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KOS, GREECE - AUGUST 13:  Syrian refugees sleep on the street after crossing part of the Aegean sea from Turkey to Greece on a dinghy on August 13, 2015 in Kos, Greece. The Greek government is due to send a cruise ship to the island of Kos which will be able to carry up to 2,500 refugees and operate as a registration centre, after 2,000 Syrian refugees were locked in an old stadium during a registration process and left without water for more than a day.  (Photo by Milos Bicanski/Getty Images)

Unter Bäumen harren die Flüchtlinge in der Sommerhitze. Bild: Getty Images Europe

Behördenversagen auf Kos: Kein Strom, keine Betten, keine Klos

Hunderte Menschen kommen täglich auf Kos an – doch ein Auffanglager gibt es nicht für sie auf der griechischen Insel. Die Behörden scheinen aber nur ein Ziel zu haben: Schnell weg mit den Fremden!

Raniah Salloum, kos



Ein Artikel von

Spiegel Online

Ein junger Mann aus Pakistan sitzt in der Sonne und trocknet sein Handy und Geld. Er ist gerade erst auf der griechischen Insel Kos angekommen. Die letzten Meter musste er vom Schlepperboot springen und an Land schwimmen. Alles ist noch nass.

Kos erlebt wie die anderen griechischen Inseln nahe der türkischen Küste seit Monaten einen Ansturm: Rund 600 Menschen kommen nach Angaben der Küstenwache allein hier jeden Tag an. Für jedes Land wäre das eine enorme Herausforderung. Doch man hat den Eindruck: Es wird in Griechenland noch nicht einmal versucht, der Lage Herr zu werden.

Auf Kos gibt es kein einziges Auffanglager für die Flüchtlinge. Die örtlichen Behörden stellen ihnen auch keine Unterkunft oder sanitäre Anlagen zur Verfügung. Essen und Trinken kaufen sich die Flüchtlinge selbst in den Kiosken und Supermärkten der Insel.

Am Rande der Stadt Kos steht das unmöblierte Hotel «Captain Elias». Der Besitzer ging vor Jahren pleite, seitdem steht es leer. Vor Monaten hiess es, die örtlichen Behörden wollten dort die Flüchtlinge unterbringen, aber getan haben sie seitdem nichts.

Katastrophale Zustände im inoffiziellen Lager 

Das Gebäude dient nun als inoffizielles Flüchtlingslager: Hunderte Menschen aus aller Welt wohnen darin, aber es wird von niemandem betrieben. Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen hat sechs Dixie-Klos in den Garten gestellt und besucht mit ihren Ärzten das Hotel regelmässig. Griechische Freiwillige verteilen dort Essen. Doch ansonsten sind die Menschen darin auf sich gestellt. Es gibt nicht einmal Strom.

Im «Captain Elias» fühlt man sich nicht mehr wie in Europa: Die Menschen hausen in selbstgebauten Hütten aus Palmenblättern im Garten. Abends zünden sie sich offene Feuer an, auf denen sie sich Reis kochen, den sie selbst bezahlt haben. Eigentlich ist es ein Wunder, dass es noch keinen grösseren Brand gegeben hat.

Es gibt keinen einzigen Syrer im Hotel «Captain Elias», obwohl sie die grösste Gruppe der Flüchtlinge auf Kos stellen. Lieber schlafen sie im Freien entlang der Strandpromenade, als mit ihren Kindern und Frauen zwischen den jungen Männern aus Pakistan, Afghanistan oder Mali zu hausen.

Bisher waren vor allem junge Männer aus Syrien unterwegs. Doch mittlerweile ist das Elend dort offenbar so gross, dass Familien mit Säuglingen, junge Frauen, Schwangere, Alte sich auf den Weg machen. Sie brauchen sanitäre Anlagen. Sich wie die Männer mit nacktem Oberkörper im Meer oder an einem Wasserschlauch notdürftig zu waschen, ist für sie undenkbar.

Die Flüchtlinge zahlen die Fähre nach Athen selbst

Im Gegensatz zur Versorgung funktioniert dagegen die Bürokratie auf Kos: Jeder Neuangekommene muss sich erst bei der Küstenwache melden. Diese arbeitet aber nur zwischen Mitternacht und sechs Uhr morgens. Danach muss jeder Angekommene sich bei der Polizei registrieren. Das kann dauern, denn es gibt nur wenige Beamte. Kos hat in den vergangenen Tagen das Tempo bei der Registrierung jedoch erhöht: Die langen Warteschlangen sind deutlich geschrumpft.

Es scheint, als wollten die örtlichen Behörden von Kos vor allem eines erreichen: Nichts wie weg mit den Flüchtlingen. Wer registriert ist, darf eine Fähre aufs griechische Festland nehmen und von dort weiter über den Balkan nach Westeuropa. Die Fähre nach Athen zahlen die Flüchtlinge selbst: 40 bis 50 Euro pro Person. Die griechischen Reeder machen keinen Hehl daraus, dass es für sie ein ausgezeichnetes Geschäft ist. Die Fähren sind immer ausgebucht.

Syrian refugees and other migrants struggle to get dry food during aid distribution by workers of the Kos municipality on the Greek island of Kos August 14, 2015. United Nations refugee agency (UNHCR) called on Greece to take control of the

Wasser und Verpflegung ist heiss begehrt. Bild: YANNIS BEHRAKIS/REUTERS

Das Hauptanliegen der örtlichen Behörden ist offenbar, dass die Flüchtlinge auf der Ferieninsel nicht zu sehen sind. Diese Woche hatten die Polizisten sie bereits von der Strandpromenade vertrieben und in ein Sportstadion gesperrt, drei Tage lang in der prallen Sonne. Viele erlitten einen Hitzeschlag.

Um sich mit Wasser und Essen zu versorgen, mussten die Flüchtlinge über das spitze Gitter aus dem Stadion herausklettern. Manche wurden dabei verletzt. Der Bürgermeister von Kos, Giorgis Kyritsis, schickte Polizisten ins Stadion. Sie gingen mit Schlagstöcken und Feuerlöschern gegen die Flüchtlinge vor. Der Bürgermeister warnte vor einer Eskalation der Krise und Blutvergiessen. Dabei war das Problem selbstgemacht.

Kyritsis will weiterhin keine Auffanglager auf Kos einrichten. Am Freitag Nachmittag kam eine Fähre an. Es soll ausschliesslich syrische Flüchtlinge aufnehmen und für deren Registrierung dienen, bevor es möglichst schnell weiter nach Athen geht. Was mit den anderen Flüchtlingen geschieht, ist unklar.

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8Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • 足利 義明 Oyumi Kubo 15.08.2015 17:39
    Highlight Highlight Wenn ungebetene "Gäste" plötzlich vor der Tür stehen, ist es nicht verwunderlich, wenn die "Gastgeber" unvorbereitet sind.

    Ich denke nicht, dass dies die Schuld der "Gastgeber", sondern vielmehr der "Gäste" ist.
    10 3 Melden
  • zombie1969 15.08.2015 11:03
    Highlight Highlight Sobald man die Augen öffnet und hinsieht was die Exportförderungen der EU im Agrarbereich in Entwicklungsländer anrichten, Niedrigzölle bei Rohstoffen und hohe auf Fertigprodukte, versteht man auch, warum das gegenseitige Ausspielen von politischen Flüchtlingen und solchen aus wirtschaftlicher Not nur fremdenfeindliche Ressentiments schürt, aber in keiner Weise die Migration stoppen kann.
    6 1 Melden
  • Sandromedar 14.08.2015 23:24
    Highlight Highlight tschuldigung wenn ich den ernst der lage mit diesen worten nicht fassen werde,
    aber wieso schreibt ihr auch immer so komische titel; in kos gibts keine klos😂
    11 9 Melden
  • Noach 14.08.2015 22:10
    Highlight Highlight Da fehlen einem fast die Worte,Europa sollte sich schämen,wir geben Milliarden für Armeen aus,um Menschen zu töten,für diese Menschen haben wir aber nichts übrig!Europa solle jetzt zusammenstehen.Die Menschen von den Inseln holen und gastfreundlich und Gerecht auf alle Länder verteilen.Und Gemeinsam und Entschieden gegen die Schlepper Vorgehen.Wo ein Wille ist da ist ein Weg,man sollte Nun endlich wollen.Jedes Land das Flüchtlinge aufnimmt sollte unterstützt werden.Das kann doch um Gottes Willen nicht so schwer sein.Wo sind denn unsere ganzen hoch bezahlten Beamten in der Uno und anderen diversen Gremien!!!!

    25 24 Melden
    • Maxx 15.08.2015 17:09
      Highlight Highlight Ja genau, wohin aber nur mit diesen abertausenden Flüchtlingen. Noach, Du hättest ja als engagierter Philanthrope einen konkreten Vorschlag in Deiner Gemeinde machen können - oder. Aber eben, so geht es vielen Menschen. Die Flüchtlinge sollen kommen, nur nicht in meine Gemeinde. Zu viele Flüchtlinge auf einen Ort, gibt automatisch Reibereien. Und wer will die schon. Mit Moslems die sowieso anderst Ticken als wir.
      8 3 Melden
  • cd102951 14.08.2015 20:16
    Highlight Highlight Ein trauriges Schicksal welches jeden mitfühlenden Menschen nachdenken lässt. Wieviel davon nun Wirtschafts- oder Kriegsflüchtlinge sind, man weiss es nicht. Was mich aber stört ist die Erwartungshaltung der Flüchtlinge und/oder Reporter vor Ort. Warum und wie soll ein gebeuteltes Land wie Griechenland in der Lage sein, all den Leuten Unterkunft, medizinische Versorgung und gratis Weitertransport nach Athen zu bieten. Bei uns in der Schweiz klagen wir schon bei einem Bruchteil der Flüchtlinge, stören uns aber daran, dass eine kleine Insel beinahe kollabiert...
    44 9 Melden

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