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Die Balkanspur: Was hat der Montenegriner Vlatko V. mit dem Terror in Paris zu tun? 

Bei der Routinekontrolle eines Golfs fällt den Polizisten in Bayern ein Pistolenlauf auf. Sie nehmen den Fahrer aus Montenegro fest – kurz vor den Attentaten von Paris. Nach dem Anschlag wird Vlatko V. zum Terrorverdächtigen. Welche Rolle spielt er?

Jörg Diehl, Jan Puhl und Roman Lehberger



Ein Artikel von

Spiegel Online

Vlatko V. schweigt. Seit zehn Tagen sitzt er im bayerischen Traunstein in Haft. Der Verdacht: Waffenschmuggel. Am 5. November hatte die bayerische Polizei den 51-Jährigen festgenommen.

Beamte hielten seinen weissen Golf III mit montenegrinischem Kennzeichen bei einer Routinekontrolle auf der A8 an. V. hatte einen nagelneuen Pass bei sich, ausgestellt in Podgorica. Auch die Autopapiere waren in Ordnung. Doch dann fiel einem Polizisten im Motorraum der Lauf einer Pistole auf, der aus einem Versteck ragte. Eine genauere Kontrolle förderte ein beachtliches Waffenarsenal zutage: acht Kalaschnikows, zwei Pistolen, ein Revolver, zwei Handgranaten und 200 Gramm Sprengstoff.

Polizisten stehen am Donnerstag (19.05.11) in Frankfurt am Main vor einem Jobcenter, in dem am Morgen eine Frau von einer Polizistin angeschossen wurde. Die Frau starb wenig spaeter im Krankenhaus. Die Frau hatte zuvor einen Polizeibeamten mit einem Messer verletzt, wie die Polizei mitteilte. Zuvor hatte die Kundin offenbar einen Streit mit Mitarbeitern und sollte das Jobcenter verlassen. Als sie sich heftig dagegen wehrte, wurden zunaechst Sicherheitskraefte und dann die Polizei alarmiert. (zu dapd-Text) Foto: Mario Vedder/dapd

Bei einer Routinekontrolle erwischte die deutsche Polizei Vlatko V. (Symbolbild)
Bild: AP dapd

Der Fall erregte zunächst kaum Aufmerksamkeit. Doch dann kam der 13. November – und aus dem Waffenschmuggler V. wurde der Terrorhelfer. Denn in das Navigationsgerät seines Autos war ein Parkplatz in Paris als Ziel eingegeben.

Wer ist dieser Mann? Ein Team von «Spiegel» und «Spiegel TV» hat sich in Montenegro auf Spurensuche gemacht. Podgorica heisst die Hauptstadt, ein staubiges Nest vornehmlich aus Plattenbauten, im Osten von Bergen begrenzt, wenn es abends kalt wird riecht die Luft nach Holzfeuer, denn damit heizen hier noch viele.

Ein Polizist versteckt sich Anfang November 2014 bei einer Gay-Pride-Parade in Podgorica.
Bild: STEVO VASILJEVIC/REUTERS

Erst vor neun Jahren hat Montenegro, knapp über 600'000 Einwohner, seine Unabhängigkeit von Serbien erklärt. Und seit 20 Jahren regiert hier Milo Djukanovic, ein Mann, dem Verbindungen zur Zigarettenmafia nachgesagt werden. Aber er hält Staat und Wirtschaft unter Kontrolle, derzeit gehen jede Woche Tausende auf die Strasse. Sie demonstrieren gegen Ineffizienz und Korruption.

Riot policemen push demonstrators while attempting to disperse them outside the parliament building in the capital Podgorica, Montenegro, October 17, 2015. Montenegro's police used teargas on Saturday to disperse hundreds of anti-government protesters outside the parliament building in the capital Podgorica and local media said several people had suffered light injuries. The ex-Yugoslav republic's main opposition bloc, the Democratic Front, set up tents in front of the parliament 20 days ago demanding the resignation of veteran Prime Minister Milo Djukanovic and the formation of an interim government pending fresh elections.   REUTERS/Stevo Vasiljevic

Mitte Oktober 2015: Polizisten verhaften in Podgorica einen Mann, der gegen die Regierung auf die Strasse gegangen ist.
Bild: STEVO VASILJEVIC/REUTERS

Sieht so die Wohnung eines Terrorhelfers aus?

Vlatko V. wohnt im Stadtteil Konik. Zwischen verdorrten Grünflächen ragen ein paar Plattenbauten in die Höhe. Etwas abseits hauste er zu ebener Erde in einem winzigen Reihenhausappartement, ein Raum mit Schlafcouch, eine verdreckte Küchenecke.

Im Bad lagert er Ersatzreifen für den alten, roten Ford Escort im Vorgarten. Die Zulassung ist lange abgelaufen. Zwei Bücher liegen auf dem Couchtisch: «Die grössten serbischen Gangster», Band 1 und 2. Im Regal stapeln sich Rechnungen, V. hatte Schulden, allein 1811 Euro – Montenegro hat keine eigene Währung – fordern die Elektrizitätswerke.

Immer wieder wird gegen Korruption und Vetternwirtschaft demonstriert.
Bild: BORIS PEJOVIC/EPA/KEYSTONE

Sieht so die Wohnung eines Terrorhelfers aus? Vlatko V. ist kein Muslim, sondern orthodox. Und ein grosser Gangster ist er noch weniger. Die Nachbarn sagen, er war ein netter Kerl, verwettete ab und zu mal ein paar Cents, setzte auf Fussball, jobbte in der Saison in den Weinbergen. Hat er den schnellen Ausweg gesucht? 24 Stunden dauert die Fahrt von Podgorica über Bosnien, Kroatien, Österreich und Deutschland nach Paris.

Sein Bruder Zeljko wohnt um die Ecke, etwas luxuriöser, mit Frau, zwei Jungs und der Mutter. Die spricht seit der Verhaftung kaum, steht auf dem Balkon auf ein Kissen gelehnt und starrt in die Luft. Noch bevor die Polizei sich meldete, rief der Chef einer Hinterhof-Autovermietung aus der Nachbarschaft an: Wo ist denn das Fahrzeug, das der Vlatko für ein paar Tage gemietet hat? Keine Ahnung. Den weissen Golf lieh er sich vom 2. bis zum 9. November. Wofür, das weiss Zeljko nicht.

Montenegro police officers guard a government building during a protest in Podgorica, Montenegro, Saturday, Feb. 15, 2014. The demonstrators in downtown Podgorica, the capital, demanded the resignation of the government of the long-standing prime minister, Milo Djukanovic. They accuse his government of rampant corruption, unemployment and economic mismanagement. (AP Photo/Darko Vojinovic)

Polizisten in Montenegro in Bewegung.
Bild: Darko Vojinovic/AP/KEYSTONE

Tränen steigen ihm in die Augen: «Er muss übers Ohr gehauen worden sein. Ich bin sicher, dass er nicht wusste, was er dabei hat.» Eng waren die Brüder, doch zuletzt hatte sich Vlatko immer seltener gemeldet. Er war nicht verheiratet, hatte keine Kinder. Zeljko glaubt, dass er irgendwie in schlechte Gesellschaft geraten sein muss.

Vielleicht hat ihm irgendwer eine paar Hunderter für die Passage angeboten. Wer das gewesen sein könnte? Zeljko hat keine Ahnung. Niemals hatte sein Bruder Probleme mit der Polizei. Nur vor etwa zehn Jahren war da dieser Verkehrsunfall, den er verursacht hat. Vlatko V. war schwer verletzt, trug von der Operation eine 30 Zentimeter lange Narbe davon.

Waffenhandel vom Balkan

Die Polizei hält V. für einen Kurier. Das ist die unterste Ebene in der Schmuggler-Hierarchie, die Fahrer, nicht die, die Kontakte haben. Waffenhandel vom Balkan ist ein globales Problem. Tonnenweise geriet Schiessgerät in den Jugoslawien-Kriegen der 90er-Jahren in die Hände von Milizionären und Freischärlern. Allein 800'000 Kleinwaffen verschwanden aus Armee-Depots, als das kommunistische Regime in Albanien kollabierte.

Mikhail Kalashnikov, 87, combs his hair behind by his AK-47 Nr.1, a prototype of the famous AK-47 rifle on display, during a ceremony to mark the 60th anniversary of the worldwide assault rifle's creation in the Russia's Armed Forces Central Museum in Moscow on Friday, July 6, 2007. The photo in the background depicts Victory Parade in Moscow in June 1945.   (AP Photo/Misha Japaridze)

General Kalaschnikow mit dem von ihm entwickelten Sturmgewehr.
Bild: AP

Diese Pistolen und Kalaschnikows sind nicht verschwunden, sie befinden sich in den Händen von Privatleuten und unterbezahlten Militärs der Region. Immer wieder fliegen Schmuggler wie Vlatko V. auf, nicht nur in Montenegro, sondern auch im Kosovo und Bosnien. Doch meistens werden Waffen zwischen anderen Gütern in LKW und Containern versteckt transportiert.

Acht Kalaschnikows, Handgranaten, Sprengstoff im Mietwagen nach Paris, das ist schon eher ein seltener Fall. Doch erklärte Montenegros Polizeisprecherin Tamara Popovic am Montagabend: Interpol, montenegrinische, deutsche und französische Sicherheitsbehörden sehen inzwischen keine Hinweise auf eine Verbindungen zu den Terroristen von Paris – «nach bisherigem Stand der Ermittlungen».

Die Staatsanwaltschaft München führt inzwischen ein Verfahren gegen V. wegen des Verdachts der «Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat».

In this photo taken Monday, Nov. 3, 2014, people collect plastic bottles and cans at waste dump in Podgorica, Montenegro. Montenegro takes pride in its majestic Adriatic coastline and towering mountains rising from the sea, lined with rivers, streams and lakes. But the so-called Balkan Wild Beauty also faces an ugly problem of waste disposal that is threatening both its natural wonders and lucrative tourism industry. (AP Photo/Darko Vojinovic)

Menschen suchen im November 2014 in Podgorica nach Verwertbarem.
Bild: Darko Vojinovic/AP/KEYSTONE

Mehr zum Thema am Sonntag, 22.11., um 22.10 Uhr im «Spiegel TV Magazin» bei RTL.

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