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«Streicht die Schulden! Internationaler Währungsfonds, geh nach Hause!», sagen diese Tags. Bild: watson/rafaela roth

Reise ins Herz des Bankrotts – Berichte aus einem Land, das aus den Fugen geraten ist

Die griechische Gesellschaft ist gespalten wie noch nie. In der EU bleiben wollen fast alle, doch welches ist der richtige Weg? Ein Streifzug durch ein Athen, das aus den Fugen geraten ist und das nur eine Frage beschäftigt: Sollen sie am Sonntag Ja oder Nein stimmen?



Ich trete Jorges aus Versehen von hinten auf die Ferse. Er rutscht aus dem Schuh, kommt aus dem Schritt und fängt ihn wieder. «Ich hab' ihn noch, den Schuh!», ruft der hochgeschossene Elektronikverkäufer. «Aber wenn die da draussen alle Ja stimmen, dann hab' ich ihn bald nicht mehr, meinen Schuh, und auch meine Hose, mein T-Shirt und alle meine Kleider nicht mehr. Dann habe ich bald gar nichts mehr», sagt er und wirft die Hände in die Luft. 36 Jahre alt ist Jorges – «und verheiratet!». 600 Euro verdient er als Verkäufer «und 300 Euro kostet meine Miete! Jeden Monat bitte ich meine Eltern um Geld.» 

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Jorges an seinem Arbeitsplatz in Athen. Bild: watson/rafaela roth

«Die da draussen» stehen am Dienstagabend zu Tausenden auf dem Syntagma-Platz vor dem Parlamentsgebäude und pfeifen die Regierung von Premier Alexis Tsipras aus: «Geht nach Hause», rufen sie im Chor und «Wir bleiben in Europa

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«Geht nach Hause», rufen die Tsipras-Gegner in Richtung Parlament.  watson/rafaela roth

Erst am Montag hatten die Tsipras-Unterstützer zu Tausenden auf demselben Platz demonstriert. Sie werden wie Jorges am Sonntag Nein stimmen. «Es sind die, denen es besser geht, die den neuen Sparplänen der EU zustimmen wollen», sagt Jorges. «Sie haben keine Probleme – noch nicht und sind voller Panik. Sie glauben, die Regierung habe schon Drachmen gedruckt.»

Es gibt in diesen Tagen nur ein Thema auf der kurzen Taxifahrt, beim Kaffee auf der Strasse oder beim Handschlag in der Fussgängerzone: das Referendum. «JA» oder «NEIN», «NAI» oder «OXI» und vielleicht eben sogar «Euro» oder «Drachmen». Und genau in dieser Frage ist die griechische Gesellschaft gespalten wie noch nie.

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«NEIN!» propagiert dieser Flyer. Bild: watson/rafaela roth

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«Ja!», fordern diese Demonstranten. Bild: watson/rafaela roth

Einige wissen auch gar nicht genau, worum es bei der Abstimmung geht. «Was heisst denn Ja und was heisst Nein?», fragt mich eine Frau am Bankomaten. Sie weiss nur eines: «Meinem Land ging es einmal gut. Mein Land hat viele Schätze. Olivenöl, Erdöl, Gold und Silber. Nur wo ist das Geld?»

Seit 1974 sind die Griechen nie mehr für eine solche Abstimmung an die Urnen getreten. Damals entschieden sie sich nach dem Sturz der Militärdiktatur gegen eine Monarchie. Heute fühlen sich viele Griechen, als hätten sie wieder einen König, einen bösen König, der «EU» heisst, oder «IWF» oder sogar «Schäuble», wie der deutsche Finanzminister. 

«Schäuble? Der hat dieselben Probleme im Kopf wie in den Beinen», ruft eine 40-jährige Griechin, die gerade das tägliche Maximum von 60 Euro aus dem Automaten der griechischen Nationalbank gefischt hat. Die Limite von 60 Euro ist aber nicht das Problem. «Das Problem sind dann noch eher Sie, die Journalisten, die schreiben, dass wir Griechen faul seien», sagt sie. «Das stimmt nicht. Wir sind Sklaven geworden. Jetzt sind wir leer, wir sind ausgepresst. Wir brauchen einen Neuanfang.» Vielleicht sogar mit Drachmen.

Nicht nur die Journalisten sind in den Augen vieler Griechen schuld an der Misere, an der hohen Arbeitslosigkeit und den tiefen Löhnen. Einige vermuten, dass die Euroländer Griechenland zahlungsunfähig machen wollen: «Aufgrund der geopolitischen Lage» oder «Will Deutschland jetzt etwa sogar ökonomisch das verwirklichen, was das Land zuvor mit Kriegen erreichen wollte?» Manch ein Grieche macht darüber die Faust im Sack. Denn gearbeitet hätten sie – im privaten Sektor zumindest. In der Verwaltung – da zögern die meisten. 

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60 Euro pro Tag – für viele Griechen ihr kleinstes Problem. bild: watson/rafaela roth

Doch ist die alte Währung der Weg? Nicht alle können sich das vorstellen. Ein 35-jähriger Café-Besitzer, der seinen Namen lieber nicht nennen will, ist noch nicht sicher, was er abstimmen wird: «Wie soll ich meinen Kaffee kaufen? Die anderen haben Euro und ich komme mit Drachmen?» Doch auch in seiner Kasse geht die Rechnung seit längerem nicht mehr ganz auf: «Ein Kaffee kostet 1.20 Euro. 23 Prozent, 27 Cent, ist die Mehrwertsteuer», rechnet er vor. «Dann brauche ich noch den Becher, den Kaffee, den Strohhalm und die Milch. Meine Angestellte muss ich auch bezahlen, den Strom und die Miete. Wie? Ich weiss es manchmal nicht genau.» 

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Cappuccino für 1.20 Euro. An der hohen Mehrwertsteuer leiden vor allem die Kleinunternehmer. bild: watson/rafaela roth

Dass nun auch noch das Bargeld knapp wird, darüber will sich der junge Unternehmer heute noch gar keine Sorgen machen. Auch für ihn ist das angesichts der Entwicklung Griechenlands in den letzten fünf Jahren wahrscheinlich das kleinste Problem. 

Die hohen Steuern sind es, die schwer auf den Schultern der Arbeitnehmer lasten. Die tiefen Renten drücken in den Schuhen der Pensionierten. Wie diese Programme noch enger geschnürt werden sollen, können sich viele nicht vorstellen. 

Zurück auf dem Syntagma-Platz will Jorges jetzt möglichst schnell in den Laden zurück. «Wir unterstützen die Referendums-Befürworter mit unserer Anwesenheit auf der Strasse», sagt er. Doch ein «Grexit» aus der EU ist auch für ihn kein Thema. Dies ist der einzige Punkt, in dem sich Referendums-Befürworter und Referendums-Gegner einig sind: Die Zukunft Griechenlands liegt in der EU. Vielleicht aber mit einer neuen Währung. 

Griechenland

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