International
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Flüchtlingselend auf Kos: «Sind wir hier in Europa?»

Sie kommen aus dem Krieg, haben Tod und Zerstörung erlebt. In Europa erhoffen sich die Flüchtlinge Sicherheit für ihre Familien. Doch auf der griechischen Insel Kos stossen sie stattdessen auf Chaos, Dreck und Demütigungen. Viele können nicht fassen, dass dies Europa sein soll.

Raniah Salloum, kos



Ein Artikel von

Spiegel Online

Flüchtlingskrawalle auf der Ferieninsel Kos

Entlang der Strandpromenade von Kos zieht sich eine kleine Zeltstadt. Bunte Kleidung weht, frisch gewaschen im Meer, nun zum Trocknen im Wind. Die Wäsche hängt an einer Palme, damit sie nicht schmutzig wird. Im Schatten darunter kauert eine 14-köpfige Familie aus Aleppo: Kinder, die 65-jährige Grossmutter, die schwangere Tante, alle sind da.

Die Frauen möchten nicht namentlich genannt oder fotografiert werden. Doch sie möchten etwas mitteilen: «Schauen Sie sich das an», sagt die Grossmutter. Sie zeigt auf den weiten schwarzen Mantel, der ihren Körper verhüllt. Hell zeichnet sich darauf der Staub ab, denn sie musste die Nacht im Freien verbringen auf dem Grasboden.

Die Familie haust auf der griechischen Urlaubsinsel unter einer Palme ohne Essen und Trinken. Weit und breit gibt es keine Toilette, geschweige denn ein Bad. Ihr Haus im syrischen Aleppo wurde vor wenigen Tagen zerstört, als die Kämpfe in ihrem Stadtviertel wieder aufflammten.

Die Grossmutter zeigt weiter anklagend auf den Fleck auf ihrem Mantel. Bis vor zehn Stunden und der ersten Nacht im Freien auf Kos war sie ein stolzer Mensch. Sie hatte Aleppo mit ihren Kindern und Enkeln verlassen, sich dann in der Türkei in Hotels eingemietet, die Schleuser für die Überfahrt nach Griechenland bezahlt und dort bei den Hotels angeklopft. Doch auf Kos wollte niemand der Familie ein Zimmer vermieten.

Auf der griechischen Insel ist die 65-Jährige plötzlich jemand, der keinem anständigen Menschen ins Haus kommt, den die Polizei nachts mit Schlägen aus der Innenstadt vertreibt, der zu riechen anfängt, weil ihm die Möglichkeit genommen wird, sich zu waschen, und dessen Kleidung schmutzig ist. «Sind wir hier tatsächlich in Europa?», fragt sie. Respekt und Menschenwürde hatte sie sich hier anders vorgestellt.

KOS, GREECE - AUGUST 13:  A Syrian migrant couple help eaach other as they arrive at a beach on the Greek island of Kos after crossing a part of the Aegean sea from Turkey to Greece on a dinghy August 13, 2015 in Kos, Greece. Greek police used fire extinguishers and batons to keep migrants in check on the island after violence broke out in a sports stadium where hundreds of people, including children, were awaiting their immigration papers. Dozens of migrants have been treated for panic attacks with a number reporting police beatings, as the situation continued to deteriorate. (Photo by Milos Bicanski/Getty Images)

Bild: Getty Images Europe

Es sind solche Demütigungen, von denen die Flüchtlinge auf Kos als erstes erzählen, nicht von den Schrecken, den sie hinter sich gelassen haben.

Da sind die Syrer und Iraker, die von der griechischen Polizei drei Tage lang in einem Stadion in der prallen Sonne eingesperrt wurden. Sie mussten über Absperrungen klettern, um Essen und Wasser zu kaufen und ins Stadion zu bringen. Niemand hielt es für nötig, ihnen mitzuteilen, wie lange sie dort warten sollten. Als es im Stadion unruhiger wurde, setzten die Sicherheitskräfte Schlagstöcke und Feuerlöscher gegen sie ein.

KOS, GREECE - AUGUST 13: A dinghy overcrowded with Syrian migrants approaches a beach on the Greek island of Kos after crossing a part of the Aegean sea from Turkey to Greece on a dinghy August 13, 2015 in Kos, Greece. Greek police used fire extinguishers and batons to keep migrants in check on the island after violence broke out in a sports stadium where hundreds of people, including children, were awaiting their immigration papers. Dozens of migrants have been treated for panic attacks with a number reporting police beatings, as the situation continues to deteriorate. (Photo by Milos Bicanski/Getty Images)

Bild: Getty Images Europe

Oder die Afrikaner: Sie klagen, dass sie gegenüber Irakern und Syrern offenbar seit kurzem systematisch benachteiligt werden. Sie müssen sich in der Polizeibehörde registrieren und warten dort wochenlang auf einen Termin. Die Syrer und Iraker dagegen werden am Stadion abgefertigt und müssen inzwischen nur noch wenige Tage warten. «Uns Schwarze will man draussen halten», sagt verbittert ein junger Mann aus Mali.

Ohne Registrierung darf niemand die Fähre aufs griechische Festland nehmen. Von dort wollen die meisten weiter, am liebsten nach Deutschland oder Schweden. Kein europäisches Land schiebt derzeit wieder zurück nach Griechenland ab. Die Situation dort gilt für die Flüchtlinge als zu katastrophal.

«Wir lassen uns nicht abschrecken»

Griechenland hat seit Monaten einen ungeheuren Ansturm zu bewältigen: Von Kos und den benachbarten griechischen Inseln aus ist die türkische Küste in wenigen Kilometern Entfernung zu sehen. Nahezu täglich kommen Boote mit Dutzenden, manchmal sogar mit mehreren hundert Flüchtlingen an.

Sie kommen aus aller Welt. Es sind vor allem Syrer und Iraker, gefolgt von Afghanen und Pakistanern. Aber auch Afrikaner und sogar Latinos zieht es nach Kos: Sie bekommen für die Türkei oft verhältnismässig einfach ein Visum und betrachten das Land daher als einzigen Weg nach Europa, der ihnen noch offen steht.

Seit ein paar Wochen scheint es jedoch schwieriger zu werden: Die Türkei habe die Kontrollen um Izmir herum verschärft, berichten mehrere Flüchtlinge. Unabhängig voneinander berichten einige auch von Vermummten, die die Schmugglerboote vor der türkischen Küste überfallen hätten: Den Flüchtlingen wurde der Motor oder der Treibstoff geklaut. Wer hinter den Attacken steckt, ist unklar.

«Wir lassen uns nicht abschrecken. Zusammen sind wir stark», erklärt eine Gruppe junger Iraker. Es sind vier Freunde aus Bagdad, zwischen 24 und 30 Jahren. Zwei von ihnen hätten in der Sondereinheit des irakischen Militärs gedient, erzählen sie. Doch mit den Gräueltaten, die im Bürgerkrieg begangen werden, wollten sie nichts zu tun haben: Sie desertierten. Die beiden anderen seien Zivilisten, studierte Ingenieure, erzählen sie. «Wir können nachts nicht schlafen», sagt einer von ihnen. «Wir hatten ständig Angst vor den Milizen. Sie bringen Leute um und schmeissen sie auf den Müll. Wir wollen ein besseres Leben

In Shorts und Flipflop-Sandalen gehen die Freunde aus Bagdad an der Promenade von Kos entlang. Seit vier Tagen wohnen sie im Park, nun haben sie endlich ihre Registrierung. Aber die nächste Fähre zum Festland kommt erst übermorgen – also heisst es weiter warten. Sie wollen sich nicht zermürben lassen: «Wir schwimmen jetzt raus ins Meer. Wir wissen, dass man Shampoo nicht ins Meer kippen soll. Aber wenn wir uns nirgendwo waschen können – was sollen wir denn sonst tun?»

Video: Überforderte Behörden auf Kos

Abonniere unseren Newsletter

Abonniere unseren Newsletter

4
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
4Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Abel Emini 13.08.2015 20:22
    Highlight Highlight Die dachten wohl es gibt Gratisgeld und Gratisunterkünfte in Europa .... und wie meine Mutter so schön sagt, Fliessbänder wo wir den ganzen Tag nur Geldscheine abschneiden!
    22 26 Melden
    • Asha 13.08.2015 22:48
      Highlight Highlight Sie haben echt gar nichts begriffen. Worauf gründet sich eigentlich ihr vermeintliches Grundrecht hier zu leben?
      14 7 Melden
    • Babalu 13.08.2015 23:11
      Highlight Highlight Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm und der IQ ist auch stark genetisch beeinflusst… Wahrscheinlich hat in deiner Familie auch einmal jemand den Esel verkauft und sich mit dem Geld auf den Weg in die Schweiz zum Geld verdienen gemacht. Und jetzt bist du die erste Generation, die ein Klo benutzt und mit Besteck isst, du besitzst Dinge, wie das iPhone, weil du vom hiesigen Wohlstand profitiert hast und denkst nun dass du was besseres bist, als diese Leute auf der Flucht. Du bist so arrogant und ignorant, dass du dich sogar herablassend über sie zu äussern wagst.
      9 3 Melden
    • Dä Brändon 14.08.2015 00:26
      Highlight Highlight Woher kommst Du genau her?
      0 1 Melden

«Karawane» erreicht die US-Grenze – es sind 80 Leute aus der LGBT-Community

Eine erste Gruppe der Karawane von Migranten aus Mittelamerika hat am Wochenende die mexikanische Stadt Tijuana an der Grenze zu den USA erreicht. Es soll sich um etwa 80 Migranten handeln, von denen die meisten Mitglieder der LGBT-Community sind, wie CBS berichtet. Sie seien vor Diskriminierung und Bedrohungen in ihren Heimatländern auf der Flucht.

Sie hätten sich vom Haupthorst der Karawane getrennt, weil sie dort verbalen Belästigungen ausgesetzt gewesen seien. Die Migranten wollen in den …

Artikel lesen
Link to Article