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Die freiwilligen Flüchtlingshelfer von Lesbos – sie fürchten das schlechte Wetter

Tausende Flüchtlinge erreichen Lesbos übers Meer, jeden Tag. Am Strand helfen Freiwillige aus Norwegen, den Niederlanden, Deutschland – wo eigentlich der Staat helfen sollte. Eines fürchten sie alle: schlechtes Wetter.

Raniah Salloum, Lesbos



Ein Artikel von

Spiegel Online

Entlang der Nordküste von Lesbos stapeln sich orangene Schwimmwesten. Sie sind schon beim Anflug aus der Luft zu sehen. Und es werden mehr. Auch jetzt im November, mitten im Herbst, fallen die Flüchtlingszahlen bisher nur langsam. Das liegt auch am Wetter: Es ist ungewöhnlich mild für die Jahreszeit, die See ruhiger als noch Ende Oktober. Da ertranken Dutzende vor Lesbos. Pro Tag erreichen mehrere tausend Menschen die Insel vor der türkischen Küste.

Gerade sind rund 50 Iraker und Syrer auf einem kleinen Schlauchboot angekommen. Norwegische Freiwillige haben sie mit ihren Ferngläsern erspäht und ihnen an Land geholfen. Die Norweger versorgen sie mit heissem Schwarztee, Wasser und Falafel, frittiertem Kichererbsenteig. Wer medizinische Hilfe braucht, geht zu den Niederländern, die haben einen Arzt dabei. Während die EU hadert, entwickelt sich auf Lesbos ein Mini-Europa der Freiwilligen.

«Es war so schrecklich kalt auf dem Boot», sagt die 65-jährige Maliha aus Bagdad und blinzelt in die Sonne, einen Tee in der Hand. Die Frau ist mit ihrem Mann, der Tochter und den zwei Enkeln unterwegs. Es soll nach Österreich gehen, wo ihr Sohn bereits seit Jahren lebt und einen Handyladen betreibt. Der andere Sohn wohnt in den USA. «Die konfessionelle Gewalt in Bagdad ist schrecklich. Wir haben dort keine Zukunft», sagt Maliha.

Familiennachzug werde schwieriger, fürchten die Flüchtlinge

Neben ihr ruft der 23-jährige Mohammed aus Damaskus: «Ihre ersten Schritte! Sie macht ihre ersten Schritte!» Tochter Talaa, 14 Monate alt, stolpert quietschend in seine Arme. Mohammed zeigt auf den runden Bauch seiner Frau, der 17-jährigen Reem. «Wir haben gleich die ganze Familie mitgebracht, weil Familiennachzug nach Europa immer schwieriger wird. »Insgesamt sind wir mit 16 Leuten unterwegs, alles Verwandte», sagt er und zeigt auf die Umstehenden.

Einem Cousin Mohammeds fehlen die zwei vorderen Glieder des rechten Zeigefingers. «Ich musste meinen Militärdienst machen und wollte nicht schiessen», sagt der Cousin dazu. «Das war die erste Verwarnung. Danach bin ich abgehauen.» Er floh heimlich von Damaskus quer durch Syrien in die Türkei. Der Rest der Familie reiste in den Libanon und nahm dort das Flugzeug in die Türkei.

A Syrian refugee reacts as she arrives on a raft on the Greek island of Lesbos, November 10, 2015. Since the start of the year, over 590,000 people have crossed into Greece, the frontline of a massive westward population shift from war-ravaged Syria and beyond. REUTERS/Alkis Konstantinidis

Geschafft! Auf Lesbos angekommen.
Bild: ALKIS KONSTANTINIDIS/REUTERS

Hinter ihnen beobachtet eine junge Syrerin angestrengt den Horizont, an dem sich die türkische Küste abzeichnet. «Mein Bruder war in einem Boot fünf Minuten hinter uns. Ich sehe ihn noch nicht», sagt sie. Ein norwegischer Helfer versucht ihr zu erklären, dass er vielleicht an einem anderen Teil der Küste angekommen sei. Doch er spricht kein Arabisch, sie kein Englisch.

Die junge Frau bleibt zurück und wartet, während die anderen Flüchtlinge von den Freiwilligen in ein Zwischenstopp-Lager gebracht werden. Von dort geht es weiter in Bussen der grossen Hilfsorganisationen zu den Registrierzentren der griechischen Regierung nahe der Hafenstadt Mytilini. «Der Staat existiert eigentlich erst ab Mytilini», sagt Erik, einer der norwegischen Helfer.

Auf Lesbos gibt es zwei Klassen von Flüchtlingen

Lesbos unterscheidet Flüchtlinge erster und zweiter Klasse: Die Syrer und Iraker kommen bei Mytilini in das Lager Kara Tepe und erhalten dort schnell die nötigen Papiere, mit denen sie sich ein Fährticket nach Athen kaufen dürfen. Alle anderen Staatsbürger – vor allem Afghanen, Iraner und Pakistaner – müssen in das Lager Moria und dort warten. Die EU hat im Oktober dort einen «Hotspot» errichtet, also eigene Beamte dorthin entsandt. Seitdem sei die Organisation weniger schlimm in Moria, berichten Helfer.

A long exposure photo shows thousands of lifejackets left by migrants and refugees, piled up at a garbage dump site on the Greek island of Lesbos, November 9, 2015. Since the start of the year, over 590,000 people have crossed into Greece, the frontline of a massive westward population shift from war-ravaged Syria and beyond. REUTERS/Alkis Konstantinidis      TPX IMAGES OF THE DAY

Überbleibsel nach einem harten Tag: Schwimmwesten am Strand von Lesbos.
Bild: ALKIS KONSTANTINIDIS/REUTERS

«Weniger schlimm» bedeutet, dass die Menschen nur noch stundenlang Schlange stehen, nicht mehr tagelang, bis sie umfallen. Viele aber müssen weiterhin im Freien schlafen, weil es an Unterkunftsplätzen mangelt. Tausende warten in Moria. Das Lager gilt unter Helfern als schwierig, denn bei jeder Hilfslieferung ist klar: Sie wird nicht für alle reichen.

«Die Menschen wollen Ablenkung von dem Elend, in dem sie sich befinden. Was sollen wir strenge Gesichter machen? Wir helfen mit Humor und mit guter Stimmung.»

Fünf junge Niederländer schreckt dies nicht. Sie verteilen mittags in Moria Bananen und Äpfel, abends wollen sie wiederkommen mit warmem Essen eines einheimischen Restaurants. Die 32-jährige Steffi Depous hat die Gruppe gegründet. Normalerweise arbeitet sie in Amsterdam als Yogalehrerin. Nun macht sie mit ihren Freunden Eva, Minou, Gati und Moritz eine Woche Urlaub als humanitäre Helferin auf Lesbos.

«Wir wollen auf unsere Art helfen», sagt Depous. In bunten Leggins steht sie auf dem Dach ihres Leihwagens, überwacht die Essenverteilung und dreht die Musik auf. Sie hat Lautsprecherboxen für ihr Smartphone dabei. «Die Menschen wollen Ablenkung von dem Elend, in dem sie sich befinden. Was sollen wir strenge Gesichter machen? Wir helfen mit Humor und mit guter Stimmung», sagt sie. Sie macht ein Selfie von sich mit Flüchtlingskind. Ende der Woche wollen andere Freunde aus Holland anreisen und die Gruppe ablösen.

Man trifft viele solche Individualhelfer derzeit auf Lesbos, es dürften Hunderte sein – junge Europäer auf einer Woche Hilfsurlaub, aber auch junge Griechen von der Insel.

«Wir springen da ein, wo wir gebraucht werden»

Das Kölner Ärztepaar Bita und Khalil Kermani ist bereits zum zweiten Mal für eine Woche auf Lesbos im Einsatz. Der erste Trip war spontan: Eigentlich wollten sie in den Urlaub nach Kreta fliegen, als Khalil Kermani eine SMS seines Bruders, des Schriftstellers Navid Kermani bekam, der auf Lesbos war. Sie müssten unbedingt kommen. Also flogen sie weiter und halfen: Schmierten Butterbrote, übersetzten für die Afghanen, transportierten durchnässte Flüchtlinge und versorgten Kranke und Verletzte.

«Ist es überhaupt richtig, dass wir helfen? Unterstützen wir dadurch nicht, dass die Politik sich aus der Verantwortung stiehlt?

«Wir springen da ein, wo wir gebraucht werden», sagt Khalil Kermani. «Wenn Ärzte gebraucht werden, machen wir das. Gerade transportieren wir vor allem Hilfsgüter, da es vielen Organisationen an Fahrzeugen fehlt.» Gleiches gilt für Decken, Schlafsäcke und Kleidung für Erwachsene.

«Es ist jetzt nicht mehr katastrophal wie Anfang Oktober. Derzeit ist es 'nur› sehr schlimm», sagt Bita Kermani. Dank den Helfern gebe es nun Essen, Wasser und Busse für die Menschen, damit sie nicht mehr durchnässt 70 Kilometer zu Fuss nach Mytilini laufen müssen. «Aber eigentlich ist eine Unverschämtheit, dass so etwas 20 Freiwilligenorganisationen machen!», sagt die Ärztin. «Dies zu managen, ist die Aufgabe einer Regierung oder einer anderen grossen Institution. Die Freiwilligen machen das notdürftig. Die meisten sind für eine Woche da – sie haben zuhause ja auch Arbeit. Da gibt es wenig Kontinuität und Erfahrungsaufbau.»

Bita Kermani hat die eigene Hilfe daher schon einmal hinterfragt: «Ist es überhaupt richtig, dass wir helfen? Unterstützen wir dadurch nicht, dass die Politik sich aus der Verantwortung stiehlt? Aber wer kann einfach zuschauen? Wir können es nicht.»

Die Kermanis wollen weiter helfen. «Mein Traum ist ein Medico-Mobil, eine fahrbare kleine Klinik mit angeschlossener Suppenküche», sagt Bita Kermani. Dafür sammelt sie Geld. «Es wird wieder schlimmer werden», glaubt sie, «es ist jetzt schon sehr kalt und wenn es wieder regnet, wird es für die Menschen noch schwieriger.»

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