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Nährboden für angehende Terroristen: Spuren-Suche in Brüssels heruntergekommenen Vorstädten

Warum fielen die mutmasslichen Attentäter von Paris den Brüsseler Behörden nicht auf? Ein Augenschein in einer Eckkneipe in Molenbeek und einer Hochhaussiedlung zeigt: Selbst Menschen aus ihrem Umfeld hielten die Männer für «ganz normale Typen».

17.11.15, 12:20 17.11.15, 13:47

Stephan Orth, brüssel



Ein Artikel von

Der Mann, der Brüssels Einsatzkräfte in Atem hält, ist 1,75 Meter gross, 26 Jahre alt und seit Freitag auf der Flucht: Der Franzose Salah Abdeslam wird per internationalem Haftbefehl gesucht. Am Montag war in Belgien erneut ein Grossaufgebot im Einsatz, um ihn und weitere potenzielle Mitwisser der Pariser Terroranschläge zu finden.

Dutzende Polizisten mit Sturmhauben und Maschinengewehren, Feuerwehrleute und Bomben-Spezialteams sperrten einen grossen Abschnitt der Delaunoy-Strasse im Stadtteil Molenbeek ab. Mehr als vier Stunden dauerte der Einsatz, zwischenzeitlich machte die Nachricht die Runde, Abdeslam sei gefasst worden. Wie schnell sich das Gerücht verbreitete, zeigt deutlich, wie gross die Hoffnung auf einen solchen Fahndungserfolg ist – doch kurz darauf entpuppte es sich als Falschmeldung.

Keiner weiss, wo Salah Abdeslam zurzeit ist

Abdeslams Rolle bei dem Attentat am 13. November ist noch unklar, er hatte eines der Tatfahrzeuge gemietet. Möglicherweise war er bei der Logistik behilflich, möglicherweise entschied er aus unbekannten Gründen im letzten Moment, nicht selbst zu Waffe oder Sprengstoffweste zu greifen.

Er ist einer von mehreren Verdächtigen, die mit Brüssel und hauptsächlich mit dem Stadtteil Molenbeek in Verbindung gebracht werden. Laut einem Bericht des «Telegraph» soll er dort schon als Kind ein Spielkamerad von IS-Terrorplaner Abdelhamid Abaaoud gewesen sein, der als Drahtzieher der Paris-Anschläge gilt und derzeit in Syrien vermutet wird.

Ob sich Salah Abdeslam momentan in Belgien aufhält, muss ebenfalls bezweifelt werden – Ermittler gehen Spuren in Spanien und Frankreich nach, am Montagabend meldete die Nachrichtenseite «Les Dernières Nouvelles d'Alsace», er sei möglicherweise in Strassburgs Stadtviertel Neudorf gesichtet worden.

Die Polizei machte die Kneipe dicht

Salahs Bruder Ibrahim Abdeslam ist einer der Selbstmordattentäter von Paris, er sprengte sich nach derzeitigem Ermittlungsstand vor der Brasserie Comptoir Voltaire in die Luft. Bis Juli soll er laut belgischen Medienberichten Betreiber der Bar Les Béguines gewesen sein, an der Ecke Reimond-Stijns-Strasse und Rue de Béguines im Westen von Molenbeek.

Der Bruder der mutmasslichen Terroristen spricht
YouTube/The New York Times

Jetzt ist die Kneipe in einem dreistöckigen roten Backsteingebäude geschlossen. An einer Tür klebt ein Hinweis der Polizei: Demnach ist seit dem 5. November für zunächst fünf Monate kein Betrieb erlaubt, weil dort massiv halluzinogene Drogen konsumiert worden seien. «Es war immer laut, die jungen Leute waren eine Plage, es roch nach Cannabis. Manchmal musste die Polizei anrücken wegen des Lärms», sagt eine ältere Anwohnerin.

Die Scheiben sind blickdicht mit schwarzer Folie verklebt, an der Aussenwand hängen Konzertposter und Fotos von Croissants und einer Kaffeetasse. Und eine im jetzigen Kontext makaber wirkende Werbung eines Rubbellos-Anbieters – mit den Worten «Vrijdag 13 November – Luck is in the air» (Freitag, 13. November – Glück liegt in der Luft).

Die Mutter der Abdeslam-Brüder sagte in einem Interview mit Het Laatste Nieuws, sie sei sicher, Ibrahim habe niemanden töten wollen. Ein weiteres Mitglied der Familie spekulierte, der Sprengstoff sei vorzeitig explodiert. Bei der Detonation wurde ein Passant schwer verletzt, ausser dem Attentäter kam jedoch niemand ums Leben. «Vielleicht war es Stress», wird der Familienangehörige von der belgischen Webseite zitiert. «Wir haben ihn noch zwei Tage vorher gesehen. Es gab keine Anzeichen, dass er etwas Schlimmes plante.»

Waffenposen im Online-Profil

Einen solchen Satz würden Facebook-Freunde von Bilal Hadfi, einem weiteren Terror-Verdächtigen, der lange in Brüssel gelebt hat, womöglich nicht ohne Weiteres äussern. Der 20-jährige Franzose soll einer der drei Attentäter sein, die sich vor dem Stade de France in die Luft sprengten. Ab 2014 soll er sich für einige Zeit in Syrien aufgehalten haben und dort zum IS-Kämpfer geworden sein.

Auf Hadfis mutmasslichem Facebook-Profil sind Fotos zu sehen, auf denen er ein Luftgewehr in der Hand hält, mit vermummtem Gesicht posiert oder dem Betrachter den Mittelfinger entgegenstreckt. Mehrfach hat er offenbar Bilder von bewaffneten Kämpfern gepostet, in einem Eintrag vom 1. Juli 2015 ist ein Maschinengewehr zu sehen, das offenbar in einer Privatwohnung fotografiert wurde. Ausserdem findet man dort das Bild eines Hochhauses mit einem Strassenschild: Avenue de Versailles steht darauf, das ist eine Strasse im Stadtteil Neder-Over-Heembeek.

Vor Ort lässt sich das Gebäude leicht identifizieren, weil es eines der beiden höchsten Häuser der Umgebung ist. Zwischen Beizegem, der Haltestelle des 53er-Busses, und einem Kreisverkehr befindet sich das Strassenschild von dem Facebook-Foto. Das Hochhaus ist komplett von einem Gerüst umgeben, ein 16-stöckiger Betonklotz in einer Gegend, die nicht den besten Ruf hat. Auf Betonwänden in der Nachbarschaft steht mehrfach der Graffiti-Spruch «Nique la Police» («Fick die Polizei»), das Jugendzentrum gegenüber wirkt heruntergekommen. Am Eingangsschild steht ein Motto: «Das Recht der Jugend ist zu träumen, sich selbst zu entdecken und neue Wege zu finden.»

«Ein ganz normaler Typ, nicht unfreundlich»

An den 86 durchnummerierten Briefkästen des Hochhauses stehen hauptsächlich afrikanisch und arabisch klingende Namen. «Hadfi» ist nicht dabei. Trotzdem ist der Mann kein Unbekannter. «Den habe ich einige Male gesehen», sagt eine etwa 40-jährige Anwohnerin mit Kopftuch und schweren Einkaufstüten. «Aber er wohnt hier nicht mehr, schon seit mehr als einem Jahr.» Auf die Frage, was er für ein Mensch gewesen sei, will sie nichts sagen, sie verabschiedet sich hastig und verschwindet durch die Aufzugtür.

Der Verkäufer im Lebensmittelladen direkt gegenüber, der sich als Raschid vorstellt und keinen Nachnamen nennen will, hat Hadfi auf Fotos in den Fernsehnachrichten gesehen. «Ich habe ihn sofort erkannt. Natürlich kam er oft hierher, er wohnte ja ganz nah», sagt er. «Ein ganz normaler Typ, nicht unfreundlich, eher ernst.» Er bestätigt, dass Hadfi bis vor etwa einem Jahr hier gewohnt habe. «Es ist unglaublich, was er gemacht haben soll, ganz schrecklich», sagt der Verkäufer.

Ähnliche Gedanken werden sich in Brüssel derzeit einige Menschen machen. Rund um die Uhr werden die Fotos der Terrorverdächtigen auf allen Sendern gezeigt, so mancher dürfte ein Gesicht wiedererkennen. Aus der eigenen Strasse, aus dem Lebensmittelladen, sogar aus der Eckkneipe. Mitten im Herzen Europas, wo wegen Versäumnissen der Behörden ein Anlaufpunkt für angehende Terroristen entstanden ist.

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Zeno Hirt, 25.6.2017
Immer wieder mal schmunzeln und sich freuen an dem, was da weltweit alles passiert! Genial!

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    Alle Leser-Kommentare
  • ferox77 17.11.2015 14:25
    Highlight "Mehr als 30 Prozent der erwerbsfähigen Bewohner Molenbeeks sind arbeitslos"
    Das stimmt so nicht! Diese Bewohner sind nicht arbeitlos, sie haben lediglich keine besteuerte Arbeit. Sie arbeiten in einem Subsystem, das der Subkultur, und erhalten zudem viel Sozialhilfe. Das ist das, was da gerade vor sich geht.
    2 1 Melden
  • Wilhelm Dingo 17.11.2015 14:20
    Highlight "Ein ganz normaler Typ...", das finde ich krass. Das ist aber leider auch bei anderen kranken Typen oft der Fall. Ich weiss echt nicht was gegen solche Typen hilft. Polizeistaat und Grenzen zu hilft da nicht. Hat jemand eine Idee?
    1 0 Melden

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