von
Zeit Online

An Bob Woodwards vorigem Buch Fear störte Donald Trump vor allem eines: Mit dem US-Präsidenten selbst hatte der legendäre Reporter nicht gesprochen. Und viele andere, die Auskunft gegeben hatten über das gefährliche Chaos im Weissen Haus, wurden nicht mit Namen genannt. Hochrangige Regierungsmitglieder zitierte Woodward wörtlich, wer aber die mehr als 100 Quellen waren, die er dafür interviewt hatte, blieb unter Verschluss. Trump und die seinen hatten es leicht zu behaupten: alles ausgedacht, alles Lügen. So lief es ja bei vielen erschreckenden Enthüllungen dieser Präsidentschaft: Sie bestätigen einmal mehr, was eigentlich offensichtlich ist – und jene, die es immer noch nicht glauben wollen, schreien «Fake News».

Nun erscheint am kommenden Dienstag also das nächste Woodward-Buch, Rage, und ja: Trump hat mit dem Journalisten gesprochen, die ersten Auszüge mischen gerade den Wahlkampf auf, und es gibt Mitschnitte, die keinen Zweifel an den Worten des Präsidenten zulassen. Die wichtigste Erkenntnis: Trump war sich sehr früh über die Bedrohung durch das Coronavirus im Klaren, während er öffentlich immer wieder die Gefahren herunterspielte. «Sie atmen bloss die Luft ein, und so wird es übertragen. Also ist das sehr problematisch, und es ist eine sensible Angelegenheit. Es ist auch tödlicher als eine schwere Grippe», sagte er Woodward Anfang Februar am Telefon. «Das ist tödliches Zeug.» Derweil ging die Tour seiner Wahlkampfauftritte weiter, die in zahllosen Variationen vermittelten: alles halb so wild und alles unter Kontrolle.

Am 19. März gab Trump gegenüber Woodward zu, dass dahinter eine Strategie steht: «Ich wollte es immer herunterspielen. Ich spiele es immer noch gern herunter, weil ich keine Panik erzeugen will.» Der Reporter, der in den Siebzigerjahren zusammen mit Carl Bernstein den Watergate-Skandal aufdeckte, nennt es das vielleicht grösste Verbrechen eines Präsidenten, die Bevölkerung so lange über die Lage getäuscht zu haben, während bereits Tausende Amerikaner infiziert waren und einige Hundert gestorben.

Heute zählen die USA mehr als 190'000 Tote, plus Dunkelziffer. Trump bleibt nach der Veröffentlichung bei seiner Linie und sagte am Mittwoch vor Journalisten: «Ich wollte nicht, dass die Leute Angst haben.»

«Ich habe es immer als ernst betrachtet»

Stattdessen dürfte Trump mit seiner zynischen Haltung das Leben vieler Amerikaner direkt gefährdet haben, die im Februar und bis in den März hinein sorglos ihrem Alltag nachgingen. Der Präsident jedenfalls trug nichts dazu bei, dass die Menschen ihr Verhalten änderten. Noch am 11. März behauptete er in einer Presskonferenz, für die grosse Mehrheit sei das Risiko «sehr, sehr gering».

Bob Woodward
Bob Woodward
Bild: keystone

Davor und danach immer wieder: «Alles ist wirklich unter Kontrolle» (29. Februar). Wie viel anders wäre die Ausbreitung des Virus in den USA verlaufen, hätte sich Trump schön früh und ehrlich an die Öffentlichkeit gewandt und gewarnt: Leute, seid vorsichtig! Hätte etwa dazu geraten, zu Hause zu bleiben, grosse Gruppen zu meiden, Reisepläne aufzugeben. Hätte sich einfach eine Rede schreiben lassen, die ohne Panikmache auf den Fakten basierte, die ihm bekannt waren: Er hätte sie stumpf vom Teleprompter ablesen können.

Doch Trump fehlte dafür augenscheinlich die Empathie, und das Netz rechter Medien stimmte ein: Das alles sei bloss ein Schwindel der Demokraten, um die Ergebnisse der Wahl von 2016 zu revidieren, hiess es immerfort. Der Präsident bespielte unbeirrt die maskenlosen Massen, die ihm eine zweite Amtszeit verschaffen sollen. Und hinter dem vermeintlichen Versuch, die Bevölkerung nicht in Panik zu versetzen, stand eben keine stille, aber kraftvolle Anstrengung, alles Nötige in Bewegung zu setzen.

Nach Woodwards Enthüllungen erscheint in einem neuen Licht, was Trump Mitte März sagte, als das enorme Ausmass der Covid-19-Gefahr nicht mehr zu bestreiten war: «Ich habe gespürt, dass es eine Pandemie ist, lange bevor es eine Pandemie genannt wurde. Ich habe es immer als ernst betrachtet.» Damals schien es lediglich der Versuch zu sein, die offensichtliche Verschleppung des Krisenmanagements schönzureden, als es für viele Amerikaner längst zu spät war. Heute ahnen wir, dass Trump nicht gelogen hat: Er wusste, welche Bedrohung auf das Land zukam – es war ihm schlicht egal.

«Sein einziges Ziel ist, wiedergewählt zu werden»

Jetzt auf

Der führende Immunologe und Berater der US-Regierung Anthony Fauci ist in den bisher veröffentlichten Auszügen aus Woodwards Buch der stärkste Zeuge für Trumps Ignoranz gegenüber Corona. «Ruderlos» nennt er dort dessen Führung in der Krise. In der Kommunikation mit der Taskforce zur Pandemiebekämpfung wirke der Präsident «wie auf einem anderen Kanal», seine Aufmerksamkeitsspanne sei nur mit einer negativen Zahl zu beschreiben. «Sein einziges Ziel ist, wiedergewählt zu werden.» Und Fauci, der öffentlich immer mal wieder versucht hat, Trumps krude Verharmlosungen sachlich geradezurücken, soll sich auch nicht zurückgehalten haben, wenn er ihm gegenüberstand. Nach einer dieser mäandernd-haltlosen Pressekonferenzen soll er gesagt haben: «Wir können den Präsidenten da draussen nicht so verletzlich stehen lassen, wenn er etwas sagt, das sich später rächen wird» – «that's going to come back and bite him».

Die Frage ist, wie sehr das alles Trump tatsächlich noch schaden kann. Mindestens trägt es dazu bei, dass sein Umgang mit der Pandemie im Zentrum des Wahlkampfs bleibt, während er sich am liebsten ganz auf seine «Recht und Ordnung»-Linie beschränken würde. Wenn sein Herausforderer Joe Biden von einem «Verrat an den amerikanischen Bürgern» spricht, stimmen vor allem jene zu, die für diese Erkenntnis nicht erst auf Woodwards Buch warten mussten. Dennoch ist das Thema eine schwere Belastung, regelmässig kritisiert die Mehrheit der Amerikaner in Umfragen das Krisenmanagement des Präsidenten. Und anders als Trump es wiederholt behauptet hat, wird die Pandemie nicht einfach so verschwinden. Seine grosse Hoffnung in diesen Tagen, so scheint es: «Wir werden sehr bald einen Impfstoff haben, vielleicht sogar vor einem sehr speziellen Datum.» Vor der Wahl also, höchst unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich. Man muss wohl hoffen, dass in den USA nicht ein Mittel vorschnell zugelassen wird, das am Ende nur einem Mann dient.

Dieser Artikel wurde zuerst auf Zeit Online veröffentlicht. Watson hat eventuell Überschriften und Zwischenüberschriften verändert. Hier geht’s zum Original.

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