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Trumps Healthcare-Debakel: Protokoll eines (für ihn) katastrophalen Tages

Hektik, Drohungen und viele Pizzen: Nachdem das Kongress-Votum über den Ersatz von Obamacare überraschend platzt, stellt ein genervter Donald Trump den Republikanern ein Ultimatum. Protokoll eines wilden Tages.

24.03.17, 10:07

Veit Medick und Marc Pitzke, Washington und New York



epa05866772  US President Donald J. Trump gets in the driver's seat of an 18-wheeler while meeting with truck drivers and trucking CEOs on the South Portico prior to their meeting to discuss health care at the White House in Washington, DC, USA, 23 March 2017.  The House of Representatives has yet to vote on the Republican-crafted American Health Care Act, that would replace the Affordable Care Act, as it remained unclear whether Republicans had enough votes to overcome opposition from Democrats and those within their own party.  EPA/JIM LO SCALZO

Geht nicht vorwärts: Trumps Gesundheitsreform. Bild: JIM LO SCALZO/EPA/KEYSTONE

Ein Artikel von

Es sollte ein Tag des Triumphs werden. Der Tag, an dem Donald Trumps erstes, wichtigstes Projekt durch den Kongress geht: Die Abschaffung von Obamacare, der Gesundheitsreform seines Vorgängers. Höchstpersönlich hatte er sich dafür eingesetzt.

Doch dann geht alles spektakulär schief. Die Republikaner können sich nicht einigen, die abendliche Abstimmung platzt. Der US-Präsident, der sich gerne als Dealmaker inszeniert, hat seiner Partei nun ein letztes Ultimatum gestellt: Entweder sie segnet das Gesetz nach kurzer Nachtruhe an diesem Freitagnachmittag doch noch ab - oder er lässt das Vorhaben ganz fallen. Eine Drohung, die die widerspenstigen Republikaner auf Linie bringen soll. Aber kann das klappen? Nach diesen Entwicklungen und den Turbulenzen, in denen Trumps Regierung steckt?

Protokoll eines wilden Tages in Washington.

Weisses Haus, 10.00 Uhr

Trump hat seinen Amtssitz zum Verhandlungszentrum umfunktioniert. Er merkt: Regieren ist schwieriger als Wahlkampf. Er will den Obamacare-Ersatz unbedingt durch den Kongress jagen und hofft, die Kritiker persönlich zu überzeugen. Trump geht dabei volles Risiko: Je mehr er sich einbringt, desto mehr wäre ein Scheitern mit seinem Namen verbunden. Und scheitert er bei einem Vorhaben, das die Republikaner seit Jahren versprechen, macht er sich zum Gespött.

A U.S. Capitol Police officer clears a path for House Freedom Caucus Chairman U.S. Representative Mark Meadows (R-NC) to speak to reporters after meeting with his caucus members about their votes on a potential repeal of Obamacare on Capitol Hill in Washington, U.S., March 23, 2017. REUTERS/Jonathan Ernst

Mark Medows im Kapitol. Bild: JONATHAN ERNST/REUTERS

Trump setzt sich mit 30 Mitgliedern des «Freedom Caucus» zusammen, den rechten Republikanern. Für die Kameras gibt es Standing Ovations. Aber drinnen ist die Stimmung frostig. «Leute, wir haben nur einen Schuss», sagt er. Die Abgeordneten wollen nur dann zustimmen, wenn das Gesetz die Krankenversicherung entscheidend billiger macht. Dazu wollen sie Basisleistungen zur Disposition stellen: Schwangerschaftschecks, Notfälle, Therapien. Ein radikaler Plan. Trump ahnt, dass ein solcher Schritt die Moderaten verschrecken würde. «Kein Deal», verkündet Mark Meadows, der Chef des «Freedom Caucus», anschliessend.

Repräsentantenhaus, 10.00 Uhr

Trumps Problem: Obamacare ist nicht das einzige Reizthema der Abgeordneten. Die Russland-Affäre belastet die Stimmung und die Arbeit seiner Regierung. Devin Nunes, der Vorsitzende des Geheimdienstausschusses, der die Ermittlungen zu Trumps mutmasslichen Moskau-Connections führt, will herausgefunden haben, dass Trumps Helfer nach der Wahl zufällig abgehört wurden. Als Beifang von anderen Ermittlungen.

Mit diesen Informationen war er direkt ins Weisse Haus gerannt - zu Trump. Bestätigungen für seine These gibt es keine. Aber Nunes Alleingang wirft enorme Fragen auf: Er informierte jemanden, gegen dessen Umkreis sein Ausschuss eigentlich ermitteln soll. Die Unabhängigkeit des gesamten Ausschusses ist damit diskreditiert.

Während Trump im Weissen Haus verhandelt, steht Nunes bedröppelt im Repräsentantenhaus. «Manchmal trifft man richtige Entscheidungen, manchmal nicht», sagt er zerknirscht. Seine halbe Entschuldigung wirkt nicht. Es werden Rufe nach Nunes' Ablösung als Ausschusschef laut. Er stecke mit Trump unter einer Decke, unterstellt der Demokrat Adam Schiff, der zuvor ebenfalls neue Enthüllungen angedeutet hatte: Es gebe jetzt «mehr als Indizien» über Absprachen zwischen Trumps Team und Russland.

Büro von Sprecher Paul Ryan, 12.00 Uhr

Ein paar Flure weiter Hektik wegen der Gesundheitsreform. Ein Meeting jagt das andere. Die «Tuesday Group», der moderate Flügel, verbunkert sich zu Beratungen. Sieben Kartons Pizza werden geliefert, dazu Chips und Softdrinks. Paul Ryan hat sich in seinem Büro verschanzt und versucht zu retten, was zu retten ist. Für ihn ist der Tag besonders wichtig. Er hat das Gesetz erarbeiten lassen. Scheitert es, scheitert möglicherweise auch er.

Je näher die Abstimmung rückt, desto klarer wird: Im Grunde mag das Gesetz niemand. Die Rechten sprechen von «Obamacare light». Die Moderaten fürchten, dass zu viele Wähler ihren Versicherungsschutz verlieren. Die Haushälter wollen mehr einsparen. Im Senat, der das Vorhaben danach auch noch absegnen müsste, gibt es fast überhaupt keinen Rückhalt. Am Mittag machen neue Umfragen die Runde. 56 Prozent der Amerikaner lehnen die Gesundheitspläne ab, nur 17 Prozent befürworten sie.

House Speaker Paul Ryan of Wis., departs after speaking to the media after a Republican caucus meeting on Capitol Hill, Thursday, March 23, 2017, in Washington. (AP Photo/Alex Brandon)

Paul Ryan Bild: Alex Brandon/AP/KEYSTONE

Ryan empfängt die Kritiker. 22 Nein-Stimmen kann sich die Partei leisten, jede weitere bedeutet das Aus. Doch Ryans Treffen mit den Skeptikern verläuft ergebnislos. Das wird spätestens klar, als er eine Pressekonferenz verschiebt. «Das wird nichts», sagt einer aus dem Republikaner-Team. «Das sind Rookies», stichelt die Top-Demokratin Nancy Pelosi.

Weisses Haus, 13.30 Uhr

Aufgeben? Geht natürlich nicht. Trumps Sprecher tritt auf, Sean Spicer. Sein Motto: Die Obamacare-Abschaffung läuft prima. «Das ist ein sehr, sehr starker Gesetzentwurf», sagt er. Ein Reporter fragt nach Trumps Verantwortung. Der US-Präsident habe mal ein Buch geschrieben: «Die Kunst des Deals.» Würde er im Falle einer Pleite sein persönliches Scheitern eingestehen? «Lasst uns heute Abend erstmal wählen», sagt Spicer.

epa05864147 White House Press Secretary Sean Spicer speaks to the media in the briefing room of the White House in Washington, DC, USA, 22 March 2017. Spicer said the White House is confident the health care bill will pass a crucial vote in the House tomorrow, even though the whip count shows the bill may be in trouble.  EPA/JIM LO SCALZO

Sean Spicer Bild: JIM LO SCALZO/EPA/KEYSTONE

Draussen empfängt Trump ein paar Lkw-Fahrer und die Chefs grosser Lastwagenfirmen. Sie haben zwei lange Trucks vor den Eingang des Weissen Hauses gefahren, und der Präsident setzt sich ans Steuer. Dann geht die Gruppe mit dem Präsidenten nach drinnen. «Ich kann nicht zu lange mit euch sprechen heute», sagt Trump. «Ich muss noch ein paar Stimmen besorgen.»

Kongressflure, 15.00 Uhr

Die Nervosität wächst. «Freedom Caucus»-Chef Meadows tritt aus seinem Büro. Der Präsident bringe sich «fantastisch» ein, lobt er. «Das ist ohne Beispiel.» Aber seine Kernbotschaft ist klar: Die Partei ist weit weg von einer Einigung. 30 bis 40 Abgeordnete, so schätzt er, seien gegen den Entwurf.

Ryans Rechnung geht nicht auf. «Für jede Stimme, die wir auf dem rechten Flügel holen, verlieren wir zwei auf dem linken Flügel», sagt Chris Collins, ein Abgeordneter aus New York. «Und für jede Stimme auf dem linken Flügel verlieren wir zwei auf dem rechten.» Und warum eigentlich in grosser Hektik ein Gesetz abnicken, das vom Senat sicher ohnehin radikal verändert würde?

Auf CNN interviewt Jake Tapper den enttäuschten Trump-Wähler Kraig Moss. Sein Sohn ist an Drogen gestorben, Moss fürchtet, dass Trumps Gesundheitsgesetz den Kampf gegen Drogenmissbrauch erschwert. Moss fängt an zu weinen: «Mein Sohn war ein guter Mann.» Tapper schluckt. Die Szene zeigt: Das Thema Gesundheit ist überaus sensibel, auch in Trumps Anhängerschaft.

Erste Nachrichten sickern durch, die Führung der Republikaner wolle die Abstimmung verschieben. «Warum sollen wir das jetzt schnell durchboxen?», fragt der Abgeordnete Thomas Massie aus Kentucky. «Nur weil heute der siebte Jahrestag von Obamacare ist? Das ist doch verrückt!»

Kapitolsbüros, 18.45 Uhr

Neue Hiobsbotschaft vom Congressional Budget Office, den Haushaltsprüfern des Kongresses: Auch die revidierte Gesetzesvorlage würde 24 Millionen Amerikaner unversichert lassen - doch das Defizit bis 2026 «nur» noch um 150 Milliarden Dollar senken und nicht mehr um 337 Milliarden Dollar.

Rayburn Building, Kapitol, 19.00 Uhr

Wie geht es weiter? Die Republikaner haben eine Fraktionssitzung angesetzt. Vor dem Saal im Keller des Kapitols ist es rappelvoll. Stephen Bannon und Kellyanne Conway - Trumps wichtigste Berater - sind gekommen. Auch sein Haushaltsdirektor Mick Mulvaney ist da. Rechte und linke Republikaner erhoffen sich eine Aussprache und eine Verständigung darauf, dass das Gesetz über Nacht entweder fundamental umgeschrieben wird oder man einen Neuanlauf unternimmt.

Aber Trumps Emissäre bringen zu aller Überraschung eine knappe Botschaft mit: Keine neuen Verhandlungen. Der Präsident sei durch damit, er will eine Abstimmung am Freitag. Kalkül des Ultimatums: Weil alle wissen, wie sehr ihm eine Pleite schaden würde, stimmen am Ende doch genug Abgeordnete mit Ja. Es ist ein waghalsiges Manöver. Ob es aufgeht, ist völlig unklar. Wenn es klappt, ist das ein gutes Zeichen für seine Autorität. Geht es schief, kann ihm das seine gesamte Agenda vermiesen.

Bis in die späte Nacht verhandeln die Kritiker mit der Republikaner-Führung. Jetzt heisst es: Alles oder nichts.

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    Alle Leser-Kommentare
  • Mr. Raclette 24.03.2017 17:36
    Highlight Das kann gar nicht funktionieren und ist menschlich nicht zumutbar: Das Wort "care" und "Trump" zusammen zu führen! :-)
    2 0 Melden
  • TheCloud 24.03.2017 13:38
    Highlight Smart von Trump. Nur 16% der Amerikaner wollen Obamacare abschaffen. Wenn der neue Plan abgelehnt wird, steigt seine Popularität schlagartig, da er seiner Bevölkerung healthcare weiter ermöglicht hat.
    3 1 Melden
  • Sophia 24.03.2017 12:18
    Highlight Spicer? Bedauernswert, muss er doch die Krümmsten und dümmsten Dinge seines Chefs irgendwie formulieren, so dass noch ein bisschen was Vernünftiges haften bleibt.
    Es steht mit Obamacare wieder die ewige Frage im Zentrum: Hier der grosse einsame Macher, der niemanden zu brauchen scheint, dort die Gemeinschaft der Menschen. Der Macher glaubt, die anderen nicht zu brauchen, was aber wäre er ohne die anderen? Nichts! Menschen sind soziale Wesen und müssen sich deswegen auch sozial verhalten, ob gern oder nicht, ist irrelevant. Der Staat selbst ist eine soziale Einrichtung! Obamacare ist wichtig!
    6 2 Melden
    • Gummibär 24.03.2017 18:40
      Highlight Herr Spicer ist nicht bedauernswert, sondern ein Mensch ganz ohne persönliche Integrität, der sich auf ganz erstaunliche Weise für sein Salär prostituiert .
      1 0 Melden
    • Sophia 25.03.2017 20:12
      Highlight Guter Gummibär, dann ist er (Spicer) ja noch bedauernswerter, als ich dachte.
      1 0 Melden
  • pamayer 24.03.2017 10:57
    Highlight hochmut kommt vor dem fall...
    4 2 Melden
  • giandalf the grey 24.03.2017 10:40
    Highlight Ein Drama in drei Akten:
    1. Akt: Donnerstag, 23. März. Der komplett überforderte Präsident muss Stimmen generieren aber auch LKW Fahrer treffen, seine parteiinternen Unterstützer diskutieren bis tief in die Nacht, er findet sich nach Mitternacht schlaflos mit Whiskey und Twitter vor FoxNews wieder.
    2. Akt: Freitag, 24. März. Der Präsident hat zu hoch gepokert, verliert die Abstimmung und bricht damit sein wichtigstes Wahlversprechen. Der Wahnsninn ergreift ihn.
    3. Akt: Samstag, 25. März. Der Präsident wird während einer irrsinnigen Pressekonferenz von einem enttäuschten Wähler erschossen.
    6 8 Melden
    • Gummibär 24.03.2017 18:44
      Highlight Nein. Bei uns werden pathologische Lügner und Narzissisten NICHT mit Gewalt behandelt. Man nimmt sie beim Ellenbogen, spricht beruhigend auf sie ein und führt sie in ein Nebenzimmer wo sie vor einem Spiegel mit einem Haartrockner spielen dürfen.
      2 0 Melden
    • Sophia 24.03.2017 20:19
      Highlight Lieber Fascho, haste nicht gemerkt, dass dass der giandalf Satyre im besten Sinne von sich gab? So was"Tolles", haste nicht kapiert? Ich mag die Klugscheisser und die Bierernsten so wenig, wie den Muschigrapscher, dafür aber Satyrisches um so mehr.
      Ja, und der Gian schreibt ja, ein enttäuschter Wähler habe geschossen, nicht er selbst.
      1 1 Melden

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