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Gesellschaft & Politik

Rechte Gewalt in Zypern: Die Hintergründe der Eskalation

«Pogromartige Zustände»: Zypern hat ein grosses Problem – Leidtragende sind Migranten

04.09.2023, 17:3305.09.2023, 06:48
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Einige Teile der Stadt Limassol an der Südküste Zyperns sind am Wochenende in ein Schlachtfeld verwandelt worden. Hunderte vermummte Rechtsextreme jagten Schutzsuchende, schlugen deren Geschäfte ein, zündeten Container an und warfen mit Molotowcocktails um sich.

Die schweren Ausschreitungen der Rechtsextremisten begannen am Freitag und dauerten bis in die frühen Morgenstunden des Sonntags. Die Polizei sei nicht imstande gewesen, den Angriff früher zu beenden. Zypriotische Medien berichten von einem «schockierenden Versagen» der Polizei. Scharfe Kritik an den Verantwortlichen sowie der Staatsgewalt übt auch Staatspräsident Nikos Christodoulidis:

«Es kann nicht sein, dass der Staat Bürgerinnen und Fremde nicht schützen kann.»

Die Gewaltspirale dreht allerdings nicht erst seit diesem Wochenende. Die Hintergründe:

Die Vorfälle

Rund 350 vermummte Rechtsextreme – manche Medien berichten gar von 500 – griffen am vergangenen Wochenende zahlreiche Geschäfte und Menschen mit Migrationshintergrund an. Beobachter sprechen von pogromartigen Zuständen.

Ziel der Angriffe waren Geschäfte von Migranten.
Ziel der Angriffe waren Geschäfte von Migranten.bild: Cyprus Mail
Die zertrümmerte Frontscheibe des Friseursalons eines Migranten, 2. September 2023, Limassol, Zypern.
Die zertrümmerte Frontscheibe des Friseursalons eines Migranten, 2. September 2023, Limassol, Zypern.bild: imago

Mindestens fünf Menschen sind verletzt worden, davon drei Menschen aus Südostasien, die angegriffen und ausgeraubt worden, wie staatliche Medien berichten. Ausserdem sind Geschäfte von Migrantinnen mit Brandsätzen und Steinen zertrümmert worden.

Vermummte trugen Transparente mit Parolen wie: «Migranten, ihr seid nicht willkommen.»

Eine Fackel liegt auf dem Boden des Friseursalons. Demonstranten warfen sie, um das Geschäft in Brand zu setzen.
Eine Fackel liegt auf dem Boden des Friseursalons. Demonstranten warfen sie, um das Geschäft in Brand zu setzen.bild: imago

Die Polizei setzte Tränengas und Wasserwerfer ein, konnte die Gewalt aber lange nicht unter Kontrolle bringen. Ein Journalist, der vor Ort berichtete, sagte: «Die Polizei war nicht fähig, die Bürger und Journalistinnen zu schützen.»

Die Überreste einer angezündeten Mülltonne.
Die Überreste einer angezündeten Mülltonne.bild: imago

Zur Krisensitzung einberufen hatte die Regierung die zuständigen Minister, die Polizei, den Zivilschutz sowie die Feuerwehr noch am Samstagabend.

Nach den ersten Angriffen fand in Limassol ein antifaschistischer Protest statt, 2. September 2023.
Nach den ersten Angriffen fand in Limassol ein antifaschistischer Protest statt, 2. September 2023.bild: imago

Am selben Abend demonstrierten hunderte Menschen in Limassol gegen Rassismus. «Zerschlagt den Faschismus», skandierten die Demonstrantinnen.

Hunderte Menschen demonstrierten gegen Rassismus.
Hunderte Menschen demonstrierten gegen Rassismus.bild: imago

Ausbruch der Gewalt

Die Gewaltspirale begann einige Tage vor den Angriffen. Illegale Einwanderer aus Syrien sollen sich in einem verlassenen Gebäudekomplex im Dorf Chloraka an der Küste des Ferienorts Paphos verschanzt haben. Nach der Evakuierung der Polizei seien die Syrer von Bewohnern attackiert worden. Es kam zu schweren Auseinandersetzungen. Mehr als 20 Menschen – sowohl Zyprioten als auch Migranten – seien verhaftet worden.

Zu Angriffen gegen Menschen mit Migrationshintergrund kommt es auf der Insel immer wieder. In den vergangenen 16 Jahren seien 413 rassistische Angriffe vor Gericht gebracht worden, berichtet die zypriotische Tageszeitung «Politis». 125 Fälle seien noch hängig.

Von einigen Zypriotinnen für den Gewaltausbruch verantwortlich gemacht wird die offen rechtsradikale Partei Ethniko Laiko Metopo (ELAM), die Beziehungen zur faschistischen griechischen «Goldenen Morgenröte» (Chrysi Avgi) hegt, wie die TAZ berichtet.

Die meisten Asylanträge der EU

Migrantinnen und Migranten machen auf der Insel laut dem Innenministerium rund sechs Prozent der Bevölkerung aus. Gemessen an der Bevölkerung verzeichnet Zypern täglich die meisten Asylanträge in der EU. Die Unterkünfte sind masslos überfüllt. Auf der Insel haben sich deshalb Ghettos gebildet, wo die Menschen in extremer Armut leben. Menschenrechtsorganisationen machen die EU-Flüchtlingspolitik dafür verantwortlich.

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Migranten stehen hinter einem Zaun in einem Flüchtlingslager in Kokkinotrimithia ausserhalb der Hauptstadt Nikosia, Zypern, 5. Februar 2021.Bild: keystone
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Eine Schutzsuchende sitzt nach ihrer Flucht aus dem Sudan in einem Shuttlebus, 27. April 2023.Bild: keystone

In diesem Jahr sind die Anträge allerdings zurückgegangen: Von März bis Juli 2022 beantragten mehr als 10'000 Menschen Asyl. In diesem Jahr verzeichnet die Insel im selben Zeitraum knapp 5000 Anträge. Doch: Der Polizei zufolge flüchten immer mehr Menschen auf illegalem Weg auf die Insel. In den vergangen drei Monaten seien mehr als 500 Menschen in kleinen Fischer- oder Schlauchbooten illegal nach Zypern eingewandert.

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95 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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John Henry Eden
04.09.2023 17:57registriert Januar 2014
Die EU wird an der Migrationsfrage zerbrechen. Ganz einfach darum, weil nur radikalste Massnahmen vielleicht eine Lösung bieten. Betonung auf vielleicht.

Mit der Refugees-Welcome-Fraktion hat Europa zudem noch hausintern eine fünfte Kolonne der Naivität. Diese Leute begreifen nicht, wie viele Flüchtlinge kämen, wenn teils nicht schon radikale Massnahmen bestünden.
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der/die Waldpropaganda
04.09.2023 18:20registriert September 2018
Zypern nimmt prozentual die meisten Flüchtlinge in der EU auf und ist wirtschaftlich durch die Corona-Einbussen immer nocht wirtschaftlich angeschlagen (ausserhalb des Tourismussektors sowieso). Vlt müsste die EU ihre ganze Migrationspolitik hinterfragen. Lange hiess es Refugees Welcome, aber was man mit ihnen machen will, wusste man nie. Nun hat man die Quittung, eine Zunahme von rechtsradikalen.
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Alter Mann
04.09.2023 19:45registriert September 2020
Flüchtlingsfrage allgemein. Bei der vergangenen Arena hat Frau C. Widmer erklärt, dass weltweit soviele Flüchtlinge weltweit unterwegs wären und dass diesen "Ärmsten" geholfen werden muss. Da bin ich mit ihr einig. Aber in der Regel schaffen es die "Ärmsten" nicht in die Schweiz, da sie die Gelder für die Fluchthelfer nicht aufbringen können. Damit ist es sehr wahrscheinlich, dass es fast nur diejenigen es in die Schweiz schaffen, welche die Mittel hatten dies zu finanzieren, also ein Investment gemacht haben.
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