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Anti-Terror-Strategie: Gegen den IS, aber nicht mit Assad

Muss sich der Westen mit dem syrischen Diktator Assad verbünden, um den IS zu bekämpfen? Dieser falsche Gedanke ist durch die schrecklich Anschläge von Paris kein bisschen richtiger geworden.

Mathieu von Rohr, Paris



Ein Artikel von

Spiegel Online

Die Terrorangriffe in Paris waren noch im Gang, die Verletzten wurden noch in Notlazaretten in Cafés verarztet, die Toten notdürftig mit Tischdecken von Restaurants zugedeckt, als in den sozialen Medien und in der Politik schon wieder die ewig gleichen und ewig falsch liegenden Stimmen ihre Forderungen erhoben: Wir müssten jetzt als erstes den «Islamischen Staat» (IS) in Syrien militärisch besiegen, sagten sie. Dazu müssten wir uns nun leider mit dem Regime von Baschar al-Assad verbünden.

So argumentiert nicht nur Wladimir Putin, der mit Assad verbündet ist und bisher weniger den IS als die syrischen Rebellen im Visier hat. So argumentieren auch manche Politiker und Kommentatoren in Deutschland. Der französische Oppositionsführer Nicolas Sarkozy argumentierte, der Westen müsse sich nun mit Russland zusammenschliessen. Und der ehemalige CIA-Chef Michael Joseph Morell sagte: Assad könnte «Teil der Lösung» in Syrien sein.

FILE - In this file photo taken on Tuesday, Oct. 20, 2015, Russian President Vladimir Putin, center, shakes hand with Syrian President Bashar Assad as Russian Foreign Minister Sergey Lavrov, right, looks on in the Kremlin in Moscow, Russia. Iran sits down with the United States, Russia, Europeans and key Arab states for the first time since the Syrian civil war began to discuss the future of the war-torn country. It will also break ground by bringing Assad’s main supporter, Iran, to the same table as its regional rivals, including Turkey and Saudi Arabia, who have been backing many of the insurgent groups.  (Alexei Druzhinin, RIA-Novosti, Kremlin Pool Photo via AP, File)

Baschar al-Assad am 20. Oktober beim Staatsbesuch in Moskau mit Wladimir Putin.
Bild: AP/POOL RIA NOVOSTI KREMLIN

Wut und Trauer dürfen die Analyse nicht vernebeln

Doch dieser falsche Gedanke ist durch die schrecklich Anschläge von Paris kein bisschen richtiger geworden. Die Wut, die Trauer, die wir alle verspüren, dürfen aber nicht unsere Fähigkeit zur Analyse vernebeln. Man erinnert sich an George W. Bushs Angriff auf den Irak im Jahr 2003 und möchte fast fragen: Sind wir dazu verdammt, auf Terrorismus reflexhaft zu antworten, indem wir geopolitische Fehler begehen, die den Terrorismus noch stärken?

Die Wahrheit ist: Es würde keinen IS geben ohne die Schreckensherrschaft von Assad. Es würde keinen IS geben, wenn Assad nicht schon in den 2000er-Jahren Dschihadisten aus seinen Gefängnissen entlassen hätte, damit sie in den Irak ziehen, um gegen die Amerikaner zu kämpfen. Es würde keinen IS geben, wenn Assad nicht die Menschen, die 2011 friedlich gegen seine Herrschaft demonstrierten, hätte zusammenschiessen und foltern lassen und wenn er nicht im darauf folgenden Bürgerkrieg rund 100'000 Zivilisten mit seinen Fassbomben hätte umbringen lassen.

Anti-Syrian government protesters flash V sign as they protest in the southern city of Daraa, Syria,  Wednesday March 23, 2011. Syrian security forces shot live ammunition and tear gas near a mosque where protesters have been camped out in southern Syria, killing six people including a paramedic, activists said. The early morning attack near the al-Omari mosque in the southern city of Daraa marks the deadliest single day since anti-government protests inspired by uprisings across the Arab world reached this country last week. The latest deaths brings the number of people killed in Daraa since Friday to at least 13. (AP Photo/Hussein Malla)

Protest gegen Assad im März 2011 in Daraa.
Bild: AP

Die Brutalität des Regimes hat das Monster IS genährt, sie zog Dschihadisten aus aller Welt an, auch junge verwirrte Muslime aus dem Westen, die auf der Suche nach einer Sache waren, für die es sich zu kämpfen lohnt. Wer glaubt, den IS militärisch besiegen zu können, ohne dass Assad geht, der irrt fundamental.

In Syrien herrscht heute ein Konfessionskrieg: Mit Assad und seiner Minderheit der Alawiten kämpfen die Schiiten, gegen sie kämpft die Bevölkerungsmehrheit der Sunniten – grob gesagt. Und auf beiden Seiten kämpfen Tausende Söldner aus dem Ausland. Einen Staat unter Assad wird die Mehrheit der Sunniten nie wieder akzeptieren. Wer glaubt, Assad könne durch demokratische Wahlen von den Sunniten wieder akzeptiert werden, irrt sich fundamental.

FILE - In this file photo taken on Sunday April 20, 2014 and released by the Syrian official news agency SANA, Syrian President Bashar Assad, left, talks to government soldiers during his visit to the Christian village of Maaloula, near Damascus, Syria. Russia’s military intervention in Syria has increasingly bolstered the sense that Bashar Assad may survive the war, and his surprise visit to Moscow, the first time he’s left the war-torn country in nearly five years, underscores how emboldened the leader has become. The visit is a brazen show of force by the two allies and a slap in the face of a fumbling U.S. administration whose response on Syria over the past years has been inconsistent and chaotic. (AP Photo/SANA, File)

Assad im April 2014.
Bild: AP/SANA

Sein Regime ist der Grund dafür, dass sich die Spannungen im Land verstärkt und in einem Bürgerkrieg entladen haben. Nur wenn Assad und sein Clan ins Exil gehen, lässt sich der syrische Staat, der heute fast nur noch Alawiten und Schiiten vertritt, vielleicht erhalten. Nur dann wird es möglich sein, eine aussichtsreiche Koalition gegen den IS zu schaffen und den IS die ideelle Existenzgrundlage zu entziehen.

Assad und der IS, das ist wie Pest und Cholera

Es wäre ein grosser propagandistischer Sieg für den IS, wenn sich der Westen auf die Seite von Assad schlagen sollte. Der Westen und der Tyrann an der Macht, seine beiden grossen Feinde, hätten sich damit freiwillig zu einem gemeinsamen Feindbild vereint. Dass es zu einem expliziten Schulterschluss dieser Art kommt, ist immer noch eher unwahrscheinlich, doch die Möglichkeit besteht, dass der Westen einem Syrien-Deal mit Russland zustimmt, der faktisch zum gleichen Ergebnis führen könnte.

FILE - In this Tuesday, March 29, 2011 file photo, Pro-Syrian President Bashar Assad supporters gather to demonstrate their support for their president, in Damascus, Syria. It began innocently enough in March 2011, with a short phrase spray-painted on a schoolyard wall by teenagers in the southern Syrian city of Daraa: “Your turn is coming, doctor.” The doctor referred to President Bashar Assad, a trained ophthalmologist, and the implication was that he too would fall from power like his counterparts in Tunisia and Egypt who had recently been toppled in popular revolts. Nearly three years after the crisis began, Syria's government and opposition are set to meet in Geneva this week for the first direct talks aimed at ending the conflict. (AP Photo/Muzaffar Salman, File)

Assads Anhänger demonstrieren anno 2011 in Damaskus.
Bild: Muzaffar Salman/AP/KEYSTONE

Doch hier lauert eine grosse Gefahr: Dass jene syrischen Rebellen, die heute sowohl Assad als auch den IS bekämpfen, von Russland aber bombardiert werden, sich mit dem IS verbünden würden. Die wenigen verbliebenen moderaten Rebellen würden dann endgültig zwischen den Fronten aufgerieben. Und in Syrien gäbe es dann nur noch Assad und den IS. Pest und Cholera.

Hinzu kommt, dass der Terrorismus eine Idee ist, die sich nicht allein militärisch besiegen lässt. Das zeigen gerade die Anschläge von Paris. Es gibt zwar zahlreiche Hinweise auf Verbindungen der Attentäter nach Syrien. Aber es zeigt sich eben auch einmal mehr, dass viele der Täter junge Franzosen waren – so wie die Gebrüder Kouachi, die im Januar den Anschlag auf «Charlie Hebdo» begingen.

epa04559471 A woman holds the new edition of the French satirical magazine Charlie Hebdo in front of the improvised memorial on Rue Nicolas Appert, near the Charlie Hebdo headquarters, site of the 07 January attack in which 12 of the newspaper's staff were killed by two gunmen, in Paris, France, 14 January 2015. Charlie Hebdo, attacked by gunmen on 07 January, features cartoons of the prophet Muhammad in its edition, and it is published on 14 January. It will have a print run of three million, media reports said, up from an earlier announced run of one million; and far in excess of the weekly magazine's usual circulation of 60,000.  EPA/IAN LANGSDON

Bild: IAN LANGSDON/EPA/KEYSTONE

So wie Mohammed Merah, der 2012 auf Juden in Toulouse schoss. Der Grund für diese Radikalisierung liegt nicht in Syrien. Sie hat gesellschaftliche Ursachen. Und Kriege wie jener in Syrien spielen eine wichtige Rolle dabei, diese jungen Männer, die sich selbst am Rand der Gesellschaft sehen, zu radikalisieren. Das galt schon für die Kriege im Irak und in Afghanistan, doch noch viel mehr gilt es für Syrien.

Deshalb: Wir müssen den IS bekämpfen, unbedingt, mit allen Mitteln. Aber das werden wir nicht schaffen, wenn wir uns mit dem Diktator verbünden, der den IS erst möglich gemacht hat. Wir würden das Gegenteil erreichen.

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    Alle Leser-Kommentare
  • Eisenhorn 17.11.2015 09:04
    Highlight Highlight Was zur Hölle ist das für ein Bericht? Ich meine ich habe gesehen das er vom Spiegel ist, aber war nicht auf Watson letztlich ein Bericht der die Existenz von "moderaten Rebellen" arg in Frage gestellt hat? Resp. die als Mythos deklariert hat? Die Assad Familie regiert Syrien seit Jahrzehnten und NIE hat es irgendjemand gestört bis zum arabischen Frühling. Verdächtig oder? Also wenn der Mann so böse ist hat die Welt Jahrzehnte einfach weg geschaut, vielleicht so wie es der Westen bei Saudi Arabien macht? Hussein = Massenvernichtungswaffen, Assad = Giftgas? Ich seh langsam ein Schema...

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