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Biebers Popo ist okay, Madonnas Nippel nicht: Kampf gegen die Scheinheiligkeit bei Facebook und Instagram 

Justin Bieber darf seinen Hintern und Oberkörper posten, aber Madonna muss ihre Brustwarzen zensieren. Das Thema Nacktheit bei Facebook und Instagram polarisiert – und längst regt sich kreativer Widerstand.

Markus Böhm



Ein Artikel von

Spiegel Online

Justin Bieber hat neulich ein Nacktfoto auf Instagram gepostet – und es war nicht das erste Mal, dass er der Welt seinen Hintern präsentierte.

Im Januar hatte sich Bieber auch schon oberkörperfrei und mit einer Hand im Schritt inszeniert, das Motiv sammelte 2,4 Millionen «Gefällt mir»-Klicks.

Viele Nutzer haben es allerdings schwerer als Bieber, solche Fotos zu veröffentlichten. «Aus verschiedenen Gründen» sei die Darstellung von Nacktheit auf Instagram nicht zulässig, heisst es in den Community-Richtlinien der Facebook-Tochterfirma. «Das gilt auch für Fotos, Videos und einige digital erstellten Inhalte, auf denen Geschlechtsverkehr, Genitalien und Nahaufnahmen nackter Gesässe zu sehen sind. Dazu zählen auch einige Fotos, auf denen Brustwarzen von Frauen zu sehen sind.»

Bieber darf also seinen nackten Oberkörper zeigen, seinen weiblichen Fans ist das laut den Instagram-Regeln aber explizit verboten – wegen den Brustwarzen. Gleichzeitig ist auch sein Von-Hinten-Nacktbild am Rande des Erlaubten – «Nahaufnahmen nackter Gesässe» sind ja untersagt.

Po ja, Brüste nein?

Regeln wie die zitierten verwirren Nutzer von Instagram und Facebook seit langem – zumal sich bei Instagram zum Beispiel problemlos gezeichnete Nacktbilder finden lassen, etwa sehr explizite in Manga-Optik. Sängerin Madonna fragte im April 2015, warum es okay sei, «seinen Arsch zu zeigen, aber keine Brüste». Dazu veröffentlichte sie den Kommentar: «Ich ertrinke in der Scheinheiligkeit von Social Media

Ein von Madonna (@madonna) gepostetes Foto am

Das trifft es ganz gut: Facebook und Instagram finden Nacktheit irgendwie problematisch, so richtig kann man ihre Haltung aber nicht nachvollziehen – dafür gibt es zu viele Ausnahmen, Sonderregeln und völlig absurde Bilderlöschungen.

Auch auf der re:publica, Deutschlands wichtigster Netzkonferenz sind die Selbstzensur-Regeln der Netzwerke dieses Jahr wieder ein Aufreger. Die Künstlerin Addie Wagenknecht und die Freiheitrechts-Aktivistin Jillian York wollen das Thema Dienstagnachmittag noch einmal aufrollen, in einem Vortrag mit dem Titel «Nudes und Noodz». «Wir sind einer Phase des Internets, in der die Zensurmodelle von Firmen dafür sorgen, dass ganze Strömungen der Kunst nicht stattfinden», klagt Wagenknecht.

Jillian York sagt, sie verstehe, dass es für Plattformanbieter schwierig sei, Grenzen des Erlaubtes zu ziehen. «Trotzdem ist nichts gerecht daran, es Männer zu erlauben, oberkörperfrei zu posieren, Frauen aber nicht. Diese Regel führt nur dazu, dass Frauenkörper weiter sexualisiert werden, und sie kann Frauen das Gefühl geben, das irgendwas an natürlichen Brüsten falsch oder beschämend ist.»

Geht es nach York, könnten Netzwerke Bilder mit Genitalien weiter verbieten: «Aber im Moment sind nicht nur sexuelle Inhalte verboten: Es ist der nackte, menschliche Körper.»

Brustwarzen gehen – männliche

Tatsächlich wirken die Regeln der Netzwerke wenig logisch – was sich daran zeigt, wie leicht man sie austricksen kann. Im Juli zum Beispiel machte auf Facebook die von einer Professorin übernommene Idee die Runde, weibliche Brustwarzen künftig einfach mit männlichen zu überkleben – solche Bilder nämlich würden auf Facebook online bleiben. Und auch das Satire-Magazin «Extra 3» hatte schon eine Idee, die Absurdität der Regeln bildlich auf den Punkt zu bringen:

Für Irritationen sorgt bei den Netzwerknutzern oft auch nicht nur, was gelöscht wird, sondern auch was online stehen bleibt. In einem Bericht der Plattform «Onlinecensorship» (PDF, Seite 14) erfährt man beispielsweise, dass Facebook ein Wikimedia-Bild gelöscht hat, das die Körperteile von Männern und Frauen benennt – und das ungefähr so harmlos daherkommt wie früher die Nacktmodels in der «Bravo».

Gleichzeitig findet man auf Instagram populäre Kanäle wie den von Dan Brandon Bilzerian, die mit jeder Menge nackter Haut aufwarten und trotzdem offenbar nur gelegentlich anecken, weil sie sich bemühen, Brustwarzen zu verdecken. Ob Frauen als Sexobjekt dargestellt werden oder nicht, scheint Instagram übrigens egal zu sein.

Dan Bilzerian 

Wagenknecht und York wünschen sich, dass die Plattformen mehr Nacktheit zulassen als bislang, Pornoplattformen haben aber auch sie nicht im Sinn. «Wir kämpfen nicht für Perverslinge», sagt Wagenknecht. «Wir kämpfen um die Rechte von Menschen, die Teil unseres Lebens sind, aber zensiert werden: Mütter, die ihr Kind stillen, Mitglieder der LGBT-Community, Frauen, die sich mit dem Thema Menstruation beschäftigen.»

«Firmen ändern die Normen»

Wagenknecht glaubt, dass die Selbstzensur-Regeln dem Image der Firmen schaden: «Unternehmen wie Facebook sagen, sie treten für die Redefreiheit ein», kritisiert sie – und gleichzeitig würden sie sogar Bilder von Müttern oder klassischen Kunstwerken aus dem Netz nehmen. «Die Firmen ändern die Normen darüber, was die Gesellschaft okay findet.»

Die Frage, warum Facebook so vorgeht wie es vorgeht, können die beiden nicht vollumfänglich beantworten – sie haben aber Vermutungen. Neben dem Faktor, dass Facebook ein US-Unternehmen ist – in den USA ist Sex ein grösserer Aufreger als etwa Gewaltdarstellungen –, könnte die Regelformulierung auch den Betrieb des Netzwerks erleichtern. Wenn man gar nicht erst zwischen Nacktheit und Pornografie unterscheide, helfe das den Inhalte-Moderatoren, sagt Jillian York, «weil sie diese Unterscheidung nicht mehr vornehmen müssen».

Die Frage, was Nutzer gegen die drastischen Regeln tun können, beantworten York und Wagenknecht fast gleich: sich nicht unterkriegen lassen, nicht einknicken. «Werdet laut», rät Wagenknecht Nutzern, die sich daran stören. «Wir sind das Produkt der Netzwerke. Wenn sie uns verlieren, verlieren sie auch ihre Macht.» York ist optimistisch und sagt: «Ich glaube, dass die Firmen schlussendlich zuhören werden müssen.»

Schlecht stehen die Chancen dafür tatsächlich nicht, denn auch viele Prominente ärgern sich über die Selbstzensur-Praktiken – die bei Facebook und Instagram übrigens strikter sind als zum Beispiel bei Twitter, wo «einige Arten grafischer Inhalte» erlaubt sind, sofern diese als «sensible Medien», also praktisch als Erwachseneninhalte, gekennzeichnet sind.

Diverse Stars wie Chelsea Handler oder Kim Kardashian machen sich mittlerweile einen Spass daraus, vor allem auf Instagram hin und wieder Bilder zu veröffentlichen, die sie oberkörperfrei oder nackt mit Zensurbalken zeigen.

Sie wissen, dass diese Bilder gegen die Plattformregeln verstossen oder in den Grenzbereich des Erlaubten zählen. Sie wissen aber auch, dass mit jeder Löschung eines solchen Bilds neue Aufmerksamkeit auf das Thema Selbstzensur fällt, allein durch die Medienberichte über die Löschung und durch Postings mit Screenshots der Bilder. Letztlich löscht sich Facebook also nur immer tiefer in den Ärger hinein.

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Social Media

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3Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Menel 02.05.2016 21:51
    Highlight Highlight 😂😂😂...er hat vergessen die Beine auch zu pumpen...😂🙈
    Benutzer Bild
  • Mnemonic 02.05.2016 20:11
    Highlight Highlight Die Prüderie der Amis was weibliche Geschlechtsorgane angeht ist mittlerweile schlicht absurd und nicht mehr ernstzunehmen!
    • scheppersepp 02.05.2016 22:33
      Highlight Highlight War das nicht schon immer so mit den Amis?

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