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Citizenfour

Szene aus «Citizenfour»: Edward Snowden, Glenn Greenwald und Ewen MacAskill in einem Hotelzimmer in Hongkong. Screenshot: Citizenfour

Snowden-Enthüller Ewen MacAskill: «Ich dachte: Das ist wohl ein Spinner, aber wenigstens kann ich mir Hongkong ansehen»

Der «Guardian»-Journalist sass mit Edward Snowden in einem Hongkonger Hotelzimmer und schrieb den Scoop seines Lebens, während er fürchtete, gleich von Geheimdiensten überfallen zu werden. Ein Gespräch über Edward Snowden, geschredderte Laptops und Paranoia.



Als der «Guardian»-Journalist Ewen MacAskill im Juni 2013 gebeten wird, einen Informanten in Hongkong zu überprüfen, ahnt er nicht, dass sein Leben bald nicht mehr dasselbe sein wird. In einem Hotelzimmer trifft er den Journalisten Glenn Greenwald, die Filmemacherin Laura Poitras und einen Mann namens Edward Snowden – Poitras erzählt die Geschichte im oscarprämierten Dokumentarfilm «Citizenfour» nach.

Das Schicksal von Edward Snowden sollte für Ewen MacAskill mehr werden als der Scoop seines Lebens, wie er im Gespräch mit watson am Rande des Festival du Film et Forum International sur les Droits Humains in Genf erzählt. MacAskill bestellt mit schottischem Akzent einen frisch gepressten Orangensaft – er habe heute schon genug Kaffee getrunken.

Herr MacAskill, erst einmal Gratulation zum Oscar!
Ewen MacAskill: (Lacht) Die Auszeichnung und das Lob gebührt Laura. «Citizenfour» ist ihr Film. Ich freue mich sehr für sie.

Wie ist es, Teil eines Films zu sein, der so hohe Wellen wirft?
Ich dachte damals in Hongkong, Laura würde nur ein paar Aufnahmen machen, als Back-up für sich selbst. Oder sie einem kleinen Kreis von Privatsphäre-Aktivisten zeigen.

«Ich hatte mit einem frustrierten 60-jährigen Mann gerechnet, der bei der Beförderung übergangen worden war.»

Sie wussten nicht, was daraus werden würde?
Nein, das hat Laura für sich behalten. Erst letztes Jahr, als sie mich zur Premiere eingeladen hat, habe ich begriffen, dass Laura an einem professionellen Dokumentarfilm gearbeitet hatte. Da merkte ich, dass sie Chancen auf einen Oscar hatte.

Wann haben Sie gemerkt, dass Sie mit den Snowden-Enthüllungen eine richtig grosse Story in den Händen hatten?
Es gibt Leute, die sagen, ich begreife es noch heute nicht. Ich bekam vom «Guardian» den Auftrag, nach Hongkong zu reisen und einen Informanten von Glenn Greenwald zu überprüfen. Angeblich ein Spion mit geheimen Informationen. Ich dachte: Das ist wohl ein Spinner, aber wenigstens kann ich mir Hongkong ansehen.

Ewen MacAskill attends a news conference after receiving the George Polk Awards in New York, April 11, 2014. Glenn Greenwald and Laura Poitras, the U.S. journalists who reported on spy agency analyst Edward Snowden's leaks exposing mass government surveillance, returned to the United States on Friday for the first time since revealing the programs in 2013. Greenwald and Poitras flew into New York's John F. Kennedy International Airport on the same flight to receive a George Polk journalism award for their reports on how the U.S. government has secretly gathered information on millions of Americans, among other revelations. Greenwald and Poitras are receiving their award jointly with the Washington Post's Barton Gellman, who also received documents from Snowden, and the Guardian's Ewen MacAskill, both of whom have been in the United States while reporting on the leaks.    REUTERS/Eduardo Munoz (UNITED STATES - Tags: POLITICS MILITARY SCIENCE TECHNOLOGY MEDIA HEADSHOT)

Bild: EDUARDO MUNOZ/REUTERS

Über Ewen MacAskill

Ewen MacAskill ist der Spezialist für Verteidigungs-, Armee- und Geheimdienstfragen bei der britischen Tageszeitung «The Guardian». Zuvor war er Leiter des Korrespondentenbüros in Washington, D.C. MacAskill arbeitet seit 1996 beim «Guardian». Mit der ersten Publikation der von Whistleblower Edward Snowden bekannt gemachten Überwachungsprogramme der National Security Agency (NSA) initiierte MacAskill die weltweite Debatte um Macht und Kontrolle der Geheimdienste. 

Da war kein Spinner.
Ich war überrascht, einen 29-Jährigen anzutreffen, der wie ein 20-Jähriger aussieht. Ich hatte mit einem 60-jährigen Mann gerechnet, der die Schnauze voll hatte. Einer, der bei der Beförderung übergangen worden war und jemandem eins auswischen wollte. 

Was war Ihr erster Eindruck von Snowden?
Sobald ich Ed traf, wusste ich, dass er die Wahrheit erzählt. Aber auch dann habe ich nicht damit gerechnet, dass wir zwei Jahre später hier in Genf sitzen und immer noch darüber reden würden. Ich war mir nicht einmal sicher, ob es für die Frontseite des «Guardian» reichen würde.

Es hat für weit mehr gereicht.
Als andere grosse Medien wie die «New York Times» und «Washington Post» auf die erste Story aufsprangen und Twitter heiss lief, merkten wir: Wir haben in ein Wespennest gestochen. Als ich zurück nach New York reiste, dachte ich: So, noch ein paar Wochen, dann ist die Sache erledigt.

Und hier sitzen Sie und geben Interviews.
Wissen Sie, solange Edward Snowden in Russland ist, ist die Geschichte für mich nicht abgeschlossen. Er ist nicht glücklich dort. Wir müssen ihn nach Westeuropa bringen.

Ist das eine persönliche Mission geworden?
Ja, für mich genauso wie für Laura und Glenn. Ich bereue nichts, was in Hongkong passiert ist – ausser, dass wir keine richtigen Vorkehrungen für Edwards Zukunft getroffen haben. Es ging alles so schnell. Ich fühle mich schuldig, als ob wir ihn im Stich gelassen hätten.

«Wissen Sie, solange Edward Snowden in Russland ist, ist die Geschichte für mich nicht abgeschlossen.»

Snowden hat angedeutet, gerne in die Schweiz zurückkehren zu wollen.
Ja, das wäre wunderbar. Er hat in 21 Ländern Asyl beantragt und ist überall abgeblitzt. Es ist eine Schande. Ich schäme mich, Europäer zu sein. Ich denke, hier wäre er gut aufgehoben. 

Warum?
Ich glaube, die Schweiz würde sich nicht so leicht dem Druck der USA beugen. Angela Merkel zum Beispiel würde nie ihre Beziehung mit den USA aufs Spiel setzen, egal wie verärgert sie darüber ist, dass die NSA sie ausgespitzelt hat. Grossbritannien würde ihn ausliefern, bevor er einen Fuss auf den Boden gesetzt hätte.

Haben Sie eigentlich in den Dokumenten von Snowden etwas Interessantes über die Schweiz gesehen?
Tut mir leid, das weiss ich nicht mehr. Snowden gab uns 60'000 Dokumente. Einige dieser Dokumente hatten mehr als 1000 Seiten. Das ist viel Material. Der «Guardian» hat entschieden, nur Informationen über Aktivitäten zu veröffentlichen, die möglicherweise im Konflikt mit der Verfassung stehen.

Aber es gibt noch Stoff für Storys?
Ja, wir haben erst kürzlich über die Überwachung von Journalisten berichtet. Wir veröffentlichen immer noch Leaks, nur nicht so oft. Wir haben Bedenken, dass die Öffentlichkeit bei zu vielen Berichten das Interesse verlieren könnte.

Was haben diese Einblicke bei Ihnen bewirkt?
Für mich hatte ein gutes Passwort 4–6 Zeichen – für Edward Snowden sind es 46 (lacht). Nun benutze ich auch lange Passwörter, surfe anonym mit dem Tor-Browser, verschlüssele meine E-Mails und nehme mein Smartphone nicht an heikle Gespräche mit. Snowden hat mir vor Augen geführt, wie real die Überwachung ist.

Für viele ist das zu aufwändig.
Das dachte ich anfangs auch. Aber sobald man ein wenig mit diesen Tools vertraut ist, sind sie kinderleicht zu bedienen. Ich merke, dass das Bewusstsein für Privatsphäre langsam erwacht. Wir haben auf der «Guardian»-Redaktion «airgapped» Laptops, die nie mit dem Internet in Berührung kommen. Und Schredder für heikle Dokumente.

«Für mich hat ein gutes Passwort 4–6 Zeichen – für Edward Snowden sind es 46»

Ihre Regierung zerstört ja auch gerne Dokumente auf Ihrer Redaktion.
Sie sprechen davon, dass der britische Geheimdienst Journalisten zwang, Festplatten mit Snowden-Dokumenten zu zerstören. Ich kann es heute noch kaum glauben.

Denken Sie, das wäre wieder möglich?
Wenn Sie mich 2013 gefragt hätten, ob das in Grossbritannien möglich wäre, hätte ich Nein gesagt. Aber es ist passiert. In England hat die Regierung kürzlich die Telefondaten eines Journalisten durchleuchtet, um eine Quelle zu finden – ohne es ihm zu sagen. Gespräche zwischen Anwälten und Gefangenen, Ärzten und Patienten, Priestern und Gefangenen: Das alles gilt bei uns nicht mehr als vertraulich und wird abgehört.

Haben Sie noch Hoffnung für das Recht auf Privatsphäre?
Vor zwei Jahren war ich nicht allzu optimistisch. Ich dachte, nichts würde sich ändern. Aber jetzt haben wir eine öffentliche Debatte, und die Regierungen geraten unter Druck – nicht zuletzt durch Grosskonzerne wie Google oder Apple. Als die Kunden erfahren haben, dass ihre Daten einfach so weitergegeben wurden, haben sie ihr Vertrauen verloren. Das führte zu Milliardenverlusten.

Was tun Google und Co. dagegen?
Sie bauen Verschlüsselung standardmässig in ihre Dienste ein. Das wird Auswirkungen haben. In den letzten sechs Monaten gab es keine Rede eines Geheimdienstvertreters, in der er nicht betonte, wie wichtig es sei, dass Internetkonzerne die Daten herausrücken.

Die Geheimdienste sind nervös.
So ist es. Ich freue mich auch auf den Snowden-Film von Oliver Stone, der an Weihnachten erscheint. Er wird vielen Leuten die Augen öffnen. Viele sehen sich «Citizenfour» nicht an, weil es ein Dokumentarfilm ist. Einen Thriller werden sie sich aber nicht entgehen lassen.

Sie sagten, Snowdens Wohlergehen sei Ihre persönliche Mission. Wie sähe denn ein Happy End aus?
Edward Snowden in einem der Cafés am Genfersee zu treffen, zusammen mit Glenn und Laura. Das wäre ein schönes Wiedersehen.

Whistleblower

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