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Supporters of Jair Bolsonaro, presidential candidate for the National Social Liberal Party who was stabbed during a campaign event days ago, exhibit a large, inflatable doll in his image as they march along Paulista Avenue to show support for him in Sao Paulo, Brazil, Sunday, Sept. 9, 2018. Brazil will hold general elections on Oct. 7. (AP Photo/Andre Penner)

Jair Bolsonaro: Der Hardliner schwebt im brasiliansichen Wahlkampf über allen.  Bild: AP/AP

Heute wählt Brasilien – und das ist der Topfavorit, vor dem sich so viele fürchten

Isaac Risco, Denis Düttmann / dpa



Die Brasilianer haben die Nase voll von Korruption, Gewalt und Misswirtschaft. Jair Bolsonaro mobilisiert die Wutbürger gegen das verhasste Establishment. Dabei mischt der «Trump Brasiliens» selbst seit fast 30 Jahren im Politzirkus mit.

Sein Name ist Programm: Jair Messias Bolsonaro versteht sich als Retter Brasiliens. Der Ex-Militär will das grösste Land Lateinamerikas von Gewalt und Korruption befreien. Der «Trump Brasiliens» hetzt gegen Homosexuelle und Schwarze und verherrlicht die Militärdiktatur (1964 bis 1985). Trotz seiner Entgleisungen dürfte Bolsonaro die erste Runde der Präsidentenwahl am heutigen Sonntag klar für sich entscheiden.

epa06354297 Brazilian right-wing congressman, Jair Bolsonaro, possible candidate of the far right for the Brazilian Presidency in 2018, participates in an event in Sao Paulo, Brazil, 27 November 2017. Reports state that Bolsonaro defended the police who kill alleged criminals in operations against crime and said they deserve a decoration.  EPA/Sebastiao Moreira

Jair Bolsonaro hält ganz Lateinamerika in Atem. Bild: EPA/EFE

«Er ist der Kandidat, der unser Land revolutionieren wird», sagt Michel Bem bei einer Kundgebung in Nova Iguaçu vor den Toren von Rio de Janeiro. Der 43-jährige Polizist will bei der Wahl für Bolsonaro stimmen. «Das Volk erträgt den Mangel und die Demagogie nicht mehr.» Auf Transparenten ist zu lesen: «Brasilien über alles. Gott über alles.»

Das Land steckt in einer schweren Krise. Vor einigen Jahren galt die grösste Volkswirtschaft Lateinamerikas noch als aufstrebende Regionalmacht, heute ist Brasilien ein Sorgenkind. Durch die jüngsten Korruptionsskandale ist fast die gesamte politische Klasse des Landes diskreditiert. Nach einer schweren Rezession erholt sich die Wirtschaft nur langsam. Und die Spirale der Gewalt dreht sich immer weiter.

Tief gespaltenes Land

Mit 31 Prozent liegt Bolsonaro in den Umfragen zehn Prozentpunkte vor Fernando Haddad, der anstelle des inhaftierten Ex-Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva für die linke Arbeiterpartei ins Rennen zieht. In der zweiten Runde am 28. Oktober dürfte es dann zum Showdown zwischen dem ultrarechten Populisten und dem wenig charismatischen Ex-Bürgermeister von São Paulo kommen – mit ungewissem Ausgang.

Das Vertrauen der rund 146 Millionen Wähler in die Politiker ist schwer erschüttert. Seit Beginn des Korruptionsskandals Lava Jato kreist die gesamte politische Klasse fast ausschliesslich um sich selbst. Davon profitiert nun der Ex-Militär Bolsonaro, der sich als Anti-System-Kandidat präsentiert.

«Ich werde den Saustall Brasília ausmisten», verspricht der Hauptmann der Reserve. Dabei ist der 63-Jährige selbst ein Insider: Seit fast drei Jahrzehnten mischt er in der Politik mit, sass für neun verschiedene Parteien im Parlament. Allerdings wurde er bislang nie mit den grossen Korruptionsskandalen in Verbindung gebracht.

People protest against Jair Bolsonaro, the presidential front-runner, and far-right congressman, in Sao Paulo, Brazil, Saturday, Sept. 29, 2018. Bolsonaro has long been known for offensive comments about gays, women and black people, and he hasn't tempered his rhetoric during the campaign. He has also kept up his praise of Brazil's two-decade military dictatorship and promised to give police permission to shoot first and ask questions later.  (AP Photo/Andre Penner)

Tausende Demonstranten versammelten sich vergangenes Wochenende in São Paulo, um gegen Bolsonaro zu demonstrieren. Bild: AP/AP

Das Land ist tief gespalten. Fast religiös ist die Verehrung vieler armer Brasilianer für Ex-Präsident Lula und seine Arbeiterpartei, die sie mit milliardenschweren Sozialprogrammen aus der bittersten Armut geholt haben. In der Mittel- und Oberschicht hingegen herrscht tiefes Misstrauen gegen die Linken, die sich in den Boomjahren selbst die Taschen füllten.

epa07072772 A man holds a poster that reads 'Free Lula' (referring to former president Luiz Inacio Lula da Silva, disqualified for being imprisoned and sentenced in the second instance to 12 years in prison for corruption) during an event in defense of work and education, in Sao Paulo, Brazil, 05 October 2018. The candidates for Sunday's presidential elections in Brazil are holding their last campaigns in the midst of the polarization between the far-right Jair Bolsonaro and the socialist Fernando Haddad.  EPA/Fernando Bizerra Jr.

Die besten Wahlchancen hätte eigentlich Lula da Silva, doch der Ex-Präsident sitzt im Gefängnis und darf nicht antreten. Bild: EPA/EFE

Ruf nach harter Hand

Immer lauter wird der Ruf der brasilianischen Wutbürger nach einer Politik der harten Hand. 33 Jahre nach dem Ende der Diktatur liebäugeln nicht wenige mit einer stärkeren Rolle des Militärs im Kampf gegen Gewalt und Misswirtschaft. «Was in Brasilien gerade mit der extremen Rechten passiert, könnte einen Einfluss auf die ganze Region haben», warnt der Politikwissenschaftler Mauricio Santoro.

Bolsonaro spielt geschickt auf der Klaviatur der sozialen Medien, bringt sich mit gezielten Provokationen immer wieder neu ins Gespräch. «Das Problem der Diktatur war, dass sie nur gefoltert, aber nicht getötet hat», sagte er einmal.

Nachdem ihn ein geistig verwirrter Mann vor einigen Wochen bei einer Wahlkampfveranstaltung mit einem Messer verletzte, ist sein Mythos noch weiter gewachsen. «Bolsonaro ist die Rettung für unser Land, weil er nicht korrupt ist», sagt die 25-jährige Studentin Mayari Ferrari. «Diese Vorwürfe, er sei rassistisch und homophob, sind nur Lügen.»

In this Sept. 8, 2018 handout photo provided by the National Social Liberal Party press office, presidential candidate Jair Bolsonaro poses for a photo while sitting in his hospital room at the Albert Einstein Hospital, in Sao Paulo, Brazil. The far-right congressman was stabbed on Thursday during a campaign rally. Bolsonaro, 63, suffered intestinal damage and serious internal bleeding, according to Dr. Luiz Henrique Borsato, one of the surgeons who operated on the candidate. (Flavio Bolsonaro/National Social Liberal Party via AP)

Jair Bolsonaro überlebte einen Messerangriff während des Wahlkampfes – und wusste diesen Vorfall auf Social Media gezielt einzusetzen.  Bild: AP/National Social Liberal Party

Im Kampf gegen die ausufernde Kriminalität – pro Jahr werden in Brasilien über 60'000 Menschen getötet – will er den Waffenbesitz erleichtern. Zudem hat er angekündigt, die Spitzen der Ministerien mit Generälen zu besetzen. «Ich unterstütze Bolsonaro wegen seiner Vorschläge und Ideen», sagt Evanir Moura. «Ich will, dass die Verbrecher ihre Strafen verbüssen, ohne Nachlässe und Begnadigungen.»

«Bala, Boi e Bíblia» (Kugel, Vieh, Bibel) – so wird die Ideologie von Bolsonaro in Brasilien beschrieben. Vor wenigen Tagen stellte sich die einflussreiche Agrarlobby des südamerikanischen Landes offiziell hinter ihn. Die Parlamentsgruppe FPA zählt 261 Abgeordnete und Senatoren. Sie ist ein wichtiger Machtfaktor in Brasilien.

Zusätzlichen Aufschwung erhält Bolsonaro durch die evangelikalen Bewegungen in Brasilien, die seine konservative Agenda unterstützen. Im grössten katholischen Land der Welt bekennen sich bereits 27 Prozent der Menschen zu den Evangelikalen, die sich mit ihren Kampagnen gegen gleichgeschlechtliche Ehe und Abtreibungen in ganz Lateinamerika immer stärker in die Politik einmischen.

Der hemdsärmelige Bolsonaro ist ganz auf ihrer Linie. «Wenn ich sehe, wie sich zwei Männer auf der Strasse küssen, werde ich sie schlagen», sagte der Präsidentschaftskandidat einmal. (sda/dpa)

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22Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • cassio77 07.10.2018 20:46
    Highlight Highlight Für mich gibt's eigentlich nur eine, das ist Marina oder einen, und das wäre ich selbst. Da ich für alle andern keine Option bin, wünschte ich mir, dass Marina endlich Präsidentin würde.
    1 3 Melden
  • MilfLover 07.10.2018 20:03
    Highlight Highlight Brasilien wird sich nie verändern- zumindest unsere Generation wird dies sicher nicht erleben.
    Die Bildung ist extrem schlecht, die Menschen sind mit wenig schon zufrieden. Kaum Innovationen, Visionen oder Zielen. Oberflächlich, egoistisch und orientierungslos. So wird es bleiben, egal wer der nächste Präsident wird.
    2 3 Melden
  • evo_enthusiast 07.10.2018 16:44
    Highlight Highlight Als Brasilianer habe ich meine Stimme für Bolsonaro abgegeben, denn was die Journalisten hier berichten sowie die Übersetzungen sind katastrophal und zeigen einmal mehr, wie manipulativ die Medien sind. Man greift was auf ohne zu recherchieren... echt schade sowas!

    Sie sagen er habe was gegen Schwarze, Indios, Frauen und Schwule. Wenn sowas wirklich wahr wäre, würde er nicht so viele Anhänger haben. Momentan gewinnt er das Rennen mit 40%.

    Der zweite Kandidat “Haddad” ist ebenfalls im grösstem Korruptionsskandal “Lava Jato” verwickelt. Falls er gewählt wird, können wir nur noch zusehen!
    28 46 Melden
    • Juliet Bravo 07.10.2018 17:06
      Highlight Highlight Wie manipulativ die Medien sind, soso. Dass er etwas gegen die genannten hat, hat er ja selber gesagt. Das wird ihm nicht angedichtet.
      31 21 Melden
    • Tartaruga 07.10.2018 17:48
      Highlight Highlight Ich habe die Berichte ohne Übersetzungen gesehen und stelle kennen Unterschied fest.

      "... dann würde er nicht so viele Anhänger haben"
      Wenn man sich so seine Meinung bildet, als Mitläufer, na dann gute Nacht Brasilien.

      Bolsonaro wie auch Haddad sind keine gute Wahl, jedoch ist Haddad das kleinere Übel.
      34 13 Melden
    • Karl33 07.10.2018 19:56
      Highlight Highlight juliet, zumindest könnte es uns seltsam vorkommen, dass in unseren medien immer recht klar beschrieben und zugeordnet wird, wer von den ausländischen politikern gut sei, und wer schlecht. in den usa, brasilien, venezuela, osteuropa... und entsprechend einseitig dürften die berichte ausfallen.

      6 7 Melden
  • remostussy 07.10.2018 15:16
    Highlight Highlight Jedes Volk hat die Regierung, die es verdient...
    Generell, nicht nur auf Brasilien bezogen.
    4 30 Melden
  • rodolofo 07.10.2018 15:13
    Highlight Highlight Immerhin wird die US-Gesellschaft von der alleinigen Schuld entlastet.
    Offenbar finden in sehr vielen Gesellschaften auf der Welt von Norden nach Süden und von Osten nach Westen in ihren Grundzügen sehr ähnliche Prozesse statt!
    Möglichst ohne zu moralisieren sollten diese Prozesse untersucht werden, und zwar durch WissenschaftlerInnen, wie SoziologInnen, Ethnologinnen, PolitologInnen, etc.
    14 12 Melden
  • DerHans 07.10.2018 15:05
    Highlight Highlight Würden ihn alle fürchten, würde ihn niemand wählen, oder!? Höchstens die linke Arbeiterpartei PT und deren Anhänger fürchten ihn.
    16 30 Melden
    • Juliet Bravo 07.10.2018 17:08
      Highlight Highlight Die Schwulen fürchten ihn, die Schwarzen, Indigenen und andere Nichtweisse, Frauen fürchten ihn.
      29 19 Melden
    • Karl33 07.10.2018 19:58
      Highlight Highlight bravo, eine grosszahl der frauen hat trump gewählt. wird das hier ähnlich sein? auf jeden fall mutet es merkwürdig an, wenn du 'die frauen' so darstellst, als hätten alle dieselbe meinung, nur weil sie dasselbe geschlecht haben.
      4 1 Melden
  • sweeneytodd 07.10.2018 14:57
    Highlight Highlight Der kommt mir noch schlimmer vor als Trump und Duterte
    11 15 Melden
  • Juliet Bravo 07.10.2018 14:56
    Highlight Highlight Meine Hoffnung bleibt, dass sich beim zweiten Wahlgang genügend Brasilianer finden, die den zweitplatzierten Kandidaten unterstützen. Und wenn auch nur, um den Juntisten in spe zu verhindern.
    49 31 Melden
    • cassio77 07.10.2018 15:26
      Highlight Highlight Juliet, Bolsonaro ist für mich keine Wahl, aber dennoch muss ich sagen, dass es keine Option gibt. Ich gehe heute nicht zur Wahl, aber wäre ich gegangen, hätte ich nicht gewusst, wem ich meine Stimme geben sollte. Brasilien versinkt in der Drogenkriminalität, in der Korruption, im wirtschaftlichen Elend. Bolsonaro verspricht den Wandel, und den braucht's. Dass er nicht selber Teil des Systems werden wird, ist Illusion, dessen werden wir uns Brasilianer bald bewusst werden.
      13 13 Melden
    • Juliet Bravo 07.10.2018 17:02
      Highlight Highlight Wieso nicht Ciro Gomes? Der ist eine Alternative.
      12 15 Melden
    • Juliet Bravo 07.10.2018 18:46
      Highlight Highlight Kennt ihn jemand von den Blitzern?
      10 15 Melden
    Weitere Antworten anzeigen
  • Beggride 07.10.2018 14:35
    Highlight Highlight Wenn man etwas aus der Geschichte gelernt hat, ist es, dass die Menschheit nichts aus der Geschichte lernt... Jetzt nicht nur auf das Thema dieses Artikels bezogen
    55 50 Melden
  • Erarehumanumest 07.10.2018 14:18
    Highlight Highlight War gerade da. Krasse Szenen, die sich im Vorfeld der Wahlen abspielten. Autos hielten auf dreispurigen Schnellstrassen an, um für Bolsonaro zu skandieren, kann hier leider mein Video nicht einfügen.
    15 35 Melden

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