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Terror mit Fahrzeugen: Warum die neue Art der «IS»-Anschläge ein Zeichen der Schwäche ist

Nizza, Berlin, jetzt London: Das Attentat von Westminster reiht sich ein in die Kette von Terrorangriffen mit Fahrzeugen. Solche Anschläge mit einfachen Mitteln sind auch ein Zeichen der militärischen Schwächung des «IS».

23.03.17, 15:43 24.03.17, 07:34

Jörg Diehl und Christoph Sydow

Vier Menschen sterben bei Anschlag vor dem britischen Parlament

Ein Artikel von

Ein Mann, ein Auto, ein Messer: Mehr brauchte es nicht, um am Mittwochnachmittag drei Menschen zu töten und das Parlamentsviertel in London in Angst und Schrecken zu versetzen. Die britische Polizei hat den erschossenen Attentäter identifiziert, hält seinen Namen aber aus ermittlungstaktischen Gründen zurück.

«Womöglich ist der ‹IS› derzeit nicht in der Lage, Kommandoaktionen wie in Brüssel und Paris erfolgreich umzusetzen.»

Der Täter sei in Grossbritannien geboren und vor einigen Jahren wegen «gewalttätigen Extremismus» ins Visier des britischen Inlandsgeheimdienstes MI5 geraten, sagte Premierministerin Theresa May im Unterhaus. Zum Zeitpunkt des Attentats habe es jedoch keine aktuellen Verdachtsmomente gegen den Mann gegeben. Die Terrororganisation «Islamischer Staat» («IS») beansprucht den Anschlag für sich, liefert in ihrer knappen Mitteilung aber auch keinerlei Informationen über den Attentäter.

Die Vorgehensweise und das Fahrzeug als Tatwaffe passen zu Anschlägen im vergangenen Jahr, die der «IS» für sich reklamiert hat – etwa das Attentat von Nizza am 14. Juli 2016 mit 86 Toten oder der Anschlag vom Breitscheidplatz in Berlin am 19. Dezember 2016 mit zwölf Toten.

Der damalige Chefsprecher des «IS», Mohammed al-Adnani, hatte Sympathisanten in Europa schon im September 2014 zu Anschlägen mit leicht zu beschaffenen Waffen aufgerufen. «Zerschmettert seinen Kopf mit einem Stein, schlachtet ihn mit einem Messer, überfahrt ihn mit einem Auto, werft ihn von einem hohen Platz nach unten, erstickt oder vergiftet ihn», forderte Adnani. Ausdrücklich nannte er Polizisten und Soldaten als bevorzugte Angriffsziele.

«Low Profile»-Anschläge als Zeichen der Schwäche des «IS»

In einer Audiobotschaft vom März 2015 erwähnte Adnani auch ausdrücklich Big Ben, also den Glockenturm des britischen Parlaments, als Terrorziel – allerdings war damals von einer Explosion die Rede. Zu Füssen des Turms stach der Terrorist von London am Mittwoch den Polizisten Keith Palmer nieder und verletzte ihn tödlich.

Die deutschen Sicherheitsbehörden halten sich mit Stellungnahmen bislang zurück. Man wisse noch zu wenig über die Ereignisse, heisst es. Gleichwohl gibt es Stimmen, die eine Häufung sogenannter «Low Profile»-Anschläge – also von Attacken mit einfachsten Mitteln – auf die militärische Schwächung des «IS» zurückführen. «Womöglich ist der ‹IS› derzeit nicht in der Lage, Kommandoaktionen wie in Brüssel und Paris erfolgreich umzusetzen», sagt ein hochrangiger Beamter. Vor allem was Ausrüstung und Kommunikation angehe, sei die Terrormiliz im Westen momentan nicht mehr so handlungsfähig wie zuvor, hiess es.

So kam etwa die mutmassliche «IS»-Terrorzelle von Düsseldorf, deren Mitglieder als Flüchtlinge eingereist waren und nach Erkenntnissen der Ermittler komplexe Anschlagsszenarien beabsichtigten, letztlich nicht über die Planungsphase hinaus. Ähnlich verhielt es sich mit den mutmasslichen «IS»-Schläfern in Schleswig-Holstein, denen die Sonderkommission «Galaxy» des Bundeskriminalamts auf die Schliche kam.

Anschlagsort mit hoher Symbolkraft

In einer aktuellen Analyse der deutschen Sicherheitsbehörden zu islamistischen Terroranschlägen heisst es daher, in den vergangenen Jahren hätten zumeist Einzeltäter oder Kleinstgruppen zugeschlagen. Dabei habe «die Nutzung von einfach zu beschaffenden, zu lagernden und einzusetzenden Tatmitteln» erheblich an Bedeutung gewonnen. «Dies gilt insbesondere für Täter innerhalb der Europäischen Union, die nicht auf die logistischen Ressourcen terroristischer Gruppierungen zurückgreifen können.»

In dieses Muster passt auch der bis gestern letzte tödliche islamistische Anschlag in Grossbritannien: Im Mai 2013 überfuhren zwei islamistische Terroristen den Soldaten Lee Rigby vorsätzlich und töteten ihn anschliessend mit Beil und Messer. Der Angriff ereignete sich in einem Viertel am südwestlichen Stadtrand von London.

Hingegen scheint der Täter vom Mittwoch ähnlich wie Anis Amri im Dezember in Berlin einen Ort von hoher Symbolkraft gesucht zu haben: Die Herzen europäischer Metropolen sind pulsierende Zentren der in den Augen der Terroristen verhassten westlichen Lebensweise, Städte von erheblicher historischer und politischer Bedeutung. Das deutet auf ein höheres Mass an Planung und Vorbereitung hin.

Häufig nämlich schlagen Einzeltäter oder Kleinstgruppen in ihrem persönlichen Nahbereich zu, wie die Attacken des vergangenen Jahres in Essen, Hannover, Nizza, Würzburg und Ansbach gezeigt haben. Hingegen führen die Spuren im Londoner Terrorfall ins rund 200 Kilometer entfernte Birmingham. Dort wurde offenbar das Tatfahrzeug angemietet, dort nahm die Polizei in der Nacht mehrere Personen vorläufig fest.

Der letzte koordinierte «IS»-Anschlag liegt ein Jahr zurück

Für die Sicherheitsbehörden sind solche Anschläge einzelner Täter, begangen mit Alltagsgegenständen, kaum zu verhindern. Es fehlten bei ihnen jegliche «erfolgversprechenden Ermittlungs- und Präventionsansätze», heisst es in einer Analyse der Behörden: Die Täter reisten nicht, weil sie im Zielland lebten. Sie nutzten Waffen, die leicht und unauffällig zu beschaffen seien. Sie handelten kurzfristig oder spontan. Und vielleicht beziehen sie vor ihrer Tat noch nicht einmal jemanden in die Planung ein, sondern legen erst kurz vor dem Anschlag einen Treueeid auf den «IS» ab, den die Terrormiliz nach dem Attentat dann im Internet verbreitet.

Der bislang letzte koordinierte «IS»-Anschlag mit dem Einsatz von Sprengstoff und mehreren Selbstmordattentätern in Europa geschah am 22. März 2016 in Brüssel. Auf den Tag genau ein Jahr vor dem Terrorangriff von London.

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    Alle Leser-Kommentare
  • rodolofo 24.03.2017 08:25
    Highlight Bei all diesen spektakulär-schrecklichen Taten von Psychopathen, welche Fahrzeuge als Waffen verwenden, um damit möglichst viele zufällig anwesende Zivilisten und sich selbst umzubringen, möchte ich die Aufmerksamkeit trotzig auf die wunderbare Tatsache lenken, dass auf den Strassen und Plätzen unserer Welt täglich Billionen, oder Trillionen, oder gar "Megalonen" von Fahrzeugen einander so kreuzen, dass NIEMAND auch nur den geringsten Schaden davon trägt!
    Gepriesen sei Allah, der uns Menschen mit allen Sinnen ausgestattet hat und der auch nichts dagegen hat, wenn wir diese Sinne benutzen!
    7 4 Melden
  • ArcticFox 23.03.2017 21:41
    Highlight Endlich autos vebieten. sofort!
    urheber dieser anschlӓge sind die GRÜNEN. ist doch klar...
    ironie off
    trotzdem: autos verbieten!
    11 35 Melden
    • rodolofo 24.03.2017 08:37
      Highlight In meiner Öko-Fundi-Phase als Mitglied des "Komitees für eine Autofreie Schweiz" hätte ich Dir sicher applaudiert und beigepflichtet.
      Aber Dein Vorschlag reiht sich ein in die verständlichen, aber letztendlich kontraproduktiven Versuche von besorgten Eltern, ihre Kinder vor allem beschützen zu wollen, was ihnen weh tun könnte.
      Am Schluss werden sie sogar mit dem Auto in die Schule gefahren, aus lauter Angst, dass ihnen unterwegs etwas zustossen könnte...
      Du siehst, dass es auch besorgte Gründe für noch mehr Autofahrten gäbe...
      5 0 Melden
  • Thomas Binder 23.03.2017 20:22
    Highlight Aber die beste und sicherste Tarnung ist immer noch die blanke und nackte Wahrheit. Komischerweise. Die glaubt niemand.
    (Max Frisch)

    ISIS - Wieder ein Fall für Max Frisch
    https://www.vimentis.ch/d/dialog/readarticle/isis---wieder-ein-fall-fuer-max-frisch/
    10 3 Melden
  • Roterriese 23.03.2017 16:45
    Highlight Der Islam gehört zu Europa.
    24 96 Melden
    • der Mann 23.03.2017 18:23
      Highlight Was haben die Anschläge mit der Religion Islam zu tun?
      Ein paar Verrückte, welche den Namen nutzen um etwas Macht zu bekommen und ihre Taten zu rechtfertigen(was so nicht mal stimmt, wenn man den Koran richtig liest).
      Daher: JA ,der Islam gehört zu Europa, aber NEIN der IS und ähnliche Gruppen gehören nicht zu Europa.
      37 56 Melden
    • Roaming212 23.03.2017 18:53
      Highlight Religion sollte im 21. Jahrhundert nirgendwo mehr hingehören...
      64 13 Melden
    • Roterriese 23.03.2017 18:57
      Highlight @der Mann, achja?
      11 12 Melden
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  • Posersalami 23.03.2017 16:35
    Highlight Finde es nicht gut, das Watson hier einen auf Ponyhof macht. Es spielt doch einfach keine Rolle, ob jemand mit einem Auto ein duzend Menschen überfährt oder ob er sie mit einem Gewehr tötet. Tot ist tot!

    Anstatt dieser Beruhigungspille hätte man viel besser darüber berichtet, dass die USA in Raqqa mehrere Duzend Menschen ermordet haben: http://www.zeit.de/politik/ausland/2017-03/syrien-islamischer-staat-bombenangriff-schule-beobachtungsstelle
    Naja, passt wohl nicht ins Narrativ. Gut waren es nicht die Russen, sonst wäre es mindestens Genozid gewesen!
    47 57 Melden

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