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Claas Relotius – Starreporter des Spiegels als Fälscher entlarvt

Star-Reporter des «Spiegel» als Fälscher entlarvt

19.12.2018, 13:4819.12.2018, 20:08
epa05695926 An undated handout photo made available by 'Der Spiegel' shows a general view on the publishing building of the German news magazine 'Der Spiegel' at the Ericusspitze in the port city of H ...
Das «Spiegel»-Hochhaus in Hamburg.Bild: EPA/SPIEGEL VERLAG

Das deutsche Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» hat einen Betrugsfall im eigenen Haus aufgedeckt. Ein Redaktor habe in «grossem Umfang seine eigenen Geschichten gefälscht und Protagonisten erfunden», heisst es in einem auf Spiegel Online am Mittwoch veröffentlichten Bericht.

Aufgedeckt worden sei der Fall nach internen Hinweisen und eigenen Recherchen. Der Redaktor hat die Vorwürfe laut «Spiegel» eingeräumt. Er habe sein Büro am Sonntag ausgeräumt und seinen Vertrag am Montag gekündigt.

Claas Relotius (Bild: Zvg)
Claas Relotius bei der Verleihung des Liberty Awards im Jahr 2017.

«Publizistische Krise»

Der Journalist schrieb erst als freier Mitarbeiter für den «Spiegel», seit anderthalb Jahren war er als Redaktor fest angestellt. Von ihm sind dem «Spiegel» zufolge seit 2011 knapp 60 Texte im Heft und bei Spiegel Online erschienen. Wie viele davon gefälscht waren, ist unbekannt. Sicher dazu gehören:

  • «Jaegers Grenze», über eine zivile Bürgerwehr an der Grenze zwischen USA und Mexiko
  • «Die letzte Zeugin», über eine angebliche Todestrakt-Zeugin
  • «Löwenjungen», über zwei irakische Jungen, die vom «IS» manipuliert wurden
  • «Nummer 440» über einen vermeintlichen Gefangenen in Guantanamo

«Spiegel Online» ist Content-Partner von watson, die Reportagen von Relotius sind auf watson.ch nicht erschienen.

«Das ist die vielleicht schwerste publizistische Krise beim ‹Spiegel›», erklärte die neue Chefredaktion um Steffen Klusmann am Mittwoch in Hamburg. «Es sind alle erschüttert. Das trifft ins Mark», sagte Geschäftsführer Thomas Hass.

Die «Spiegel»-Leitung will eine Kommission aus internen und externen Experten einsetzen, um den Fälschungen nachzugehen. «In die öffentliche Fake-News-Debatte werden wir jetzt eingeordnet werden. Dem müssen wir uns stellen», sagte der stellvertretende Chefredaktor Dirk Kurbjuweit. Im Foyer des «Spiegel»-Hauses ist das Motto des «Spiegel»-Gründers Rudolf Augstein für alle Journalisten-Generationen verewigt: «Sagen, was ist.

Geschichten erfunden

Erste Verdachtsmomente hatte es laut «Spiegel» nach einem im November 2018 veröffentlichten Text gegeben. Der Journalist habe in mehreren Fällen eingeräumt, Geschichten erfunden oder Fakten verzerrt zu haben. Seinen eigenen Angaben zufolge sind mindestens 14 Geschichten betroffen und zumindest in Teilen gefälscht.

Ein Reporterkollege, der eine Geschichte zusammen mit dem Redaktor recherchiert habe, sei misstrauisch geworden und habe Bedenken geäussert, schreibt der «Spiegel». Ihm sei es gelungen, Material gegen den Kollegen zu sammeln.

Nach anfänglichem Leugnen, so Spiegel Online weiter, habe der Journalist eingeräumt, dass er viele Passagen nicht nur in dem einen Text, sondern auch in anderen erfunden habe. Auch sei er Protagonisten, die er in seinen Storys zitiert habe, nicht begegnet.

Auszeichnung aberkannt

Vor seiner Zeit beim «Spiegel» hatte der Journalist für mehrere andere Medien gearbeitet und auch einige Auszeichnungen erhalten.

Der Deutsche Reporterpreis teilte mit: «Wir sind entsetzt und wütend über die geradezu kriminelle Energie», mit der der ehemalige «Spiegel»-Redaktor die Organisatoren des Preises sowie die Juroren, die ihm diese Auszeichnung verliehen hätten, getäuscht habe. Die Jury berate nun über eine Aberkennung.

Die Ulrich-Wickert-Stiftung entzog dem Ex-«Spiegel»-Autoren am Mittwoch den Peter-Scholl-Latour-Preis.« Ich bin tief erschüttert über diesen Betrug», teilte der frühere «Tagesthemen»-Moderator Ulrich Wickert mit. «Glaubwürdigkeit ist das wichtigste Gut eines Journalisten.»

Die Ergebnisse der internen «Spiegel»-Kommission, mit denen erst in einigen Monaten gerechnet wird, sollen öffentlich dokumentiert werden, «um die Vorgänge aufzuklären und um Wiederholungsfälle zu vermeiden», wie es auf Spiegel Online heisst.

«Wir werden prüfen, inwiefern hier das Verifikationssystem nicht funktioniert hat», sagte Klusmann. Beim «Spiegel» werden die Texte von der Ressortleitung und vor allem der Dokumentation auf Fakten gegengecheckt. Der neue Chefredaktor warnte davor, alle «Spiegel»-Mitarbeiter unter einen Generalverdacht zu stellen: «Wir müssen Urvertrauen in die Integrität unserer Mitarbeiter haben. Das ist in diesem Fall verletzt worden.» 

Die ersten Reaktionen:

(jaw/cma/sda/dpa)

So überzeugend kann manipuliertes Video aussehen

Video: srf
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56 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Devante
19.12.2018 14:09registriert Mai 2014
immerhin die eier gehabt, SELBST darüber zu berichten.....nicht schlecht spiegel
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Sebastian Wendelspiess
19.12.2018 14:22registriert Juni 2017
Stark auch vom Spiegel. Dass sie dem nachgegangen sind und es veröffentlich haben. So konnten wenigsten ein klein wenig ihres Images wahren.
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felixJongleur
19.12.2018 14:03registriert Dezember 2014
Krass krass krass...
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