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Pannen der Terrorermittler von Brüssel: Polizei kommunizierte per WhatsApp, Abdeslam «zu müde» fürs Verhör

Immer neue Details über Ermittlungspannen in Belgien: Nach der Türkei beklagen sich jetzt auch die Niederlande, dass Behörden in Brüssel wichtige Warnungen ignoriert hätten.

Markus Becker und Christoph Titz



Ein Artikel von

Spiegel Online

Terroranschläge in Brüssel

Hinterher sind fast alle schlauer. Doch die Versäumnisse der Behörden, besonders zwischen den Attentaten von Paris mit 130 Toten im November und den - offenbar vorgezogenen - Attacken in Brüssel mit derzeit 35 Terroropfern waren eklatant.

Der niederländische Justizminister Ard van der Steur beklagte am Mittwoch erneut, dass es bereits Mitte März Warnungen vor den Bakraoui-Brüdern gab. Die Männer töteten sich vergangene Woche am Flughafen Zaventem und in der Brüsseler U-Bahn mit Sprengstoffladungen. Demnach waren sie dem FBI schon lange als Gefährder bekannt. Bei einer Sitzung am 17. März - also fünf Tage vor den Anschlägen - hätten die Niederländer die Warnung der Amerikaner an die Belgier weitergegeben. Die belgische Seite dementierte.

Ob die USA die Information auch direkt nach Belgien übermittelten oder nur an die Niederländer gaben, ist unklar. Derzeit helfen US-Ermittler den Belgiern bei der Auswertung von Computerdaten, teilte Präsident Obama mit. Mit scharfen Worten kritisierten ungenannte US-Experten gegenüber der Agentur Reuters, die belgischen Kollegen seien offenbar überbeansprucht und hätten mit kulturellen, finanziellen und politischen Problemen zu kämpfen.

Heute ist bekannt, dass es eine grosse Terrorzelle in der EU gab, die sowohl die Attentate in Paris als auch die Angriffe in Brüssel vorbereitete. Die weitere, jetzt bekannt gewordene Kommunikationspanne zwischen den Niederlanden und Belgien ist allerdings nur das jüngste in einer Reihe von Versäumnissen. Fehleinschätzungen und verloren gegangene Informationen ziehen sich durch die gesamten belgischen Ermittlungen zum islamistischen Terror:

Stümperhafte Polizeiarbeit

Kurz nach den ersten Explosionen brach das Brüsseler Mobilfunknetz zusammen. Doch nicht nur die Bevölkerung war fortan auf SMS, Facebook oder Twitter angewiesen - sondern auch die Sicherheitsbehörden und Rettungsdienste. Die haben für solche Fälle eigentlich «Astrid», einen eigenen Kommunikationsdienst. Doch der fiel ebenfalls aus, wie mehrere belgische Zeitungen berichteten. Verzweifelte Polizisten und Retter sollen sich stattdessen über WhatsApp abgesprochen haben, meldet «Le Vif».

Die Erstürmung eines Extremistenverstecks in der Rue des Quatre-Vents in der Islamistenhochburg Molenbeek liess verletzte Polizisten zurück, einen Toten und zwei flüchtige mutmassliche Islamisten. Einer davon war der mutmassliche Paris-Attentäter Salah Abdeslam. Seine Fingerabdrücke waren in der Wohnung, ausserdem Materialien zum Bombenbau. Justizminister Koen Geens erklärte, Abdeslam konnte entkommen, weil die Polizei nach 21 Uhr keine Hausdurchsuchungen mehr durchführen darf. Die Beziehung zwischen dem Justizminister und den Sicherheitsbehörden gilt in Brüssel als schwer belastet. Erst drei Tage später wurde Abdeslam gefasst.

Bei seiner Festnahme am 18. März wurde Abeslam ins Bein geschossen, er wurde operiert. Doch Abdeslam sei «sehr müde» gewesen, sagte ein Ermittler der Nachrichtenseite «Politico» und nur eine Stunde zu den Pariser Anschlägen befragt worden. Fragen zu geplanten Attentaten seien ihm nicht gestellt worden.

Falsche und versäumte Festnahmen

epa05227579 A composite picture made of handout pictures made available by Interpol on 23 March 2016 of Brahim El Bakraoui (L) Khalid El Bakraoui at an unspecified location. Belgian broadcaster RTBF reported on 23 March 2016 that two brothers Khalid and Brahim el-Bakraoui have been identified by Belgian police as the suspected suicide bombers of the Brussels attacks. One of them, Khalid had rented an apartment using a false name in the Brussels neighborhood of Forest, where police killed a gunman in a shootout last week. The attacks at the main airport and in the metro in Brussels killed 34 people and wounded nearly 200 on Tuesday.  EPA/INTERPOL / HANDOUT BEST QUALITY AVAILABLE HANDOUT EDITORIAL USE ONLY/NO SALES HANDOUT EDITORIAL USE ONLY/NO SALES

Die Bakraoui-Brüder
Bild: EPA/INTERPOL

Die Bakraoui-Brüder waren verurteilte Schwerkriminelle - und mindestens einer hätte nicht auf freiem Fuss sein dürfen. Ibrahim Bakraoui hatte sich im Sommer 2015 zwei Mal nicht bei seinem Bewährungshelfer gemeldet. Der Grund: Er war unterwegs nach Syrien, wo ihn dann die Türken an der Grenze stoppten. Sein Bruder mietete in Paris unter falschem Namen eine Wohnung, in der offenbar die Attentate in der französischen Hauptstadt im November vorbereitet wurden. Doch erst im Dezember landete Ibrahim auf einer Terrorliste der belgischen Behörden.

Der falsche «Mann mit Hut» - Faisal C., ein Journalist und für belgische Medien eine Tag lang der Terrorist mit der hellen Jacke - wurde nach vier Tagen am Ostermontag wieder freigelassen. Der mutmassliche Attentäter auf dem Bild ist nach wie vor flüchtig.

Hinweise aus dem Ausland

Vor allem in Belgien wussten die Ermittler wenig über die islamistischen Gefährder, die sich wie Abdeslam und die Bakraouis in Brüssel radikalisiert und in Syrien hatten ausbilden lassen, um in Europa zu töten.

A Handout picture shows Belgian-born Abdeslam Salah seen on a call for witnesses notice released by the French Police Nationale information services on their twitter account on November 15, 2015. Belgian-born Abdeslam Salah, one of the main suspects from November's Paris attacks was arrested after a shootout with police in Brussels on Friday, the Belgian federal prosecutor's office said.   REUTERS/POLICE NATIONALE/HANDOUT VIA REUTERS   TPX IMAGES OF THE DAY

Salah Abdeslam
Bild: Reuters

Die belgischen Dschihadisten planten ihre Anschläge in Paris und Brüssel und kochten Sprengstoff - alles in der Hauptstadt der Europäischen Union und unter mindestens halb geschlossenen Augen der Sicherheitskräfte. Nach den Anschlägen von Brüssel teilte die Türkei mit, dass sie schon vor Paris und Brüssel Ibrahim Bakraoui für gefährlich hielt - und ihn im Sommer 2015 in die Niederlande abschob.

In den USA waren die schwerkriminellen belgischen Bakraouis auf Terrorlisten der US-Bundespolizei. Ibrahim bereits vor den Pariser Attentaten, der Wohnungsanmieter von Paris und Brüsseler U-Bahnbomber Khalid kurz danach. Wer das den Belgiern wann sagte, ist noch nicht abschliessend geklärt. Aber offenbar versandete die Information.

Unklarheiten bei den Opferzahlen

Schon in der Pressekonferenz am Tag nach den Anschlägen nannten die Pressesprecher unterschiedliche Verletztenzahlen, sie schwankten zwischen 260 und 272 Verletzten. Eine Polizistin bat um Verständnis, dass die DNA-Tests länger dauern und man sehr vorsichtig sei, ehe man jemanden für tot erklärte.

Knapp eine Woche nach dem Anschlag verwirrten die Behörden noch immer die Öffentlichkeit: Mal war von 31, mal von 34 Toten die Rede, mal wurden die toten Terroristen mitgezählt, mal nicht. Die Zahl könne auch aktuell schon höher sein, hiess es am Ostermontag: Für die Auflistung der in den Krankenhäusern verstorbenen Opfer sei das Gesundheitsministerium und nicht das Krisenzentrum zuständig. «Der Informationsfluss braucht Zeit», sagte der Sprecher des Krisenzentrums. Am Dienstag korrigierten sich die Behörden erneut. Nun ist von 35 unschuldigen Toten und drei toten Attentätern die Rede.

Zwischenzeitlich kam es in Belgien wie so oft: Es brachen verbale Kleinkriege aus, zwischen Parteien, zwischen Flamen und Wallonen, zwischen einzelnen Politikern. Der Ruf von Justizminister Geens, nicht aufeinander loszugehen, ging unter.

Ausflüchte der Verantwortlichen

Neben Geens steht Innenminister Jan Jambon in der Kritik. Er beteuert, kurz nach den beiden Explosionen am Flughafen entschieden zu haben, das U-Bahnnetz zu räumen - noch vor dem Anschlag in der Metro-Station Maelbeek. Die Brüsseler Verkehrsbetriebe Stib erklärten, eine solche Anweisung hätten sie nie bekommen. Zwischenzeitlich boten Jambon und Geens ihre Rücktritt an. Doch Ministerpräsident Charles Michel lehnte die Gesuche ab.

Hooligans gegen trauernde Belgier

Auch vor einer Hooligan-Attacke gegen die Gedenkstätte in der Brüsseler Innenstadt war am Vorabend gewarnt worden - vergebens: Bürgermeister Yvan Mayeur sage dem Sender RTL, die Sicherheitsbehörden hätten ihn bereits am Vortag vor «400 Verrückten» gewarnt, die nach Brüssel kommen wollten. Trotzdem kam es zu den Krawallen.

Mit Material der Nachrichtenagentur Reuters

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    Alle Leser-Kommentare
  • MaxHeiri 31.03.2016 04:49
    Highlight Highlight Kurz und knapp: Es braucht nicht mehr Überwachung bei der Bevölkerung sondern bei den Behörden damit dort nicht geschlampt wird.
    0 0 Melden
  • Angelo C. 30.03.2016 18:00
    Highlight Highlight Ein unglaublicher Saftladen, diese belgischen Ermittlungsbehörden, polizeilich wie geheimdienstlich 🙁!

    Was dort bisher alles schiefgelaufen oder verpasst worden ist, mutet schier unglaublich an. Und nur durch die mangelnde Zusammenarbeit zwischen sich nicht sonderlich mögenden Flamen und Wallonen ist sowas nicht zureichend erklärt.

    Schon bei früheren schweren Verbrechen, wie u.a. im Falle des berüchtigten Kinderschänders Dutroux, lief alles ausserordentlich zähflüssig und kaum je nachvollziehbar ab...
    15 1 Melden
    • Angelo C. 30.03.2016 22:33
      Highlight Highlight D00A : heute Abend in 10vor10 wurden diese Sicherheitsmankos und evidenten Fehler der belgischen Behörden nochmals anschaulich thematisiert und der in diesen Zusammenhängen interviewte bekannte Belgien-Korrespondent der angesehenen französischen Zeitung "Le Monde" kritisierte die miese Arbeit der dortigen Verantwortlichen auf's Schärfste - und erinnerte ebenfalls explizit an die zahlreichen Versäumnisse im allseits bekannten Horrorfall Dutroux, den ich ja schon oben erwähnte....
      7 0 Melden
  • Hierundjetzt 30.03.2016 17:08
    Highlight Highlight Belgien ist eine einzige Panne.
    21 6 Melden
  • HansPeterMeier----Patriot. 30.03.2016 16:24
    Highlight Highlight Sorry nach 21 Uhr keine Hausdurchsuchungen mehr ?! Welcher Verückten Leute haben das Überhaupt veranlasst?! Es wird Zeit das die Anti Terror Gesetze deutlich verschärft werden(Eine Art US Patriot Act aber noch schärfer).

    Es wird auch Zeit das solche Viertel wie Molenbeek den erdboden gleich gemacht werden und jede Person die dort eine Straftat begangen hat oder Arbeitslos sofort ins Heimatland ausweisen (Staatsbürgerschaft auch aberkennen lassen) oder in Sicherheitshaft einschliessen zum wohle des Volkes.Gleichzitig müssen die Asyl zahlen deutlich reduziert werden(Ankommende und Präsente).
    14 65 Melden
    • Datsyuk * 30.03.2016 17:03
      Highlight Highlight Bullshit.
      38 7 Melden
    • giguu 30.03.2016 17:24
      Highlight Highlight soso, weil also einer in deiner nachbarschaft einen seich gemacht hat, soll dein haus abgerissen werden... zum glück gibt es nicht mehr patridioten...
      33 4 Melden
    • doggo 30.03.2016 17:44
      Highlight Highlight Wie kommt es dann, dass z.B. die Attentäter von Paris in Frankreich/Belgien geboren wurden und auch dort aufgewachsen sind? Was hat das mit Flüchtenden zu tun?
      21 7 Melden
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