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epa08534523 German Chancellor Angela Merkel speaks during a plenary session at the European Parliament in Brussels, Belgium, 08 July 2020. Germany is, since July 1, at the head of the rotating presidency of the EU.  EPA/YVES HERMAN / POOL

Ungewöhnlich leidenschaftlich statt rhetorisch trocken: Angela Merkel wirkt, als hätte sie nach fast 15 Jahren Kanzlerschaft nun wirklich Europa als Herzensangelegenheit entdeckt. Bild: keystone

«Zu Grossem fähig»: Merkel hält eine ungewöhnlich leidenschaftliche Rede



Am Ende wurde Angela Merkel persönlich. Als Musikliebhaberin, sagte die Kanzlerin am Mittwoch im Europaparlament, höre sie die 9. Symphonie von Ludwig van Beethoven – die Europahymne – immer wieder neu.

So sei es auch mit Europa: «Es lässt sich immer wieder neu entdecken und es beeindruckt mich immer noch», sagte Merkel. «Welche Botschaft könnte passender sein als diese, dass dieses Europa zu Grossem fähig ist, wenn wir einander beistehen und zusammenhalten.»

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Und hier ist sie, die Europahymne: die 9. Symphonie von Ludwig van Beethoven. Video: YouTube/AnAmericanComposer

«Leidenschaft», «Vision», «Hoffnung»: Für Merkel war es eine ungewöhnliche Rede, die sie vor den EU-Abgeordneten zu Beginn der deutschen EU-Ratspräsidentschaft hielt. Sie sprach über das inzwischen schon mehrfach präsentierte Programm für die nächsten sechs Monate – den Kampf gegen die dramatischen wirtschaftlichen Folgen der Pandemie, den Abschluss des Brexits, Klimaschutz, Digitalisierung. Aber eben bisweilen in ungewohnter Tonart.

Insgesamt wirkt die CDU-Politikerin dieser Tage, als hätte sie nach fast 15 Jahren Kanzlerschaft nun wirklich Europa als Herzensangelegenheit entdeckt. «Ich glaube an Europa», rief sie den Abgeordneten zu. «Ich bin überzeugt von Europa – nicht nur als Erbe der Vergangenheit, sondern als Hoffnung und Vision für die Zukunft.»

«Eine Pandemie darf nie Vorwand sein, um demokratische Prinzipien auszuhebeln.»

Angela Merkel

Eindringlich pochte sie auf den Erhalt der Grundrechte wie Redefreiheit, Gleichberechtigung und religiöse Vielfalt in der EU. «Die Grundrechte, das ist das erste, was mir in der Ratspräsidentschaft am Herzen liegt», sagte Merkel. Während der Corona-Pandemie seien sie eingeschränkt worden, aber: «Eine Pandemie darf nie Vorwand sein, um demokratische Prinzipien auszuhebeln.»

Ein Auszug aus Merkels Rede, auf Twitter gepostet von Regierungssprecher Steffen Seibert. twitter@regsprecher

Das ging wohl auch an die Adresse des ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orban, wie Merkel Mitglied der Europäischen Volkspartei.

Den Namen nannte Merkel hier aber ebensowenig wie bei der Spitze, die sich mutmasslich gegen US-Präsident Donald Trump gerichtet haben dürfte: «Mit Lüge und Desinformation lässt sich die Pandemie nicht bekämpfen, so wenig wie mit Hass und Hetze», sagte Merkel. «Dem faktenleugnenden Populismus werden seine Grenzen aufgezeigt.»

Die umstrittenen 750 Milliarden Euro

Ausdrücklich umwarb Merkel die direkt gewählten Abgeordneten als Vermittler der europäischen Sache – und auch ganz konkret für die erste und vielleicht schwierigste Aufgabe der deutschen Präsidentschaft: eine Einigung auf das geplante Konjunktur- und Investitionsprogramm zur wirtschaftlichen Erholung nach der Corona-Krise.

Sie hatte zusammen mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron ein Volumen von 500 Milliarden Euro vorgeschlagen, die als Zuschüsse an die EU-Staaten gehen sollen. EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen sattelte noch 250 Milliarden Euro als Kredite drauf, also zusammen 750 Milliarden. Alles finanziert über gemeinsame Schulden über Jahrzehnte. Ende nächster Woche soll ein EU-Gipfel darüber beraten.

Die Rede von Ratspräsident Charles Michel. twitter@eucopresident

Allerdings sind immer noch alle wichtigen Punkte umstritten, wie Ratspräsident Charles Michel im Parlament deutlich machte. Darunter sind der Umfang des Pakets, die Kriterien für die Verteilung der Konjunkturhilfen und die zentrale Streitfrage: Sollen als Schulden aufgenommene Gelder als Zuschuss an EU-Staaten vergeben werden? «Enorm viel Arbeit ist noch nötig», sagte Michel.

Die sparsamen Vier nicht an Bord

Von der Leyen betonte in ihrer Rede im Plenum noch einmal auffallend, dass die Empfänger der Hilfen dafür Bedingungen erfüllen müssten, nämlich Reformen angehen.

«Jeder Mitgliedstaat ohne Ausnahme muss seine Hausaufgaben machen», sagte von der Leyen. Der Hinweis sollte offenbar die sogenannten Sparsamen Vier – Österreich, die Niederlande, Schweden und Dänemark – beruhigen, die immer noch grosse Bedenken gegen das Milliardenprogramm haben.

Merkel mahnte erneut zur Eile. «Wir dürfen keine Zeit verlieren, darunter würden nur die Schwächsten leiden», sagte die Kanzlerin. Sie hoffe sehr, dass eine Einigung noch im Sommer gelinge.

epa08534392 President of the European Commission Ursula von der Leyen addresses a plenary session at the European Parliament in Brussels, Belgium, 08 July 2020. Germany is, since July 1, at the head of the rotating presidency of the EU.  EPA/STEPHANIE LECOCQ

Die Präsident der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, versucht, die sparsamen Vier zu beruhigen. Bild: keystone

Das war später auch die Botschaft nach einem Treffen Merkels mit von der Leyen, Michel und Parlamentspräsident David Sassoli: Das Konjunkturpaket habe höchste Priorität, hiess es in einer Erklärung am Abend. Wichtig sei ein Konsens der EU-Staaten bereits beim anstehenden Gipfel. Denn danach müsse noch mit dem Europaparlament verhandelt werden.

Dort tragen die grossen Fraktionen das Corona-Hilfsprogramm weitgehend mit, obwohl von Liberalen, Grünen und Linken im Plenum auch kritische Anmerkungen kamen.

Eine volle Breitseite gegen das Hilfsprogramm und gegen Merkel feuerte indes AfD-Chef Jörg Meuthen ab. «Ignoranz, Infamie, Ideologie», warf der Europaabgeordnete der Kanzlerin vor, zählte sie zu den «Totengräbern» der europäischen Idee, zu den Verfechtern eines «sozialistisch motivierten Staatspaternalismus».

Spätestens da fand Merkel zu alter Sachlichkeit zurück. Den «Absolutheitsanspruch bestimmter Meinungen» halte sie für falsch, konterte sie Meuthen trocken. «Da werden wir zu keinen Lösungen kommen.» (sda/dpa)

Die gesamte Rede der Bundeskanzlerin:

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Video: YouTube/tagesschau

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