Dieser Franzose musste für den Nazi-Feind an die Front
80 Jahre langen musste er schweigen, die schlimmsten Erinnerungen für sich behalten. Auch als der Krieg 1945 vorbei war. Als hätte François Dochter etwas Schändliches getan; als hätte er sein Vaterland verraten und mit dem Feind kollaboriert – den Nazis.
«Falsch», sagt François Dochter, und er betont das Wort. Der 102-Jährige sitzt im Rollstuhl am Fenster eines Pariser Hotelzimmers und erklärt, wie es wirklich war. Er ist sich nicht gewohnt, er muss nach Worten suchen, aber kommt mehr und mehr in Fahrt: Jetzt, 80 Jahre später, kann er endlich erzählen, klarstellen, sich sozusagen freireden. Der heutige Urgrossvater einer weitverzweigten Familie spricht ohne Ranküne, ohne Anspruch; und immer wieder rollen die Tränen, wenn ihm mit den Worten ein tief verschollenes Ereignis frisch in den Sinn kommt.
Es begann damit, sagt er, dass Hitler 1942 beschlossen habe, dass die französischen, von ihm annektierten Gebiete Elsass und Moselle Soldaten für die Wehrmacht stellen müssten. Auch Dochter, der seinen 18 Jahren bereits Textilarbeiter war, erhielt ein Aufgebot für den Reichsarbeitsdienst. Widerstand war zwecklos und wurde mit Sippenhaft bestraft: Geschwister und Eltern eines Deserteurs wurden von der Gestapo verhaftet und deportiert. In Ballersdorf westlich von Basel erschossen die Nazis 18 flüchtige Männer, die sich dennoch in die Schweiz absetzen wollten.
François Dochter wollte seine Familie nicht gefährden und rückte in Sélestat ein. Obwohl das streng verboten war, sangen die jungen Elsässer auf dem Weg die französische Nationalhymne, die Marseillaise. Im Reichsarbeitsdienst mussten sie aber zum deutschen Stechschritt exerzieren, zuerst mit einem Spaten anstelle des Gewehrs. Monate später ging es nach Osten an die Kriegsfront, vermutlich Polen. François war in der 25. Panzerdivision und trug deren schwarze Uniform, weshalb er oft mit den Waffen-SS verwechselt wurde.
Da habe man gut daran getan, den Russen nicht in die Hände zu fallen, meint der Elsässer. Aber er stellt klar: «Ich habe nie jemanden getötet, ich zielte immer in die Luft.» Dieser Krieg war nicht sein Krieg, und die Russen waren nicht seine Feinde, sondern Alliierte Frankreichs im Kampf gegen den Nationalsozialismus.
Dochter schoss auch nicht, als er gegen Kriegsende hin in seinem Erdloch ausharrte und plötzlich zwei Russen sah. Er schaute sich um, wo die deutschen Soldaten waren, aber die waren allesamt getürmt. «Mich, den Elsässer, hatten sie vergessen», sagt Dochter. «Oder dagelassen.» Er schaute, wohin die Russen gingen, und ging einfach in die Gegenrichtung los. Nach zwei Tagen stiess er auf einen US-Soldaten, der ihm sagte, der Krieg sei aus. Über Brüssel und Lille kehrte der Elsässer heil in seine Heimat zurück.
Seine spannende, unübliche Geschichte – sie interessierte aber niemanden. Kein behördliches Wort der Anerkennung, keine Medaille; nicht einmal die Familie wollte mehr wissen. «Niemand wollte auch nur darüber reden», erinnert sich der 102-Jährige. Und warum das? «Viele Leute dachten, wir Zwangsrekrutierten seien in Wahrheit Freiwillige gewesen, Nazi-Kollaborateure.»
Kollabo: das ist in Frankreich ein Schimpfwort, schändliches Gegenstück zum glorreichen Prestige der Résistance-Kämpfer. Aber es trifft auf die 145 000 Zwangsrekrutierten aus Elsass-Moselle nicht zu. «Es gab wenige Freiwillige, aber es waren kaum 2000», schätzt der Amateurhistoriker Louis Spieser. «Und selbst unter ihnen waren nicht alle Nazis.»
Denn, wie der pensionierte Lehrer sagt: «Das Elsass hat eine komplizierte Geschichte.» Von 1870 bis 1918 war die linksrheinische Region deutsch, und die in dieser Zeit geborene Generation lernte in der Schule Deutsch und kämpfte im Ersten Weltkrieg auf der deutschen Seite. «Das ist ähnlich wie heute im Dombass, wo die Ukrainer unter dem Zwang der Besatzer Russisch sprechen müssen und russische Pässe erhalten», vergleicht Spieser.
Bei seinen Nachforschungen hat er festgestellt, dass fast jede Elsässer-Familie im Zweiten Weltkrieg einen Malgré-Nous gestellt hatte. So werden die Zwangsrekrutierten in Frankreich genannt; «malgré nous» bedeutet «gegen unseren Willen».
Den falschen Ruf von Kollabos erhielten sie unter anderem, weil einige Elsässer bei dem berühmten Nazi-Massaker im zentralfranzösischen Dorf Oradour-sur-Glane mitgemacht hatten. Spieser entgegnet verärgert: «Darunter war ein einziger Freiwilliger aus dem Elsass! Schauen Sie dagegen, wie viele andere Franzosen in Nazi-Truppen kollaborierten: 7300 in der Division Charlemagne, die Teil der Waffen-SS war, und 6500 in der französischen Freiwilligenlegion!»
Langsam reift in Frankreich die Einsicht, dass die Malgré-Nous keine Mittäter der Nazis waren, sondern ihre Opfer. Von den 145 000 Zwangseinberufenen, darunter 15 000 Frauen, sind 40 000 umgekommen – eine Tragödie für das kleine Gebiet Elsass-Moselle. Viele starben in Tambow, dem berüchtigten sowjetischen Kriegsgefangenenlager für Elsässer. Die letzten kehrten 1955 zurück.
Und auch sie wurden mit Schweigen empfangen. Eine Veteranenrente erhielten sie nie; Frankreich zahlt nur eine ohnehin fällige Invalidenhilfe, Deutschland überwies 1981 einen Einmalbetrag von gut 5000 Euro. Die französischen Historiker interessierten sich kaum für die Malgré-Nous. Es brauchte viele Lokalforscher, Fernsehreportagen und Erlebnisberichte, bis die Nation ihr Bild von den Malgré-Nous revidierte. Mitte November enthüllte Präsident Emmanuel Macron im Pariser Invalidendom endlich eine Gedenktafel zugunsten der Malgré-Nous, von denen heute nur noch 50 am Leben sein dürften. Unweit von Napoleons Sarkophag steht nun in Marmor gemeisselt: Die Zwangsrekrutierten aus Elsass-Moselle haben Anspruch auf das nationale Gedenken. Sie sind keine Landesverräter, sondern geehrte Weltkriegsveteranen.
Tränen der Erinnerung
Ein historischer Moment für das Elsass. Dochter posiert zusammen mit drei anderen Malgré-Nous stolz unter der Tafel. Macron legt ihm landesväterlich die Hand auf die Schulter. Ein einsamer Trommelwirbel erschallt, gefolgt vom Totenruf aus dem Signalhorn und der obligaten Schweigeminute für die Gefallenen.
Aber wohlgemerkt, es ist kein Verschweigen mehr, es ist ein stilles Gedenken an die Zehntausenden von Malgré-Nous, die nun in die heroische Geschichte der Nation eingehen. Nach der kurzen, rituellen Zeremonie ohne Ansprache fragen die Pariser Journalisten die Überlebenden aus. Dochter erzählt, wie er als Elässer hundert Jahre lang gelebt war und gelitten hat, wie es war, unter Drohungen in der falschen Armee zu dienen – und wie er später alles für sich behalten musste, in der Textilfabrik, wo er arbeitete, aber auch in der Familie. «Für die Deutschen waren wir Franzosen, doch für die Franzosen waren wir Verräter», bricht es aus ihm heraus, und eine Träne rollt über seine rechte Wange.
Neben ihm stehen seine Tochter, seine Enkeltochter, sein Urenkel. Vier Elsässer-Generationen. Der Junior, der 23-Jährige Téophil, hatte das Eis vor knapp zehn Jahren gebrochen, als er seinen Urgrossvater einmal spontan fragte, wie es ihm im Krieg ergangen sei. «Da merkte ich, dass ich der erste war, der das Thema ansprach, das solange in der Brust meines Urgrossvaters eingeschlossen war», erinnert sich Téophil.
Die Lokalpolitikerin Brigitte Klinkert will die Gunst der Stunde ausnützen: Sie regte in einem Aufruf in der Zeitung Le Monde an, dass die Malgré-Nous auch Eingang in die französischen Schulbücher finden. Dort steht von ihnen bis heute kein Wort zu lesen. Höchste Zeit, dies 80 Jahre später zu ändern. (aargauerzeitung.ch)
