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Analyse

Corona in den USA: Der schöne Schein des Impferfolgs

Impfungen im Supermarkt und bald öffnet Disneyland wieder: Die Aufbruchstimmung in den USA ist berechtigt. Doch sie täuscht darüber hinweg, dass das System kaputt ist.
20.03.2021, 21:24
Rieke Havertz / Zeit Online
Ein Artikel von
Zeit Online

In den USA werden tägliche zwei Millionen Menschen geimpft. Im Supermarkt, im Drive-Thru, von Zahnärzten, Tierärzten, Hebammen. Das ist Amerika im März 2021, ein Jahr nach Beginn der Pandemie. Die USA sichern sich egoistisch eine Fülle an Impfstoff und Weisse werden schneller geimpft als People of Color. Auch das ist Amerika im März 2021.

Die grosse Impfwende oder der grosse Impfskandal? Die Vereinigten Staaten feiern oder wieder einmal wieder verdammen? So einfach ist es nicht. Auch wenn es die Twitter-tauglichere Schlagzeile wäre.

Eine temporäre Impfstation in Los Angeles.
Eine temporäre Impfstation in Los Angeles.
Bild: keystone

Der Präsident heisst nicht mehr Donald Trump. Es wird also nicht mehr in alle Richtungen «America first» aus dem Weissen Haus geschrien. Das bedeutet aber nicht, dass Joe Biden der Gutmensch unter den Politikern ist. Er verfolgt konsequent die Interessen des Landes – und seine eigenen.

Es geht nicht nur darum, die Menschen vor dem Coronavirus zu schützen. Biden muss gut in seine Amtszeit starten. Der Erfolg seiner Präsidentschaft wird wesentlich davon abhängen, wie gut er das Land aus der Pandemie führt – und aus der damit verbundenen Wirtschaftskrise.

Jeder Präsident in den USA wird an den Konjunkturdaten gemessen. Und schon im nächsten Jahr sind Kongresswahlen, die Mehrheiten der Demokraten äusserst knapp. Der Impferfolg ist daher essentiell. Dass es so gut läuft, hat mehrere Gründe.

Die USA haben früh grosse Mengen Impfstoff eingekauft. Das ist noch der Trump-Regierung zu verdanken. Sich in die erste Reihe stellen konnte Trump immer gut und es entspricht dem freien und kapitalistischen Marktgedanken der USA. Das kann man kritisieren, doch überrascht sein sollte man davon nicht.

«America first» gilt auch für Joe Biden.
«America first» gilt auch für Joe Biden.
Bild: keystone

Solidarität leistet sich die Weltgemeinschaft gern, wenn sie es sich leisten kann. Trump war es auch, der Impfstoff-Hersteller anwies, zunächst den Bedarf des eigenen Landes zu decken, bevor exportiert würde. Biden setzt diese Regel fort. Und auch er bedient sich eines Kriegsproduktionsgesetzes, das US-Firmen bevorzugt mit Grundstoffen und Geräten versorgt.

Die Ankündigung, vier Milliarden Dollar für Covax bereitzustellen, jene Organisation, die Impfstoffe an arme Länder verteilt, ist da nicht mehr als eine Randnotiz. Bis die USA eine Herdenimmunität erreicht haben, werden sie im Impffortschritt weiterhin auf sich schauen.

«We can do it»-Mentalität

Jeden Tag hört man in Amerika eine andere Erfolgsmeldung: noch eine geimpfte Bekannte, eine geschützte Lehrerin. Hier kennt bald wirklich jeder in der Familie jemanden, der geimpft wurde.

Nach einem traumatischen Jahr kehren die USA zu der ihr so eigenen «We can do it»-Mentalität zurück. Vieles mag nicht laufen, auch hier Webseiten zusammenbrechen und international Kritik an der Einkaufspolitik laut werden. Aber davon lassen sich die Menschen weder in ihrer grundsätzlichen Haltung beirren, eine grossartige Nation zu sein, noch in ihrem Pragmatismus.

Mit dem Impfstoff gibt es einen Weg aus der Krise und diesem Weg wird alles untergeordnet. Jeder, der weiss, wie man eine Spritze setzt, darf und soll helfen. Debatten darüber, ob Hausärzte in eine Impfstrategie mit eingebunden werden sollen gibt es nicht. Die Konkurrenten Johnson & Johnson und Merck schlossen den Deal, gemeinsam einen Impfstoff zu produzieren.

Die USA sind aber auch schon immer gut darin gewesen, die eigenen Erfolge in den schillerndsten Farben auszumalen und die Verfehlungen zu verdrängen.

Nicht aufzugeben, die Stärke des Einzelnen und der Gemeinschaft zu betonen, optimistisch sein, das klingt in den Reden amerikanischer Präsidenten oft abgedroschen und im Angesicht der Probleme des Landes unseriös. Doch es ist eine Mentalität, die den USA in Krisen oft hilft. Amerikaner:innen sind optimistischer als viele andere, Studien belegen das. Im April will Disneyland wieder eröffnen.

Das Disneyland in Anaheim, Kalifornien, soll ab 1. April wieder öffnen. (Archivaufnahme vom 13. März 2020)
Das Disneyland in Anaheim, Kalifornien, soll ab 1. April wieder öffnen. (Archivaufnahme vom 13. März 2020)
Bild: keystone

Die USA sind aber auch schon immer gut darin gewesen, die eigenen Erfolge in den schillerndsten Farben auszumalen und die Verfehlungen zu verdrängen. Der Umgang mit der eigenen Geschichte zeigt das: Sklaverei, Rassismus, Vietnam stehen Heldensagen aus den Weltkriegen, Mondlandungen und Unternehmergeist gegenüber. Und diese Seite des Landes zeigt sich auch im Impferfolg.

Der republikanische Gouverneur Greg Abbott hat in Texas alle Einschränkungen aufgehoben und die Maskenpflicht abgeschafft. Im März haben die Studierenden Spring Break – Freizeit, die normalerweise zum Feiern genutzt wird. Geht eigentlich nicht. Dennoch sind in diesem Monat schon jetzt mehr Menschen denn je seit Ausbruch des Pandemie geflogen. Eine weitere Welle in den USA ist alles andere als ausgeschlossen.

Und sie würde erneut die Schwächsten des Landes treffen. Denn die Pandemie legt die rassistischen und sozial ungerechten Strukturen in den USA auch im Impfen wieder einmal offen. Es ist der nicht enden wollende Alptraum, der für Minderheiten im Land Alltag ist.

Mit Optimismus-Rhetorik lässt sich nicht alles übertünchen

Die Daten, die das Center for Disease Control bislang veröffentlicht hat, zeigen, dass weniger als acht Prozent der Schwarzen und weniger als neun Prozent der hispanischen Bürger bislang geimpft wurden. Ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung ist wesentlich grösser. Und das Risiko, an Covid zu sterben, ist drei Mal höher als bei Weissen. Wenig überraschend bleibt die Impfskepsis unter Schwarzen hoch. Sie misstrauen, anders als die Repulikaner, nicht notwendigerweise der Biden-Regierung. Aber sie misstrauen einem System, das sie wieder und wieder enttäuscht hat.

Jetzt auf

Am Jahrestag der Corona-Pandemie sagte Joe Biden, dass es nach einem Jahr der Trauer und Einschränkungen eine Chance gebe, am 4. Juli den Unabhängigkeitstag zu feiern. Es ist vielleicht der wichtigste Feiertag, auf jeden Fall der patriotischste.

Und der Präsident sagte etwas patriotisches, als er vom gemeinsamen Barbeque mit Freunden sprach: «Das ist der Beginn der Unabhängigkeit von diesem Virus.» Es ist ein realistisches Ziel. Wenn es erreicht ist, wird es der Sieg des amerikanischen Egoismus und Pragmatismus über das Virus sein. Aber auch ein Zeichen des unbedingten Willen, diese Krise hinter sich zu lassen.

Doch Joe Biden sollte sich damit nicht zufrieden geben, die Menschen dürfen sich nicht damit zufrieden geben. Denn das System USA ist kaputt, die Pandemie zeigt das. Schätzungen gehen davon aus, dass Teile von Bidens 1.9 Billionen Dollar umfassenden Hilfspaket die Armut in diesem Jahr um ein Drittel senken könnte. Das ist zumindest ein Anfang. Doch ein ungerechtes und rassistisches System kann man nicht ewig mit Notfallplänen, Kraftanstrengungen und Optimismus-Rhetorik übertünchen. Nie aufgeben, das ist noch so eine amerikanische Tugend. Jetzt ist die Zeit dafür.

Dieser Artikel wurde zuerst auf «Zeit Online» veröffentlicht. watson hat eventuell Überschriften und Zwischenüberschriften verändert. Hier geht’s zum Original.

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