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Flüchtlingskrise auf der Ferieninsel Kos

Wenn zwei Welten aufeinanderprallen: Wie zwei Touristen den gestrandeten Flüchtlingen auf Kos helfen wollen

Hennie und Ronald hatten ihren Sommerurlaub auf Kos schon längst gebucht, als die Flüchtlinge kamen. Das Paar aus Holland reiste trotzdem an – und will helfen. Aber wie? 

Raniah Salloum, Kos



Ein Artikel von

Spiegel Online

Hennie, 56, und Ronald, 54, aus Holland halten mit ihren Leihrädern an der Strandpromenade von Kos.

Neben ihnen im Gras sitzt eine sechsköpfige syrische Familie aus Kobane. Das holländische Paar hatte gezögert, dieses Jahr zum Urlaub auf die griechische Insel Kos zu fahren. «Wir waren vorher schon zweimal da und es hat uns immer gefallen. Aber dieses Jahr haben wir die Bilder im Fernsehen gesehen», erzählt Ronald. Die Bilder der Familien, die dem Krieg entkommen sind und nun zu Hunderten im Freien schlafen müssen.

A Spanish tourist watches Pakistani migrants arriving at a beach in the Greek island of Kos after paddling an engineless dinghy from the Turkish coast August 15, 2015. United Nations refugee agency (UNHCR) called on Greece to take control of the

Kontraste: Eine Touristin und die Flüchtlinge. Bild: YANNIS BEHRAKIS/REUTERS

Urlaub machen dort, wo andere hinflüchten und unter elenden Bedingungen hausen? «Wir haben uns bei dem Gedanken unwohl gefühlt», sagt Hennie. Doch die Reise war gebucht und das Paar wollte die bereits gebeutelten Griechen nicht noch weiter strafen durch eine Stornierung. Was also tun?

«Sie sagten uns, dass wir es ihnen verzeihen sollen, aber sie könnten sich selbst ein T-Shirt leisten und sie wollten es nicht jemand anderem wegnehmen, der es nötiger hätte.»

Die Holländerin schaute im Internet, ob sie irgendwie helfen könnte. Es gibt das einheimische Freiwilligenbündnis «Solidarity Kos»: Es sammelt seit Monaten Essen und Kleidung für die Flüchtlinge. Hennie stiess ausserdem auf die Facebook-Seite der holländischen Flüchtlings-Hilfsorganisation «Stichting Hulpactie Bootvluchtelingen», die diesen Sommer Freiwillige nach Kos schickt. Die Gruppe bat um Kleider- und Spielzeugspenden. Eine gute Idee, dachte Hennie. Sie fragte bei ihren Nachbarn an, die zwei junge Söhne haben, und packte einen Koffer voll mit den abgetragenen Kleidungsstücken der beiden Jungen.

Wo fängt man an, wenn so viel zu tun ist? 

Auf Kos angekommen, stand das holländische Paar plötzlich vor einem neuen Dilemma: Wie die Kleidungsspenden übergeben?

Denn auf Kos leben ja Hunderte Familien in Zelten und auf dem Rasen entlang der Strandpromenade. Das Elend ist gross, es scheint so selbstverständlich, dass man etwas tun muss – aber wo fängt man an? Dass man Fremde anspricht und sie fragt, ob man ihnen helfen kann, kennt man ja schliesslich von zu Hause nicht.

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Euronews-Bericht über die Lage auf Kos. YouTube/euronews (in English)

Zufällig entdeckten Hennie und Ronald inmitten der Flüchtlinge die Holländerin Angelien. Sie ist eine der freiwilligen Helfer. In Holland arbeitet die 62-Jährige als Landschaftsgärtnerin, diesen Sommer hilft sie eine Woche auf Kos: Sie zeichnet zusammen mit den Kindern Blumen aus Malkreide auf die Strandpromenade und malt sich mit ihnen gegenseitig die Gesichter bunt. Die Kinder strahlen sie begeistert an.

Angelien riet den beiden: Fragt die Leute einfach, was sie brauchen können. «Also haben wir bei irgendeiner Familie angefangen, unsere Tasche aufgemacht und gefragt, ob sie eines der T-Shirts haben wollen», sagt Hennie. Auch wenn die Not gross ist – nur weil jemand aus einem Kriegsgebiet stammt, möchte er vielleicht trotzdem nicht in einem ausgewaschenen, zu grossen Batik-T-Shirt in rosa und gelben Pastelltönen herumlaufen. Mit einer Mischung aus Englisch und Pantomime klappte die Kommunikation.

«Auch wir mussten Grenzen überwinden: Uns trauen, die Menschen überhaupt anzusprechen»

Viele Familien nahmen dankend an. Andere sagten Hennie und Ronald, dass sie genügend Kleidung hätten, aber ob sie ihnen vielleicht etwas Shampoo geben könnten oder eine Flasche Wasser? «Wir sind dann einfach zum Kiosk und haben ihnen welches gekauft», sagt Hennie. «Natürlich können wir nicht allen helfen. Aber deswegen keinem zu helfen, ist auch doof.»

«Sie sind uns dankbar und wir ihnen»

Die gestrandeten Familien freuen sich allein schon über die Geste: «Einer syrischen Familie wollten wir das letzte T-Shirt geben», sagt Hennie. «Sie sagten uns, dass wir es ihnen verzeihen sollen, aber sie könnten sich selbst ein T-Shirt leisten und sie wollten es nicht jemand anderem wegnehmen, der es nötiger hätte.»

Hennie und Ronald nahmen es der Familie nicht übel. Von Flüchtlingen wird oft erwartet, dass sie immer dankbar, höflich und demütig sind. Das holländische Paar begegnete ihnen auf Augenhöhe. «Wir haben ihnen erklärt, dass nur noch das eine T-Shirt übrig sei und wir es endlich losbekommen wollten», sagt Hennie. Die Familie nahm es an – sie wollten den freundlichen Holländern keinen Gefallen abschlagen.

Das holländische Paar ist froh, auch dieses Jahr wieder nach Kos gefahren zu sein. «Auch wir mussten Grenzen überwinden: Uns trauen, die Menschen überhaupt anzusprechen», sagt Hennie. «Wir sind froh, dass wir es getan haben. Sie sind so dankbar, dass sie uns getroffen haben und wir sind es ihnen auch.»

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12Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • 足利 義明 Oyumi Kubo 15.08.2015 18:17
    Highlight Highlight Ich lese immer nur "Flüchtlinge".... Sind damit jene gemeint, welche ihr Land verlassen, damit sie von den Sozialleistungen in einem anderen Land profitieren können?

    Wie nennt man jene, welche am Leib und Leben z.B. durch IS bedroht sind?
    19 23 Melden
    • Anded 15.08.2015 20:06
      Highlight Highlight Die Medien nennen gerne alle Flüchtlinge, denn sie flüchten alle vor irgendwas. Flüchtling tönt auch besser und sympathischer als "illegaler Immigrant". Geht ja mittlerweile soweit, dass man Leute die illegal von Frankreich nach England reisen wollen (Calais) als Flüchtlinge bezeichnet. Absurd...
      9 5 Melden
    • Sapere Aude 15.08.2015 22:05
      Highlight Highlight Natürlich kommen all die Menschen die ihr Leben aufs Spiel setzen um nach Europa zu gelangen, alleine um von unsere Sozialwerke zu profitieren. Ob Syrer Eriträer oder Nigerianer, diesen Länder geht es ja so gut, dass die Leute keinen Grund haben um zu uns zu flüchten, als uns auszunehmen. Darum sind diese Länder ja auch Top Feriendestionationen der Schweiter und Schweizerinnen.
      6 15 Melden
    • Sapere Aude 16.08.2015 04:26
      Highlight Highlight @ p4trick leider hab ich mein Sarkasmusschild verlegt, erschien mir aber einzig würdige Antwort auf soviel Sinnleerigkeit.
      0 4 Melden
  • Chlinae_Tigaer 15.08.2015 14:07
    Highlight Highlight ... was auffällt, plötzlich sieht man auf mehreren Fotos auch Frauen und Kinder.

    Aber erst nachdem viele gemerkt haben, das man sonst mehr oder weniger nur junge Männer sieht.

    Eine weitere versuchte Manipulation oder einfach nur Verar...e?

    39 46 Melden
    • Kronrod 15.08.2015 15:03
      Highlight Highlight 58 v. Chr. waren wir Helvetier die Wirtschaftsflüchtlinge. Wir wurden aber von Cäsar bei Bibracte gestoppt und wieder in die Schweiz zurückgeschickt. Völkerwanderungen hat es schon immer gegeben, aber willkomen waren sie noch nie besonders.
      35 11 Melden
    • Sapere Aude 15.08.2015 17:19
      Highlight Highlight Wir müssen nur 150 Jahre in der Geschichte zurückgehen, als wir den Schweizer Wirtschaftsflüchtlingen ein Ticket in die USA gezahlt haben um sie loszuwerden. Dass Sie hier nun Manipulation vermutet, liegt wohl ersten daran, dass in ihrem Weltbild kaum jemand einen wirklichen Grund hat zu fliehen. Zweitens muss man natürlich unterscheiden aus welchen Land die Flüchtlinge kommen. Während beispielsweise in Syrien alle Zivilisten durch den Bürgerkrieg bedroht sind, flüchten die Menschen aus Eritrea aus ganz anderen Gründen. In Eritrea sind es vor allem junge Männer, die für bis zu 10 jährigen Militärdienst teils ohne Bezahlung leisten müssen, irgendwo in der Pampa, getrennt von der Familie. Last but not least würde mich interessieren, wie Sie sich verhalten würden, wenn Sie in einem solchen Land leben würden.
      17 19 Melden
    • SanchoPanza 15.08.2015 17:42
      Highlight Highlight @Kronrod, ganze Täler sind vor 200-300 Jahren in die neue Welt ausgewandert! Googeln sie mal New Glarus oder New Bern. Ganze Dörfer wurden leergefegt weil in der Schweiz Hungersnöte herrschten + nicht vergessen, auch aus Religiösen Gründen haben tausende Schweizer das Land verlassen.
      15 13 Melden
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