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Der Präsident vor dem Kongress: Eine Rede, zwei Trumps

Donald Trump tritt erstmals vor dem Kongress auf. Eine Stunde lang versucht der Präsident, freundlicher aufzutreten. Mal klappt das überraschend gut, dann wieder geht es gewohnt finster zu.

01.03.17, 08:31 01.03.17, 13:46

Veit Medick



Video: watson.ch

Ein Artikel von

Am Ende ist es ein bisschen viel des Guten. Donald Trump entwirft grosse Visionen und schwärmt von einer Gesellschaft, die sich unterhakt. Er spricht von einem Amerika, das einer Flagge huldigt und gemeinsam die Herausforderungen der Zukunft angeht. Es sei – sagt Trump – an der Zeit, die «kleinlichen Kämpfe» zu überwinden. Da schnauben sie genervt bei den Demokraten, denn ein solcher Satz klingt aus seinem Munde, aus dem sonst so viel Kleinliches und Unerhörtes herauspurzelt, ja dann doch zu putzig.

Aber insgesamt – das muss man sagen – ist diese erste Rede vor dem US-Kongress ein Auftritt, der Trump eher helfen dürfte.

60 Minuten spricht der neue Präsident vor den Abgeordneten beider Kammern, erstmals in seiner so jungen Amtszeit. Für Trump ist es ein wichtiger Termin. Seine ersten Wochen verliefen nicht gut.

Er muss dem Land zeigen, dass er zumindest ansatzweise im Stande ist, das zu machen, was viele Amerikaner von einem Präsidenten erwarten, nämlich eine Rede zu halten, die nicht durchzogen ist von Aggressivität und deshalb schon nach wenigen Sätzen den ganzen Planeten in Unordnung bringt.

Und siehe da: Trump setzt einen hoffnungsvolleren, optimistischeren Ton an als jenen, den man von ihm gewohnt ist, er will eine «Botschaft der Versöhnung und Stärke» setzen.

Er bietet seinen Gegnern an, gemeinsam an einer Einwanderungsreform zu arbeiten. Er wirbt für eine Modernisierung der Infrastruktur, stellt Entlastungen für die Mittelschicht und einen Umbau der Gesundheitsversicherung in Aussicht. Inhaltlich ist da viel Bekanntes dabei, aber Trump macht das weitgehend in einer Rhetorik, die nicht gleich alle im Saal verschreckt.

Noch immer keine Details zu seinen Plänen

Sogar den Demokraten hat er etwas mitgebracht. Er wolle dafür arbeiten, dass die Kinderbetreuung erschwinglicher werde und es endlich eine bezahlte Elternzeit gebe, sagt Trump und umreisst damit zwei Lieblingsvorhaben des linken Amerika.

Phasenweise klingt der Präsident so, als hätte er sich für diesen Auftritt die Redenschreiber seines Vorgängers geliehen, manchmal traut man seinen Ohren nicht, dass er es ist, der diese Sätze spricht: Donald Trump, der Mann, der sich mit so viel Hass und Unverfrorenheit den Wahlsieg erkämpfte.

Details zu seinen Plänen bleibt Trump mal wieder schuldig, er ist ein Meister darin, Vorhaben zu versprechen, ohne aber den Weg dorthin erklären zu können. Bei den Republikanern kommen seine Sätze dennoch bestens an. Der Präsident braucht die Partei ja auch für die grossen Vorhaben, die er seinen Anhängern versprochen hat: Die Mauer zu Mexiko, die Steuerreform, die Mehrausgaben für das Militär. Für einen Moment kann es da nicht schaden, sich mal ein neues Gewand überzustreifen.

Trump zeigt sogar Sinn für Symbolik, er hat die Witwe von Antonin Scalia eingeladen, den verstorbenen Bundesrichter, der für viele Konservative ein solch grosser Held war. Er erwähnt Abraham Lincoln, stellt sich gegen die antisemitischen Vorfälle der vergangenen Wochen und erinnert an den «Black History Month», den Amerika im Februar gefeiert habe.

US Vice President Mike Pence (L) and Speaker of the House Paul Ryan (R) applaud as US President Donald J. Trump (C) arrives to deliver his first address to a joint session of Congress from the floor of the House of Representatives in Washington, DC, USA, 28 February 2017.  REUTERS/Jim Lo Scalzo     TPX IMAGES OF THE DAY

Frenetisch: Paul Ryan (r.) Bild: POOL/REUTERS

Hinter Trump sitzt Paul Ryan, der Sprecher des Abgeordnetenhauses, der schon so häufig Probleme mit dem Milliardär hatte. Während der Rede des Präsidenten wirkt Ryan wie beseelt, gleich mehrfach erhebt er sich und jubelt frenetisch. Er scheint die Hoffnung zu haben, dass der 70-Jährige doch noch die Kurve kriegen und zu einem halbwegs normalen Präsidenten werden könnte.

Die Republikaner applaudieren artig

Trumps Auftritt ist äusserst geschickt, denn natürlich setzt er auch wieder ein paar finstere nationalistische Botschaften, die wohl nur deshalb nicht ganz so krass wirken, weil er an vielen Stellen so überraschend weich erscheint. Das Thema der illegalen Einwanderung durchzieht zum Beispiel seine Rede wie schon so viele zuvor. Auf den oberen Rängen des Saales hat der Präsident mehrere Menschen platzieren lassen, die Angehörige durch Gewalt von undokumentierten Immigranten verloren haben.

Ausführlich webt Trump ihre Geschichten in seine Ausführungen ein, und als er damit fertig ist, erwähnt er fast beiläufig, dass er im Heimatschutzministerium eine Abteilung schaffen werde, an die sich alle wenden könnten, die Opfer von illegalen Einwanderern geworden seien.

Da geht ein Raunen durch die Reihen der Demokraten, für einen Moment rückt die ganze Gefährlichkeit Trumps wieder in den Mittelpunkt, seine Sündenbock-Politik und seine Demagogie. Aber die Republikaner finden den Plan offenbar grossartig, jedenfalls applaudieren sie artig.

epa05821860 Carryn Owens, wife of William 'Ryan' Owens, the Navy SEAL who died in a counterterrorism operation last month
is seen as US President Donald J. Trump (not pictured) delivers his first address to a joint session of Congress from the floor of the House of Representatives in Washington, DC, USA, 28 February 2017. Traditionally the first address to a joint session of Congress by a newly-elected president is not referred to as a State of the Union.  EPA/SHAWN THEW

Carryn Owen, die Witwe von Navy Seal William Owen Bild: SHAWN THEW/EPA/KEYSTONE

Ein anderer Moment ist von grosser Emotion, aber gleichzeitig auch sehr befremdlich. Trump hat die Witwe von William «Ryan» Owen eingeladen, jenes Soldaten, der kürzlich im Jemen bei einem missglückten Anti-Terror-Einsatz ums Leben kam. Der Präsident widmet sich dem Fall ausführlich, spricht auffallend einfühlsam vom Tod des Navy Seals und versucht zu erklären, warum der Soldat nicht umsonst gestorben sei, der Einsatz habe wertvolle Geheimdiensterkenntnisse gebracht – eine Behauptung, die die Dienste selbst übrigens dementieren.

Die Witwe Owens kann nicht an sich halten, Trumps Würdigung ihres Mannes überwältigt sie. Es ist an sich eine kraftvolle, patriotische Szene, nur kann man sie schwer davon trennen, wie Trump ansonsten mit dem Fall umgeht: Seit Wochen versucht er, die Schuld für den missglückten Einsatz auf die Obama-Regierung abzuwälzen, weil diese ihn in ihren letzten Tagen noch vorbereitet habe. Wenige Stunden vor seine Rede machte er plötzlich seine Generäle für den Tod Owens verantwortlich. So sehr Trumps Sätze im Kongress zu passen scheinen, so sehr verdeutlicht der Fall, wie schwer es ihm fällt, persönlich Verantwortung zu übernehmen.

Für seine Partei spielt das an diesem Abend keine Rolle. Sie ist schon froh, dass Trump es endlich einmal schafft, sich weitgehend an das Manuskript zu halten. Ein «Home Run» sei die Rede gewesen, liess Paul Ryan Minuten nach Trumps Auftritt wissen.

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Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.

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16
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16Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • http://bit.ly/2mQDTjX 01.03.2017 15:46
    Highlight Barron fehlte. Stattdessen instrumentalisierte Trump einige Opfer, die er dem Kontress genüsslich vorführte.

    Trump sagte Dinge, die alles andere ins Verhältnis rücken. Die "Bitten" an die Demokraten waren nichts anderes als Drohgebärden. Es gibt sogar gute Muslime, so sie denn Trump helfen.

    Er zeichnet deutlich eine Apartheid-Politik:

    America First --> wird zu --> America's Citizens First.

    Opferhile? Die Demokraten wunderts. Aber Trump präzisierte umgehend: VOICE, Victims of Immigrant Crimes Engagement.

    In neun Jahren will er im herrlichen 1876 sein. Belle Epoque. Mit Rassentrennung.
    4 6 Melden
  • Saraina 01.03.2017 15:37
    Highlight Nein, Owen ist nicht umsonst gestorben. Er hat ein Dutzend jemenitischer Kinder und etliche Frauen und andere Zivilisten mitgenommen. Helden sehen für mich anders aus.
    8 9 Melden
  • sowhat 01.03.2017 15:35
    Highlight Was haben sie ihm eingeflösst?
    3 1 Melden
  • roger.schmid 01.03.2017 13:52
    Highlight Antwort Sanders

    10 6 Melden
    • saukaibli 02.03.2017 08:40
      Highlight Bernie bringt es mal wieder auf den Punkt. Verdammt, warum konnte er nicht Präsident werden?
      1 0 Melden
  • brunoel 01.03.2017 12:35
    Highlight Auch wenn die Rede gemässigter klang, waren immer noch Unwahrheiten und Halbwahrheiten mit dabei:
    http://www.politifact.com/truth-o-meter/article/2017/feb/28/fact-checking-donald-trumps-address-congress/
    7 4 Melden
  • FrancoL 01.03.2017 11:28
    Highlight Ich gebe nicht viel auf grosse Reden oder auf grosse Versprechen. Der Bürger ist in Nachgang meistens der Geprellte.
    Ich hoffe allerdings ich irre mich und Trump versucht wirklich der Präsident einer grösseren Mehrheit der Amerikaner zu sein, der Präsident aller Amerikaner wird er nicht sein, so wie es seine Vorgänger in den letzten 30 Jahren auch nicht waren.
    7 3 Melden
  • Tomtom64 01.03.2017 11:05
    Highlight Offensichtlich hat er einen guten Redenschreiber und geniale Choreographen, aber sonst ....

    Waten wir seine nächsten Tweets ab.
    17 5 Melden
  • roger.schmid 01.03.2017 10:59
    Highlight Viel heisse Luft, sonst nichts.
    18 8 Melden
    • bam_bam 01.03.2017 16:53
      Highlight Also eigentlich das selbe wie die letzten 8 Jahre...
      7 6 Melden
    • roger.schmid 01.03.2017 17:18
      Highlight eher weniger.. Obama hat von seinem republikanischen Vorgänger ein Land in einem katastrophalen Zustand geerbt und den Senat gegen sich, der alles blockierte was er konnte. Dafür hat er es (mit vielen Abstrichen) nicht so schlecht gemacht. Nun ist der nächste Republikaner am drücker, der den Karren erneut zielstrebig in den Dreck steuern wird.
      8 5 Melden
  • Donald J Trump 01.03.2017 10:51
    Highlight Im the greatest. We will live in a better America tomorrow. I do alot of good things. Very important. Melania is proud of me!
    16 10 Melden
  • Max Dick 01.03.2017 09:53
    Highlight Schon in seiner Rede am 9. November nach dem Wahlsieg wirkte er kurz so etwas wie präsidial - um dann in Kürze wieder sein wahres Gesicht zu zeigen. So wird es auch diesmal sein. Und auf konkrete Pläne, wie er auch nur annähernd seine waghalsigen Wahlversprechen umsetzen will, wartet man immer noch.
    16 9 Melden
  • rodolofo 01.03.2017 09:34
    Highlight Der Wolf "The Donald" hat Kreide gefressen, damit er mit einer lieblichen Stimme an der verschlossenen Türe der "Linken und Netten" um Einlass bitten kann.
    Doch die "Sieben Geisslein der Demokratischen Opposition" wissen inzwischen sehr gut, dass sie nicht nur vor Onkel Erdogan Angst haben müssen...
    22 7 Melden
  • Steimolo 01.03.2017 09:28
    Highlight Was er auch noch gesagt hat: we want less conflicts and more Peace. No new conflicts. We want Peace. Kann man auch mal erwähnen find ich. Ich habe die ganze Rede geschaut.
    11 8 Melden
    • rodolofo 01.03.2017 11:48
      Highlight Was der den ganzen Tag daher plappert, ist so oder so nicht glaubwürdig!
      Da halte ich mich da besser an den "Trump-Flüsterer" Bannon: Bei dem weiss man genau, worauf der Thriller hinausläuft:
      Auf eine Faschistische Supermacht USA, die mit allen zivilisatorischen Errungenschaften, wie Demokratie, Pressefreiheit, Multikulturelle Offenheit, Menschenrechte, Völkerrechte und Internationale Zusammenarbeit aufräumen will, ähnlich wie das bereits Putin-Russland, die Erdogan-Türkei, Duterte-Philippinen und diverse Spaltpilze von Europa, wie Orban-Ungarn, May-Britannien, die Blocher-Schweiz bereits tun.
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